Ein offener Brief

Aus der Kategorie »just people«

Sehr geehrte Cinthia Briseño,

Sie haben ja an den verschiedensten Stellen schon Gegenwind für Ihren Artikel Asperger-Syndrom: Blind für die Emotionen anderer Menschen bekommen. Zu Recht, wie ich finde – um das gleich mal vorweg zu nehmen.

Jetzt lese ich überall im Web, dass der Artikel gestern laufend editiert worden ist und inzwischen findet sich am Ende ja auch ein kleiner Hinweis der Redaktion. Vielleicht glauben Sie, dass es damit gut ist, vielleicht haben Sie keine andere Möglichkeit, vielleicht geht Ihnen das auch alles rechts am Gesäß vorbei – das weiß man ja von außen nicht so.
Trotzdem ich also den Ursprungartikel vermutlich nicht kenne und trotzdem schon vieles gesagt ist, möchte ich auch noch etwas loswerden:

Man liest in den letzten Wochen und Monaten viel darüber, dass die Presse in Deutschland ein unverzichtbares Gut anbietet: Sorgfältig recherchierte Informationen, hochqualitative Meinungsvielfalt die unabhängig von den Interessen großer Internetkonzerne die Bürger informiert und im Gegensatz zu Bloggern und anderen Laienreportern sachlich und auf Basis einer soliden Ausbildung berichtet. (Ich hoffe, ich habe alle verschwurbelten Gedankenstränge, die da so kursieren einigermaßen zusammengefasst).
Jetzt lese ich über Sie, sie haben Biochemie studiert, haben am Forschungszentrum für Umwelt- und Gesundheit promoviert und sind seit gut einem Jahr für das Ressort Gesundheit verantwortlich. Oder anders, mal ganz platt ausgedrückt: Sie kommen weder gerade frisch vom Schützenfest-Lokaljournalismus noch haben sie als Wirtschaftsspezialistin mal eben einspringen müsssen. Sie könnten ein wenig wissen, worüber Sie schreiben. Sie sind fachlich gut ausgebildet, Sie schreiben in einem renommierten Online-Magazin. Menschen glauben Ihnen.

Aber: With great power comes great responsibility, wie wir es bei Spiderman lernen durften. Haben Sie mal darüber nachgedacht, was Sie mit so einem Artikel anrichten können? Sind Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst?
Ich weiß: Natürlich setzen Sie nicht Menschen mit Autismus mit Mördern gleich.
Aber: Sie schreiben über Menschen mit Autismus in einem Zusammenhang mit dem Amoklauf von Newton. Sie lassen in Ihrem Artikel immer wieder seinen Namen fallen – meiner Meinung nach übrigens völlig ohne Grund; der Artikel hätte gut ohne dieses aktuelle Beispiel funktioniert.
Aber in einer Situation, wo Menschen aufgebracht, geschockt oder verzweifelt sind, wo man hilflos nach Antworten sucht, weil die einfachste Antwort »So etwas passiert eben« nicht sein darf, da ist es nicht möglich, eine sachliche Abhandlung über den eventuellen Autismus des Täters zu schreiben. Auch wenn Sie das vielleicht wollten.

Denn auch wenn Sie den Zuammenhang nicht direkt herstellen, er steht jetzt im Raum. Wenn Sie Zeit haben, schauen Sie sich mal den – auch sonst sehr lohnenden – Film »The Social Network« an – da gibt es eine Szene, in der im Vorbereitungsgespräch eine Anwältin eine Frage stellt und sie nach Protest unbeantwortet wieder zurückzieht. Dann grinst sie und sagt sinngemäß: »Es geht immer um die Geschworenen. Jetzt ist der Gedanke in den Köpfen der Geschworenen und da bekommen Sie ihn auch nicht wieder heraus.«

Die Geschworenen, dass sind in diesem Fall Ihre Leserinnen und Leser. Und die Frage, die Provokation, die haben Sie mit Ihrer kleinen sachlichen Abhandlung über das Krankheitsbild des Autismus gesäht. Sie haben sogar nicht nur eine Frage gestellt, Sie haben Sätze geschrieben, haben Fakten aufgezählt. Kluge Menschen wie Sie und ich, wir können das beim Lesen trennen. Aber, jetzt mal unter uns: Es ist nicht jeder so klug. Und es ist vor allem nicht jeder so unaufgeregt, vor allem im Moment bei dem Thema nicht. Und Aufregung blockiert manchmal ein paar Vernunftsfilter.
Sie haben einen Gedanken gepflanzt, eine Idee. (Wollen Sie noch einen Filmtipp? »Inception« erzählt großartig über die Macht einer kleinen Idee, wenn sie zum rechten Zeitpunkt gepflanzt wird.)

Eigentlich denke ich, all das müssten Sie wissen. Sie sind – alleine Ihrer Kurz-Vita nach – kein dummer Mensch, Sie sind verantwortlich für ein Ressort, Sie könnten wissen was ein Text bewirken kann.
Ich hoffe so sehr, Sie haben es einfach nur im Alltagsgeschäft vergessen. So etwas passiert, wir alle haben viel zu tun, zu viel oft, und manchmal gerät man in eine Fahrrinne, in einen Sog, das passiert uns allen.
Ich möchte das jedenfalls hoffen, dass es Ihnen auch einfach so gegangen ist – denn die einzige andere Erklärung, die mir sonst für so einen Artikel einfällt möchte ich Ihnen weder unterstellen noch hier in meiner Leser Köpfe sähen.

Schreiben Sie doch mal einen guten Artikel über den aktuellen Stand der Forschung über solche Amokläufe.
Und dann – unabhängig davon – ein paar Monate später mal was gutes über Autismus. Lesen Sie ein paar Blogs, da erfährt man vieles und weisen Sie Ihre Leser doch auch mal auf diese Blogs hin. So etwas stelle ich mir unter gutem, verantwortungsvollen Journalismus vor.

Edit: Cinthia Briseño hat mir inzwischen ausführlich geantwortet; außerem findet sich beim Spiegel der Artikel Newtown-Berichterstattung: Autisten verurteilen Stigmatisierung, der über einige der Reaktionen auf den ersten Artikel berichtet und einige der Blogs auch verlinkt. Und der verspricht, »das Thema Autismus noch intensiver und hintergründiger zu beleuchten«. Ich bin gespannt.


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15 Reaktionen

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Am 17.12.2012 um 11:41 Uhr wusste Moritz:

Hi Christian,

danke für deine Ruhige und sehr organisierte Art und Weise in der Du auf offensichtliche Ärgernisse hinweist. Aber meiner Meinung nach lohnt es nicht. – Warum? Weil des Selbstbewusstsein der klassischen Medien (egal ob Print oder Rundfunk) den Rezipienten nicht auf der Uhr hat. Wichtig sind nur die die Werbung schalten und die die den markt regulieren. Anders formuliert; Einfluss auf den Inhalt kannst du nur nehmen wenn du aus der Wirtschaft kommst (Inhalte kaufen) oder aus der Politik (Posten schaffen oder mit Abschaffung drohen). Journalismus ist in Deutschland eine Industrie, Berichterstattung ist ein Produktionsmittel das möglichst kostengünstig möglichst kontroverse Inhalte produzieren soll. Kontroverse durch (absichtliche) Fehler schafft Reichweite. Und Reichweite sichert Arbeitsplätze.


Am 17.12.2012 um 12:31 Uhr ergänzte Christian:

Denken wir diesen unangenehmen aber vermutlich sehr wahren Gedanken mal weiter, dann müsen wir noch unterscheiden zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, richtig?
Die Arbeitgeber sind – wie in allen kapitalistischen Systemen – auf die Arbeitnehmer angewiesen.
Ich spreche ja jetzt hier direkt eine Arbeitnehmerin an, eine deren Motivation erst einmal keine Rolle spelt, obwohl ich ihr einen guten Willen unterstelle.
Will ich etwas ändern kann ich also entweder versuchen am System etwas zu ändern (als einzelner relativ unerfreulich); ich kann überlegen gewaltsam vorzugehen (will ich nicht) oder ich kann Öffentlichkeit schaffen und die Arbeitnehmer auf meine Seite ziehen.
Streikende Journalisten wär doch auch mal was nettes.
Aber jetzt sind wir ganz schön abgeglitten.


Am 17.12.2012 um 19:29 Uhr ergänzte Jens:

Sorry, aber Du verhandelst hier mit Brandstiftern. Ich bin gerne ein vernünftiger Mensch und meistens stimmt Dummheit statt Verschwörung.
Hier aber bin ich 100% überzeugt, dass man es darauf angelegt hat, ein Thema zu machen. Eins, das im feinen Spiegel pseudodifferenziert wird und – wie nun auch zu sehen – in der Bildzeitung unverblümt und offen gespielt wird. Diese Gruselshow wird mit voller Absicht durchgezogen. Inklusive der nun folgenden Berichterstattung über die offenbar laufende “Diskussion” in der Öffentlichkeit. Angeheizt und ausgeschlachtet. Drei Wochen oder mehr, ein ergiebiges Thema. VIelleicht noch beim Jauch, mindestens zum Lanz wird man es hieven können und dann redet man “mit Betroffenen” und wie unter dem nach dem Amoklauf “gewachsenen” plötzlichen Misstrauen ihrer irrational ängstlichen Umwelt leiden.


Am 17.12.2012 um 20:02 Uhr meinte Christian:

Ich glaube – und ja, ich möchte auch glauben – es ist an der Zeit zwischen “dem Spiegel” und Frau Briseño zu unterscheiden.
Mein Brief geht bewusst an sie und nicht an “den Spiegel”; allgemeines Medien-Bashing haben wir lange genug gemacht, es bringt niemanden weiter; es verhärtet Fronten und sonst nichts.

Ich glaube, dass Du Recht hast, dass in dem System der Medien solche Mechanismen greifen. Dass sich Automatismen eingeschliffen haben, die keine Reflektion des eigenen Handelns mehr ermöglichen. Angst vor Jobverlust, Hektik im Alltag, der ewige Blick auf die PageViews/Abo-Zahlen/Einschaltquoten erzeugen – so vermute ich – einen Sog.
Und wie es so ist in gut geölten Automatismen, kann vermutlich jeder gut erklären, warum sein kleiner Teil jetzt so sein muss.

Ich habe in der letzten Zeit ein paar Mal Kontakt zu verschiedenen Journalisten gehabt, die alle mit viel Herzblut ihren Beruf ausübten. Die aber alle jeweils irgendetwas so richtig voll vor die Wand gekachelt hatten. Und die erst im dirketen Gespräch, auf wiederholte Nachfrage feststellten, das ihnen da der Alltag in ihre eigentliche Intention reingegrätscht war.

Von daher ist es mir wichtig, nicht einzelne Menschen (Ausnahmen bestätigen sicherlich die Regel) als Brandstifter zu verdammen, sondern das System. Und Systeme zu beschimpfen bringt ja bekanntermaßen nich so dolle viel.
Mit Menschen inside the system in Kontakt kommen, sie vielleicht nachdenklich machen, sie hinterfragen, mit ihnen reden – das liegt mir im Moment näher.


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Wundervoll geschrieben. Ein offener Brief an die Autorin des Asperger Artikels der Spon. http://t.co/wQ6zgBar

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