Drüben bei Spreeblick ist ja im Moment das Rückblick-Fieber ausgebrochen. Allerdings sucht man dort – leider wie ich finde – nur nach dem abschreckenden Beispielen. Das ist zwar immer ganz unterhaltsam aber irgendwie auch so lustig wie eine Herbert Grönemeyer-Parodie: Kann jeder, ist aber irgendwie auch mal abgelutscht.
Deswegen habe ich beschlossen, hier mal die positiv-Beispiele zu sammeln – und ich beginne in den Neunzigern. Wobei „Neunziger” bedeutet, dass ich den Kram in den Neunzigern entdeckt habe – das ist also alles höchst subjektiv hier. Ist ja auch schließlich kein journalistisches Angebot hier. ganz lesen
Mitte der 90er landete ich in einer PopRock-Band. Nachdem ich vorher die große Blues-Soul-Besetzung mit Bläsersatz und mehrstimmigem Backgroundgesang und danach die Riff-basierte Funk-Crossover-Kapelle auf der Suche nach der Chili-Peppers-Nachfolge erlebt hatte war so eine klassische Song-orientierte Herangehensweise schon mal interessant.
Außerdem kam kurz nach mir noch ein zweiter Gitarrist in die Band und ich erlebte endlich auch mal so einen richtigen Heavy-Gitarristen. Mit Ibanez-Gitarre mit ultraflachem Hals, drei Humbuckern und tiefergelegtem Floyd-Rose-Tremolo. Mit fettem Marshall-Verstäker und ständig mit der rechten Hand zum Tappen irgendwo auf dem Griffbrett. Muß man auch mal erlebt haben.
In meinen bisherigen Bands hatte ich immer mit Leuten zuamengespielt, die dann hinterher zum Jazz-Studium irgendwohin ins Ausland gingen und fühlte mich vor allem musiktheoretisch als echter Anfänger. Immer. Zusammen mit dem auch Musik-studierenden Gitarristen merkte ich dann, dass es wohl doch nicht so schlecht aussah und so kam es dann irgendwann bei den Proben zu dem schönen Dialog:
Gitarrist: Lasst uns doch vor dem letzten Refrain eine Rückung einbauen …
Ich nicke, die Band guckt verständnislos
Gitarrist: Ok, Christian und ich spielen eine Rückung und der Rest einfach einen Bund höher
Boah, was ne Stress-Woche – boah, was ein Wochen-Abschluß. Aber der Reihe nach. Als mir mein Outlook klar machte, dass ich diese Woche jeden Tag unterwegs sein würde und dabei deutlich in den vierstelligen Kilometer-Bereich hineinkommen würde wars mir ein wenig schwummerig.
Die Highlights sollten – neben dem Arbeitskram – ein Besuch der Vorpremiere des neuen James Bond-Films, ein Bloggertreffen und ein Konzert sein – daraus wurden drei Konzerte, ein Bloggertreffen und ein neuer Computer.
Aber der Reihe nach.
Am Dienstag klingelte das Telefon und der ehemalige Bürokollege fragte mich, ob ich Lust hätte, ihn zu den Leverkusner Jazztagen zu begleiten – da würden David Sanborn sowie Maceo Parker mit der WDR-Big Band spielen und er hätte zwei Karten geschenkt bekommen.
Da musste James Bond dann James Bond bleiben und wir machten uns Mittwoch Abend auf den Weg nach Leverkusen.
Falls hier jetzt jemand aus Leverkusen mitliest sollte er vielleicht weghören; allen anderen sei gesagt, dass Leverkusen im allgemeinen (also der Teil, den wir durchfuhren) und die Halle in der das Jazzfestival stattfand im besonderen einfach unglaublich hässlich sind.
Zum Konzert: Ehrlich gesagt war ich eher enttäuscht. David Sanborn hat wohl seine Liebe zum Blues und zu Ray Charles entdeckt und das gefällt mir in seiner eher etwas klebrigen JazzRock-Sound-Umsetzung nicht so dolle.
Maceo mit der WDR Big Band waren da schon anhörenswerter, aber auch – gemessen an den funkigen Konzerten, die ich von Maceo schon erleben durfte – etwas lahm.
Die WDR Big Band ist natürlich eine Band der Ausnahmeklasse, schon klar, aber auch hier gefiel mir einfach die Blues-Lastigkeit nicht so.
Zum Bloggertreffen sei nur folgendes gesagt: Ich durfte jemand sehr nettes neues kennen lernen (mit dem ich mir gerne auch noch einmal den Teller teilen werde) sowie ein paar liebe schon länger bekannte Menschen wieder treffen. Telweise zeströrte die Sitzordnung ein paar Gesprächsmöglichkeiten, aber wir werden bestimmt bald mal grillen.
Insgesamt war das alles sehr schön, aber für meinen frisch vom Zahnarzt (ja, der hat mir zwischendurch auch noch zwei Wurzeln verfüllt) verarbeiteten Kiefer zu anstrengend, so dass ich mich ab Samstag mal wieder in einen zweitägigen Schmerzmittelrausch stürzte.
Pünktlich gestern Abend gings dann aber wieder so einigermaßen und ich traf in Dortmund nicht nur den besten Freund meiner (harten) Jugend auf dem Dorf wieder, sondern auch die Band, die den anderen vorgemacht hat, dass Funk, Soul, Gospel und Heavy Metal prima zusammenpassen und man dem ganzen den Namen „Crossover” geben könnte: Living Colour.
Oder anders gesagt: 1988 fiel uns eine unglaubliche Platte in die Hände – sie hiess „Vivid” und vier schwarze Ausnahmemusiker bliesen uns die Ohren weg. Sie kombinierten ohne jeden Respekt vor der Muckerpolizei einfach alles was ihnen zwischen Jimi Hendrix, Sly Stone und Slayer gefiel und schufen so einen ganz eigenen Sound. Und Linkin Park und Konsorten könntet Ihr ohne die vier vermutlich vergessen.
Und 20 Jahre später – nämlich gestern – traten die vier in Dortmund im domicil auf.
Die vier haben damals genau drei Platten gemacht und sich dann in verschiedeneste Projekte gestürzt – was dazu führte, dass ich fast jedes Stück kannte. Schöne Voraussetzung.
Vier höchst professionelle Ausnahmemusiker auf allerhöchstem technischen Niveau, die damals ziemlich komplexe Stücke – Zappa mochten sie wohl auch – geschrieben haben, die aber trotzdem immer einer Maxime folgten: „Wenn man es lauter oder schneller spielen kann – spiel es lauter und schneller!”
Die vier waren schon damals als ausgezeichnete Live-Band bekannt und man merkte ihnen trotz der zigtausend Konzerte im Rücken und eines eher nicht ganz gefüllten domicils den Spass an. Und als Vernon Reids Gitarre zwischendurch einmal den Geist aufgab kamen wir auch noch in den Genuss eines außerplanmäßigen 10-minütigen Bass-Solos. Irgendwo unten im Publikum. Sehr geil. Für sowas geht man auf Konzerte.
Zusammengefasst: Es war zu laut, es war kein sooo guter Sound (da hätte ich vom domicil mehr erwartet) aber es war geiler, purer Rock’n'Roll. Laut und immer direkt auf die 12.
Hier ein ganz guter Eindruck:
Ach ja:
Außerdem und ganz nebenbei (hätte ich mehr Zeit zum Luftholen gehabt wär das doch ein eigener Eintrag geworden) entsteht dieses Posting hier auf meinem frisch (gebraucht) erworbenen 12″ Powerbook. Ich hatte dann doch keine Lust auf ein Ubuntu auf 1024*600Pixel Bildschirm. Dann doch lieber mal mit fast der gleichen Größe den Switch einleiten.