#aufschrei – Es sind die anderen. (Ja?)
Aus der Kategorie »just people«
Männer haben’s in diesem Internet ja gerade nicht leicht. Jeder Tweet, jedes zweite Blog schreit auf oder denkt darüber nach und die Diskussion wird mit harten Bandagen geführt, Raum für Zwischentöne ist da nicht. Da sind Männer irgendwas und irgendwie und da sind Frauen irgendwas und irgendwie und zwar immer alle. Männer meist scheiße.
Oder sie sind doch gar nicht so, aber so »nicht so« will ich ja dann auch nicht sein.
So kann es einem zumindest vorkommen, wenn man gerade flüchtig guckend durch unser kleines Web läuft. Ist aber natürlich dann doch etwas differenzierter.
Zuerst war da der #aufschrei. Und als »guter« Mann, denn natürlich bin ich ja überzeugt ein solcher zu sein, dachte ich so etwas wie: »Ja, super, die unterdrückte Frau bekommt eine Stimme« (also nicht wortwörtlich, aber … Sie verstehen schon …)
Dann entwickelte so ca. zehn Minuten später der #aufschrei diese ungeheure Wucht und ich erschrak. Zwischen dem Wissen über nackte Zahlen inklusive ihrer Dunkelziffern und dem Erschrecken darüber, dass quasi jede Frau, die ich so in meiner Timeline kenne, etwas eigenes zu berichten hatte – da ist es ein großer Schritt. Ein Schritt mit viel Erschrecken, kein schöner Schritt – und Johannes hat, ich verlinkte es ja schon, da schon sehr passend etwas zu geschrieben.
So Zahlen und Statistiken, das sind ja irgendwie immer die anderen und der #aufschrei brachte den Alltagssexismus viel näher an mich heran. »Lernerfolg eins: Deswegen heisst er ja auch Alltagssexismus, stupid«, dachte ich mir.
Trotzdem fühlte ich mich noch sicher. Es gab einige Frauen in meiner direkten Umgebung, einige Frauen, die bis jetzt immer »ich bin keine Feministin, wir haben doch alles erreicht« gerufen hatten und die jetzt nachdenklich wurden. Ich feierte das insgeheim als Sieg der guten Sache, schließlich hatte ich als bekennender Feminist mich schon öfter mit ihnen darüber auseinandergesetzt.
Und so eine Auseinandersetzung war immer irgendwie doof, denn es ging immer um die argumentative Gratwanderung (also wieder sinngemäß) »Du bist nicht nur eine bedrohte Frau, sondern Du hast Dich auch noch so daran gewöhnt, dass Du es abstreitest. Du bist nämlich immer von den Männern bedroht, also, nicht von allen, von mir zum Beispiel natürlich nicht, aber … Und wenn Du es nicht bist, dann sind es aber viele andere, also zeig Dich gefälligst solidarisch.«
Ganz dünnes Eis, ich sags Ihnen, das geht wirklich gar nicht. Zum Glück hat inzwischen die Kaltmamsell da in Worte gefasst, was ich immer fühlen, aber nie formulieren konnte.
Lernerfolg zwei: Einfach mal die Klappe halten.
Dann begegnete mir auf den zehn Metern zwischen Auto und Pommesbude jemand und ich guckte diesen Menschen freundlich an. Das habe ich mir irgendwann angewöhnt, es laufen viel zu wenige Menschen mit freundlichen Gesichtern da draußen rum, da kann man ja mal anfangen. Dieses Mal war es zufällig eine Frau. Sie sah mich und zuckte zusammen. Blickte nach unten, wurde ein paar Zentimeter schmaler und etwas schneller. Meine Fresse, habe ich mich erschrocken. Gedankengewitter galore: Oh mein Gott, es ist so allgegenwärtig, dass ich als Mann sofort beim ersten Rausgehen eine Frau erschrecke. Aber ich wollte doch nicht?! Kann ich jetzt nie wieder eine Frau freundlich angucken? Hoffentlich habe ich schnell genug weggeguckt um ihr deutlich zu machen, dass ich ja gar nichts will. HOFFENTLICH HABE ICH NICHT …
Lernerfolg drei: Ach Du Scheiße.
Das Thema geriet derweil ins Fernsehen, Herr Jauch fühlte sich witzelsüchtig »enteiert« und bei ZDF log in vertrat ein Typ die männliche Sichtweise, der auseinandersetzen konnte, warum seiner Meinung nach das »Nein« einer Frau doch auch mal »Ja« bedeuten kann. Ein Typ, den ich so abgrundtief verachte, dass ich ihn nicht verlinken möchte. Da aber seine wirklich erschreckende Sicht auf sich, auf »die Frauen« und auf das Leben durchaus lesenswert ist, um ein paar Dinge zu verstehen: Sucht doch selber.
Lernerfolg vier: ACH DU SCHEISSE.
Und ich fragte mich: Warum der? Warum ein hip aussehender Typ, der für die Zuschauer so viel mehr Identifikationsfläche bietet als ein alter FDP-Politiker oder ein alter Literaturkritiker? Dass die einfach fiese Typen sind und man sie einfach gedanklich abschreiben kann – klar. Aber warum der? Da ist doch die Gefahr, dass man dem glaubt? Und dann schrieb sich mir ein Kommentar bei Kiki aus dem Handgelenk, ein Kommentar in dem ich etwas erklärte, was mir selber erst während des Schreibens bewusst wurde: Es geht nicht um mich. (Also: Es geht natürlich auch um mich, da komme ich auch noch drauf zurück.)
Aber: Wenn wir hier gerade auf die Diskussion schauen, wenn wir sehen: Es gibt natürlich auch hier im Web Arschlöcher, die jetzt alte Pfründe verteidigen wollen – dann denken wir immer noch heftigst in einer kleinen Blase. Wer bloggt, oder Blogs liest, wer Twitter auf dem Schirm hat oder gar selber twittert, der ist in Deutschland immer noch Randgruppe.
Realität in Deutschland, Realität außerhalb unserer kleinen Blase hier ist es immer noch, dass Männer aus ihrem Jugendzimmer direkt in die Ehewohnung bei Papi unterm Dach ziehen. Dass sie direkt von »Mama legt mir die Klamotten raus« zu »Susanne weiß halt besser, was mir steht« wechseln. Dass im Physik-LK nur Jungs und im Pädagogik-LK nur Mädchen sitzen. Dass im Maschbau-Studium eine Frau im Hörsaal persönlich vom Prof begrüßt wird und dass Männer problemlos nach Abschluss der Mittelstufe in einer weitestgehend frauenfreien Welt leben können. Dass sie mit dem Ing. in der Tasche dann in einem inhabergeführten mittelständischen Unternehmen arbeiten und auch dort außer Mama und Susanne keinen Kontakt zu Frauen haben.
Und vor allem: Die diesen Weg so logisch, so vorgezeichnet und selbstverständlich finden, dass sie nie über irgendetwas, geschweige denn über sich selbst nachdenken müssen. So etwas kompliziertes wie die Wahrnehmung, dass Sexismen welche sind und dann auch noch der Mut, dagegen etwas zu tun, das ist außerhalb des Vorstellbaren.
Anmerkung 1: Ja, ich weiß, ich zeichne auch hier jetzt ein Klischee. Aber geht mal raus. Geht mal an die Orte, an die Ihr sonst aus gutem Grund nicht geht – in die Schrebergärten, in die Eckkneipen, in die Schützenbruderschaften, in die kleinen Unternehmen in den Industriegebieten am Rand der Kleinstädte.
Anmerkung zwei: Das heißt natürlich überhaupt nicht, dass es in der Blase keine Dumpfbacken gibt.
Anmerkung drei: Ich schreibe bewusst »Schützenbruderschaft« Wo ich lebe ist das mit den Frauen in den Schützenvereinen noch nicht abschließend durch.
Ich war immer stolz, diese Anachronismen hinter mir gelassen zu haben. Ich war froh, das Dorf verlassen zu können, in dem meine Mutter sich die Sorgen der anderen anhören musste, dass ich ja wohl schwul sei, weil ich weder im Fußballverein noch in der Schützenbruderschaft sein wollte. Ich habe angewidert die Band verlassen, die zu Beginn jeder Probe erst einmal abcheckte, wer denn gerade zu Hause Erdbeerwoche hatte und deswegen jetzt wegen des Samenstaus bemitleidet werden musste. Ich war froh aus dem Büro raus zu sein, das seine Machtpositionen über die besseren Schwulenwitze festigte.
Aber nur weil ich da raus bin und mir mit meiner Peergroup meine kleine Insel der Glückseeligen geschaffen habe – nur deswegen sind diese Dinge ja nicht verschwunden.
Die Liebste erzählte mir einmal von Kolleginnen, die nicht verstanden, dass sie mir nichts vorkochte, als sie eine Woche alleine in den Urlaub fuhr. Und die waren jünger als wir.
Lernerfolg fünf: Es geht gar nicht um mich.
Lernerfolg sechs: Natürlich geht es auch um mich – ich hatte ja erwähnt, ich wolle darauf zurück kommen. Es geht eben auch genau darum, dass ich mich mal wieder erschrecke, dass ich von meiner Wolke runter komme. Man könnte es auch Selbstreflektion nennen, eben die, deren Mangel ich an anderen gerade kritisierte. Es geht darum, dass ich die nächste Band, das nächste Büro nicht wortlos verlasse, sondern mein Maul aufmache.
Es geht darum, zu gucken, ob und was sich in meiner »Bin ja ein guter«-Haltung vielleicht noch alles so versteckt.
Um zum Abschluss noch einmal dem Johannes seine sehr guten Worte zu nutzen:
Ich bin noch dabei, die Stücke, in die ein Teil meines Weltbilds zerbrochen sind, zu etwas Neuem zusammenzufügen. […] Bitte gebt mir noch ein wenig Zeit.
Der Herr Fischer hat da mal was geschrieben, was ich gut finde. http://t.co/Ydy3jY86