Das Internet …
… ist ja im Moment wieder in aller Munde.
Nein, nicht hier bei uns, in unserer schnuckeligen kleinen Onlinewelt, auch draussen, im echten Leben. Da wo unsere Eltern abends um acht die Tagesschau anmachen, weil sie nicht wissen, dass man das alles auch terminbefreit auf tagesschau.de bekommt.
Da bekommt man nämlich im Moment zu hören, dass sich die Bombenleger über das Internet verständigt hätten. Jaha: „über das Internet„!
Ich glaube, in den Augen vieler Menschen gibt es zwei Internet. Und in gewisser Weise haben sie sogar recht.
(Nein, ich glaube nicht, dass das die Bedeutung von Web 2.0 ist; aber Spass beiseite.) Es gibt zum einen die Websites, die abends beim Fernsehen beworben werden. Also ard.de, zdf.de und so für die ganz konservativen, pro7.de für die „jungen” und so weiter. Dann gibts noch die Websites die anerkannt als nützlich gelten, also zum Beispiel die Bahnauskunft oder wetter.de und die Website der Firma, bei der man angestellt ist und die man sich damals, als das Rundschreiben über den Launch in der Mitarbeiterpost war auch mal gelangweilt angesehen und mit „ganz hübsch” zu den Akten gelegt hat.
Und dann gibt es vielleicht noch die praktische Seite beim Lieblingslieferanten, bei der man die Ersatzteile direkt aus der Explosionszeichnung bestellen kann. „Ach, SO ETWAS geht? Toll”
Ach ja, eMail benutzen sie natürlich auch.
Und ich glaube, dass das nicht wenig ist. Ich glaube sogar eher, dass Menschen, die dieses Internet kennen schon ganz schön weit vorne sind.
Du, liebe Leserin befindest Dich gerade in dem anderen Internet. In einem Blog. In einem Dings, das nicht die Verlängerung oder Verlagerung des Real Life ist, sondern ganz für sich alleine steht. Hier wird kein Zusatznutzen angeboten, den man auch an anderer Stelle bekommen kann: Ein Blog ist ein Blog ist ein Blog.
Meine Arbeit ist immer noch vielen Menschen sehr, sehr suspekt.
Ich merke das immer dann, wenn ich mich aus meiner gar nicht so kleinen, schnuckeligen Blase einmal herausbegebe. Die meisten Menschen, mit denen ich spreche, wissen zwar, dass sie „Ah, Sie machen Homepages?” sagen müssen, wenn ich sage, ich sei Webdesigner, aber man merkt doch oft, dass keiner eine Vorstellung hat, was das denn wohl wirklich ist.
Gerne kommt auch die Reaktion „Ja, also mit Internet (wahlweise hier ‘Computer’ einsetzen) hab ichs ja gar nicht so, also natürlich benutze ich das, ich recherchiere da auch manchmal etwas und gucke ein paar mal die Woche in meine eMails aber…„.
Dann wird meist schnell das Thema gewechselt.
Dass auch abgesehen von meinem Job ein großer Teil meines Lebens ohne das Internet nicht mehr in der Form möglich wäre, kann ich in solchen Gesprächen natürlich gar nicht vermitteln.
Chatten zum Beispiel. Wie soll ich jemandem, dem zu „Chatten” nur der allnachmittägliche Streit mit der pubertierenden Tochter einfällt erklären, dass ich mich anders, vielleicht weniger alleine, fühle, wenn in meinem Messenger-Fenster jemand, den ich mag als online angezeigt wird?
Bevor jetzt alle aufschreien: nein, ich bin mir sicher, dass ich nicht sozial degeneriere deswegen. Ich halte mal kurz dagegen, dass ich zum Beispiel die Begleitung für den Strandweh-Tag genau so kennen gelernt habe.
Wir haben uns auch über das Internet verständigt. Wie die Bombenleger.
Ich fürchte, dass dieses, „mein” Internet vielen Menschen sehr sehr supekt ist. Sie haben es nicht erlebt, ihnen fehlt vielleicht die Neugierde, es auszuprobieren, vielleicht haben sie schon zu sehr das Gefühl, nicht mehr mitzukommen und übern sich deswegen in Verweigerung – wer weiss es schon?
Traurig wird es dann, wenn aus so unwissender Ecke Vorschläge kommen, wie man mit dem Internet umzugehen habe. Erinnert Ihr Euch an den Vorschlag, Sexseiten erst ab 23:00 Uhr zu öffnen? Jugendschutz, you remember?
Im Moment ist gerade mal wieder die Verschlüsselung dran. Kann ja nichts gutes sein, denn als braver Bürger hat man ja nichts zu verbergen.
Ohne jetzt hier Schreckensszenarien an die Wand malen zu wollen: Niemand käme auf die Idee, Briefumschläge zu verbieten. Oder Haustüren das Recht an der Unversehrtheit der eigenen Wohnung. Oder Telefone regeln zu wollen, weil sich da Verbrecher drüber verständigen.
Blankes Unverständnis gepaart mit viel Hilflosigkeit gebiert solche Ideen, ist schon klar.
Aber müssen wir nicht dann hier auch mal was tun? Unser schnuckeliges kleines Sofa verlassen und auch dem Rest der Welt zeigen, was es hier tolles gibt?
Ich erlebe oft, dass da eine Schere auseinanderklafft, die „wir” hier gar nicht mehr so wahrnehmen. Spontan fallen mir zwei Beispiele ein.
Zum einen S. die vor nicht allzu langer Zeit einen Tag mit Frau Serotonic, dem nicht bloggenden Poschisten und mir auf einem Berg verbrachte. Der Tag war erfüllt mit angeregten Gesprächen über dieses und jenes und in meinen Augen ein sehr angenehmer.
S. meldete mir irgendwann zurück, der Tag sei ein sehr angenehmer gewesen, aber wir hätten uns schon recht viel über dieses Blogzeugs und so unterhalten. Ihr mache das ja nicht viel aus, sie könne auch mal nur zuhören, aber sie wolle es wenigstens anmerken. Mir sei so eine Rückkopplung ja wichtig.
(Ja, ist sie. Sehr sogar.)
Zum anderen eine Freundin, die sich – wenn ich sie richtig verstehe – gelegentlich daran versucht, hier hereinzuschauen. Und die mir letztens sagte, wir würden uns aber hier doch ziemlich so im eigenen selbstreferenziellen Kreis drehen. (Lieber rtl2-Leser – das bedeutet: Wir machen hier nur Insider-Sprüche).
Das finde ich jetzt gar nicht so, aber ich fand auch das eine sehr wertvolle Rückmeldung.
Denn mein Gefühl kann sich ja nach 5 Jahren Bloggen auch mal täuschen.
Natürlich kann man – gerade in einem Blog – jetzt nur schwer aufhören, über andere Blogs und Websites im allgemeinen zu reden. Meist sollte das dann ja auch verlinkt sein, so dass man auch als Quereinsteiger folgen kann. (Oder ist das schon zu viel verlangt?)
Aber man sollte vielleicht doch ein Auge darauf haben.
Ich glaube, ich geh jetzt erstmal zur VHS und biete denen eine Vortragsreihe über „das Internet” an. Da fällt mir schon was zu ein.

Sven Müller
(30. August 2006 - 10:06 Uhr)
Ja, sehr schön in Worte gefasst.
Ich höre momentan auch nur aus den Nachrichten das man doch das Internet besser überwachen müsste und die Provider doch bitte verhindern sollen, dass Anleitungen zum Bombenbau nicht mehr gefunden werden.
Das zeigt mir das dort entweder unfähige Berater sitzen oder das man das Volk von Internet 1 etwas beruhigen will.
Ich kenne das Problem, ich stecke ja auch in Internet 2.
Es fällt mir immer schwer anderen zu erklären das ich nur per Forum kontakt zu anderen Spezialisten für bestimmte Sachen halte.
Und die Fahrt zu einem Forentreffen (so in real life) fällt mir auch oft schwer zu erklären.
Ich habe den Eindruck das viele Leute da irgendwie Orgien oder ähnliches vor Augen haben..
Viel Glück für deine Vortragsreihe. Wenn du jemanden zum Vorbereiten oder probehören brauchst meld dich.