Im jawl:

Christian Fischer

Christian Fischer? Webworker und Blogger.
Hobby-Musiker und Hobby-Fotograf.

Seit 2001 schreibe ich hier dieses Blog.
Hier findest Du paar Worte über mich und hier mehr über dieses Blog.

Und sonst:


Die letzten Artikel …

Was schön war diese Woche

Aus der Kategorie »just jawl«

Ich weiß, innerhalb dieser Filterblase ist es eher verbreitet, dass einem das eigene Auto so egal ist, dass man sich kaum erinnert, wo es parkt oder dass man es an einem Powercharger tankt.
Zweiteres kann ich mir leider nicht leisten, ersteres ist zum einen hier in der Kleinstadt nicht möglich und zum anderen: Ich mag Autos. Die Firma Audi und der Mutterkonzern VW haben ihre kleine Unpässlichkeit erschreckend miserabel kommuniziert aber trotzdem bin ich wieder da gelandet. (Wahrscheinlich konnten sie es sich exakt deswegen leisten, so miserabel zu kommunizieren. Nun ja.)
Auf jeden Fall haben sie mir ein gutes Angebot gemacht und ich werde ab April mit ziemlich viel mehr PS, ziemlich mehr Spoilern und ziemlich mehr elektronischen Schnickschnack durch die Gegend fahren. Und mit mit ziemlich viel breitem Grinsen im Gesicht, das hab ich bei der Probefahrt gemerkt.
Leider versteht das kaum wer – spätenstens bei „Spoiler“ oder „tiefer und breiter“ hörts auf.
Falls sich also jemand mit mir freuen und sich über weitere Einzelheiten austauschen möchte: Immer gern.

Abends bei den Proben viele feine Fotos gemacht.

Endlich mal wieder am See gewesen und ein paar Bilder vom Wintereinbruch gemacht.

Verrückte Pläne für verrückte Ausfahrten im nächsten Jahr gemacht. Falls jemand Lust hat, Tina Dico in ihrer dänischen Heimat live zu sehen – ich denke da sehr ernsthaft drüber nach.

Jemandem ein paar ehrliche Worte gesagt und unerwartet Antwort bekommen.

Jemandem eine paar ehrliche Worte gesagt und unerwartet aber sehr erfreulich eine Frühstücksverabredung rausbekommen.

Mitten im Theater eine traurige Nachricht bekommen; erlebt, wer Freund ist und wer ein bisschen mehr Abstand verdient hat. (Nein, das war nicht wirklich schön. Eine kleine Geste zwischendurch war schön. Gibt es Schönes in der Trauer?)


Was schön war diese Woche

Aus der Kategorie »just jawl«

Mir von der Lieblingsärztin eine gute Dosis Vitamin B ins Sitzfleisch jagen lassen. Quasi sofort einen ganz guten Energieschub gespürt.

Ganz schön viel Arbeit vom Berg weg und ins Internet rein befördert. Dann quasi zwei Tage lang nur dann schönes erlebt, wenn die Schmerztabletten ein bisschen wirkten und wieder zwei Tage verloren. Nun denn, der Herr gibts, der Herr nimmts.

Gemerkt, WIE sehr ich die Liebste vermisse, wenn sie mal zwei Tage nicht da ist. Ein gutes Zeichen.
Zum Abschalten nach ihrer Fortbildung ins Kino gefahren. Als einziger Mann im Saal Bridget Jones beim Baby-Kriegen zugeguckt. Überraschend unschlecht.

Über Leisten und Scheitern nachgedacht. Erleichternd.

Relativ spontan den audi.de-Konfigurator angeworfen und nach Lust und Laune mal einen hübschen Nachfolger für den aktuellen Wagen zusammen gestellt – der muss nämlich im April weg. Den Preis gesehen und gelacht. Zum Händler gegangen und gefordert: Mach da mal was akzeptables draus. Gepriesen, dass ich den Gewerbeschein habe und damit vom Autohändler ein wenig mehr umpuschelt werde, denn die unwahrscheinliche Rechnung: Mehr PS, mehr Ausstattung, mehr Service – aber gleicher Preis ging tatsächlich auf.
Probefahrt – zwar nicht mit dem neuen Auto aber mit dem gewählten Motor – gemacht. Den Automatik-Hebel (jaja, ich werde jetzt Automatik-Fahrer) auf „S“ gestellt und laut gelacht.
Überhaupt das Grinsen über die kleinen S-Applikationen an den Kotflügeln kaum aus dem Gesicht gekriegt.

Ein paar sehr lustig formulierte aber sehr nette Worte von weit weg gesagt bekommen.

Viel Schlaf nachgeholt. Zu wenig Schlaf nachgeholt.

Kurz am See gewesen. Sehr nebenbei eines meiner „erfolgreichsten“ Instagram-Bilder ever gemacht.

Zum Haus Kemnade gefahren. Viele alte Musikinstrumente hatten wir zu erwarten, stand im NRW-Touristik-Führer. Dass da eine Sonderausstellung der Augsburger Puppenkiste war, hatten wir vorher nicht gewusst.
Da stand Lummerland, mein Gott, Lummerland. Das war sehr schön.

Und wenn ich ehrlich bin habe ich gerade nicht den Hauch einer Ahnung, wie und warum ich morgen aufstehen soll.


Verstehen ist nicht: Verständnis haben.

Aus der Kategorie »just people«

Warum ich so viel darüber nachdenke, wie es zu all dem kommen konnte, warum ich so viele Gedanken daran verschwende, wie aus vielen netten Deutschen AFD-Wähler werden konnten, wurde ich gefragt. Warum ich sogar Parallelen zum eigenen, liberalen Lebensweg suche? Man wolle jetzt etwas tun und nicht mehr nur nachdenken.
Man wolle auch gar nicht über die nachdenken, man wolle auch nicht mit ihnen reden, hörte ich manchmal im Nachsatz.

Ich kann beides nachvollziehen, sowohl den Drang zur Tat als auch die Scheu vor dem unangenehmen Konflikt.
Aber meine Antwort ist einfach: Ich denke darüber nach, weil mir das dabei hilft eine Haltung zu entwickeln.
Nicht, dass ich an meiner Haltung gegenüber Xenophobie, Hass, Bullying oder ähnlichem Crap noch etwas tun musste. Aber mir hilft es herauszufinden, was diese Menschen bewegt. Weil ich es verstehen möchte.
Jetzt ist „verstehen“ irgendwann ein kompliziertes, weil doppeldeutiges Wort geworden, man kann es als „begreifen“ und aber auch als „Verständnis aufbringen“ deuten.

Ersteres immer, zweiteres niemals.

Wenn ich jemandem verweigere, seine Gedanken zu hören zu wollen (Nicht: Sie ok zu finden! Nicht: Sie zu akzeptieren! Nicht: Sie gut zu heißen!), dann bin ich verflixt nah an der Grenze, auch ihn selbst abzulehnen. Kann ich einen Menschen ablehnen, weil er anders denkt als ich? Klingt vertraut, aber nicht gut vertraut, hm?

Dieser Unterschied ist mir wichtig und ich denke, den in einer Haltung zu betonieren ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Tage.
Sowohl „wir“ müssen lernen, da zu differenzieren, um sowohl felsenfest zur eigenen Position stehen zu können ohne dabei das Gegenüber zu verachten oder zu hassen. Gerade in Deutschland und gerade im Internet – so mein Gefühl – ist die Kunst, dem Gegner in jedem Moment stark gegenüber zu stehen ohne ihn dabei zu verachten nicht geübt.
Aber auch der Gegner muss wissen, dass ich seine Haltung immer und in jedem sich bietenden Moment bekämpfen werde – dass ich aber immer stärker bin als er, eben weil ich ihn dabei als Menschen achte.
Anmerkung: Den Begriff „Gegner“ nutze ich nur dann, wenn sich jemand entscheidet, mein Gegner zu sein. Ich weiß, „der hat aber angefangen“ ist ein schwaches Argument, aber wer damit droht Menschen meiner Meinung zu verletzen, vergasen, anzuzünden, der darf mit Gegenwehr rechnen. Maßvoller Gegenwehr, bevor jemand auf die Idee kommt, man wolle ja nur Menschen anzünden, weil die einem verboten hätten Witze über Frauen zu machen.

Aber zurück: Zu oft missversteht man die beiden Bedeutungen von „verstehen“, auch in den liberalen oder linken Kreisen. Das Bild vom fluffigen Sozialarbeiter, den man ja mit ein bisschen Gequatsche um den Finger wickeln kann kommt ja auch nicht von ungefähr.
Verstehen hilft mir, eine Haltung zu haben. Daher hilft mir, mich an eigene Provokationsmuster, an eigenen Hass, an eigene Ängste zu erinnern – um dann stark da zu stehen, um dann jedem sagen zu können: Ich weiß, Du hast Angst. Angst ist nicht schön und ich bin immer bereit, Dir aus Deiner Ansgt heraus zu helfen. Aber, not sorry, nicht auf Deinem Weg. Niemals. Nicht mit Hass und Gewalt als Lösung.

Um ein anderes Beispiel zu nehmen: Es ist wie als Lehrer in der Schule: Wenn ich begriffen habe, warum mein Schüler den Unterricht stört, warum er seine Mitschülern drangsaliert, dann kann ich mit ihm daran arbeiten, dann finde ich einen Zugang zu ihm. Will er nicht daran arbeiten bleibts bei der Strafe.
Nichts davon schönt seine Taten und auch nichts davon bewahrt ihn vor der Strafe.
Wenn ich ihn aber nach erfolgter Strafe als Menschen wieder aufnehme und mit ihm daran arbeite, wie er beides – Fehlverhalten und damit auch seine Strafe – demnächst vermeiden kann, dann habe ich eine reelle Chance, ihn noch zu erreichen.
Ist so, glaubt mir, ich habe das studiert ;)

Natürlich weiß ich, dass mittvierziger Wutbürger, vor allem in der Horde schwerer zu erreichen sind als Grundschüler. Aber das Prinzip bleibt das gleiche, denn bei einem bin ich mir sicher: Es hilft exakt gar nichts, Ihnen (weiterhin?) zu erklären, dass sie doof sind und stinken.

Ach ja, noch eine Anmerkung: Es ist an dieser Stelle sicher noch wichtig zu differenzieren, über wen ich eigentlich gerade spreche. Und das sind sicher nicht die in vorderster Front agierenden Hardliner. Die haben ihre eigenen machtgeilen Interessen und die „erreicht“ man auch nicht. Aber den Nachbarn, der wegen des Aslybewerberheims in der Straße schlecht schläft, der Freund, der erzählt, er wisse nicht, ob er nicht bei der nächsten Wahl, vielleicht auch das eigene Kind, das neue Freunde nachplappert. Mit denen möchte ich reden. Die kann man noch erreichen.

Nachtrag: Auch ganz interessant in diesem Zusammenhang: Was ich in 10 Jahren Diskussion mit Impfgegner_innen über postfaktische Kommunikation gelernt habe


Dann wird er halt Skinhead.

Aus der Kategorie »just people«

So mit 21 oder 22 da war ich über meine damalige Freundin oft und gern zu Gast in ihrer Familie. Beide Eltern: Lehrer. Bruder und Schwägerin, Tante und Onkel ebenso. Fast alle mit langen Haaren und gern zu Besuch in Second-Hand-Shops sowie in alternativen Theaterstücken, Ausstellungen oder auch mal auf ’ner Demo. Im Lehrerrat engagiert und immer mit vorbildlich getrenntem Müll.

Eine ganz wunderbare, leicht grüne, links-liberale Famile.

Eines Tages saßen wir alle und ein paar weitere Freunde zusammen und sprachen darüber, wie die Freunde und ich unsere links-liberale Einstellung sowie unser alternatives Äußeres gegen unsere Eltern erkämpfen mussten. Wie viel Glück Freundin und Bruder doch mit ihren alt-68er Eltern hatten, die sich durch so etwas nicht provoziert fühlten.
In Ansätzen aber auch darüber, dass in vielen Familien zum Erwachsenwerden der Kinder auch eine Provokations-Phase gehört.

Und dann grinste ich und meinte: „Naja, wenn S. (der kleine Sohn des Bruders meiner Freundin) Euch dann später provozieren will, dann wird er halt Skinhead. Das ist Euch doch klar, oder?.“

Es war niemand klar, noch konnte irgendjemand diese Vorstellung überhaupt auch nur vollkommen theoretisch nachvollziehen. Denn sie fanden:

  • Sie hatten doch nur gegen die konservative Elterngeneration protestiert, um die Welt besser zu machen.
  • Denn: Links-liberal war doch besser als konservativ.
  • Und überhaupt hatten nur die jeweiligen Eltern das in ihrem Unverständnis als Provokation ausgelegt, sie hatten doch gar nicht provoziert. Sie machten es doch nur besser und im besten Fall würden ihre Eltern das auch noch begreifen.
  • Und wie sollten ihre Kinder denn gegen sie sein, denn sie waren doch schon selbst die, die „dagegen“ waren?

Dass es manchmal überhaupt keine Rolle spielt, ob das eigene Handeln Sinn macht, so lange sich davon nur jemand provoziert fühlt, dass Begriffe wie „besser“ und „schlechter“ oder andere Werte dann auch überhaupt keine Rolle spielen müssen, das ging ihnen nicht in den Kopf.
Dass „dagegen“ keine feste Richtung nach ökig-links-liberal ist, auch nicht.

Ich versuchte zu erklären, dass in ihrem kleinen Bezugsrahmen sie diejenigen waren, die Regeln und Werte repräsentierten. Dass sie damit, wenn sie auf die Einhaltung dieser Werte pochten für ihre Kinder quasi konservativ waren.
Und so den Kindern, so die denn etwas suchten um zu provozieren halt in die andere Richtung wechseln mussten.

Sie waren so in ihrem Richtigsein verhaftet, dass sie es nicht verstanden. In ihrem Selbstbild waren sie doch die protestierenden, die alternativen, die guten gegen das alte System.

Sie bekamen den Perspektivwechsel nicht hin, der nötig gewesen wäre um anzuerkennen, dass sie mit ihrem eigenen Leben ein neues System, einen neuen Bezugsrahmen erschaffen hatten, gegen den man sich bei Provokationsdrang wieder prima auflehnen konnte.

 

Ich denke oft an diese Unterhaltung dieser Tage, wenn links-liberale Menschen nach Gründen suchen, warum Trump, warum Brexit, warum AFD.


Was schön war diese Woche

Aus der Kategorie »just jawl«

Es geschafft, zweimal ein paar Gedanken, die mir schon zu lange im Kopf herumirren in eine lesbare Form zu bringen. Hat aber kaum jemand interessiert. Blogs sind echt tot.

Aus irgendeinem Grund eine hübsch-kreative Idee gehabt, die der Kunde auch mag. Und zwar Print! Eine Print-Idee. Quasi fast schon ein Werbemittel. Ist ja sonst gar nicht so mein Gebiet.

Sehr nette Hilfe von alten Kollegen bekommen. Es lohnt sich, auch offene Gräben einfach mal zuwuchern zu lassen, man kann sich dann später viel besser wieder begegnen.

Das Thema von letzter Woche lässt mich nicht los. Die Seelenmasseuse und ich haben da ein bisschen dran rumgedoktort und das war sicherlich sehr gut – aber manche Erkenntnisse über einen selbst brauchen wohl erst ein wenig Zeit, um zu etwas Gutem zu werden. Und auch wenn ich davon fest überzeugt bin, dass das ein gutes Ende haben wird und ich heil und gesund und stark daraus hervorgehen werde: Im Moment hab ich schlicht keinen Boden unter den Füßen.

Aber schön auch diese Woche: Menschen, die ohne zu fragen einfach mal Arm und Herz öffnen, weil sie das mitkriegen.

Abends sind jetzt immer Proben im Scaramouche (wer meine Instagram-Stories* guckt, weiß das). Die sind schön, weil da Menschen sind, die ich gern habe. Und weil ich es als ein ganz großes Privileg empfinde, an so einem Proben-Prozess teilhaben zu dürfen.
Außerdem hatten meine große Klappe und ich angeboten, Musik dafür zu komponieren. Haha, ich! Ich bin Bassist, ich kann quasi per Definition nicht komponieren! Diese Woche war die erste Probe mit meinem fertigen ersten Playback und als ich alles zusammen – also meine Musik und fünfzehn Stimmen zusammen – durchs Theater schallen hörte, das hab ich aber mal gepflegt im Kreis gegrinst.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind. Ein bisschen seltsam und sehr, sehr schön. (Schon mal einen Film geguckt, in dem Hauptdarsteller am wenigsten Text hat? [Terminator zählt nicht])

Im Audi-Gebrauchtwagen-Zentrum herumgeschlichen und zumindest eine Sorge weniger. Wenn alle B- und C-Pläne schiefgehen, dann finde ich dort innerhalb von wenigen Minuten einen Nachfolger für den aktuellen Wagen (der im April wegkommt).

Kaffee mit einem der liebsten Menschen getrunken haben werden. „Haben werden“ weil: Das ist zwar erst gleich, aber das ist immer verlässlich schön.

*) Genau, die Stories. Ich hab das jetzt so geregelt: Im instagram-Stream gibts die Fotos, die ich mache und in den flüchtigen Stories gibts ein bisschen Alltags-Schnappschüsse.


Reibungspunkte II

Aus der Kategorie »just people«

Gestern geschah folgendes: Ich las einen Artikel von Frau Brüllen, der in 69 launigen Punkten ein paar Details aus ihrem Leben aufführte. Als regelmäßiger Leser überraschte mich keiner davon. Aber auch ich bemerkte, dass es sich dabei um Themen handelte, die man bei entsprechender Laune durchaus kontrovers oder auch bis zur Weißglut diskutieren kann.

Ich lachte.

Dann dachte ich darüber nach, wie denn wohl so eine Liste bei mir aussehen könnte. Jetzt bin ich ja aus diversen Gründen keine Mutter, eben darum ist dieses hier auch kein Mama- oder Familienblog. Aber es mussten sich doch Dinge finden lassen, auf die die Menschen abgehen?
Ja, klar, war leicht.

Ich lachte wieder.

Dann dachte ich darüber nach, dass vielleicht exakt diese gedachte Liste dazu geführt hat, dass ich Zeit meines Lebens in keiner Gruppe so richtig anerkannt und eingeschlossen war. Da war die Grüne die mir vorwarf, dass ich FastFood aß und einen Neuwagen kaufte.
Da waren die HipHopper, die mich seltsam fanden, dass ich Ihre Musik UND Grunge liebte.
Da waren die Rocker, die mich seltsam ansahen, weil ich keine Drogen und keinen Alkohol zu mir nahm.
Und so weiter.

Ich dachte darüber nach, dass ich das oft etwas traurig gefunden hatte, wenn eine Gruppe mich so ausschloss und lachte nicht mehr so sehr.

Ich glaube – und ich glaube auch gelesen zu haben – dass Menschen sich Gruppen anschließen, um sich geborgen fühlen. Und um eine Gruppe zu bilden, braucht man Gemeinsamkeiten: Club der Rothaarigen, Frauenstammtisch, Mac-Nutzer, Grüne, Eisenbahnfreunde, Wanderverein, Jutebeutelträger – jede Gruppe hat Gemeinsamkeiten, hat ihre Erkennungszeichen. Und so wie ich letztens schrieb, dass es sich wie coming home anfühlt, wenn ich in Bonn im Friedrichs zur #mimimimi-Lesung ankomme, so ist das sicher auch bei anderen Menschen und Gruppen.

Gerade in Zeiten wo man – ich picke mal das Beispiel vom Anfang wieder heraus – als Mutter schon während der Schwangerschaft von ca 75.356 verschiedenen guten Ratschlägen bombadiert wird, wie man sein frisch geschlüpftes Kind denn nun halten, legen, füttern, schlafen, baden, puscheln, tragen und erziehen soll, da kann ich mir bestens vorstellen, wie gut es tut, sich zu einer Gruppe zugehörig zu fühlen, die einem sagt, wie es geht.
Da es aber auch offensichtlich zum Wesen einer Gruppe gehört, sich über die selbstdefinierten Erkennungsmerkmale von anderen abzugrenzen hören wir im Hintergrund schon, wie die Waffen in Stellung gebracht werden.

Aber ich versteh’s. Wir alle möchten doch gerne die Dinge richtig machen, nicht ständig in Unsicherheit leben. Um aber beim Mütterdings zu bleiben – und ich erinnere nochmal: ich bin keine Mutter und ich muss das jetzt imaginieren – gerade dort, gerade wenn ich zum ersten Mal mein Baby im Arm halte, dann möchte ich doch spätestens dort mal endlich! alles! richtig machen!
Wir haben also schon zwei gute Gründe, uns eine Gruppe zu suchen – also zB auch die Gruppe „natürlich stille ich mein Kind und trage es bis zum dritten Lebensjahr nur im roten Wickeltuch“.
Oder auch die Gruppe: Ein Mac ist immer besser als ein PC.
Und ich fürchte, wir haben auch wirklich zwei gute Gründe, um diese Gruppe mit Klauen und Zähnen als einzig wahre zu verteidigen: die eigene Geborgenheit und sich endlich mal richtig fühlen.

Ich schaute auf soviel Unsicherheit und Gedankenmurks und lachte gar nicht mehr.

Aber warum schreibe ich darüber? Ich bin doch – wie schon ein paar mal erwähnt – gar keine Mutter und mir könnte es vollkommen egal sein, wie man mit den eigenen Kindern umgeht und was jetzt in den Adventskalender kommt?
Ist es mir auch.

Aber zum einen interessieren mich gesellschaftliche Zusammenhänge eh immer und zweitens vor allem dann, wenn ich glaube, Muster zu erkennen, die sich auch auf andere Situationen übertragen lassen.

Schauen wir doch mal, ob es vielleicht ein anderes Thema gibt, bei dem sich momentan Menschen gegenseitig an die Gurgel gehen und das Diskussionsniveau sogar dann teilweise die berühmte Gürtellinie unterschreitet, wenn sich eigentlich gegenseitig wohlesonnene, interneterfahrene, schriftsprachlich begabte Menschen darüber austauschen. Ach, wenn mir doch nur eins einfiele …

(Ich lache kurz bitter)

Trump also. Oder Trump und die AFD. Oder Trump und die AFD und die Flüchtlings- und Sozialpolitik allgemein.

Vieles habe ich in den letzten Tagen gelesen, viel kluges auch. Viel nachgedacht ich habe und auch versucht, selbst etwas zu schreiben ich habe, liebe Padawane.
Mir und meinen Gedanken blieb es erspart (Zufall? Fehlende Reichweite? Wer weiß?) aber unter so manchem klugem Artikel fand ich Worte, die selbst mich überraschten – und ich bin schon ’ne ganze Weile hier.
Da fand wer, es seien die sog. Linken selbst schuld. Große Empörung weil: Den kann man eh nich lesen.
Da fand wer, Herr Trump sei psychisch krank. Große Empörung, weil man damit die wirklich psychisch Kranken verunglimpft.
Da fand wer, es sei die städtische Elite. Große Empörung, weil man ja schließlich in der Stadt lebt.
Und so weiter und so weiter.

Ich war traurig.

Und überlegte: Herrgott, wir wissen doch alle, dass die Welt komplex ist. Gut, wir als digitale Oberchecker erwähnen das hauptsächlich, wenn wir über andere reden. Aber wie wärs, wir nähmen mal als Arbeitshypothese:
Vielleicht übersehen auch wir den Grad der Komplexität.
Vielleicht: Alle diese Ideen, alle diese Artikel decken ein Stückchen der Wahrheit ab. Und nur weil wir selbst gerade in der Gruppe „Hillary ist Schuld und in Deutschland ist das was ganz anderes“ angekommen sind muss die Gruppe „Trump hat es hat raus Menschen etwas vorzugaukeln und das kann ein halbwegs geschickter Demagoge in Deutschland vollkommen problemlos auch schaffen“ nicht gleich ein Haufen unfähiger Idioten sein.
Vielleicht ist die Welt so komplex, dass das alles etwas richtiges hat.

Vielleicht wäre es klüger, sich nicht trotz eigentlich fast identischer Meinung gegenseitig so lange niederzumachen, bis sich alle vor Frust ins Private zurückgezogen haben. Ich sehe es nämlich kommen: Dann sind am Ende wieder alle überrascht, wenn wirklich viele die AFD wählen.

Vielleicht sind wir auch einfach unfassbar privilegiert, dass wir uns jahrelang mit wohlgeschliffenen ironischen Worten über das richtige Betriebssystem für unseren Computer streiten konnten, und da jetzt, wo es größere Konflikte zu bestehen gäbe dem andere nicht mehr zuhören können, weil er seine Gedanken auf einem Windows-PC tippt?

Es wäre doch hübsch, wir sähen auch in den dringend nötigen politischen Diskursen von außen betrachte nicht so albern aus wie der viel belästerte Haufen Menschen beim Elternabend, die sich über die richtige Biokost-Marke beim Mittagessen an die Gurgel gehen, oder?


Fremdenfeindlichkeit ist keine Sammlung von Einzelfällen in Deutschland

Aus der Kategorie »just people«

Wisst Ihr was? Ich kann es nicht mehr lesen. Es tut mir körperlich weh, die immer gleiche Verwunderung darüber zu lesen, dass Trump jetzt POTUS ist. Die immer gleiche Verwunderung, dass Menschen tatsächlich einen fremden- und frauenfeindlichen, homophoben (nach Belieben zu ergänzen) Menschen in dieses Amt gewählt haben. Wer nicht blind war konnte es wissen.

Und ich möchte nicht, ich wiederhole: Ich möchte überhaupt nicht, nie, niemals überhaupt gar nicht lesen, dass Ihr überrascht wart, dass die AFD bei der nächsten Wahl so erfolgreich abschneiden wird. Wer nicht blind ist, kann es wissen.

Wenn Dich interessiert, warum ich das so sicher meine, dann geh jetzt erst rüber zu Sven und lies zunächst diesen hervorragenden Artikel darüber, dass die Amerikaner vielleicht nicht den Fremdenfeind gewählt haben, sondern dass sie einen Menschen gewählt haben – und sie die Fremdenfeindlichkeit nicht störte. So wie man damals Hitler gut finden konnte nicht obwohl er antisemitisch drauf war, sondern weil er Änderungen versprach und Antisemitismus halt verbreitet und ok war.
Ich zitiere:

Klar gab es überzeugte Rassisten, die Hitler tatsächlich wegen seines Rassismus wählten. Aber den meisten Leuten war dieser Punkt eher einfach egal. Nicht weil sie ihn toll fanden, sondern weil es eine ganz „normale“, allgemein verbreitete Geisteshaltung war, über die man überhaupt nicht groß nachdachte.
Die wählten Hitler nicht wegen seines Antisemitismus und seines Rassismus. Diese Programmpunkte waren für einen Großteil seiner Wählerschaft völlig irrelevant. So wie Trumps Rassismus und Frauenfeindlichkeit offenbar für viele Latinos und vor allem für viele Frauen offenbar uninteressanter waren als alle – auch ich – dachten. Die Leute haben damals nicht „gegen die Juden“ gewählt. Sondern „für sich“. Und sie haben auch heute nicht „den Rassisten“ gewählt. Sondern „für sich und ihre Interessen“. Die Frage nach Rasse und Frauenrechten war da eher weniger dabei, im Positiven wie im Negativen.

Aber unser Land ist doch gar nicht rassistisch, fremdenfeindlich und homophob höre ich da jemanden sagen. Und ich antworte: Sorry, aber Du bist blind. Ich weiß nicht warum, es gibt da viele Gründe und ich verstehe sie alle gut. Aber sie machen Dich eben blind.

Schau hin, auch wenn es weh tut. Schau hin, auch wenn es nicht gerade gröhlende Glatzen sind, die ein Haus anzünden; schau hin was im Alltag passiert.
Schau hin, wenn zwar in der Klasse Deiner Kinder natürlich gut integrierte ausländische Kinder sind, aber die Deutschen und die Ausländer nicht miteinander spielen.

Denk über das Wort „Gastarbeiter“ nach. Ob es wohl eher a) oder b) bedeutet:
a) Seid willkommen und geht später wieder nach Hause
b) Seid willkommen und lasst uns ab sofort zusammen leben.

Informiere Dich, was mit den nicht-ganz-hochrangigen Nazis, also sagen wir mal: der oberen Verwaltungsebene in der frisch gegründeten Bundesrepublik passierte. Spoiler: Sie bekamen hochrangige Posten.

Sei ehrlich zu Dir, ob Du Dich a) unsicher, b) ganz normal oder c) vorsichtig fühlst, wenn Dir auf dem Gehweg eine Gruppe dunkelhaariger, bärtiger junger Männer entgegen kommt und laut etwas spricht, was Du nicht verstehst. Sei ehrlich, Du musst es niemand erzählen.

Überleg, was Ende der Neunziger mit denen passiert ist, die in den Neunzigern vor den brennenden Asylbewerberheimen zwar keine Brandsätze warfen aber der Polizei und der Feuerwehr im Weg standen. Alle resozialisiert und inzwischen in den lokalen Flüchtlings-Hilfs-Gruppen aktiv?

Höre Horst Seehofer zu oder lies das neue Grundsatzprogramm der CSU. Überleg, ob das Fehlen der Worte „Recht und … “ im Titel vielleicht etwas sagt.

Erinnere Dich, wie lange Du von der Existenz „national befreiter Zonen“ weißt und überleg, ob und wann etwas dagegen getan wurde.

Warst Du auf dem Gymnasium? Wie viele nicht-deutsche waren in Deiner Klasse? Hattest Du Freunde an der Hauptschule? Wie viele waren es dort? Wie wahrscheinlich ist es, dass alle Ausländer dümmer sind als Deutsche?

Geh in eine Altherrenkneipe und bleib ein paar Stunden (Ich gebe Dir keine genaue Uhrzeit, zähl einfach die Zahl der Runden Schnaps mit und harre ein paar Runden aus. Bis nach elf sollte es aber schon sein.)
Verlasse auch, wenn Du in der Stadt wohnst, einmal die Stadt. Fahre aufs Land, fahre in ein Dorf und geh dort in eine Kneipe. Entweder Du kannst direkt am eigenen Leib erfahren, wie man sich dort als Fremder fühlt, oder Du kannst viel lernen.

Informier Dich, wie leicht oder schwer es ist, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen.

 

Ja richtig, das hast Du alles gewusst; nichts davon ist Dir neu. Keines meiner quer durch die Jahrzehnte und quer durch alle möglichen gesellschaftlichen Schichten und Situationen herausgepickten Beispiele waren Dir fremd. Sind das also geschickt gewählte Einzelfälle oder fällt Dir heimlich noch mehr ein?
Erinnerst Du Dich an #aufschrei, als auf einmal aus ein paar hach-mein-Gott-sollen-sich-halt nicht-so-kurze-Röcke-anziehen-Ausnahmefällen tausende und abertausende von Frauen wurden, für die alltäglicher Sexismus leider: eben ganz alltäglich war?

Ich erinnere mich, als nach der letzten Bundestagswahl jemand twitterte „verstehe nicht, dass merkel gewonnen hat. ALLE die ich kenne haben sie nicht gewählt“ und wie lange und laut ich vor so viel Weltfremdheit lachen musste. Und dann dachte: da lebt aber jemand in einer argen Filterblase. In einer, in der die CDU zu wählen ein bedauerlicher Einzelfall ist.
War es nicht, ist es nicht.

Und wenn Du hingeschaut hast, dann überleg, ob Deutschland wohl wirklich Probleme hat eine offen fremdenfeindliche, homophobe, frauenfeindliche (nach Belieben zu ergänzen) Partei zu wählen, wenn die genügend Alternativen für Deutschland verspricht.
Ich wiederhole mich: Ich möchte nicht nächstes Jahr lesen „verstehe nicht, dass die afd so zugelegt hat. ALLE die ich kenne haben die nicht gewählt“.
Verlasst Eure Filterblasen und akzeptiert, dass außerhalb ein wirklich, wirklich großes Stück Arbeit vor uns liegt.


Was schön war diese Woche

Aus der Kategorie »just jawl«

Das neue Auto der Liebsten. Es war zwar ein unglaublicher Massel bis es hier war, aber es ist ein schönes Auto (das gleiche wie bisher, nur in neuer und schöner und mit Glasdach und so) und es ist sooo gut, wieder zwei Wagen hier stehen zu haben.

Dass Menschen mir und meiner Arbeit vertrauen. Da macht die Arbeit gleich mehr Freude.

Am Mittwoch Morgen ein paar Erkenntnisse bei der Seelenmassage von denen ich dachte, dass sie schmerzhaft aber gut wären.

Die #mimimimi-Lesung (ich schrieb ja auch darüber). Ich mag diese Lesung sehr, it feels like coming home, wenn ich das Friedrichs betrete. Da sind Freunde, da höre ich gerne zu, da lese ich gerne.
Außerdem habe ich auch gleich noch was gelernt, so was grundsätzliches fürs Leben in einer Gesellschaft die Trump und die AFD gut findet.

Musik gemacht. Musik für ein Theaterstück und der Regisseur mags. Das dürfte dann meine erste vollkommen selbst komponierte, eingespielte und produzierte Musik sein, die öffentlich gespielt wird.

Und am Samstag Nachmittag aus heiterem Himmel kamen dann die Erkenntnisse vom Mittwoch Morgen; diesmal aber in ihrer ganzen Tiefe. Das war eigentlich so sehr das genaue Gegenteil von „was schön war“; das zog mir so gründlich den Boden unter den Füßen weg, dass ich jetzt beginnen muss, einen Scherbenhaufen vorsichtig anzusehen um zu unterscheiden, was weg kann und was wieder aufgebaut gehört.
Aber die letzten Jahre haben mir gezeigt, dass es sich immer lohnt, so etwas als Chance zu nehmen und deswegen gehörts hier rein.

Post aus dem hohen Norden. Macht mich immer froh.