Im jawl:

Christian Fischer

Christian Fischer? Webworker und Blogger.
Hobby-Musiker und Hobby-Fotograf.

Seit 2001 schreibe ich hier dieses Blog.
Hier findest Du paar Worte über mich und hier mehr über dieses Blog.

Und sonst:


Die letzten Artikel …

Schwarm-Macht

Aus der Kategorie »just people«

(Vorsicht, ich benutze Sprache, die mancher als krass, als Gosse oder sonstwie unangemessen empfinden könnte)

Als ich vor ein paar Jahren, also so vor zehn oder so, anfing, Menschen das Web zu erklären, da habe ich oft gesagt: Sie müssen verstehen, wie viel Macht es hat, wenn viele Menschen etwas übers Web verbreiten. „User generated Content” oder „Schwarmintelligenz”, das waren damals beliebte Begriffe.
Damals haben wir natürlich gemeint, dass Menschen eine tolle Idee im Web verbreiten könnten – und damals wollte alle gerne, dass die „User” die tolle Idee einer Firma oder eine Marke übers Web verbreiteten.

Jetzt laufen die Dinge ja manchmal anders als man so denkt und zehn Jahre später sieht man auf der republika Vorträge über Schwarmdummheit statt Schwarmintelligenz und ich nicke beim Gucken eifrig.

Eines aber hat sich nicht geändert. Ich denke immer noch: Wir müssen verstehen, wie viel Macht es hat, wenn viele Menschen etwas übers Web verbreiten. Meist denke ich allerdings ein „Verflixter Mist, …” davor.

Ich nehme mal – wie so oft – mich als Beispiel, dann muss sich niemand persönlich angegangen fühlen.
Ich bin ja, wie die meisten wissen, auf dem Dorf aufgewachsen, in den späten Siebzigern, den frühen Achtzigern. Der Tonfall und die Sitten waren damals vielleicht etwas rauher als heute. Manches war aber auch einfacher: Schimpfworte zum Beispiel übernahm man einfach von den Älteren. Man merkte bei der ersten Begegnung mit einem neuen Exemplar am Tonfall und am höhnischen Gelächter der anderen, dass man soeben von einem erwischt worden war – auch wenn man die Bedeutung in dem Moment noch nicht kannte.
Und dann konnte man es bei Gelegenheit bei Status-niedriger-Stehenden ebenfalls anwenden. Ziemlich simpel eigentlich, vor allem mit Bedeutungen musste man sich eigentlich gar nicht rumschlagen.
Und so lernte ich auch das beliebte Schimpfwort „Du schwule Sau” – oder auch einfacher als abfälliges Adjektiv: „schwul”. Es war meine erste Begegnung mit diesem Begriff.

Als ich – vermutlich ein paar Monate später – die eigentliche Bedeutung des Begriffs lernte, da wieder von den älteren. Und die erklärten mir, das sei ein Schimpfwort, weil: Schwule, das wären die, die nicht wie normale Kerle Frauen ficken sondern andere Kerle in den Arsch und das sei natürlich vollkommen unnormal und pervers. Außerdem müssen man sich vor Schwulen in Acht nehmen, dass die einen nicht antatschen.
Aha.
Mir waren zwar nicht alle Zusammenhänge ganz klar (wo soll man ohne Internet auch „ficken” oder „pervers” nachschlagen??) aber ich merkte mir das eifrig, denn der verächtliche Tonfall, der war eindeutig.

Ich hatte etwas gelernt und ich nutzte es. Die Sitten waren rauher, ich wusste es noch nicht besser und ich tat und sagte Dinge, die mir heute leid tun.

Es dauerte etwas, ab irgendwann später hatte ich dann Glück. Ich lernte nicht nur, dass man Menschen eh eigentlich besser nicht beschimpft, sondern auch, dass schwul zu sein nichts schlimmes und etwas anderes, als die Vorliebe für Analverkehr ist. Dann lernte ich den ersten Schwulen kennen und freundete mich mit ihm an, irgendwann war ich das erste Mal mit ihm bei BO-YS (der nächstgelegenen schwulen Party) und irgendwann mit ihm auf dem CDS weil die da einfach zu feiern verstehen. „Angetatscht” hat mich nie jemand.
Und inzwischen interessiert mich, wenn ich einen Menschen kennen lerne überhaupt nicht mehr, wen und wenn ja wie viele er oder sie wie liebt.
Aber das war ein Prozess. Und zwar einer, der einen denkbar doofen Ausgangspunkt hatte, denn das erste, was ich ja gelernt hatte war: schwul = schlecht.
Ich musste also eine Bedeutungsverschiebung hinbekommen und ich sage heute ganz ehrlich: Wenn man zehn Jahre lang (und Kindheits- und Jugendjahre zählen da ja fast doppelt) Angst hatte, dass einen „ein Schwuler antatscht”, dann ist das bei aller gelernten Vernunft erst mal … komisch. Ungewohnt. Aufregend. Muss man sich dran gewöhnen. Geht aber ganz gut.

Natürlich wäre ich im Rückblick gerne schon immer perfekt open minded gewesen, natürlich wäre ich gerne in einer nicht-homophoben Umgebung aufgewachsen aber so wars eben nicht. Ich hatte Glück, ich hatte die richtigen Leute um mich, ich lernte Menschen kennen, die mir meine Vorurteile langsam und freundlich hinterfragten. I got my time.
Ich halte meine heutige „Einstellung” zu einhundert Prozent für die richtige und ich bin froh, dass ich sie erlernen durfte.
Noch schöner wäre natürlich gewesen, ich wäre von vorne herein anders aufgewachsen, aber die Welt ist eben nicht perfekt; man muss ihr manchmal die Gelegenheit geben, besser zu werden wo sie es noch nicht ist.

Hier an dieser Stelle kann man prima mal kurz ehrlich nachdenken, ob man alle die Einstellungen, die man heute so hat schon immer hatte. Ich warte kurz.

Die aufmerksame Leserin hat garantiert schon eine Idee, wie ich jetzt wieder den Bogen ins Internet zurück bekomme, oder?

Vor ein paar Tagen ging ein Zeitungsausschnitt durchs Web, in dem eine Briefkasten-Psychotante einem besorgten Leser sinngemäß erklärte, er solle seine Kinder besser nicht auf die Verpartnerung seines schwulen Bruders mitnehmen, die würden da desorientiert.

Hätte man genauer hingeschaut, hätte man schnell erfahren können, dass es zwei Versionen des Textes gab, die sich vielleicht sogar in der Bedeutung etwas unterschieden. Man hätte auch die Lektüre von topfvollgold oder überhaupt das Wissen über die heutige Medienlandschaft dazu nutzen können, Psychotipps in Zeitungen als das zu nehmen, was sie sind: Füll-Müll. Man hätte also eh schon kritisch und/oder differenziert damit umgehen können.

Aber es kam, wie es heute offensichtlich kommen musste: Viele Menschen teilten das, die Zeitung geriet in etwas, was man Shit- oder Empörungssturm nennt, sie versuchten sich an einer Antwort, die ebenso genüsslich von allen zerrissen wurde und am Ende des Tages wurde die Briefkastentante entlassen.
Zwischen dem ersten Tweet mit dem Zeitungsausschnitt den ich las und der Entlassung der Frau lagen circa acht Stunden.

Wie sagte ich oben? Manchmal muss man der Welt die Gelegenheit geben, besser zu werden. Acht Stunden finde ich da etwas sportlich.

Und irgendwo mitten in diesen acht Stunden kam mir – also mir!, der ich mit der Kirche ja nun wirklich gar nichts am Hut habe – ein Satz aus der Bibel in den Sinn. Ich dachte nämlich (man möge mir ob meiner Konfessionslosigkeit textliche Ungenauigkeiten verzeihen): „Wer noch nie einen Schwulenwitz gemacht hat, der schreibe den ersten Tweet”.

Ich glaube einfach nicht, dass ich der einzige bin, der erst „gelernt” hat, dass es nicht ok ist, sexuelle oder Liebes-Orientierungen als Schimpfwort zu benutzen; ich glaube nicht, dass ich der einige bin, der mit diesen Vorurteilen groß wurde und dann irgendwann umdenken durfte und umgedacht hat.
Schaue ich auf meinen Lernprozess, dann hat der nahezu ein paar Jahre gedauert – und er war von liebevollen Menschen begleitet, die mir – sinngemäß – immer mal wieder sagten oder zeigten: „Schau mal hier und denk drüber nach”
Und ich weiß nicht, wie ich heute wohl denken würde, wenn mir statt dessen nach einem dummen Spruch hundertausend Menschen entgegen-gebrüllt hätten, dass ich doof bin und mich mein Arbeitgeber auf die Straße gesetzt hätte. Aber ich fürchte, dass mir das Umdenken deutlich schwerer gefallen wäre.

Verflixt nochmal, wir müssen begreifen, wie viel Macht es hat, wenn viele Menschen etwas übers Web verbreiten.


ESC-Nachtrag

Aus der Kategorie »just TV«

Geschmack, der, des [s]. [Gö-schmakk]
Individuelles Dings, für das es keine objektiven Maßstäbe gibt.
Besonders kribbelig, wenn man den eigenen G. („… also ich fand das Lied ja auch doof…”) als Maßstab nimmt und versucht, ihn (positiv oder negativ) auf 740 Millionen andere zu projezieren („… aber null Punkte sind ja doch auch nicht verdient …”)

ESC-Punktesystem, das, des [s] [Ee Es Zee Punk-tö-süs-tem]
Lustige Methode, siebenundzwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmern an einem Gesangswettbewerb mit Null bis Zwölf Punkten zu bewerten und damit 55% der Kandidaten bei der Bewertung außen vor zu lassen. Damit ergibt sich die Möglichkeit im guten Mittelfeld bewertet worden zu sein und den Wettbewerb mit Null Punkten zu verlieren.

Nationalstolz, der, des [s] [Na-zio-nal-schtols]
Ich hab keine Ahnung.


ESC-Live Blogging …

Aus der Kategorie »just TV«

… wird es hier heute nicht geben. Ich denke, die Zeiten sind vorbei. Kommense doch rüber zu Twitter, drücken beherzt auf „Follow” (falls Sie das nicht schon tun) oder folgen Sie den Hashtag #esc oder #esc2015.

Ich denke, wir werden da viel Spaß haben.


Stell Dir vor …

Aus der Kategorie »just people«

„Sag mal, Du spielst doch Bass?”, fragt sie mich.

Ich bin 22, spiele Bass in einer sehr crediblen Funk-Rock-Crossover-Band und sie und ich arbeiten zusammen in einem Jugendtreff.

„Ja, wieso?”

„Ich mache da bei so einem Musik-Projekt mit. Und wir haben in zwei Wochen einen Auftritt und unser Bassist ist abgesprungen. Da ist viel, was der Keyboarder ausgleichen kann, aber ein Stück, da brauchen wir wirklich einen Bass …”

„Was denn??”, frage ich.

„Sag ich Dir erst, wenn Du mir versprichst, dass Du mitmachst und auch dabei bleibst, wenn ichs Dir sage”

Ja, ich weiß. Das hätte mich misstrauisch machen sollen. Aber wir wissen im Kino auch immer alle, dass das Mädchen nicht alleine den düsteren Waldweg lang gehen sollte und sie tut es trotzdem.

Außerdem trat ich einfach gerne auf und bei einem Projekt einzuspringen, das hatte sogar irgendwie einen Hauch von professionellem Muckertum. Also: „Ja ok.”

„Es ist »Brüder« von Pur; und ich muss jetzt auch los. Bist’n Schatz!”

Fuck.

„Äh warte, Du hast gesagt in zwei Wochen? Wann proben wir denn?” rief ich ihr nach. „Ich sag Dir Bescheid”

Wir probten nicht. Ich besorgte mir die Akkorde (wie ich das vor dem Internet gemacht habe ist mir in der Erinnerung vollkommen schleierhaft) und hörte mir die Basslinie raus. Nicht dolle schwer, sollte klappen.

Samstags sollte das Konzert sein. In der Aula der Realschule im Vorort. Um fünf. Wow, wie cool. Nicht.

Um eins sollte ich da sein. In der Aula waren die größte Licht- und die größte Ton-Anlage, über die ich je spielen würde aufgebaut. Ein spasseliger 16-jähriger bediente die Regler und war sehr wichtig.
Ich stellte meinen Amp und meinen Bass auf die Bühne und überzeugte ihn von einem kurzen Soundcheck. Auf der anderen Seite der Bühne standen ein paar Teenies und meine Arbeitskollegin zusammen und waren „der Chor”. Aha, ein Chor? Ach guck. Hatte mir auch keiner gesagt.
Ich stellte mich dem Drummer vor, der guckte erfreut, doch einen Bassisten auf der Bühne zu haben und wir spielten kurz das Stück an. Sollte wohl klappen, der Junge war ganz ok.

Der Chor hingegen guckte irritiert, das kannten sie nicht und das war ihnen zu hoch. Mein Argument, das wäre halt die Tonart des Stücks galt nicht viel, damit hatten sie nicht geprobt. Vielleicht hatten sie auch gar nicht geprobt. Ich überzeugte sie von einem gemeinsamen Durchlauf und wir einigten uns auf eine Tonart.

Oh Fuck.

Ich wurde von der Bühne gescheucht, der Chor müsse jetzt noch die anderen Stücke proben. Naja, einmal ist besser als keinmal, oder wie sagt man?

Unten erfuhr ich, dass ich bei einer Veranstaltung von „Ten Sing” war. „Ten Sing” ist eine Form musikalisch-kulturell-kreativer christlicher Jugendarbeit innerhalb des christlichen Vereins junger Menschen und ich guckte blöd und meine Freundin fiel vor Lachen vom Stuhl.

Ich weiß weder, wie es heute ist noch wie es außerhalb des Sauerlandes war, aber 1995 kam es bei Ten Sing nicht darauf an, wie die Musik klang, sondern nur darauf, dass irgendein Ortsverband ein Konzert ausrichtete, auf dem halbwegs bekannte Stücke in halbwegs erkennbarer Art und Weise zum Besten gegeben wurden. Diese Konzerte wurden – die Kirche hats ja – unfassbar gut mit Equipment ausgestattet und von allen Ortsverbänden drumherum besucht. Alle in der festen Absicht, jeden Ton von oben frenetisch zu bejubeln, mit Ten Sing-eigenen Tanz- und Klatsch-Choreografien zu befeiern und überhaupt in keinem Verhältnis zu irgendeiner Qualität abzugehen. Ich kann mit den gängigen Gottesbildern nicht viel anfangen, aber wenn er sowas aushält, ist er wirklich sehr gütig.

Ich beschloss, das alles unfassbar albern zu finden und niemals jemand davon zu erzählen.

Gegen fünf war die Halle brechend voll mit beseelt strahlenden Jugendlichen und es begann. Ich beobachtete von unten aus den Horror auf der Bühne sowie den Horror im Zuschauerraum und suchte dringend nach Möglichkeiten, unsichtbar zu werden, meinen Kram von der Bühne zu holen und einfach zu verschwinden, aber …: „Und für das nächste Stück haben wir einen besonderen Gast: Christian Fischer am Bass!”

Das war dann wohl ich. Ich marschierte hoch, wurde beklatscht und bejubelt wie nie vor- oder nachher, griff mir meinen Bass und …

Ich muss an dieser Stelle unterbrechen. Normalerweise bekomme ich so ein oder zwei Stunden vor einem Auftritt irgendeiner Art Lampenfieber. Als ich zB in Bonn bei der Bloglesung war, bekam ich auf der Autobahn kurz hinter Köln das dringende Bedürfnis zu wenden. Das ist gut und richtig so, das gehört dazu, Lampenfieber macht wach und aufmerksam und das muss so sein.

An diesem Nachmittag hatte ich alles so unfassbar albern gefunden, dass ich nicht nervös war. Jedenfalls bis zu dem Moment, wo ich mir den Bass umhängte. Da erinnerte sich mein Körper und schüttete das gesammelte und gesparte Adrenalin einfach auf einmal aus.
Ich schaffte es mit Hilfe der rechten Hand, die linke Hand am Basshals anzudocken, so sehr zitterte ich.

Ich nehme an, wir haben das Stück zusammen gespielt, man hat mir vermutlich aplaudiert und ich bin wahrscheinlich wieder von der Bühne gegangen. Aber wissen tue ich das alles nicht.

Ja, das war die Geschichte, wie ich einmal mit Ten Sing Purs „Brüder” gespielt habe.

Also vermutlich.


Angela Merkels ehrliche (fiktive) Regierungserklärung zur BND-Affäre

Aus der Kategorie »just politics«

… hat (leider) jemand anderes für sie geschrieben. Klingt aber ziemlich plausibel.

Bitte hier entlang.


Projekt 365 – der Status

Aus der Kategorie »just pix«

Seit 50 Tagen mache ich jetzt jeden Tag ein Foto. So war der Plan.
In Wirklichkeit mache ich auch manchmal zwei und am nächsten Tag keins. Und neun Tage habe ich geschlunzt. Oder wollte nicht raus in den Regen. Oder kam abends um sieben aus dem Code-Flöz und mochte gar nichts mehr tun. Ich kann mit dieser Quote leben.

Außerdem fange ich an festzustellen, was ich gerne fotografiere. Glaube ich; ich guck mir das mal noch ’ne Weile an.

365-2

Alle Bilder bei flickr.


Twitter-♥ im April 2015

Aus der Kategorie »just twittered«

Und Anne sammelt wieder unser aller Twitter-♥.


Das Konzerthaus und ich

Aus der Kategorie »just music«

In Dortmund gibt es „die Brückstraße”. Die Brückstraße ist eigentlich auch eher ein kleines Stadtviertel, ein paar Straßen also; sehr zentral gelegen, man muss nur 50m aus der normalen Fußgängerzone heraus und taucht mit ein paar Schritten in einen anderen Subkosmos ein: Geschätzte 1876 Dönerläden und Kneipen, SecondHandShops, alles, was der Punk, der Hippie, der Waver so tagtäglich brauchen. Viele Menschen auf der Straße, meist Musik, die aus den Läden dringt und die sich weit abseits des Norm-ItzeItzes der Jeans-Ketten-Shops 100m weiter bewegt.
Ich mag es schon sehr lange sehr.
Dortmunds Stadtplaner mochten es vermutlich nicht ganz so, aber sie taten etwas, was meiner Meinung nach sehr klug war: Sie bauten mittenrein ein hochmodernes Konzerthaus.
Jetzt bin ich nicht mehr so oft in der Brückstraße wie damals als ich noch gebatikte Hosen suchte und in Dortmund wohnte, aber immer wenn ich da bin, sieht es so aus, als ob das Konzept aufgegangen wäre.
(Bis jetzt hat das nicht viel mit meiner Geschichte zu tun, aber ich wollte es gerne erwähnt haben, dass ich das Konzerthaus sehr schätze. Außerdem mag ich die Architektur und – und glaubt mir, ich habe ein Ohr für so etwas: Der Konzertsaal ist einer der best-klingendsten, die ich bis jetzt so gehört habe.

Das Konzerthaus also. Sieht man sich das Programm an, merkt man: Die geben sich dort Mühe. Hat man so ein Konzerthaus, kann man es sich ja leicht machen. Quer durch Mozart und Beethoven, hier ein bisschen Kammermusik einstreuen, da mal einen Chor, einmal im Jahr was modernes.
Aber nö: Es gibt immer wieder Jazz und – wie ich glaube für ein solches Konzerthaus einmalig – eine Pop-Reihe. Blumfeld oder Kinderzimmer-Productions spielten hier ihre letzten Konzerte, Kettcar, die Mighty Oaks oder Polarkreis 18 waren zu Gast.

Ich selbst war hier, um Joy Denalane, Til Brönner, mehrfach Tina Dico und gestern Abend Branford Marsalis mit der hr-Bigband zu sehen.
Und jetzt beginnt mein Problem: Til Brönner war für meinen Geschmack oberflächlich und lahm, aber den fanden alle super.
Joy Denalane war super, aber da ging das Publikum. Also nicht ab, sondern raus. Reihenweise. Mitten in den Stücken.
Als ich dort das erste mal Tina sah, verliebte ich mich bekanntermaßen auf der Stelle, aber trotzdem hielt ich den Abend nur durch, wenn ich alle Menschen um mich herum komplett ausblendete. Bei der einen Hälfte des Publikums war das nicht schwer, die schliefen nämlich mit offenen Augen, die andere hingegen langweilte sich deutlich hörbar.
Ich habe mich damals an ihrer facebook-Pinnwand bei Tina für das Publikum entschuldigt.
Bei Kinderzimmer-Productions waren zum Glück nur die Hardcore-Fans gekommen, da gings.

Letztes Jahr war Tina wieder da. Ich hatte schon zwei Abend vorher ihr Konzert in Köln gesehen und schämte mich wieder in Grund und Boden; vor allem im Vergleich. Backstage hinterher meinte sie zum Glück, sie habe das ganz anders mitgekriegt, sie sei sehr gerne im Konzerthaus.
Aber: An dem Abend begriff ich ein bisschen mein Problem. Denn wir trafen vor dem Konzert im Foyer ein paar Bekannte hier aus Menden. Wie es so ist, sagt man so etwas wie „Ach, Ihr auch hier?” und wenn man nicht gerade bei U2 ist als nächstes ja auch: „Und woher kennt Ihr Tina?”
Sie kannten sie nicht. Sie hatten das „Pop-Abo” gebucht und hatten keinerlei Ahnung, zu was für Konzerten sie gingen.

Gestern Abend genauso. Man sah gefühlt 70% der Leute an, dass sie halt da waren, weil sie am dritten Freitag im Monat immer im Konzerthaus sind. Dass sie dort Bekannte treffen, ein Sektchen trinken, vielleicht den ein oder anderen Deal einstielen und Mutti die neue Perlenkette zeigen darf.
Und natürlich ist so ein Publikum ein vollkommen anderes als eines, was aus Fans besteht, die mit dem festen Vorsatz gekommen sind, den besten Abend des Jahres zu haben.

Ich habe mich gestern übrigens gestern während der ersten beiden Stücke so gelangweilt, dass wir dann gegangen sind. Ja, shame on me: mitten im Stück. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass Hessen keinen Jazz spielen können, dass Herr Marsalis auch alt geworden ist oder vielleicht daran, dass ein Ort ja auch die Musik beeinflusst, die passiert. Oder an allem gemeinsam?

Ich vermute, dass das Konzerthaus dicke subventioniert ist und um jeden Euro kämpfen muss. Und bin mir sicher, dass so etwas wie die Abo-Reihen es viel leichter machen zu kalkulieren. Vermute, dass so so etwas wie festes Geld in der Kasse ist und dadurch die Freiheit im Programm mal was zu wagen erst entstehen kann.
Ich liebe den Raum, der klingt so. So. Geil.
Bestimmt hört der ein oder andere Abo-Hörer auch mal zu und kauft dann hinterher mal ne CD – mir egal, ob vom New Orleanser Saxophonisten oder von der dänischen Sängerin, Hauptsache Künstler verdienen was.

Aber für mich geht das Konzept nicht auf. Ich fürchte, ich mag nicht mit der Dortmunder Hautevolee in einem Raum sitzen und ihre desinteressierten Blicke durch den Raum schweifen sehen, wenn ich die Musik dort vorne lieben möchte.
Und ich glaube, ich musste das alles jetzt mal aufschreiben, um es zu merken. Um es auch mir zu merken.
Liebes Konzerthaus, Ihr seid geil. Aber ich fürchte, ich komme nicht wieder. Es liegt nicht an Dir, wir haben uns auseinander gelebt. Lass uns Freude bleiben.