Aus dem Takt

Aus der Kategorie »just people«

Vor ca. 7 Jahren saß ich nachmittags im Büro. Ich hatte einen eher anstrengenden Sommer hinter mir, so langsam hörte der Stress auf und ich versuchte, wieder so etwas wie einen Rhythmus zu bekommen.

Rhythmus ist überhaupt ein gutes Stichwort, denn auf einmal bemerkte ich, wie mein Herz aufhörte eben diesen zu haben.
So ein regelmäßiger Herzschlag ist ja eine seltsame Sache: Man merkt ihn ja nicht. Gelegentlich, wenn man oben am Berg vom Rad absteigt, spürt man sein Herz schlagen. Oder wenn man SIE wieder sieht – das eine ist so mittelschön, das zweite sehr. Aber im allgemeinen merkt man sein Herz nicht. Deswegen ist es dann auch sehr irritierend, wenn man es auf einmal spürt.

Und ich spürte es. Außerdem war mir irgendwie übel, mein linker Arm tat weh, mein Hemd war auf einmal zu eng, ich hatte kalten Schweiß auf der Stirn und sehr schnell sehr große Angst.
Um die Geschichte abzukürzen: Ich hatte keinen Herzinfarkt. Dafür begann an disem Tag eine gut halbjährige Irrfahrt zwischen Kardiologe, Allgemeinmediziner und regelmäßigen Besuchen in der Apotheke beim Blutdruckmessen. Der Kardiologe machte mit mir einen Termin in acht Wochen, das war das schnellste, was er anbieten konnte. Na gut, ein 24h-EKG auch schon vorher. Und wenn etwas wäre dürfe ich auch unangemeldet reinkommen. Die Allgemeinmedizinerin maß meinen Blutdruck, verschrieb mir sicherheitshalber niedrig dosierte BetaBlocker und verbot mir das Radfahren. Die Apotherkerinnen maßen allerlei zwischen besorgniserregend hoch und ziemlich niedrig und manchmal auch gar nix, weil das Gerät nicht mit dem fehlenden Rhythmus klarkam. Beim unangemeldeten Arztbesuch war immer alles ok. Ich begann, mich wie ein Simulant zu fühlen.
Ich begann, die Apotheken zu wechseln, um nicht zu oft in einer aufzutauchen (Den Kauf eines eigenen Mess-Geräts hatten die Docs und ich zusammen verworfen. Ich hätte dann alle 5 Minuten gemessen und wäre in Wahnsinn und Hysterie gestorben). Ich traute mich kaum noch, mich wieder beim Arzt zu melden. Es war ja nie was.

Das 24h-EKG war auch bestens; die Helferin guckte drauf und meinte was von „eine Kurve wie gemalt” und dass sie sich melden wollten, wenn Herr Doktor noch was entdeckte. Sie meldeten sich nicht.
Bei der Untersuchung (endlich!) haben die Helferin und ich dann beim Belastungs-EKG ausprobiert, ob denn wenigstens was auffälliges passiert, wenn ich über den üblichen Umfang weit hinaus ging – wir erinnern uns: Ich fuhr damals regelmäßig Rad und war recht fit. Nö, da passierte nix.
Und der Doc guckte in seinen Ultraschallapparat und attestierte mir ein tolles Herz.

Das war alles irgendwie beruhigend, aber irgendwie auch sehr beängstigend. Denn auch wenn mir alle erzählten, dass ich gesund sei, auch wenn ich die BetaBlocker wieder absetzen durfte, so merkte ich doch regelmäßig, dass da irgendetwas nicht stimmte. Das Gefühl ist schwer zu beschreiben – letztens fiel mir nach langen jahren ein halbwegs brauchbarer Vergleich ein: Kennt Ihr den Moment vor dem Einschlafen, wenn ihr den Boden verliert und fallt? Genauso, nur irgendwie ständig.
Eigenlich ist das auch logisch: Wir haben da eine Beatbox im Körper, die uns ständig einen Rhythmus gibt und wenn der nicht stimmt, dann ist man aus dem Takt, dann fehlt die Grundkonstante.

Im Ergebnis zog ich mich ziemlich zurück. Ich merkte, da war irgendetwas, aber alle Ärzte sagten „Da ist nix”. Man beginnt an sich selbst zu zweifeln. Simulant? Hypochonder? Man beginnt an den Ärzten zu zweifeln. Aber was bedeutet das im Ergebnis? Ich erinnere mich an einen Urlaub auf meiner geliebten Insel, den ich mit dem durchgängigen Gefühl verbrachte, all das zum letzten Mal zu sehen. Es war keine schöne Zeit.

An meinem dreiunddreißigsten Geburtstag war es mal wieder ganz schlimm und wir fuhren in die Notaufnahme. Ich bekam von den beiden Docs die bekannten Dinger auf die Brust geklebt. Sie guckten auf den Bildschirm und wurden hektisch, während ich überlegte, was für eine Scheißidee es wohl war, ausgerechnet am Geburtstag zu sterben. Andererseits war ich fast erleichtert, da schien ja endlich etwas sichtbares zu sein.
Während Doc 1 losrannte, um die Haus-Kardiologin zu holen, redete der andere beruhigend auf mich ein, guckte noch einmal auf den Bildschirm und sagte sowas wie „Höh?”. Denn da war eine Kurve, „wie gemalt”.

Während er sich noch wunderte und ich wieder besser Luft bekam, kam die Kardiologin rein. Guckte auf mich, versuchte mit mir zu sprechen während er auf sie einredete und ihr den Streifen Papier zeigte, der aus dem EKG-Gerät gekommen war seit ich da lag.
Und dann lachte sie und sagte zu mir: „Erst einmal: Es ist alles ok, und den Rest erklär ich Ihnen gleich”.

Kurzfassung: Sie erklärte, ich habe einen zweiten Taktgeber an der Herzwand. Halbwegs laienhaft erklärt gibt es wohl einen (Nerven-)Punkt, der die Bewegung des Herzmuskels auslöst. Ich habe zwei. So lange die beiden im gleichen Takt laufen ist alles prima. Fängt aber einer an, das Tempo zu ändern, dann wird das ein haltloses Stolpern – so lange bis beide dann quasi gegentaktig laufen und sich mein Puls verdoppelt. Dann stolpern sie wieder rum, bis sie wieder im Takt sind.

Ich werde nie den Satz „Das ist höllisch unangenehm, aber total ungefährlich” vergessen, den sie sagte. Höllisch unangenehm, weil der Körper – der ist ja auch nicht doof – merkt, das was nicht stimmt und erstmal sein Herzinfarkt-Reaktions-Szenarium loslässt. Adrenalin galore, Enge im Brustkorb, und so weiter. Kann er ja auch nicht für, der arme Körper, dass ihm da nichts anderes einfällt.

Man kann das – wenn man möchte – operieren. Die OP ist eine Try-and-error-OP, denn man kann den Punkt nicht anders lokalisieren, als sich per Katheter in die Leiste rein und dann zum Herzen hoch zu arbeiten und dann an der Herzwand verschiedene Punkte zu reizen und zu gucken, ob es eine Reaktion gibt. Dummerweise ist der einzige, der messen kann, ob es eine Reaktion gibt man selbst, weswegen man bei der ganzen Sache bei Bewusstsein sein muss. Ich kenne inzwischen einen Menschen, der – wenn ich mich richtig erinnere – fünf Stunden so verbracht hat und danach von den Freuden unbetäubter Wurzelbehandlungen schwärmte. Wenn ich mich richtig erinnere war auch die Formulierung „schlimmste 5 Stunden meines Lebens” im Gespräch. Ich habe mich gegen die OP entschieden und jahrelang Ruhe gehabt.

Warum ich das alles jetzt hier und heute aufschreibe?
Zum einen weil ich gerade – die ein oder andere Leserin wird es sich schon gedacht haben – innerlich arg rumstolpere. Und weil das Aufschreiben der Geschichte, weil das Erinnern mir hilft, mich wirklich an den Satz „höllisch unangenehm, aber total ungefährlich” zu erinnern. Es ist nämlich nicht immer so einfach, nur mit der Vernunft gegen sein Gefühl anzukommen. Vor allem, wenn man nachts um drei stolpernd aufwacht, der Serotoninspiegel im Keller ist und sich Stimmung und Zuversicht gleich mit genommen hat, dann ist das schon mal nur so mittel-einfach.

Und zu anderen, weil das alles bei vielen Ärzten wohl vollkommen unbekannt ist. Jeder Arzt, mit dem ich danach darüber sprach reagierte erst einmal mit einem herzhaften „Höh?”. Und ich hatte damals wohl auch nur wirklich sehr viel Glück, dass es in meinem Krankenhaus eine OP-Schwester mit dem gleichen Herzfehler gab. Die Kardiologin erzählte, sie habe diese Schwester mal im OP-Saal erwischt, wie sie sich gerade den Pulsmesser an den Finger geklemmt hatte und stolz „Boah: 220″ verkündete. Da war sie dann gerade genau gegentaktig und hatte eh gerade eine anstrengende OP hinter sich.

Und weil ich ja letztens noch lauthals gefordert habe, jemand müsse ja alles ins Netz reinschreiben, damit andere ales finden: Voila.
Las ich doch letztens noch bei einer heißgeliebten Bloggerkolegin ihre Krankheitsgeschichte, und dass sie sich so alleine damit fühle, seltsame Krankheiten zu haben. Bist Du nicht.
Aber ehrlich gesagt schon auch, damit ich gleich schlafen kann.


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7 Reaktionen

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Am 25.09.2011 um 10:13 Uhr antwortete kaltmamsell:

Wenn auch als Einschlafhilfe zu spät danke ich für die Geschichte und summe als kleines Schlafliedlein dieses:


Am 25.09.2011 um 13:03 Uhr ergänzte Christian:

Oh, danke. Ich nehm’s mit nach heute Abend :)


Am 26.09.2011 um 13:03 Uhr kommentierte Etosha:

Mein Mitgefühl ist dir sicher, wie du schon weißt. Vielleicht sollte ich ja dann auch mal meine seltsame Krankheit beschreiben. Ja, man fühlt sich recht häufig allein, und es ist von massiver Trostlosigkeit, wenn alles wieder von vorne losgeht.

Es hilft jedenfalls, wenn man nicht die einzige arme Sau ist. In diesem Sinne: Du bist nicht allein. Für Frust-Mails und Solidaritäts-Chats bin ich jedenfalls gerne da! Liebe Grüße!


Am 28.09.2011 um 16:38 Uhr schrieb rebhuhn:

oh, danke für’s aufschreiben. ich habe herzschlagaussetzer. mit dem gleichen arzt-marathon und simulanten-gefühl wie du. :)

also, ein schlag ist dann komplett weg; dafür ist der nächste dann sehr, äh, mächtig, weil er ja den fehlenden ausgleichen muß. fühlt sich an wie eine kleine herzexplosion. das dann mehrmals hintereinander, manchmal mehrere minuten lang. während ich in ruhestellung am schreibtisch sitze.

endergebnis: jedes herz schlägt unregelmäßig, am gleichmäßigsten schlägt es die 1o minuten vor dem tod. insofern machen Sie sich da mal keine gedanken.
… ich bin ja immer noch ein wenig skeptisch.

oh. äh. vielleicht sollte ich das auch mal bloggen? ^^


Am 28.09.2011 um 20:42 Uhr ergänzte Christian:

Noch wer :(
Dass ein Herz gar nicht so vollkommen wie ein Metronom schlägt, sondern eigentlich einen ziemlich groovy Rhythmus rund um den perfekten Takt herum hat, das habe ich auch damals gelernt.
Aber so grobe Stolperer klingen anders, so für mein Laienverständnis …

Ich nutze die Gelegenheit trotzdem mal, um zu sagen: Ich glaube, es gibt viele seltsame Herzkrankheiten, die ähnlich aussehen und es gibt vermutlich auch viele Gründe für Herzrhythmusstörungen.
Das oben ist meine Geschichte und vermutlich fast nur meine.
Und ich möchte um Himmels Willen hier nicht sagen “Herzinfarktsymptome sind bestimmt immer ganz harmlos” – eher im Gegenteil.
Passt auf Euch auf.


Am 11.10.2011 um 19:14 Uhr schrieb Etosha:

Bin jetzt auch pathologisch geoutet: http://etosha.weblog.co.at/?p=1892. Ist zwar nicht dasselbe, aber doch irgendwie… du weißt schon.

Es tat mir oft gut, wenn ich merkte, dass ich nicht alleine bin. Vielleicht hilfts ja jemandem. Denn es erscheint einem gerne so, dass alle anderen gesund und munter sind – nur man selbst nicht.

Alles Liebe und bis bald!


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