ThrowBack-Wednesday in Aachen

Aus der Kategorie »just people«

Instagram-Kumpels haben es heute mitbekommen; ich habe meinen dritten Urlaubstag damit verbracht, sehr spontan nach Aachen zu fahren und dort erstens ein bisschen herumzulaufen und zweitens meine alte Zivi-Heimat mal zu besuchen.

Ich bin oben auf den Berg gefahren von dem aus man so einen hübschen Blick über die Stadt hat …

2014-06-25-aachen-01

… weil da die Kapelle steht, für die wir Zivis damals zuständig waren und in der eventuell auch mal jemand Musik aufgenommen hat, weil der Raum so einen schönen Hall hätte haben können. Hab ich eventuell einmal gehört.

2014-06-25-aachen-02

Danach wollte ich in den Dom, aber Aachen feiert gerade die Heiligtumsfahrt. Genauer feierten heute die Kinder der Grundschulen – was praktisch dann bedeutete, dass die Stadt überfüllt war von Grundschulklassen. Die rannten um den Dom und suchten, an welchem Zaunabschnitt das Bild hing, das sie gemalt hatten. Und stritten, warum das Bild von Kevin über ihrem hing.
Die andere Hälfte der Kinder machte gerade irgendeine Rallye. Und ganz offensichtlich hatten alle Schulen beschlossen, dass Kinder sich doch bei so einer Rallye gut wiederfinden können, wenn jedes Kind eine Trillerpfeife hat. Der Plan funktioniert übrigens nicht so superdolle gut, wenn alle Klassen aller Schulen auf diese Idee gekommen sind. Aber lustig laut war es.

Vor dem Eingang zum Dom stand eine ca. 100m lange Schlange und wartete geduldig, dass die Messe endlich zu Ende ging und sie rein durften.
Ich hab mich dann nicht angestellt, mich statt dessen auf dem Platz vor dem Rathaus gesetzt und einen Kaffee getrunken. Und mich daran erinnert, wie damals bei unserer Schulfahrt in dem Brunnen in der Mitte unsere Zwölfer saßen und Rülps-Wettbewerbe abhielten – und wie sie damit den Grundstein dafür legten, dass wir sie für einen Haufen prolliger, peinlicher Volldeppen hielten. Die Stimmung auf dem Oberstufen-Schulhof war nach dieser Fahrt etwas abgekühlt.

2014-06-25-aachen-03

Dann bin ich raus zum Klinikum gefahren, weil ich mich erinnerte, dass eben eine solche Fahrt eine meiner ersten offiziellen Aufgaben als Zivi war. Mein Chef meinte nämlich, das sei so hässlich, das müsse man gesehen haben. Und so bekam ich den Dienstbulli und die offizielle Anordnung, ich solle mir das ansehen. Erwähnte ich, dass ich eine ziemlich coole Dienststelle hatte?

2014-06-25-aachen-04

Wo ich schon einmal an diesem Ende der Start war bin ich natürlich auch noch rüber nach Vaals gefahren und habe im Albert Heijn Zucker und Fett gekauft. Nom.

2014-06-25-aachen-06

Und dann bin ich zu meiner alten Dienststelle gefahren, habe allen Mut zusammen genommen und geklingelt.

2014-06-25-aachen-07

Ich sags mal so: Manche Erinnerungen lässt man besser unangetastet. Oder anders: Die katholische Kirche hat – was ich ja eigentlich auch begrüße – ein Mitglieder-Problem. Was dann aber dazu führt, dass aus einer lebendigen Pfarre mit prima Leuten, die mir damals fast noch einmal die Rückkehr in die Herde schmackhaft gemacht hätte eine Ansammlung halb leerer Häuser wird, die von den übrig gebliebenen verwaltet werden muss. Das war etwas deprimierend.

Trotzdem liebes Tagebuch war das insgesamt ein schöner dritter Urlaubstag.


Inklusion

Aus der Kategorie »just people«

Ok, es war ein Fehler, letztens sonntags abends „#jauch” zu schauen. Denn nun brodelt es in mir und wenn es in mir brodelt, dann muss ich bloggen und dann müsst Ihr da wieder durch. Achtung, das wird lang.

Erstmal die Basics, Ihr kennt das, ich geh die Dinge gerne gründlich an.
Wir haben in Deutschland ein dreigliedriges Schulsystem. Richtig?
Nö, irgendwie nicht. Sorry.
Sondern?
Bis zum Alter von zehn Jahren (in manchen Bundesländern anders, soweit ich weiß) ist es zweigliedrig, danach viergliedrig.
Es gibt die Grundschule und dann folgen Haupt- & Realschule sowie das Gymnasium. Und parallel die ganze Zeit das Förderschulsystem.

Schauen wir erst einmal auf das Regelschulsystem. In dem wird nach der vierten Klasse – also im Schnitt so im zehnten Lebensjahr der Kinder – sortiert nach: „Schlau”, „schlauer” und „noch schlauer”. In den Augen vieler, deren Kinder als „noch schlauer” eingestuft werden übrigens auch gerne nach: „schlau”, „naja” und „doof”, denn da kann man sich natürlich besser einen drauf runterholen. Entschuldigt, das war polemisch.
Wer jetzt Kinder hat, die das zehnte Lebensjahr hinter sich haben, wird wissen, dass das zehnte Lebensjahr unfassbar schlecht dazu geeignet ist, eine Prognose über die nächsten Lebensjahre zu wagen. Wer sich mal mit Entwicklungstheorien beschäftigt hat, auch.
Ich hörte übrigens auch schon signifikant viele Eltern sagen, dass eigentlich jedes Lebensjahr unfassbar schlecht dazu geeignet ist, eine Prognose über die nächsten Lebensjahre zu wagen.
Trotzdem wird gesiebt und gefiltert und bekommt jemand Probleme, weil ihm zuviel zugetraut wurde, kann man die ja einfach lösen: Wer an der einen Schulform versagt, der probiert es halt eine weiter unten. (Wenn man in der einen Schulform so richtig das Haus rockt, hat man dummerweise nur geringe Chancen, nach oben zu wechseln. Also: Theoretisch schon, schaut man aber auf die Zahlen, faktisch nicht. Aber das nur nebenbei.)
Wir behalten das alles mal im Hinterkopf, schließlich wollte ich ja über Inklusion sprechen, und damit über Kinder mit einer Beeinträchtigung*, oder? Hm, schau’n wir mal.

Nehmen wir also erstmal dieses Regelschulsystem mit seinen drei Auswahlmöglichkeiten als gegeben und wenden unseren Blick dem vierten, dem gerne übersehenen Weg zu. Bist Du nämlich ein Kind mit einer Beeinträchtigung irgendeiner Art, dann gibt es für Dich jeweils eine spezielle Schule. Früher hießen die Sonderschulen, später dann Förderschulen.

Schließen wir zuerst mal kurz die Augen und stellen uns ein „behindertes Kind” vor. Ja?

(…)

(…)

Fertig?

Und? Vor Deinem inneren Auge erschien jemand im Rollstuhl oder mit Trisomie 21 (früher auch Down-Syndrom genannt), richtig?
Das könnte schon ein Teil des Problems sein, dem wir uns gerade nähern. Denn es gibt da viel mehr Beeinträchtigungen als man zuerst denkt. Und die werden auch fein sortiert – zu der Zeit als ich Sonderpädagogik studierte gab es da: Körperbehinderte, geistig Behinderte, Lernbehinderte, Sprachbehinderte, Sehbehinderte, Blinde, Hörbehinderte, Gehörlose, Erziehungsschwierige. Die Namen und Schubladen haben sich immer wieder mal geändert, sind aber grundsätzlich so geblieben.
Ja, das alles sind Beeinträchtigungen und ja, für die alle ist der Besuch einer Regelschule erst einmal nicht vorgesehen.

Ob jetzt aber ein Kind, das in seinem täglichen Leben für vieles einen Rollstuhl braucht eher helle ist oder eher nicht, ob ein Kind mit Schwierigkeiten beim Sehen gut lernen kann oder nicht – das ist hier an dieser Stelle plötzlich schlichtweg egal; die Diagnose reicht, um vollkommen leistungsunabhängig in einen Topf geworfen zu werden. Oder anders: Während es seit vielen Jahren – mit Zähnen und Klauen verteidigt – superduper wichtig ist, Kinder nach ihren Lern-Fähigkeiten zu sortieren, ist das bei Menschen mit Beeinträchtigungen total egal: Wer im Rollstuhl sitzt, kommt an die Rollstuhlschule, wer schlecht hört an die Schlechthörschule, wer noch schlechter sieht als Du mit Deiner dicken Brille an die Schlechtsehschule. Und so weiter.
Wer ein bisschen nachdenkt, dem fällt die erste schreiende Ungerechtigkeit innerhalb dieses Systems auf. Und im Hinterkopf stellt sich leise das erste Mal die Frage, ob die Einordnung von Kindern in die drei Leistungsstufen wohl wirklich so viel mit dem Kindeswohl zu tun hat, wie man gerne glauben möchte.

Um diese Einordnung zu verstehen, muss ich etwas in die Vergangenheit schauen. Das dreigliedrige System basiert nämlich auf einem dreigliedrigen, leistungsorientierten Gesellschaftsmodell aus dem (Achtung!) neunzehnten Jahrhundert. Die Hauptschule bereitet den Arbeiter auf sein Berufsleben vor, die Realschule den Kaufmann oder den Beamten auf seins. Und die späteren Akademiker werden im Gymnasium ausgebildet. Jeder bekommt also genau die Ausbildung, die er halt so braucht, mehr nicht. Ein Schelm, wem da kurz das undurchlässige indische Kastensystem in den Kopf schießt; ein kluger Kopf, der sich an denselben fasst und denkt: „Aber unsere Gesellschaft ist doch längst viel vielfältiger, das ist ja dunkelste Vorzeit?”
Ist es. Aber es hinterlässt uns mit einer Ahnung, warum Menschen, die dem Arbeitsmarkt nicht in üblichem Umfang zur Verfügung stehen konnten, in diesem System nichts verloren hatten. Und warum bei denen dann auch total egal ist, wie klug oder nicht klug sie so sind.
Folgerichtig gibt es an (fast?) keiner Sonderschule die Möglichkeit, ein Abitur zu machen, schon ein Realschulabschluss ist die Ausnahme.

Kurzer Exkurs: Nirgends in der ganzen Welt ist der schulische Erfolg so von der sozialen Herkunft abhängig wie in Deutschland. Und folgerichtig sortiert auch das (übrigens nahezu(1) einzigartige dreigliedrige) Schulsystem nirgend so effektiv die sozialen Schichten vor, wie hier.
Nein, dass Du(!) einen(!) ausländischen Hauptschüler kennst, der danach aufs Gymnasium gewechselt ist, ist kein valides Gegenargument.
*Singt*: Es gibt tausend gute Gründe, auf dieses Land stolz … Äh, wo war ich? Ach ja.

Zurück zum Sonderschulsystem: Begründet wurde es lange damit, dass man ja an einer besonderen Schule viel besser für die besonderen Bedürfnisse der Kinder sorgen kann. Und dieser Gedanke ist an sich vielleicht auch zuerst gar nicht dumm.
Aber: Im Ergebnis führt er dazu, dass nicht-beeinträchtigte Menschen die Menschen mit Beeinträchtigungen nicht mehr zu Gesicht bekommen. Während Menschen ohne Beeinträchtigungen ihr Alltagsleben leben, gibt es dort ab der frühsten Kindheit, spätestens mit Beginn der Schulzeit eine lustige kleine Parallelwelt, die man hervorragend aus den Augen verlieren kann.
Alle anderen Kinder des Dorfs, der Stadt, des Viertels treffen sich täglich auf dem Schulweg, in der Klasse, im Bus oder auf dem Pausenhof. Und parallel sammelt unbemerkt ein Bus alle gleichartigen Beeinträchtigungen im Umkreis von teilweise bis zu hundert Kilometer ein und fährt sie in die nächste passende Schule. Genau, deswegen kommen diese Busse immer so mega-früh am Morgen. Dass da auch jeder theoretisch mögliche zarte Keim eines außerschulischen Soziallebens getötet wird, dürfte klar sein.
Nach der besonderen Schule gehts dann übrigens direkt weiter in die besondere Arbeitsstelle aka. „Behindertenwerkstätte”.
Ja, auch da kommt der kleine Bus um sechs Uhr morgens und ja, auch damit wird diese Parallelgesellschaft weiter zementiert. Oder mal anders: Schätzungsweise leben in Deutschland etwa zehn Prozent der Menschen mit einer Beeinträchtigung. Na, entspricht das Deiner Wahrnehmung im Alltag? Jeder zehnte?

Kurzer Exkurs: Eine weitere traurige Folge davon, dass die „normalen” nichts außerhalb ihrer heilen Welt kennen, kann jemand mit Interesse am über-den-Tellerrand-Gucken auch in einer Nachricht finden, die mir vor ein paar Tagen unter die Augen kam: In den vergangenen fünf Jahren sind 38 Menschen in Deutschland durch Polizeikugeln getötet worden. Zwei Drittel von ihnen waren nicht kriminell, sondern krank. Aber das nur am Rande, Exkurs Ende.

Fassen wir zusammen: Fair ist das alles im Endergebnis nicht. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint wussten schon kluge Köpfe schon Mitte der neunziger und so ist es für mich ehrlich gesagt total belanglos, ob jemand einen irgendwie nett gemeinten Gedanken dabei hat, wenn der im Endeffekt zu Ausgrenzung führt.

Schon 2006 sah das nach ein paar Jahren Beratung auch die UN so und verabschiedete die

Behindertenrechtskonvention, einen von 138 Staaten und der EU […] abgeschlossener völkerrechtlichen Vertrag, der Menschenrechte für die Lebenssituation behinderter Menschen konkretisiert, um ihnen die gleichberechtigte Teilhabe bzw. Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
Wikipedia

Darin findet sich auch ein Abschnitt über

Schritte zur InklusionGleichberechtigte Teilhabe an der Gemeinschaft (Inklusion)
Dies beinhaltet unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft, Arbeit und Beschäftigung, angemessenen Lebensstandard und sozialen Schutz, Teilhabe am kulturellen Leben sowie an Erholung, Freizeit und Sport.
Aufgrund des Übereinkommens entspringt das Recht auf Teilhabe von Menschen mit Behinderung dem zentralen Menschenrecht auf Beachtung der Menschenwürde und ist nicht nur eine Frage des sozialen Wohlergehens. […] Es geht nicht mehr darum, Ausgegrenzte zu integrieren, sondern allen Menschen von vornherein die Teilnahme an allen gesellschaftlichen Aktivitäten auf allen Ebenen und in vollem Umfang zu ermöglichen.
Wikipedia

Also nicht: „Wir kümmern uns um sie”, sondern „Wir leben zusammen”.

Wir sehen also, Inklusion bedeutet viel mehr, als nur „behinderte Kinder” auf einmal in die „normalen Schulen” zu lassen.
Aber in Deutschland liest man momentan meist nur darüber. Artikel 24 der Behindertenrechtskonvention legt dazu fest:

Das Recht auf Bildung als Menschenrecht zu verwirklichen ist zentral für die Verwirklichung anderer Menschenrechte; dies trifft auch für das gemeinsame Lernen von nicht behinderten und behinderten Kindern und Jugendlichen zu
Wikipedia

Nach all dem bisher Gelesenen überrascht das nicht. Unser Schulsystem – egal ob Regel- oder Sonderschule, unser Schulsystem, dem wir unsere Kinder anvertrauen, damit sie fürs Leben gerüstet werden, hat seine Ursprünge in einem sehr soliden Klassensystem und seinem Erhalt. Schaut man dann noch, ob sich Kampf-Artikel gegen Inklusion eher in der FAZ oder eher auf Flyern auf links-alternativen Straßenfesten finden, dann merkt man schnell: Auch wenn noch so vordergründig um das Wohl der Kinder gekämpft wird, dann mag es da auch um den Erhalt von Privilegien gehen. Ob bewusst oder unbewusst, darüber kann jeder selbst spekulieren.

Aber es bewegt sich etwas, sonst hätte es das Thema ja nicht bis zu Jauch geschafft. Schon drei Jahre nach Verabschiedung der UN-Konvention hat auch Deutschland sie 2009 ratifiziert und sich dann auch langsam mal auf einen Weg gemacht. Förderschulen – formerly known as „Sonderschulen” – werden nach und nach aufgelöst, Sonderpädagogen wechseln zusammen mit ihren Schülerinnen und Schülern an die Regelschulen. Und schon weitere fünf Jahre später scheint diese langsame Bewegung tatsächlich so in Fahrt gekommen zu sein, dass es von besorgter Stelle Widerstand geben muss. Gerade konservativer Widerstand ist ja immer ein guter Gradmesser dafür, ob ein Thema die berühmte Mitte der Gesellschaft erreicht. Richtig interessant: An Grund- und Hauptschulen wird schon seit mehrere Jahren inklusiv gearbeitet; auch Realschulen gewöhnen sich schon länger um. So richtig in die Medien kommt das ganze Thema aber erst jetzt, wo die ersten Gymnasien sich öffnen sollen. Hmmmm.

Und so versucht dann bei #jauch eine Runde Menschen über Inklusion zu sprechen. Fehler eins: Sie sprechen nur über schulische Inklusion. Fehler zwei: Sie nehmen einen konkreten Fall als Anlass. Einen konkreten Fall an – Überraschung! – einem Gymnasium übrigens.
Oder die FAZ greift sich einen einzelnen Schüler heraus, einen der fast jeder schlimmsten Vorstellung entspricht, (und nebenbei perfide geschickt noch die Assoziation „psychisch gestörter Gewalttäter” in den ersten Absatz bringt), nimmt den als Aufmacher und wettert dann unter dem Deckmäntelchen „Das hilft keinem Schüler wirklich” gegen Inklusion.

Privilegien-Sicherung vom Feinsten also, Privilegien-Sicherung mit einem der ewig besten Mittel: Ausnützen von diffusen Ängsten und Ausnützen von Unwissen.
Denn: „Aber ein behindertes Kind am Gymnasium? Das kann doch auch gar nicht gehen?” höre ich es da hinten fragen. Doch. Aber dazu muss man wissen, wie der tägliche inklusive Unterricht aussieht.

Dazu muss man sich vielleicht erst noch einmal ins Gedächtnis rufen, dass eine körperliche Beeinträchtigung oder eine Sinnesschädigung nichts mit dem schulischen Lernen zu tun haben muss; dass die FAZ zum Beispiel da fröhlich das schlimmst-greifbare Klischee nutzt, um eine deutlich heterogenere Gruppe über einen Kamm zu scheren.
Dazu muss man aber vor allem wissen, dass auch Kindern mit Entwicklungsstörung im Bereich Lernen (früher: „Lernbehindert”) prima mit anderen zusammen lernen können. Vielleicht nur nicht so viel, nicht so schnell und deshalb ganz simpel anders bewertet. Beispiel: Während für die Rest-Klasse das Ziel der Unterrichtseinheit vielleicht ist, die Bundesländer und ihre Hauptstädte zu kennen, ist das Ziel für sie vielleicht, den Text abgeschrieben zu haben. Oder, je nach Fähigkeiten etwas anderes. Aber sie haben es in der Gruppe mit allen anderen zusammen gelernt.
Genau dafür kommen ja die Sonderpädagogen mit an die Regelschulen: Die arbeiten mit den schon anwesenden Klassenlehrerinnen und -lehrern zusammen, ändern die Unterrichtsmaterialien ab, vereinfachen etwas oder passen es an und sind auch für die Zeugnisse „ihrer” Schützlinge zuständig.
Ergebnis: So können zum einen alle Schülerinnen und Schüler nach ihrem persönlichen Leistungsstand lernen und bewertet werden und zum anderen geschieht dieses Lernen nicht in einer Ausnahmesituation irgendwo in einer Sonderschule, sondern mitten im „ganz normalen” Leben.
Und da wir ja alle wissen, das Schule viel, viel mehr ist, als reine Wissensvermittlung, freuen wir uns, dass so alle, egal ob ob mit oder ohne Beeinträchtigung irgendeiner Art miteinander lernen und miteinander leben. Jeder lernt von andern. Immer.
Ich kenne zehnjährige, die aufs feinste unterscheiden können, ob ihr Mitschüler gerade durch die Klasse schreit, spuckt und pöbelt, weil er es nicht anders kann, oder weil er es gerade so möchte. Ersteres wird vollkommen ignoriert, zweiteres mit knallhart formuliertem Widerstand bekämpft – beides ja die jeweils perfekt angemessene Reaktion.
Wenn das mal nicht fürs Leben gelernt ist.
Weiß man das einmal, dann ist es auch vollkommen egal, in welcher Schulform das geschieht.

Natürlich passt so ein Zusammenleben und zusammen-Lernen nicht mit dem zusammen, was mir noch auf meinem Gymnasium vermittelt wurde: Dass wir nämlich etwas besseres seien. Aber sind uns nicht allen die Typen, die etwas besseres sein wollen sowieso arg unsympathisch?

Aber hier – kleiner Gedankensprung – wo wir gerade beim Zusammenleben und bei der Förderung jedes einzelnen nach seinen Begabungen sind: Wer sich schon einmal das IQ-Modell angeschaut und die dazugehörige Gauss’sche Kurve angeschaut hat weiß, dass es ziemlich exakt so viele Menschen mit einem IQ über 130 gibt wie Menschen mit einem IQ unter 70. Diese Schwelle markiert übrigens per Definition die Schwelle zur geistigen Behinderung.
Das bedeutet aber auch, dass in der Regelschule die überdurchschnittlich und hoch Begabten genau so wenig angemessen unterrichtet werden, wie die unterdurchschnittlich Begabten.
Wenn wir also den Unterricht öffnen und beginnen, Kinder nach ihren Fähigkeiten zu unterrichten und nicht nach einem Modell, das dem Arbeitsalltag des frühen Industrialisierungs-Zeitalters entspricht, schließt das auch die ein, die sich bisher einfach nur durch ihre Schulzeit langweilten und trotz, und nicht wegen der Schule etwas lernten.

Schaut man mal auf die Pisa-Studien der letzten Jahre, dann erinnern wir uns alle: So richtig töfte ist das in Deutschland in den letzten Jahren wohl nicht gelaufen, sonst wären die Ergebnisse da besser gewesen. Schaut man auf Finnland, einen der großen „Gewinner” dieser internationalen Vergleichstests, dann sieht man: Dort gibt es weder Sonderschulen noch irgendeine andere Art, Kinder nach ihren Leistungen in irgendeinen Weg zu pressen. Nicht verschweigen will ich, dass z.B. auch China bei Pisa sehr gut abgeschnitten hat – ein sehr rigides System, das auf Autoritätshörigkeit und Aufgabe der Persönlichkeit zu Gunsten des Gemeinwohls basiert.
Habe ich die Auswahl zwischen einem sozial eingestellten System und dem in China praktizierten, fällt mir die Entscheidung übrigens recht leicht.

Und überhaupt steht für mich am Ende (Glückwunsch, Du hast echt lange durchgehalten!) die Frage: In was für einer Gesellschaft möchten wir denn hier leben? Ausgrenzen oder zusammen? Ellbogen-Leistungsdruck oder Miteinander?
Ich weiß meine Antwort.

Tun wir also was dafür.

1) Korrektur am 26.5.2014: Deutschland hat nicht als einziges Land ein dreigliedriges Schulsystem, wie ich Dank Orianas Kommentar erfahren habe.


Woanders

Aus der Kategorie »just links«

Es hat sich ja eingebürgert, diese kleine (fast) wöchentliche Kolumne mit etwas Politik zu beginnen. Diesmal allerdings mit Politik aus einem anderen Land. Dem Land, das vor ein paar Jahren als erstes über die Klinge sprang, als die Banker unsere Weltwirtschaft vor die Wand gekachelt hatten. Ein Land, das ich bis vor kurzem darüber hinaus nur durch den Ausbruch eine Vulkans mit einem absolut unaussprechlichen Namen und als Wohnort meiner Lieblingsmusikerin kannte. Nun aber auch daher, dass sie sich in ihrer Hauptstadt etwas getraut haben. Nämlich alte Zöpfe in der Politik abzuschneiden. Mehr Punk, weniger Hölle. Klingt sympathisch, dieses Ländchen.

Hierzulande geht es deutlich weniger punkig, dafür – ich zitiere: Bananerepublikiger her. Da es keine Dokumente und keine Zeugen gibt, kann der Generalbundesanwalt leider nicht herausfinden, ob und in welchem Umfang amerikanische und englische Geheimdienste (illegal) in Deutschland operieren. Und ich habe Udo Vetter noch nie so die Fassung verlieren sehen. Äh Fassung verlieren hören. Äh … lesen. Äh …
Naja, wir haben ja alle nichts zu verbergen. Nicht.

Nichts zu verbergen haben übrigens wirklich die Rumänen und Bulgarier, die nach Deutschland kommen. Wir erinnern uns: „Armutsmigration” oder „Sozialmissbrauch” und der kaum afd-iger zu formulierende Wahlkampf-Slogan „Wer betrügt, der fliegt” machten Stimmung, als die Wahlen vor der Tür standen.
Eine Anfrage der Grünen ergab jetzt, dass es in der bundesweiten Polizeilichen Kriminalstatistik für 2012 lediglich 112 Fälle von Verdacht auf Sozialleistungsbetrug durch Bürger aus Rumänien (74) und Bulgarien (38) gab.
Und die Brand Eins weiß, dass aus den beiden Ländern im Vergleich zu Deutschland überdurchschnittlich viele Akademiker einwandern.
Aber erstmal Stimmung machen, Ihr Deppen und sich dann wundern, wenn es rechts außen sprießt und blüht.

Kommen wir zu einem anderen meiner Lieblingsthemen: Lehrer, genauer: Lehrer und Social Media. Nicht nur meiner Erfahrung nach immer eine super Kombi. Alle Lehrer? Nein, ein kleines gallisches Dorf kleiner Kreis von open-minded Lehrerinnen und Lehrern tut sein bestes. Einer von Ihnen hat seine Kolleginnen und Kollegen jetzt mal unter einer reißerischen Überschrift in Gruppen eingeordnet. Mein Lieblingssatz:

Neue Methoden, Medien und Kommunikationswege sind nicht nutzlos, weil sie neu – genau so wenig wie die alten aufgrund automatisch überholt sind. Neue Wege auszuprobieren und über alte nachzudenken ist aber weder in der Schule noch sonstwo falsch.

Kommen wir zu den schönen Themen. Liebe und Sex in diesem Fall. Was zuerst? Ok, die Liebe.
Saja Seus hat mal wieder ein Pärchen getroffen und wie immer ganz wunderbare Fotos gemacht. Fotos von Jasi und Paul, die sich selber langweilig finden. Kinder, merkt auf: Langeweile kann ganz schön super sein. Jedenfalls, wenn the world drumherum is running down.

Und jetzt endlich zum Sex. Unsere Gesellschaft ist ja nun doch sehr auf Monogamie, im besten Falle vielleicht noch serielle Monogamie ausgerichtet. Andere Entwürfe aber können an ganz unerwarteten Stellen a) ungeahnte Vorteile mit sich bringen und b) vielleicht sogar genau deswegen nicht erwünscht sein. Ein interessanter Gedanke.

Mein Lieblingslied in der vergangenen Woche war „The Monster” von Frau Dandylion aka Marianne Sveen von Katzenjammer.


Twitter-♥ im Mai 2014

Aus der Kategorie »just twittered«

Anne sammelt wieder alle ♥-Tweet-Sammlungen überall

Und dann war da noch dieser Musikwettbewerb:


Mimimimi, die zweite

Aus der Kategorie »just pix«

Es ist genug der Worte gewechselt, lasst uns endlich Bilder sehen.

Danke Euch, es war wieder voll schön.

mimimimi

gunnarsohn hat auch Fotos gemacht. Johannes auch. Menschen twitterten über die Lesung. Und auch 4xmi sammeln die Veranstalter weitere Reaktionen.

(Die Isa hat Recht: Mikro im Gesicht ist immer doof. Gut, dass schöne Menschen nicht entstellen kann.)


Doof? Kann ich manchmal ganz gut.

Aus der Kategorie »just people«

Vor ein paar Monaten stellte ich in einer klaren Winternacht endlich einmal das geerbte Teleskop auf die Dachterasse und richtete es auf den Mond. Google hin, Fernsehen her war das ziemlich mindblowing und ich kann es jeder nur empfehlen.

Ich habe zwei Kurzfilmchen und ein Langfilmchen über den Weltraum und unser kleines, fragiles Raumschiffchen gesehen, habe noch ein bisschen rumgegoogelt und hatte irgendwann das dringende Bedürfnis, die ISS mal zu spotten.

Aber auch das macht uns das Internet leicht: Es gibt von der NASA die Seite Spot the station. Man gibt ein, wo man wohnt und bekommt die nächsten Möglichkeiten aufgelistet, die ISS im Überflug zu sehen.
Auch ein RSS-Feed für den eigenen Ort ist vorhanden.

Seitdem habe ich diesen Feed abonniert und schaue regelmäßig rein. Und klicke genervt alles weg – die Zeiten sind meist vollkommen undiskutabel. Immer mitten in der Nacht oder ganz, ganz früh morgens.

Jetzt hab ich mal kurz nachgedacht, warum das wohl so ist.


Woanders

Aus der Kategorie »just links«

Fangen wir wieder mit Politik an. Nee, oder auch nicht. Wir finden zwar hier einen Brief an unsere Kanzlerin, einen Brief mit vielen offenen Fragen – aber es geht in dem Brief eben genau darum, dass der „Abhörskandal” nicht irgendwie ein abgehobenes politisches Thema ist, sondern eines, wo wir darüber entscheiden, wie unsere Gesellschaft aussehen soll. Der zweite Brief von Juli Zeh an Angela Merkel, nachdem sie auf ihren ersten vor etwa einem halben Jahr keinerlei Reaktion bekommen hatte. Ein bemerkenswerter Brief.

Auch bei der re:publica geht es ja irgendwie um diese Netzthemen, da trifft sich diese Netzgemeinde, da unterhält man sich über dieses second, Verzeihung über dieses virtuelle Leben. Denken zumindest viele. Aber ist das so? Hier ein Rückblick, der das Wörtchen Netzgemeinde mit Inhalt füllt und der erklärt, was denn diese re:publica so besonders macht.

Und andere Konferenzen? Die laufen ja oft so ab, dass oben ein paar Herren sitzen und sich unterhalten und wir unten zusehen dürfen. Ja, meist sind es Männer. Dass das ein Problem sein könnte, wo es doch rechnerisch etwa zur Hälfte Männer und Frauen in unserem Lande gibt, ist zumindest so weit in die Köpfe der Veranstalter gedrungen, dass sie dann oft sagen, sie hätte ja gesucht, aber es wäre halt so schwer, passende Frauen zu suchen. Anatol Stefanowitsch hat etwas, was man sonst selten findet: Eine ziemlich einfache Antwort.

Kommen wir nochmal zurück zu gute Berichten, da ist der Gedankensprung zu guten Journalisten ja nicht weit. Wir wünschen sie uns ja immer, diese guten Journalisten. Wir klicken in unserem Web herum, lesen hier, bookmarken da, teilen dort und wenn wir gelegentlich so eine Papierzeitung in den Händen haben – vor allem eine der kleineren – dann fühlt sich das manchmal arg altbacken an. Aber die, die gerade ausgebildt werden, der Nachwuchs, der wird doch im Web zu Hause sein, oder?

Ausbildung, überhaupt immer ein schwieriges Thema. Vor der Berufsausbildung steht die Schulausbildung und eines der schwierigsten Themen dort ist die Inklusion. Was das ist? Das Wort dafür, behinderte Kinder nicht mehr unter dem Deckmäntelchen, dass „ihnen dort ja viel besser geholfen werden kann” in spezielle Schulen abzuschieben und sie statt dessen mit allen anderen zusammen zu unterrichten. (Ja, ich hab da eine klare Meinung). Der baden-württembergische Kultusminister hat da gerade eine echt doofe einzel-Entscheidung getroffen.

Kommen wir zum Service-Teil, diesmal für die Benutzer des Firefox. Zum einen hat das letzte Firefox-Update die AddOn-Leiste entfernt. Und diese Erweiterung bringt sie uns wieder.

Diese Erweiterung hingegen ist etwas für Grafiker und Fotografen – sie ermöglicht mit einem Mausklick die Abfrage bei mehreren großen Bild-Suchmaschinen und heißt selbsterklärend Who stole my pictures? Kann man ja vielleicht mal brauchen.

Noch was hübsches zum Schluss? Gerne. Frau Auge möchte nicht heiraten. Aber sie möchte ein Brautkleid tragen. Wieso auch nicht? Einen Tag geht sie dann mit ihrem Brautkleid in die Stadt und guckt, wie die Leute so gucken. Eine durchaus spannende Geschichte über die Reaktionen auf ein sehr spezielles, sehr überhöhtes Kleidungsstück.


nebelig wars heute Morgen

Aus der Kategorie »just pix«

Nebel