Fernsehen mal von nahem betrachtet
Manchmal frage ich mich, was uns das aktuelle Fernsehprogramm so sagen kann. Also das, was wir hier gerne als „Unterschichtenfernsehen” verspotten, während wir abends hingebungsvoll den chinesischen Filmen mit Untertiteln auf arte folgen.
Denn das Fernsehen hat sich ja verändert.
Jahrelang bölkten sich nachmittags Menschen, die andere Formen der Kommunikation offensichtlich verlernt hatten in Talkshows gegenseitig an, weil sie sich gegenseitig Männer, Frauen oder Geliebte ausgespannt, dann damit kräftig Nachwuchs produziert hatten und dann herausfinden mussten, von wem sich das Sozialamt die Alimente zurückholen konnte.
Übrig geblieben ist davon nur noch die Britt, die sich als billigen Anlaufstelle für alle, die einen Vaterschaftstest brauchen etabliert hat.
Ich habe die Talkshows immer als Ausdruck der Unfähigkeit, ernsthaft zu kommunizieren erlebt – verbunden mit dem immer weiter wachsenden Bedürfnis sich irgendwie die anscheinend vertraglich zugesicherten 15 Minuten Ruhm abzuholen.
Dann kamen die Gerichtsshows.
Eigentlich eine folgerichtige Entwicklung. Nachdem – je nach Show und Vorliebe – der lustige Andreas, die investigative Bärbel, die gemütliche Vera oder die Lügendetektor-bewehrte Britt einem nicht mehr helfen können, haut man sich eben gegenseitig in die Fresse und landet bei der roten Zora Frau Salesch.
Aber auch das wird langweilig – immer der gleiche Raum, Frau Salesch wechselt zu selten die Klamotten und wenn man ehrlich ist, weiß man nach 5 Minuten, welcher der zufällig anwesenden Zuschauer der Gärtner Mörder ist.
Die Entwicklung ist logisch, allein: Es fehlt die Möglichkeit zur Selbstdarstellung. (Haben die alle keine Blogs?)
Also begann das Fernsehen mit dem Reality-Soaps.
Das Konzept einer Reality-Soap ist billig. Man begleitet mit einem Kamerateam ein paar möglichst beliebige Menschen dabei, wie sie entweder vor einer neuen Aufgabe oder sogar in totalen Alltagssituationen scheitern. Beliebt sind Familien, die nach dem Auswandern in Spanien erstaunt feststellen, dass die Spanier in Spanien – im Gegensatz zu einem selbst – wirklich fließend spanisch sprechen oder Möchtegern-Gastwirte, die sich einen Lebenstraum verwirklichen aber noch nie mehr als zwei Schnitzel nacheinander gebraten haben.
Aber genug gelästert.
Schauen wir zuerst mal auf Bewerbungsshows: Drei Bewerber, eine Stelle. Wenn man selbst ein bisschen intelligenter ist als die Kandidaten, weiß man nach 10 Minuten, wer den Job kriegt. Ist aber auch egal. Wirklich interessant finde ich, wie die Kandidaten in den zwei Tagen Probearbeiten zur Ellbogengesellschaft getrimmt werden.
Wie 17-jährige verhuschte Mädels – von der gehässigen Kommentator-Stimme permanent „die schüchterne” genannt – beim Run auf die Lehrstelle als Sandwichbelegerin betonen, dass sie in der nächsten Runde jetzt richtig punkten müssen.
Wie im Einzelinterview alle im Urteil über den Gegner möglichst sozial formuliert seine Schwächen betonen.
Wie alle versuchen, Werte zu erfüllen, die sie noch nie gelebt, aber genau einmal gesehen haben: In der Checkliste, die es vor dem Praktikum in der Klasse 10 gab.
Im Endeffekt werden da ganz subtil die guten, die angepassten Tugenden vermittelt. Schule und Eltern haben versagt, jetzt erklärt uns das Fernsehen, wie man eine Stelle bekommt. Jedenfalls, so lange es unterhaltsam in 45 Minuten Netto-Sendezeit passt.
Ähnlich Supernanny, -mamas und wie sie alle heißen. Auch wenn Frau Saalfrank in Interviews gerne so rüberkommt, dass sie ihre eigene Sendung ja gar nicht kennt (”Ach, wir haben einen neuen Vorspann?„) – sie erklärt dem Land jetzt, wie man erzieht. Jedenfalls in den Fragmenten, die RTL für ausstrahlungswürdig hält. Erstens merkt man, dass der Sender von Folge zu Folge krawallgeiler wird und zweitens wird die Supernanny inzwischen ja mit den Geistern, die sie selber rief konfrontiert: Letztens erzählte ihr eine Mutter stolz, sie hätte doch schon die Supernanny-Regeln aus dem Internet ausgedruckt, aber das Drecksbalg wollte trotzdem nicht so wie sie.
Also auch wieder hier: Das Fernsehen übernimmt die Wertevermittlung. Welche Werte das in einem von der Werbung abhängigen Industriezweig sind mag sich jeder selber denken.
Wem das alles zuviel wird, mit den ganzen Werten, der wandert aus. Ist ganz einfach, man braucht keine Idee, keinen Plan, keine Fremdsprachenkenntnisse – man kündigt nur die Wohnung, fliegt ins gelobte Land und regt sich dann dort auf, dass man auch dort eine Arbeitsgenehmigung braucht und alle ausländisch sprechen.
Ich habe gehört, Vox sucht im Moment nach gescheiterten Auswanderern, die sich beim Zurückkommen beobachten und auslachen lassen wollen.
Für die, die hier bleiben müssen gibt es zwischendurch die boomenden Wissenschaftsshows. Wobei „Wissenschaft” in diesem Zusammenhang ein Wort ist, das einem die Schamesröte ins Gesicht treibt.
Wer einmal nachts die Space-Night gesehen hat, der kennt, wie mühelos in den 60ern Dinge wie Sonnen- und Mondfinsternis, Schwerelosigkeit oder mehrstufige Raketenantriebe erklärt wurden. Heute fliegen die Sendungen jemanden nach Amerika, weil es dort das größte Schnitzel (Pizza, Bratwurst, Haxe, …) der Welt gibt.
Zusammengefasst:
Deutschland wird von den Fernsehfachleuten erzogen.
Wer das nicht will, der soll gehen.
Wer das nicht will, der wird mit wirtschaftswunderesken Berichten darüber, dass auch hier das Land, wo Schnitzel und Bier fließen ruhiggestellt.
Hätte ich oben nicht so darüber gelästert – ich würde auswandern wollen. Irgendwo in Schweden in den Wald. So lange es da DSL gibt.

Pia
(7. Januar 2008 - 11:33 Uhr)
Du hast die elenden Kochshows und perfekten Dinners vergessen. Weil Kochen lernt man heute auch durchs Fernsehen.