#609060

Aus der Kategorie »just people«

Es war vor drei Wochen, als Elle über sich, ihren Körper, Kleidung und das große und kleine Drumherum schrieb. Sie schrieb da einige sehr kluge Worte und sprach ganz am Ende:

Da ich ein Freund von Serien bin, habe ich beschlossen, mich jetzt regelmäßig vor dem Verlassen des Hauses zu fotografieren und bei Instagram und Facebook hochzuladen. Nicht weil mein Modegeschmack besonders erlesen wäre, sondern einfach weil ich meinen normalen Körper eingepackt in Oberbekleidung sichtbar machen möchte.
Journelle: Mehr auf den Leib geschneidet und weniger geschneiderter Leib

»Och«, dachte ich, »das klingt doch nach einer lustigen, kleinen Idee« und machte das nächste Mal, als ich das Haus verließ ebenfalls ein Bild von mir. Und beim darauffolgenden Mal und beim übernächsten Mal auch und inzwischen ist es zur Gewohnheit geworden. Und verließe ich das Haus öfter, wären da auch mehr Bilder von mir dabei.

Ein paar Tage später gings mir dann genauso wie Elle: Ich bemerkte, dass immer mehr Menschen mitmachten und fands großartig.

Dann las ich irgendwo, teils in Blogartikeln, teils bei twitter oder facebook, teils in einer anonymen eMail:

  • Dass wir als Gruppe ja wieder nur dünne Frauen sind und damit alle dicken aussperren
  • Dass ich als Mann da in der Gruppe ja gar nichts zu suchen habe
  • Dass da in der Gruppe ja nur weiße Frauen (und Männer) sind und wir also schwarze diskriminieren
  • Dass da ja gar keine Männer sind
  • Dass das Wort »normal« ja nicht gut ist, weil [verschiedene Erklärungen]
  • Dass X die Regeln gebrochen hat, weil sie zusätzlich zu 609060 noch mit einen weiteren, auf Gewichtsreduzierung ausgerichteten Begriff getaggt hat
  • Dass Y die Regeln gebrochen hat, weil er kein fullfrontal-Foto ohne Kopf vor dem Spiegel aufgenommen hat
  • Dass das ja doch wieder nur im Web ausgelebter Exhibitionismus wäre

… und dass frau deswegen bei uns natürlich(!) nicht mitmachen würde und unsere Aktion und unsere Gruppe PisseKackeScheiße wäre.

Hä? Zum einen wusste ich bis vor kurzem nicht, dass ich Teil einer Gruppe bin. Und erst recht keiner Gruppe, die irgendjemanden ausschließt. Mitmachen ist simpel: Foto machen, hochladen, taggen, fertig. Selbst wenn es irgendjemand wollte, könnte überhaupt niemand ausgeschlossen werden.
Es gibt keine Gründung, Satzung, kein Regelwerk, es gibt nur Menschen die aus irgendwelchen Gründen, die ich außer bei Elle von niemandem kenne, Fotos von sich machen. Und ich bin ja sowieso grundsätzlich nie Teil einer Gruppe, die mich selber als Gruppenmitglied aufnehmen würde.
Exkurs, weil es darum eigentlich gar nicht gehen soll
Mein Grund ist: Ich denke, dass man so den Begriff der Normalität neu belegen kann. Weg von den Magermodels, die wir alle im Kopf haben zu vollkommen alltäglichen, vielfältigen, unbearbeiteten, unverstellten Menschenbildern. Genauso, wie ich Blogs liebe, weil sie mir ein anderes, ein vielfältigeres Bild der Menschen zeigen, als mir Fernsehen und Zeitung früher liefern wollten. Je vielfältiger die Welt wird, die in mein Bewusstsein dringt, desto normaler werden wir alle. (Für die Statistiker unter uns: Wenn ich die Eckpunkte der Gauß-Kurve auseinander ziehe, ist mehr Platz Vielfalt [nach dentakus Kommentar editiert] unter der Kurve.)
Ob man es jetzt »Dekonstruktion des Normativitätsbegriffs« nennt (solche tollen Wörter fallen mir ja immer nie ein) oder frei nach Lobo »neue Narrative schaffen« – ich glaube fest daran, dass so etwas geht. Deswegen bin ich hier.
Und so erfreue ich mich täglich ganz furchtbar an all den vielen Menschen, die ich dort sehe, an all dem Leben. An all der vielfältigen Normalität.

Und – Hä? zum zweiten: Dann lass es doch?! Mach doch nicht mit, mach was eigenes oder lass es sein, aber warum musst Du möglichst öffentlich rumschimpfen und Menschen runtermachen oder den Aufwand einer anonymisierten Mail auf Dich nehmen?

Natürlich verstehe ich, dass der Begriff »normal« diskussionswürdig ist. Es sind fast immer Begriffe diskussionswürdig und es ist fast immer unglaublich schwer, den perfekten Wortlaut zu treffen. Glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede, ich bin Mitglied einer grünen Mailingliste. Aber hinter dem Hashtag #609060 steckt keine Partei, kein Gesetzesvorhaben, nicht einmal eine Initiative, nicht mal wirklich eine gemeinsame Idee. Jeder kann das für sich ein bisschen füllen und sich daran erfreuen. Und wenn es irgendjemandem hilft, sich besser zu fühlen, dann ist das doch toll?

Wenn ich an allem, was irgendwie aus einer guten Idee heraus in die Öffentlichkeit tritt ein Haar suche, um dann das ganze Ding möglichst öffentlich kaputt zu reden, dann könnte ich persönlich zum Beispiel …

  • … keine Partei wählen, geschweige denn sogar Mitglied einer sein (die Gründe sollten klar sein)
  • … mich nicht Feminist nennen (weil Alice Schwarzer und auch sonst …)
  • … Slutwalks ablehnen (der Begriff ist ja nun auch etwas …)
  • (… to be continued, you know what I mean)

Vielleicht bin ich da naiv, vielleicht zu sehr noch durch mein längst vergangenes Sonderpädagogen-Studium geprägt, aber: ich gucke nicht nur auf die Perfektion des Endergebnisses, ich schaue auch darauf, was der einzelne sich dabei gedacht und was er gewollt hat.

Um mit zwei geschickt vermengten – weil so wunderbar passenden – Zitaten zu schließen:

Doof ist halt immer, dass etwas, was man mit Leichtigkeit und Freude macht, gerne toddiskutiert wird [und] es ärgert mich, wie schnell immer wieder der anspruch erhoben wird auch ja jeden aspekt eines ganzen erfassen zu müssen, damit sich auch ja jeder richtig behandelt fühlt. und damit ganz schnell die leichtigkeit und spielerei solcher aktionen zu nichte gemacht wird.
Die Freundin im Chat und tadelloshimmelblau

Fußnoten:
1] Wer irgendwo eine Groucho Marx-Anleihe gefunden hat darf sie behalten und sich über sein Kulturwissen freuen.
2] Geniess es, Du feiger anonymer Mailschreiber. Mit dieser Erwähnung sind die einzigen 5 Minuten Ruhm, die Du je bekommen wirst, voll.
3] So anonym war die Mail gar nicht; ich kann Mailheader lesen. Aber der Aufwand ist zu groß und das Ding ist eh da, wo es hingehört: Im digitalen Müll.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

16 Reaktionen

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Am 03.09.2012 um 9:53 Uhr wusste Dentaku:

Volle Zustimmung (ich versuche ja auch, bei den kritischen Blogartikeln ein wenig dagegenzukommentieren).

Kleine Mathematikanmerkung (SCNR und so):

Wenn ich die Eckpunkte der Gauß-Kurve auseinander ziehe, ist mehr Platz unter der Kurve.

Ääääähm, nein, die Fläche der Glockenkurve ist immer genau 1.


Am 03.09.2012 um 10:00 Uhr sprach Christian:

Ok, statistisch doof ausgedrückt.
Aber 1 wird größer (auch wenn das jetzt sehr unlogisch klingt).


Am 03.09.2012 um 10:02 Uhr schrieb Christian:

… also die Menge dessen, was dann unter der Kurve 1 ergibt.
Wenn die Extreme weiter auseinander liegen, dann ist der Durchschnittsbereich vielfältiger. *Verhaspel*


Am 03.09.2012 um 11:16 Uhr sprach tadellos:

ich unterschreibe alles!


Am 03.09.2012 um 11:27 Uhr sprach wortschnittchen:

.


Am 03.09.2012 um 13:42 Uhr meinte stadtnarr:

Da möchte ich dem anonymen Schreiber doch mit einem fremden Tweet antworten.
Nicht das Internet macht dumm, aber viele Dumme machen in das Internet.


Am 03.09.2012 um 14:00 Uhr kommentierte Sebas:

Ha! Haha! Punkt. Aber wie.


Am 03.09.2012 um 21:34 Uhr antwortete Anne:

Punkt. Was auch sonst.


Am 03.09.2012 um 23:42 Uhr antwortete Johannes:

Ich war mal so frei, deinen Artikel zeichnerisch zu unterstützen. (Achja, und auch meine Senf beizutragen natürlich.)

http://1ppm.de/2012/09/meine-einzige-stellungnahme-zu-609060-mit-zeichnung/


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[…] In diesem Entschluss wurde ich eigentlich noch bestärkt, als die Kritik an der Aktion anfing. Die vielen verschiedenartigen und oft recht platten Vorwürfe hat @jawl schön hier zusammengefasst: […]

[…] schreibt auch über #609060 und weist darauf hin, wie schade es ist, wenn fröhliche Aktionen ihre Leichtigkeit […]

[…] #609060 go! […]


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