(Wallpaper-geeignet, man muss sich ja manchmal selbst erinnern)

Medienkompetenz im Wandel

… schrieb ich letztens bei twitter.
Und wie so oft gärt dieser launig dahingeschriebene Tweet noch nach, stößt auf andere Dinge und wird auf einmal blogreif.
Der Auslöser war ein Treffen mit einer Gruppe von absoluten Social-Web-Skeptikern. Ich saß zwar eigentlich nett mit ihnen zusammen, stellte aber nach dem Abend fest, dass ich wirklich einigermaßen genervt davon war, mich für alles was ich, Ihr, facebook, Google oder sonstwer im Web so tut rechtfertigen zu müssen.
Gleichzeitig war aber genau diese Gruppe ein Musterbeispiel für die Menschen, die andererseits unglaublich begeistert davon sind, was mal so alles im Web findet. Für jedes Problem in InDesign eine Lösung, für jedes Hakeln im Betriebssystem ein Forum – wie unglaublich toll!
So kam ich auf den Tweet.
Denn – und das werfe ich der Runde an jedem Abend vor – da gehört der Blick mal wieder über den eigenen Tellerrand gehoben.
Einigkeit herrschte am Tisch – und vermutlich nicht nur da – über eins:
Es ist einfach supernett, wenn man ein Problem hat und ein fixes Googlen einem Hilfe bringt. Und genauso klar ist es nervig, wenn man beim Scrollen in der alphabetischen Forenliste auf dem Weg zum Apple-Forum auch an den Analfissuren vorbei kommt. Oder wenn man sich für die Listenerstellung im Quark erst durch den Liebeskummer wühlen, für Fragen zu Google Plus durch die Nachbarschaft zur Gonorrhoe vorbeifinden muss.
Aber: Haben deswegen Liebeskummer und Verletzungen an der Hintertür nichts im Web zu suchen? Falls man gerade Liebesummer oder aber Blut im Stuhl hat mag man das anders sehen. Wen interessieren schon soziale Netzwerke, wenn es im Schritt juckt?
Jeder von uns kennt die klasische Geschichte vom Personalchef, der erst einmal den neuen Bewerber googelt und dann auch auf Dinge stößt, die man ja besser auch nicht ins Netz geschrieben hätte. Hätte er ja wissen können, der dumme Bewerber.
Man nennt das dann gerne Medienkompetenz, zu wissen, was man so tut.
Aber: Wer bestimmt denn, was man ins Web stellt und was nicht? Wer bestimmt, was irgendwann für irgendjemand nützlich sein könnte und was nicht? Warum ist ein Problem im InDesign wichtiger als ein gebrochens Herz?
Ist es also Medienkompetenz, voraus zu ahnen, was irgendwann irgendwen einmal stören könnte? Dann machen wir das Web am besten jetzt und sofort zu, denn für alles, was man sagen oder denken kann findet sich auch jemand, den es stört.
Das wunderbare an diesem Web ist doch, dass eben jeder sich darin wiederfinden kann. Dass sich über jedes mögliche und unmögliche Problem schon mal jemand Gedanken gemacht hat. Es ist ja schließlich Platz genug.
Wenn aber alles drinstehn kann in diesem Web, dann ist es Medienkompetenz, es auch da stehen zu lassen. Dann ist es Medienkompetenz, über Dinge hinweg lesen zu können, die einen stören.
Dann ist die neue Medienkompetenz nicht mehr, Dinge nicht zu schreiben, sondern Dinge nicht zu lesen.
Amsterdam
Wir mussten mal hier raus. »Hier raus« bedeutet ja normalerweise für uns, ans Meer zu fahren und so fuhren wir gestern morgen in dem festen Glauben los, wir würden am späten Vormittag in Zandvoort am Strand stehen.
Kurz vor dem Amsterdamer Ring fingen wir aber an zu überlegen, wie lange wir eigentlich nicht mehr in Amsterdam gewesen waren, ein Wort gab das andere und kurz danach bekam Uschi – so nennt der Offliner immer mein Navi und dummerweise hab ich das irgendwie übernommen – ein neues Ziel mitgeteilt: Parking Waterlooplein, Amsterdam. Mittendrin also.
Das Ziel war etwas ironisch gewählt, denn mit dem Waterlooplein verbinden uns beide, unabhängig voneinander viele Erinnerungen. Erinnerungen an eine Zeit, als die Haare noch lang und die Hosen noch bunt waren.
Damals – so ab achtzehn – saßen wir nämlich beide hier in der Kleinstadt und bewunderten die Kleinstadthippies mit ihren außergewöhnlichen Klamotten. Die trugen Sachen, die es hier bei C&A oder auch in der nächsten Stadt bei H&M nicht gab – bunte, gebatikte, aus Flicken zusammengeschneiderte Hosen, Oberteile, die mit ihren Stickereien und Spiegelpailetten an Indien erinnerten, grob gestrickte Kapuzenoberteile und unglaublich an Herrn Morrison erinnernde Lederjacken. Wir waren etwas neidisch damals.
Aber dann hatte irgendwer von irgendwem gehört, dass der jemanden kannte, der immer nach Amsterdam zu Flohmarkt fuhr und dort einkaufte. Dort sollte es alle diese Dinge geben – und sogar in großer Auswahl. Außerdem total gute gebrauchte 501 und total lustige T-Shirts.
Es musste also der Himmel sein und irgendwann trauten wir uns auch, setzten uns zu fünft in den Golf des Offliners (ja, den kannte ich damals schon) und fuhren auch los.
Amsterdam ist echt groß und war außerdem gerade hier in der Kleinstadt nicht unbedingt für Mode bekannt. Eher dafür, das es dort nichts anderes als Coffeshops gab in den man kiffen musste, dass es dort Frauen gab, die in den Schaufenstern sitzend den Vorbeigehenden ihre Liebesdienste aufdrängten und dass man eh an jeder Straßenecke überfallen und ausgeraubt wenn nicht sogar bestohlen wurde.
Wir waren also entsprechend aufgeregt, damals.
Trotzdem war der Flohmarkt, den wir nach längerer Irrfahrt mit Auto und Ubahn durch den Großstadtmoloch dann fanden, tatsächlich der Himmel. Die Stände waren aufregend bunt, es roch fremd (später lernten wir den Geruch als Mischung aus Patchouli, Räucherstäbchen und Moder zu identifizieren) und wir verstanden quasi keine einzige der vielen verschiedenen Sprachen, die die Menschen um uns herum so sprachen.
Wir brauchten den gesamten Tag, um jeden der Stände ausführlich kennen zu lernen, um jedes bunte Shirt anzuprobieren, um über die Vorteile von verschiedeen Flickenanordnungen zu diskutieren und irgendwann müde aber glücklich Besitzer von ein paar neuen muffigen Kleidungsstücken zu sein.
Wir fuhren von da an öfter, wir lernten in englischer Sprache zu handeln, wir konnten die guten ( also die Klamotten-) von den doofen (also den Trödel)-Ständen zu unterscheiden. Ich verliebte mich in eine Lederhose auf die ich dann eineinhalb Jahre sparte, wir campten irgendwann auch mal in der Stadt (gruselig, nur betrunkene Kiffer) und vor der Stadt (ganz ok), wir verließen auch mal den Trödel und wanderten irgendwann sogar 500m weiter bis in die Fußgängerzone – denn da gab es wirklich gute gebrqauchte 501!
Ich wurde nie beklaut, ich hatte nie Sex hinter einer zugezogenen Gardine in einem Schaufenster und gekifft habe ich eh nie.
Aber als ich irgendwann mit einem neuen Bekannten losfuhr und 500m vor der Grenze nach Holland seine Hasch-Voräte aus dem Handschuhfach heraus in den Grünstreifen befördern musste weil Reinschmuggeln ja wirklich doof wäre wo er doch was einkaufen und rausschuggeln wollte – da beschloß ich, dass diese Zeit wohl vorbei war.
Kaum 15 Jahre später war die Wahl des Ziels also recht ironisch angehaucht, ich sagte es ja schon.
Wir landeten ohne großen Stau im Parkhaus und standen nach wenigen Schritten auf einem bezaubernden kleinen Flohmarkt. Es gab allerlei lustigen Trödel, Möbel, Deko-Kram, allerlei Zeugs was wahrscheinlich mal irgendwo vom Laster gefallen war oder dem indonesiche Kinder mit ihren flinken Fingern die Logos aufgestickt hatten – und dazwischen ein paar Klamottenstände. Bei denen gab es dann eine bunte Mischung aus Hippie-Zeugs und dem Kram den in den Frauenzeitschriften die sogenannten Stilikonen tragen und dann auf Nachfrage sagen „das hab ich auf einem ganz bezaubernden kleinen Trödel in Paris/New York/Amsterdam gefunden”.
Ich glaube, wir hatten damals einen arg selektiven Blick.

Wir liefen durch die Stadt, sahen in den paar Stunden die wir hatten, den Dam, den Bahnhof, die laute Tour-Fußgängerzone und die ruhigere andere, wir sahen Grachten, Grachten, Grachten, ein lustiges Horrido vor dem Dam und eins auf irgendeinem anderen Platz, Frikandel aus dem Automaten, viele Menschen auf den großen Straßen und keine in den kleinen Gassen, die an die Winkelgasse erinnerten – und Grachten, Grachten, Grachten.
Und obwohl wir vermutlich nur den innersten Innenstadtkern gestreift haben, obwohl wir insgesamt fast nur in den Touri-Straßen waren und wir für zwei lustig chemisch-bunte Berliner mit Cremefüllung 7 Euro bezahlten war es ganz, ganz wunderbar. Viele Menschen, viele Sprachen, viele Eindrücke. Und vor allem viel positive Stimmung. Irgendwann erinnerten wir uns daran, dass wir ebenfalls samstags nachmittags mal in der Hohen Straße in Köln gestrandet waren. Einem Ort also, den man eigentlich durchaus vergleichen könnte, wenn – ja wenn nicht der eine, der in Köln nämlich, die Vorhölle auf Erden wäre. (Und wir mögen Köln wirklich gern.)
Ich glaube, wir hatten damals einen arg selektiven Blick.
Scheiße ist diese Stadt schön.
Ach ja: Unter waterloopleinmarkt.nl gibt es eine – ganz bezaubernd schlecht auch ins deutsche übersetzte Seite – über den Flohmarkt. Ich hab nach Lesen des deutschen Texte quasi keinerlei Ahnung, was sie mir sagen wollen – es ist toll!
Da ich selbst keine Bilder gemacht habe danke ich m.agullo für sein CC-Bild, Shira Golding für ihr CC-Bild, janwillemsen für sein CC-Bild, sfreimark für sein CC-Bild und noch einmal sfreimark für noch ein CC-Bild!
Gebookmarkt am 19.08.2011
Am 19.08.2011 aus dem Feedreader gepickt:
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ich habe beim thema internet auch lange geglaubt, dass sich das internet vorzüglich selbst reguliert […] regeln wollen wir alle, die frage ist, wo wir jeweils die grenzen ziehen und wie wir diese grenzen verhandeln. niemand ist dafür, dass, zum beispiel, sein emailprovider mit seinen emails machen kann was er will und in seinen freiheiten nicht eingeschränkt wird. spätestens dann, wenn sein emailprovider anfängt seine emails zu veröffentlichen, wird auch er nach regeln rufen. nach regeln, die ihm privatshäre und einklagbare rechte zugestehen.
Mit bestem Dank an delicious.
Gelesen und gemerkt am 18.08.2011
Am 18.08.2011 aus dem Feedreader gepickt:
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Dann erfahren wir, dass in diesem Zusammenhang über eine Million Handydaten gespeichert wurden. Ich frage mich seitdem bei jedem Gespräch, das ich mit Handy führe, was ich sagen möchte und was nicht. Diese Schere im Kopf hatte ich zum letzten Mal in der Zeit der DDR-Diktatur… Ich habe mich u.a. deshalb sehr aktiv für die friedliche Revolution engagiert, damit ich so etwas in Deutschland nie wieder erleben muss!
Mit bestem Dank an delicious.





