Ach ja. Da war ja noch was.

Aus der Kategorie »just work«

Regelmäßige Leserinnen von twitter oder facebook wissen es schon, nichtsdestotrotz sollte ich es hier ja auch mal erzählen: Vor ein paar Wochen habe ich eine Fanpage über die wunderbare Tina Dico veröffentlicht. Sie hat natürlich alles, was eine Fanpage so braucht – also ein bisschen Biographie, die CDs, Bildergalerien, Videos, Konzertkritiken, Links und so weiter – aber vor allem hat sie, und das finde ich ganz wunderbar, die Unterstützung von Frau Dico selbst. Darüber bin ich furchtbar dankbar.

tinadicofan.de

Für die technisch interessierten: Als Unterbau hat sie eine ProcessWire-Installation – und das hat sich ziemlich schnell zu meinem neuen Lieblings-CMS gemausert. Aber das natürlich nur am Rande.


25 Jahre Mauerfall. 4 Tage Mauerbau.

Aus der Kategorie »just people«

Der Mauerfall
1989 war ich 17 Jahre alt. Über das Jahr hin hatte ich natürlich mitbekommen, dass und was sich in der DDR tat. Aber zum einen unterhielt man sich in meiner streng CDU-wählenden Familie nicht weiter über politische oder gesellschaftliche Themen. Und zum anderen hatten meine Eltern meine Schule danach ausgesucht, dass sie mir ihr Weltbild möglichst nahtlos weiter in den Kopf pressen sollte – und so gab es wenig Raum für eine Beschäftigung mit den Ereignissen.

Ich erinnere mich dunkel, zwar schon ein Gefühl dafür gehabt zu haben, dass gerade etwas Großes passierte, aber vermutlich machte mir das hauptsächlich diffuse Angst. Ich glaubte zwar schon länger meinem Vater nicht mehr jedes Wort – aber wenn man von frühster Kindheit damit aufgewachsen ist, dass „der Osten” das Böse an sich ist und Papa morges das Haus verlässt, um in Uniform unser armes kleines Land und die ganze freie Welt zu schützen, dann sitzen manche dieser Gefühle tiefer als man das ahnen kann.
Außerdem schlug mein Herz damals – zwar noch wesentlich unfundierter aber vermutlich dafür emotionaler als heute – schon eher links als rechts und ich befürchtete, dass haarlose Idioten gleich mal auf den „Wir sind das Volk”-Zug aufspringen würden. War ja jetzt auch nicht sooo unbegründet, diese Angst.

Und so nahm ich dann auch den Tag der Maueröffnung zwar wahr, aber irgendwie … tja.

Das freudigste Ereignis für mich war ehrlich gesagt wohl am nächsten Tag: Die Nonnen, die meine Schule leiteten, wuselten wie frisch aufgezogene Duracell-Häschen durchs Gebäude – vor Freude darüber, dass sie jetzt wieder in das Mutterhaus ihres Klosters in der (noch-)DDR reisen konnten.
In nahezu ekstatischer Begeisterung stellten sie in allen Treppenhäusern Fernseher auf (mit dem Brandschutz hatte man es damals noch nicht so) und verdonnerten alle Schüler zum gemeinsamen Erleben deutscher Geschichte. Jaja, auf einmal.
Ein paar Freunden und mir war klar, dass niemand in dem Gewusel kontrollieren konnte, ob man ihm bewohnte und wir verbrachten den Vormittag deutlich entspannter im örtlichen Cafe. Und vier Stunden Unterrichtsfrei sind vier Stunden Unterrichtsfrei.

Die Wiedervereinigung
Am Samstag, dem 29.9.1990 fuhren ein, also genauer: mein Englisch-LK und ein Geschichts-LK zusammen auf die obligatorische Kursfahrt: Vierzig knapp 18-jährige für eine Woche nach England. (Wer die armen Geschichtler, die ja garantiert nicht aus tiefer Liebe zu Fremdspachen heraus Geschichte als LK gewählt hatten in diese Verlegenheit brachte, habe ich bis heute nicht begriffen – aber die Wege dieser Nonnen waren halt unergründlich)

Wir waren zuerst drei Tage in Oxford, dann vier Tage in London. Und um so richtig in die Kultur des Landes eintauchen zu können, hatte man uns in Gastfamilien untergebracht (arme Geschichts-LKler) und das war aus vielen Gründen sehr spannend.
Einer – und damit der in diesem Zusammenhang interessante – war, dass wir an Zeitungskiosken und überhaupt in einem anderen Land das erste Mal mitbekamen, wie man von außen auf die deutsche Wiedervereinigung schaute. Deutschland allgemein war ja größtenteils eher im Freudentaumel und wie gesagt: Mein kleines Umfeld war an politschenm Diskurs eher wenig interessiert.
Ich erinnere mich nicht konkret an Schlagzeilen oder Artikel, aber die Engländer sparen ja eh selten mit Nazi-Sprüchen und die in vielen Formen rübergebrachte allgemeine Bersorgnis machte mich sehr nachdenklich.

Zum anderen waren mein Freund und ich zumindest in der ersten Familie in Oxford bei Menschen gelandet, die nicht nur ein bisschen Taschengeld nebenbei brauchten, sondern die auch richtig Bock hatten, sich mit ihren Gästen mal zu unterhalten.
Sie selbst waren aus Nordafrika nach England gekommen und kannten jede Form von Fremdenfeindlichkeit aus Ausländerhass aus erster Hand. Es war interessant, sich mit ihnen zu unterhalten und ich hoffe, wir konnten zumindest diesen beiden Menschen vermitteln, dass Deutschland im Vereinungsfreudentaumel jetzt nicht gleich wieder von Maas bis Memel wollte.

In der Nacht zum dritten Oktober hingegen lernte ich das erste Mal in meinem Leben schmerzhaft, was eine Filterbubble ist. Auch offline wähnt man sich ja immer irgendwie in der Gewißheit, dass alle Menschen um einen herum irgendwie so ticken wie man selber und der engere Kreis um einen selbst.
Und da wir uns ja schließlich – ausgelöst durch Schlagzeilen und Gasteltern-Gespräche – auch all die Tage immer wieder durchaus auch besorgt über die möglichen Folgen dieser Hauruck-Vereinigung unterhalten hatten, gingen „wir” auch davon aus, dass der ganze Bus so tickte wie wir.

Tat er nicht.

Ich muss noch kurz erzählen: Wir trafen uns nachts, nach dem Schließen der Pubs, immer noch am Bus. Unser Busfahrer war wohl sehr England-Reisen-erfahren und hatte jeden verfügbaren Freiraum seines Busses mit Dosenbier vollgestopft. So konnten die Sperrstunden-ungewohnten Deutschen noch nachfeiern und ich vermute, er verdoppelte damit in etwa seinen Lohn.
In der Nacht zum dritten Oktober standen wir also wieder auf dem Parkplatz und mussten feststellen, dass um Punkt zwölf die andere Filterbuble, die sich zufällig im gleichen Bus befunden hatte, diesen historischen Moment mit dem Absingen der deutschen Hymne begehen wollte. Ach und weils so schön war: Da gabs doch auch noch ’ne erste Strophe. Und wenn man schon so schön zusammen steht, dann kann man ja auch in der Menge versteckt mal eine Hand in den Himmel strecken.

Außerdem lernte ich damals die Kraft kennen, die ein „Ach Du bist doch ’ne Spaßbremse!” haben kann, wenn man Menschen anspricht, die gerade finden: „da wird man doch wohl mal singen dürfen”.

Nachdem ich meinen Freund, der das Ganze dann mit den Fäusten klären wollte, zurückgehalten hatte gingen wir traurig in unsere Familien. Nein, nicht nur traurig. Hilflos, wütend, traurig, beschämt, verwirrt. Alles auf einmal.

Morgens am dritten Oktober 1990 war die Teilung Deutschlands beendet und die Teilung eines LKs eines Mendener Gymnasiums besiegelt.


Wetten, dass …?

Aus der Kategorie »just TV«

Nachdem Frau Dico ja sagt, dass sie gerne in Deutschland ist, sehen andere internationale Künstler das offensichtlich anders.


Interview mit Tina Dico zum Album „Whispers” und der bevorstehenden Deutschland-Tour

Aus der Kategorie »just music«

Manchmal bin ich ein kleines Glückskind :) Zum Beispiel, als ich letztens den Mumm hatte, Tina Dico zu fragen, ob sie mir ein paar Fragen für mein Blog beantwortet und sie ganz unkompliziert zugestimmt hat. Und mir sehr ausführlich und wie ich finde persönlich und interessant geantwortet hat. Mange tak!

Erstmal noch alles Gute zu Eurer Hochzeit!
Danke! :)

Meine erste Frage: Wenn man so auf Deine Karriere zurückschaut, dann hast Du in der letzten Zeit eine ganze Menge geändert: Vom rastlosen Reisen durch die ganze Welt hin zu einem Leben mit Haus, Ehemann und zwei Kindern in Island. Vermisst Du die alten Zeiten? Oder Teile davon?

Ich war noch nie jemand, der viel zurück blickt und so denke ich da gar nicht so viel drüber nach. Aber wenn ich an Orte von früher zurück komme – Notting Hill in London zum Beispiel, wo ich fünf der intensivsten Jahre meiner Karriere gelebt habe – dann kann ich all die Träume und Gedanken von damals wieder fühlen. Oder wenn ich durch New York laufe, dann kann ich wieder spüren, wie aufregend das damals war.
Aber wenn ich dann wieder zu Hause bin, dann denke ich darüber nicht mehr nach. Mein Leben hier bietet immer noch genau so viel Aufregung und Abenteuer wie damals das als „restless troubadour”. Und wie wahrscheinlich alle jungen Eltern fehlt mir nur manchmal etwas Zeit für mich selbst; dafür, einfach mal nur da zu sitzen und mal eine Stunde nur an die Wand zu gucken.

Kommen wir zu Deiner Musik: Das neue Album ist ja sehr akustisch und ruhig. Schaut man sich alle Alben an, dann wirkt es so, als ob Du immer wieder ein ruhiges akustisches mit einem „Pop”-Album abwechselst. Nimmst Du Dir das vor, oder passiert das einfach so?

Ja, da hast Du total Recht. Aber das ist nichts, was ich mir vornehme, das passiert einfach. Immer wenn ich etwas leiser und verschlossener war, fühlt es sich an, als müsste ich dann wieder etwas direkter werden – und umgekehrt.
In der Vergangenheit war das manchmal richtig schwierig: Viele Zuhörer mögen sehr, wenn ich alleine mit der Gitarre meine Geschichten erzähle. Und wieder andere, vielleicht besonders die zu Hause in Dänemark, mögen meine Lieder aus dem Radio und kommen zu den Konzerten mit der Band, um mitzusingen und zu feiern.
 Also versuche ich, beidem seinen Platz zu geben, es ist manchmal fast ein bisschen schizophren … (lacht)

Ich kann auch gut einen Abend in einem schönen, klassischen Theater alleine mit meiner Gitarre auftreten und für ein ruhiges Publikum spielen, das mir gut zuhört – und am nächsten Abend mit der Band in einem dreckigen Club. Und ich mag das! Ich nehme mir so das Beste aus beiden Welten.

Im Moment konzentriere ich mich aber hauptsächlich darauf, in ruhigen Shows meine Geschichten zu erzählen.

In den letzten Jahren hast Du ja auch meist zum Album erst eine Tour mit der Band gemacht, oft dann von einer intimeren Akustik-Tour gefolgt. Was werden wir auf der „Whispers”-Tour erleben?

Das habe ich ja eigentlich fast schon gesagt. Aber ausführlicher: Ich bin mit drei Musikern unterwegs: Dennis und Helgi, die mich ja schon seit vielen Jahren an der Gitarre, Klavier und Posaune begleiten. Außerdem ist noch eine Frau dabei, die auch singt und Percussion spielt. So werden wir eine ruhige, akustische Atmosphäre haben, können aber auch mal Gas geben, wenn es nötig ist.

Mir geht es viel um unsere Stimmen und darum, zusammen zu singen. Ich LIEBE es so sehr, mit Helgi zusammen zu singen und mit einer dritten Stimme dabei macht es noch mehr Spaß.

Wir werden natürlich die Songs von „Whispers” spielen aber mir ist auch immer bewusst, das die meisten Menschen auch kommen, um die alten Songs zu hören. Also spielen wir viele „Hits” und versuchen hauptsächlich, eine warme, gute Atmosphäre zu schaffen.

(Nach dem Video gehts weiter)

Deine Lieder wirken ja immer sehr persönlich; auf „Whispers” gibt es jetzt einige Lieder aus der Sicht eines Mannes. Wie schwer war der Perspektivwechsel?

Gar nicht! Ich habe gemerkt, dass die Themen in der Musik so allgemeingültig sind. Deswegen kann ich auch Lieder von Coldplay, Leonard Cohen oder Bob Dylan spielen und sie fühlen sich dabei an, als seien sie von mir.
Und so kann ich auch Lieder aus der Sicht eines Mannes schreiben, ohne dabei den Kontakt zu mir selbst zu verlieren. Es hat vielleicht ein bisschen dazu geführt, etwas einfacher zu schreiben und nicht so übermäßig gefühlsbetont, wenn Du verstehst was ich meine.

Eine Frage speziell für Deine deutschen Fans: Als Du letzten Herbst in Berlin warst, da schien es auf facebook so, als ob Du die Stadt wirklich mögen würdest. Könnte da ein Umzug nach Berlin eine Option sein?

Berlin ist einfach unglaublich! Und ja – wenn wir Island verlassen wollten, dann stünde Berlin definitiv weit oben auf der Liste. Helgi würde es auch lieben – er ist fast jeden Monat da, um an der Schaubühne zu arbeiten. Jetzt gerade beginnt er ein neues Projekt in Frankfurt, so dass ich auch diese Stadt vielleicht besser kennen lernen kann.
Aber so wie ich das sehe, hat Berlin wirklich alles, was man braucht.

Eine Frage zu Deinen Fans: Ich habe im Web einmal ein Video gesehen – ich glaube aus dem dänischen Frühstücksfernsehen – in dem ein Mädchen sich live ein paar Worte aus einem Text von Dir tätowieren ließ. Wie fühlt sich das für Dich an, wenn jemand Deine Worte in seiner Haut tragen möchte?

Das ist wirklich überwältigend, es ist fast nicht zu begreifen.
Wenn mir Menschen erzählen, was ihnen meine Lieder bedeuten oder wenn ihnen meine Musik in schweren Zeiten geholfen hat, dann denke ich immer, die meinen gar nicht mich – sie meinen die Musik. Und Musik, das ist etwas, was größer ist als ich. Die Musik, die wird dann dadurch zu etwas Besonderem, wenn sie sie so sehr aufnehmen und für sich zu etwas eigenem machen – verstehst Du was ich meine?

Aber natürlich macht es mich sehr stolz, wenn jemand meine Worte wie sein Motto für den Rest seines Lebens auf seinem Körper mit sich tragen möchte. Das ist wirklich sehr groß!

Zurück zur Musik: Was ist zuerst in Deinem Kopf, wenn Du ein neues Lied beginnst? Worte? Eine Melodie? Eine Stimmung? Was inspiriert Dich? Und: Ist die Arbeit an einem Soundtrack da anders? Und hat sich das über die Jahre geändert?

Als ich als Teenager Songs geschrieben habe, dann war es das Gefühl, das ich exakt in dem Moment hatte – ohne jeden Filter. Das hat sich schon etwas geändert und ich schreibe nicht mehr so viel über Gefühle, sondern eher über Gedanken und Ideen.

Am Anfang stehen normalerweise ein paar Worte, eine Idee eines Themas.
 Gleichzeitig habe ich Musik im Kopf und dann gibt es diesen Punkt, an dem sich Worte und Musik treffen und Bam!, dann ist es ein Song.

Einen Soundtrack zu schreiben IST anders, ja, und es ist wirklich unglaublich inspirierend. Du schreibst Deine Lieder in einen fertigen Kontext hinein – da sind schon alle diese Stimmungen und Geschichten, diese Menschen und Gefühle: Das ist wie ein Geschenketisch voll mit Dingen, über die man schreiben kann. Es ist eigentlich sehr befreiend!

Meine letzte Frage: Dave Grohl hat mal so etwas gesagt wie: „Wenn Du Deine Helden verstehen willst, dann frag sie nach ihren Helden”. Also: Wer sind denn Deine Helden? Wer hat Dich dazu gebracht, die Gitarre zu nehmen und mit dem Singen zu beginnen?

Ganz früher habe ich Popbands wie Wham oder Duran Duran gehört – aber gleichzeitig habe ich oft in der Plattensammlung meines Vaters gestöbert und habe mich den Singern/Songwritern, die ich da fand sehr verbunden gefühlt – Bob Dylan oder Donovan zum Beispiel. Da gab es einfach etwas wirklich besonderes, wenn mir eine Stimme und eine Gitarre Geschichten erzählten, so ehrlich und persönlich.

Dann hat Tracy Chapman ihr erstes Album veröffentlicht und es fühlte sich an, als hätte ich meine Seelenverwandte gefunden – und ich begann, Gitarre zu spielen und zu singen. Genauso wie sie: Ich wollte nur akustisch meine Geschichten erzählen.

Ich war mir sehr sicher, dass diese Leute irgendwie etwas wichtiges zu sagen hatten. Wichtiger als „Wake me up, before you go-go”.
So hat das alles angefangen …

Vielen Dank für Deine Zeit und für dieses Interview!


„Autumn Leaves” – Scott Devine Solo Bass Sessions

Aus der Kategorie »just music«

Ich bezeichne Scott etwas spöttisch in der letzten Zeit gerne als „meinen Bass-Lehrer”, denn seine Videos bringen mir Dinge bei, die ich in den letzten 20 Jahren nicht gekonnt, gewusst, begriffen habe. Deswegen: Liebe Bassisten – husch husch und los zu seiner Website und allen anderen viel Spaß bei dem, was man mit einem Bass, 5 Saiten und einem Kabel zum Mischpult alles tun kann:


Mal ganz privat

Aus der Kategorie »just links«

„Was schreibste denn da ständig privates Zeug ins Internet?” haben sie mich zu Beginn dieses kleinen Blogs oft gefragt. Jetzt hat sich das Blog und das Netz auch etwas geändert – hier ist es weniger privat als früher geworden, dafür schreiben inzwischen alle anderen alles Private zu facebook. Naja, times are a-changing.
Was ich aber eigentlich sagen wollte: Heute gibts mal wieder was privates. Mit Pärchenkram. Und mit Bildern. In bunt!

Ganz aktuell in dem ganz wunderhübschen Projekt „Liebe und Salz” nämlich. Saja, die das Magazin erfunden hat und betreibt, war bei uns und hat uns interviewt und ist mit uns in den Wald marschiert und hat uns fotografiert. Dass sie zweiteres ganz hervorragend beherrscht, das wusste ich ja schon von früher. Aber ganz lockere Interviews führen, das kann sie auch.
Im Wald war es übrigens nass und matschig und eigentlich eher suboptimal, aber am Schluss haben wir so richtig Spaß gehabt.

Gehen Sie also rüber zu Liebe und Salz und lesen Sie, warum „immer erstmal über alles reden” gar nicht nur doof sein muss. Nämlich.


And the living is easy

Aus der Kategorie »just people«

„Summertime – and the living is easy”, beginnt sie zu singen.
Wir sitzen auf dem Berg; also auf DEM Berg. Es ist halb elf, vielleicht auch halb zwölf an einem Dienstag Abend in den frühen Neunzigern. Dienstags um sieben haben wir Probe und nach der Probe fahren wir gerne noch auf den Berg. Manchmal alle, manchmal nicht, es gibt keine feste Gruppe, es ergibt sich unabgesprochen jeden Dienstag neu.
Der Berg ist eigentlich eine alte Müllhalde. Vor ein paar Jahren geschlossen und versiegelt wachsen gerade die ersten kargen Gräser, der Stadtförster hat in parallelen Reihen die ersten Bäumchen an dicke Pflöcke gebunden – aber man kann noch über all das hinweg schauen und hat einen guten Blick auf die Lichter der Stadt, den Vorort und die Nachbarstadt. Und über uns ist nur der Sternenhimmel.
Oben stehen drei Bänke um einen massiven Felsblock und ein örtlicher Künstler hat einen Baumstamm hochgeschleift und sägt tagsüber daran herum. Wir können im Dunkeln nicht sehen, was es wird, aber man kann gut darauf sitzen und man sagt, es ginge um Krieg und Vertreibung. Uns interessiert es nicht wirklich, aber Anfang der neunziger klingt das nach einer plausiblen Aufgabe für einen jugoslawischen Bildhauer im deutschen Exil. Krieg, Vertreibung, Leid und Tod vermutlich.
Wir sind immer sehr aufgekratzt, haben wir doch schließlich vorher versucht, die nächsten Chilli Peppers zu werden und suchen da oben dann noch etwas Ruhe. Zeit für eine Dose Bier und ein paar Träume über die große Rock-Karriere, das ist es, was der Berg Dienstags Abends bietet.

„Fish are jumpin’ and the cotton is high”, singt sie, und weiter: „Your daddy’s rich and your ma is good lookin’”
Bei „lookin’” kommt sie so tief runter, wie niemand sonst von uns in der Band. Deswegen ist sie unsere Sängerin.

Heute sind nur wir zwei auf dem Berg, die anderen waren müde, aber sie wollte noch und ich bin eh ein Nachtmensch. Wir haben gegenüber am Teich geparkt, haben uns die hundert Meter durch den stockdunklen Wald getastet, sind über die Schranke geklettert, im Dunkeln den Weg hoch und haben unsere Plätze auf dem Baum gefunden. Wir haben nichts zu reden und dann singt sie. Nur für mich und die Nacht.

Wenn wir nicht seit Monaten zusammen Musik machen würden, wenn ich nicht meine Freundin in der nächsten Stadt und sie ihre jahrelange on-off-Beziehung hätte, dann wäre es vermutlich sehr romantisch.

„With Daddy and Mummy, Mummy standing by – Don’t you cry” beendet sie das Lied. Wir trinken aus, schenken dem Künstler die leere Dose; ich fahre sie nach Hause. Wir quatschen noch einen Moment in der Einfahrt vor dem Einfamilienhaus und als Licht in der Küche angeht, steigt sie aus: „Bis Samstag!”
Samstags proben wir nachmittags und landen danach traditionell im Mc Donalds.
Samstags Abends ist ebenso traditionell Party oben auf dem Berg – da wird gegrillt und ein paar Büsche sind schon hoch genug um zu zweit darin zu verschwinden. Aber da sind wir nie, das hat nichts mit unserem Berg zu tun. Unser Berg ist stiller.

Die Band zerbricht bald darauf, wir verlieren uns alle aus den Augen. Sie und ich, wir treffen uns irgendwann viele Jahre später wieder. Gehen als alte Freunde zusammen essen und gestehen uns gegenseitig, dass wir damals beide eine Zeit lang überlegt haben, ob man nicht doch einmal …? Wir versuchen lachend, das zeitlich zu rekonstruieren und wir vermuten, das sich diese Überlegungen bei ihr und bei mir exakt um die Länge einer Dose Bier und eines „Summertime” in einer Sommernacht überschnitten haben.

Noch viele, viele Jahre später sehe ich, dass die Bäume inzwischen zu hoch sind, um die Nachbarstädte noch zu sehen. Die Bänke sind weg, der Baumstamm steht ein paar hundert Meter weiter am Teich und kündet stumm vom Leiden eines zerrissenen Landes. Das Gras oben auf der Kuppe des Berges wächst hoch und die Jugendlichen heute haben ganz offensichtlich keinen Grund mehr, hier noch hoch zu kommen.

Auf dem Berg


Wald, Wasser, Licht

Aus der Kategorie »just pix«

15512978355_32d70de390_o