Gelesen: »Sitzen vier Polen im Auto« von Alexandra Tobor

Aus der Kategorie »just read«

Alexandra Tobor ist der Web-affinen Leserinnenschaft als @silenttiffy bekannt und, wie ich jetzt kürzlich erfahren konnte, kann sie uns außerdem als Spex-Platten-Kritikerin bekannt sein. Aber Spex hab ich irgendwie nie gelesen.

Gelesen habe ich aber jetzt Alexandras Roman, den irgendjemand (ich hoffe jetzt, nicht sie selbst) mit dem wunderblöden Titel »Sitzen vier Polen im Auto« versehen hat. Passt nicht zu silenttiffy, passt auch nicht zum Buch, finde ich. Aber da hört die Kritik dann auch auf.

Ich muss ja gestehen, ich bin ein echtes Kind der Achtziger, ein echtes Kind des kalten Krieges und auch ein Kind eines Mannes, der tapfer in Uniform dafür sorgte, dass der böse Osten uns nicht überrannte. And I hoped the Russians loved their children too.
Polen war zwar immer auch eher Opfer der bösen Russen – hatte ich gelernt – aber Osten ist Osten und mein Horizont hörte in Helmstedt auf. Kinderhirne sind da manchmal einfach.

Jetzt habe ich Alexandras Buch und Geschichte gelesen und bin – Vorsicht, doofer Satz: Echt dankbar dafür.

Wie gesagt bin ich Kind der Achtziger, außerdem muss ich nur ein Viertelstündchen nach Norden fahren und bin in Unna – wo sich das Durchgangslager Unna-Massen befand. »Massen« war also bei uns ein feststehender Begriff, so wie auch »Applerbeck« – hier befanden sich »die Bekloppten«, in Massen eben »die Ausländer«. Damit war alles gesagt, damals in den frühen Achtzigern auf dem Dorf.

Natürlich habe ich mit zunehmendem Alter gelernt, dass das weder mit Applerbeck noch mit Unna-Massen so simpel und dumm war, aber so richtig in Kontakt mit Land oder Leuten bin ich irgendwie nie mehr gekommen.

Alexandra erzählt die Geschichte einer polnischen Auswandererfamilie, ihrer Famlie, vieler Familien. Sie erzählt vom Leben und dann vom Aufbruch in Polen und vom Ankommen und Nicht-Ankommen in Deutschland. Sie erzählt davon, wie sie die Deutschen erlebt, wie die Deutschen sie aufnehmen und wie polnische und deutsche Werte oder auch nicht-Werte aufeinanderprallen. Wo sie angenommen und wo abgelehnt wird, wo polnische Familien in Deutschland dann zusammenhalten und wo nicht. Und wie – mein persönliches Highlight – sie eingeladen wird, weil die Tochter der Familie auch mit weniger priveligierten Kindern spielen soll. Deutschland at it’s best.

Dsa alles könnte jetzt traurig oder trotzig geschrieben sein, es könnte auch gut der erhobene Zeigefinger wedeln, kurz: es könnte eine Absicht herüberkommen und man wäre verstimmt.
Aber nein. Ich habe eine ganz wunderbar unaufgeregte Geschichte gelesen, in der ich sofort meine deutschen und ausländischen Klassenkameraden und mich, meine Eltern und ihre Kollegen und alle anderen Kleinstädter wieder erkannt habe. Eine Geschichte einer einzelnen Familie, die es aber schafft, die Geschichte vieler Familien und einer ganzen Zeit zu malen.
Und ich habe – und das ist eigentlich das wichtigste – eine Geschichte gelesen, die mit wunderbarem Blick für die kleinen Geschichten und Stimmungen, mit Blick fürs Detail und mit ganz viel Liebe erzählt ist.
Und deswegen: Danke dafür, liebe @silenttiffy.


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Auch anderswo wird darüber gesprochen …

RT @jawl: Neu im jawl: Gelesen: Sitzen vier Polen im Auto von Alexandra Tobor http://t.co/N49Eue0E @silenttiffy

RT @jawl: Neu im jawl: Gelesen: Sitzen vier Polen im Auto von Alexandra Tobor http://t.co/N49Eue0E @silenttiffy

[...] Abgrenzungen gegenüber zusammen. Aber der Untertitel sagt wenig über ein Werk aus, wie wir von Tobors ‘Sitzen vier Polen im Auto – Teutonische Abenteuer’ wissen. Und ‘Kritik der vernetzten Vernunft’ klingt gut. Finde ich auch nach dem Lesen noch. [...]


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