Hochgebabt?

Aus der Kategorie »just people«

Vor einem knappen Monat hab ich mich ja eh geoutet: Ich war nicht immer so eine coole Sau. (Sorry, ich MUSSTE diesen überheblichen Satz einfach noch einmal schreiben)
Ich studierte Diplompädgogik, vorher auch auf Lehramt und bewegte mich naturellement auch eher in Pädagogen- und Lehrerkreisen. Damals ging es – ebenso naturellement viel um Chancengleichheit. Ein wichtiges Wort für Sonderpädagogen und ich komme gleich drauf zurück.
Mein Freundeskreis war außerdem sowas von p.c., das könnt Ihr Euch gar nicht vorstellen – zur Veranschaulichung empfehle ich Euch, das wunderbare Lied „Afroamerikanerküsse“ von Judith Holofernes (hier in einer bezaubernden Schrankwand-Version auf YouTube) zu hören und Euch vorzustellen, dass damals keiner darüber hätte lachen können.

Wo war ich? Ach ja: Chancengleichheit. Gerne falsch verstanden als Zielgleichheit wie uns die wunderbare Brand Eins im letzten November erklärte:

Schauen wir uns dazu mal an, was aus dem – vom Soziologen Ralf Dahrendorf in den sechziger Jahren eingeführten – Begriff der Chancengleichheit geworden ist. Das ist ein zauberhaftes Wort, denn Chancengleichheit kann man im Grunde verstehen, wie man möchte. Chancengleichheit ist jedoch kein beliebiges Wort. Es bedeutet nicht, dass alle dasselbe können. Es bedeutet auch nicht, dass alle dasselbe von Haus aus mitkriegen. Es bedeutet schlicht nicht mehr und nicht weniger, als dass alle die Chance haben, sich in einer Ausstellung mit vielen abstrakten Bildern ihr Bild machen zu können. Chancengleichheit verlangt Mitwirkung. Das bekannteste Bild zur Chancengleichheit ist jenes vom 100-Meter-Lauf, einer besonders beliebten Disziplin der Leichtathletik. Dabei machen sich mehrere Sportler an einer Startlinie bereit, bis der Schuss fällt – und dann geht’s los. Jeder Sportler hat genau die gleiche Strecke zurückzulegen. Es muss nicht einer auf Kies laufen, während der andere auf festem Ascheboden sprintet. Das wäre unfair. Doch eines sollte jeder wollen: als Erster durchs Ziel gehen.
Im Stadion freut sich das Publikum darüber. Im wirklichen Leben aber ist es verpönt. Es gibt im Umgangsdeutsch den wunderbaren Begriff des „zweiten Siegers“. Das gibt es nur hier. Hat es damit zu tun, dass man niemanden kränken möchte? Und wenn es so ist, warum kränkt man damit die, die als Erste durchs Ziel gehen?

(Quelle: Brand Eins Nov. 11/2007 „Kannst Du schon?“)

Damals haben wir die Chancengleichheit alle eher anders – aus heutiger Sicht würde ich sagen – falsch verstanden: Wir konnten immer nur alle das selbe tun. Also bis zum selber Ziel.
Es war ungeheuer schwer, in etwas besser zu sein – das war einfach nicht im Rahmen des möglichen. Die Dinge wurden am besten basisdemokratisch ausdiskutiert. Jeder durfte alles tun und Kritik war verpönt – denn damit hätte man sich über die anderen gestellt.
Oder anders gesagt: „Ich bin o.k. – Du bist o.k.“
Mehr aber auch nicht – denn so war dummerweise keiner von uns gut. Nur immer o.k.. So entsteht Mittelmaß.

Heute denke ich schon, dass ich aber nun in manchen Dingen besser bin als andere. Dafür in anderen schlechter. Die Erkenntnis darüber ist ein wichtiger Sozialisationsschritt, sie hilft einem selbst, sich in Relation zu andere Menschen, anderen Meinungen zu sehen, sie hilft Ziele zu entwickeln und auch den Status zu schätzen. Alles also eigentlich recht wichtig.

Trotzdem fällt es vielen schwer einfach mal einzugestehen, wenn jemand anderes – aber auch wenn man selbst – etwas besser kann. Man ist – wenn man die direkte Vergleichssituation nicht mehr vermeiden konnte – sofort geneigt, den „zweiten Sieger“ zu feiern. Der Sieger hat ja schließlich schon gewonnen, den muss man nicht mehr feiern, nicht mehr wertschätzen. Alle aus einer seltsamen Verlegenheit heraus, dass auf einmal so klar ein Unterschied im Raum steht.
Auch das schafft Mittelmaß – denn warum soll man sich noch anstrengen?

Kleiner Sprung: Ich schaue gerade die Miles Davis Story. Miles wusste immer, dass er der beste war. Und dass er die besten bei sich in der Band wollte.
Und wozu hat das geführt? Alle wollten mit ihm spielen und die, die es schafften wuchsen an ihm und ihren neuen Aufgaben und in seinem Umfeld enstand quasi eine eigene kleine Szene von phantastischen Musikern.
Das wäre garantiert nicht passiert, wenn alle – sagen wir mal – auf dem Niveau des schlechten Bassisten gespielt hätten, statt einen neuen zu suchen – aber dann hätten wir heute eine Menge wunderschöner Musik und drei oder vier Jazz-Stilrichtungen weniger.

Wie ich drauf komme? Ich glaube, ich möchte dieses Jahr einmal herausfinden, ob ich in der Schule so klassisch verkackt habe weil ich zu blöd war oder weil ich zu schlau war. Und wenn mein IQ für die Mensa reicht, dann geb ich damit großkotzig hier im Blog an.
Mehr hab ich dann ja eh nicht davon, damit kriegt man ja im Kaufland sein Klopapier nicht billiger.
Wenn ichs nicht tue wisst Ihr: Ich bin doch nur genauso durchschnittlich wie der Durchschnitt. Dann bleibt mir nur mein cooles Blog.
(file under: einmal aufgeschrieben muss ich mich ja endlich trauen)

In diesem Sinne Euch allen eine gute Nacht – was auch immer Ihr Euch für dieses Jahr vorgenommen habt.


Ähnliche Artikel lesen?

Außerdem schrieb ich zum gleichen oder ähnlichen Themen auch noch …

Ich finde den Artikel super!

Das freut mich natürlich sehr.

Du kannst den Artikel weiter verbreiten
Du meinst, der Artikel könnte auch anderen gefallen? Dann findest Du etwas weiter oben auf dieser Seite, direkt rechts unten am Artikel ein paar Buttons. Damit kannst Du den Artikel per eMail, Twitter, facebook oder google+ weiter verteilen. Ich würde mich darüber freuen.

Mir ein Geschenk machen? Uiuiuiui.
Gefallen Dir meine Artikel immer wieder, schöder Mammon ist Dir aber zu doof? Dann mach mir doch eine Überraschung: Hier findet Du meine amazon-Wishlist mit ausgesuchten und garantiert Freude spendenden Präsenten zwischen fünf und zweitausenfünfhundert Euro – da ist bestimmt was passendes dabei.

Geld? Wow.
Ist Dir mein Artikel darüber hinaus sogar noch etwas wert, dann findest Du bei den Icons zum Verbreiten des Artikels einen flattr-Button. Jeder Euro, der darüber reinkommt geht direkt weiter an netzpolitik.org.

Wer? Was? Warum?

Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

1 Reaktion

Am 23.02.2008 um 19:14 Uhr sprachCountZero :

versprich dir nicht zu viel von dem test bzw. dessen ergebnis.
ich habs nun seit rund anderthalb jahren das schwarz auf weiß, was ich seit meiner frühesten kindheit eigentlich schon wusste, und meine unmittelbarste reaktion auf das testergebnis war „so, nun, also, isses also wirklich so“.
was sich seither sehr wohl für mich geändert hat, seit ich dem verein beigetreten bin: ich gehe zu dem einen oder anderen treffen einiger vereinsmitglieder (es „stammtisch“ zu nennen wird der sache nicht gerecht), und dabei habe ich eine menge sehr sympathischer „gleich-bekloppter“ kennengelernt, unter denen man endlich mal wieder man selbst sein darf und sich nicht dümmer stellen muss als man ist, um keine animositäten anderer zu wecken.

wenn du den test also machst, um dir einfach gewissheit über etwas zu verschaffen, das du schon lange weißt oder wenigstens begründet vermutest, wenn ein weiteres ziel daraus ist, einen einfachen zugang zu gleichartigen zu verschaffen, kann ich dich dazu nur ermuntern und evtl. bald als vereinsmitglied begrüßen.
etwas anderes solltest du dir von dem test jedoch wirklich nicht versprechen… dein leben und der umgang mit den normalsterblichen wird durch ein positives testergebnis eher noch komplizierter statt einfacher….


Dein Kommentar:

Du möchtest auch so ein hübsches Bild am Kommentar haben? Die Bilder gibts bei gravatar.com
Die Bedingungen für das Buchen eines kommerziellen Kommentars findest Du hier.