Liebe Firma Audi,

Aus der Kategorie »just people«

… gestern hatte ich Post von Euch im Briefkasten. Ich freute mich, denn im Radio hatte ich in letzter Zeit viel verwirrendes von Euch gehört. Aber irgendwie bin ich jetzt nicht viel schlauer.

Ich muß vorwegschicken: Ich liebe Audi. Seit guten 30 Jahren. Ich weiß nicht genau wie, aber mein Freund, dessen Vater einen Audi 100 fuhr schaffte es, dass der Audi seines Vaters cooler war als der 5er BMW meines Vaters. Vielleicht war auch es die Werbung, die damals das erste Mal das Wörtchen cw-Wert nutzte oder beides zusammen? Ich weiß es nicht. Ich wusste nur: Wenn ich groß bin, will ich einen Audi fahren.

Meine Liebe stieß nicht auf viel Zustimmung. Wie gesagt: „Wir“ fuhren BMW und so beschränkte sich meine Liebe erst einmal auf das Auswendiglernen von Audi-Prospekten, die ich von den grinsenden Verkäufern im örtlichen VAG-Haus erbettelte.

Dann begann ich, mich in einem eher ökigen Freundeskreis zu bewegen und auch dort war ich natürlich dann sehr einsam mit meiner Vorliebe. Rostige R4s oder bunte alte VW-Busse waren angesagt. War mir egal. So egal, das mir eine Freundin im Streit mal an den Kopf warf, wir würden doch eh nie ein eigenes Haus haben, bis ich nicht meinen blöden Audi 80 Kombi besäße. „Avant“ korrigierte ich mit gequältem Gesicht, was den Streit aber auch nicht schneller beendete. Insgeheim aber stellte ich fest: Abgesehen davon, dass wir noch nie über ein eigenes Haus gesprochen hatten, fand ich das aber eine durchaus logische Reihenfolge.

Es dauerte dann noch ein paar Jahre aber vor ein paar Jahren konnte ich mir dann meinen ersten Audi leisten. Für viele Leserinnen in meiner kleinen, sehr urbanen Blog-Blase mag das jetzt doof klingen – lese ich doch von Euch meist eine grundsolide allgemeine Autoverachtung – aber mir hat das etwas bedeutet.
Und auch nach sechs Jahren mit einem A3 macht es mich immer noch froh, wenn ich vors Haus trete oder auf einem Parkplatz zurück zu meinem Auto komme und ich kann mich immer wieder an der Schönheit dieses Wagens erfreuen. Ebenso, wie ich, wenn ich drin sitze mich daran erfreue, dass er mich zuverlässig, komfortabel, schnell und sparsam überall hinbringt, wo ich möchte. Und er ist so schön.

Außerdem bekomme ich, seit ich von VW zu Audi umgestiegen bin immer wieder mal hübsche Post. Eure Kundenzeitung kommt schon ziemlich lifestylig daher, aber es macht mir Spaß sie zu lesen.

Gestern das, das war aber keine Kundenzeitung. Ich dachte, es wäre jetzt vielleicht einmal eine Information zu den von Euch verbauten Motoren, eine Info darüber, ob jetzt Ihr oder ich oder wer sonst oder niemand Steuerbetrug begangen hat, vielleicht Infos darüber, wer den Mist jetzt ausbadet, vielleicht ein Sätzchen oder zwei dazu wie Ihr es damit haltet, dass mein Auto doch jetzt vermutlich einen ziemlichen Wertverlust hingenommen hat und ich zum Ende meiner Leasingdauer vielleicht echt gekniffen bin, weil irgendwer bei Euch eventuell meinte betrügen zu müssen. Muss ich ab jetzt mehr Steuern zahlen? Oder habe ich „Glück gehabt“, nur andere nicht?
All das zu erfahren hätte mich gefreut. Bis jetzt ist die Informationslage eher dürftig und als ich letztens im Autohaus war, da stammelte der Meister dort irgendwie rum, meinte, ich bekäme auch noch Post von Euch, aber er wisse leider nicht was da drin stehe. Er wisse leider auch nicht genau, wie es weiter ginge, ich müsse aber vermutlich Anfang des Jahres mal in die Werkstatt kommen. Softwareupdate wahrscheinlich. Was dann da gemacht würde wisse er nicht und vielleicht wäre mein Verbrauch danach höher, das wisse er aber nicht so genau.

Das. Ist. Keine. Gute. Kommunikation, liebe Firma Audi. Das ist crap.

Gestern also wieder ein dickes Päckchen von Euch. Endlich. Aber …: Es ist ein Hochglanz-Prospekt, der mir den neuen A4 schmackhaft machen soll. Ich soll den „Fortschritt spüren“ weil „sich die Welt verändert“ und meint damit, dass ich mich über eine weiße Beleuchtung, Verzeihung: „Illumination der Tieftöner“ freuen soll. Ihr meint damit die „Schulterlinie, die an den Ecken der Scheinwerfer ansetzt und einen eleganten Bogen zum Heck“ schlägt oder dass der „Unterschnitt an den Seiten ein intensives Spiel von Licht und Schatten erzeugt“. Und ich darf feiern, dass ich im Jahr 2015 mein Handy mit dem Auto verbinden kann. Seriosly?
Und: Abgas-, CO2- oder Emmissionswerte kommen nur in kleinen Fußnoten vor und ich finde sie „am Ende des Prospekts“.

Wisst Ihr was? Ich habe mich noch nicht vollkommen vom Auto verabschiedet wie gefühlt 75% meiner Freunde. Ich würde mich an exakt diesen Dingen freuen. An guten Innenraumbeleuchtungen, an Head-Up-Displays, an schönen Schulterlinien und an den neuen Blinkern die mich draußen, wenn ich sie in-the-wild sehe, so neidsch machen, dass es mich erschrickt. Ich liebe Eure Technik und Euer Design. Immmer wieder, wie oben schon gesagt.
Aber auch wer schön daher kommt darf mich nicht belügen; ich hätte jetzt gerne mal ein paar Antworten: Fahre ich ein Auto, dessen Software auf dem Prüfstand falsche Werte zustande kommen lässt? Fahre ich ein Auto, das durch dieses kleine Kommuikationsmanöver jetzt an Wert verloren hat? Bade ich das am Ende des Leasing-Zeitraums aus oder Ihr?
Und, genauso wichtig: Habt Ihr noch irgendwelche anderen Ideen für die Zukunft des Autos in der Tasche als Software-Lösungen, die so-tun-als-ob? Wisst Ihr, ich saß letztens in einem Tesla. Und abgesehen davon, dass es mir eine Rippe aus der ihr angestammten Gelenkpfanne hob, als der Fahrer grinsend den rechten Fuß ins Bodenblech drückte und ich diese Testfahrt mit einem Besuch beim Chiropraktiker bezahlte: Das war alles sehr, sehr überzeugend. Habt Ihr sowas auch? Wie gesagt, ich liebe Audi und ich würde das gerne bei Euch kaufen. In schön, nicht als SUV und nicht als lustige, knubbelige Designstudie, die eh keiner kauft. Als Auto, als richtiges Auto, mit einem Vorsprung durch Technik. Und nicht Vorsprung durch Schummeln.

Ach, eins noch: Bitte, bitte bitte sagt mir nicht, dass Ihr das zeitlich nicht hinbekommen habt weil ja schon alles gedruckt war. Als an unserem letzten Schultag morgens um 9:05 mein alter Lateinlehrer einem Kameraden eine Ohrfeige verpasste, weil der ihn angeblich mit der Wasserpistole erwischt hatte, hatten wir um 9:30 zur großen Pause einen Einleger mit der Geschichte in 500 Abi-Zeitungen liegen. Innerhalb von 25 Minuten. Mit 18. Im Jahr 1991. Ich denke also, im Jahr 2015 hätte es bei Euren Möglichkeiten wenigstens zu einem Anschreiben und einem kleinen Info-Onepager gereicht.

Liebe Firma Audi, unsere Liebe hat irgendwie einen kleinen Riss.
Ich würde ihn gerne kitten, also: Wie siehts aus?
Dein Christian


Refugees welcome?

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Eine (etwas längere) Frage, die mir in den letzten Tagen so durch den Kopf waberte:

Wenn …

… Ihr Euch darüber streiten könnt, ob und welche Form der Aufmerksamkeit an alle Geschlechter in der Sprache jetzt scheiße / vollkommener Blödsinn / unlesbar / totaler Dreck / vollkommen überflüssig oder angemessen ist …

… wenn es wichtig ist, nur wegen des Fußballs den Namen einer andere Stadt nicht auszusprechen. Oder nur fürs Bier und die richtige Ausführung des Karnevals …

… wenn Ihr Menschen, die spontan in ihrer Bestürzung ihre facebook-Profilbilder blauweißrot anmalen erklärt, dass das jetzt patriotisch und damit dumm ist …

… wenn andere Menschen, die für die Toten und die Angehörigen beten wollen auch über den Mund gefahren bekommen …

… wenn Ihr Euch eigentlich sogar trefflich darüber aufregen könnt, ob jemand links unten ein Fähnchen oder links oben einen Apfel auf seinem Computer hat …

… wenn ein Satz mit „ich esse Fleisch“ oder einer mit „ich esse kein Fleisch“ dazu führen können, dass Ihr Euch auf facebook blockt …

… wenn Euch sicherlich noch tausend Gelegenheiten einfallen, wo Dinge in der öffentlichen Diskussion eine unfassbare Heftigkeit angenommen haben …

… wie genau soll das dann eigentlich klappen, mit diesem Miteinander der sich noch fremden Kulturen?


Grill die Fischers

Aus der Kategorie »just TV«

Ich mache jetzt mal was ganz seltsames – ich schreib mal wieder übers Fernsehen.
Eigentlich sind wir ja auch soweit im Streaming-statt-TV-Modus, dass wir letztens feststellten, dass sich unser Receiver offensichtlich aufgehängt hatte – und wir am eingeblendeten Datum sahen, dass er da seit drei Wochen hing. Aber hin und wieder gibts da Dinge die wir schauen.

Wie konnte es dazu kommen? Vor circa einem Jahr musste ich Sonntags abends immer früh ins Bett. Das Wochenende reichte nie aus, um mich von der Woche zu resetten und ich ging früh schlafen. Also nee: Ich ging früh ins Bett. Schlafen klappte nicht. Also Zappen. Außerdem ist die Frau ja bekennende Tatort-Guckerin und ich nicht so – das passte schon.

Beim Zappen also entdeckte ich eine Kochshow (gähn) bei VOX (gähn). Mit Ruth „Big Brother“ Moschner. (aha)
Nach ein paar Wochen merkte ich, dass ich da jetzt schon zum vierten oder fünften Mal hängengeblieben war. Die Sendung war chaotisch, anarchistisch, die gekochten Gerichte spielten kaum eine Rolle und Ruth und der Koch hatten sehr viel, meist deutlich zweideutigen Spaß miteinander, so dass die eingeladenen B-, C- und D-Promis keine störende Rolle spielten.

Ich erzählte der Frau davon und bin bis heute traurig, dass ich DEN Blick nicht fotografisch festalten konnte. Eine Kochshow?? Naja, irgendwie.

Die Staffel war zu Ende und ich vergaß das Ganze.

Dann bekam ich mit, dass die nächste Staffel starten sollte. Aus irgendeinem Grund hatte ich durch das Mitgucken einiger Tatorte genügend Good-Will-Punkten gesammelt, so dass sie einwilligte.
Wir hatten unfassbar viel Spaß.

Das Konzept ist simpel. Auf einer großen Bühne stehen zwei Küchen und drei Promis kochen im Wettkampf gegen Steffen Hensler drei Gänge (Vorspeise, Hauptgang, Dessert). Welche Gerichte, bestimmen die Gäste; Herr Hensler erfährt erst in der Sendung was er jetzt kochen muss. Ein Profikoch coacht die Promis und hilft beim Anrichten, damit man nicht sofort sieht, was vom Profi kommt. Eine Jury mit Fein- oder Vielschmeckern bewertet, wer besser gekocht hat. Dazwischen gibts kleine Spielchen, damit die Küchen aufgeräumt werden können und die Promis bessere Chancen haben. Alles also recht simpel.

Warum ich trotzdem es mag: Ruth Moschner verdient unfassbaren Respekt. Ich fand Moderation ja immer so eine „kann sonst nix, will aber vor die Kamera“-Tätigkeit, aber fast drei Stunden lang dieses Chaos zu beherrschen – das verdient Respekt. Sie ist immer am richtigen Ort, plaudert locker mal hier mal da, lenkt dabei unauffällig perfekt die nötigen Abläufe, man merkt, dass sie so Dinge wie das rechtssichere Wiederholen der Regeln immer unauffällig einbettet ohne dass irgendwas steif wirkt – und hat bei all dem sichtlich die ganze Zeit total Spaß.

Noch was? Ja, Herr Hensler beeindruckt mich. Sehr. Im stillen Küchelein Rezepte auszuarbeiten – das kann ich mir vorstellen, dass man so etwas kann. Aber ein Gericht genannt bekommen in dem ein paar Zutaten vorkommen müsssen und dann eine befristete, eher kurze Zeit zum Kochen zu haben und damit regelmäßig Dinge zu kreieren, die die Jury in Begeisterungsstürme ausbrechen lässt – Respekt. Wirklich Respekt.

Und die Gäste sind meist ok. Trotz B- oder C-Prominenz. Haben ja auch was zu tun und kommen manchmal nicht mal dazu, Ruths lockere Plauderei zu beantworten. Egal, dann geht sie halt wieder. (Erwähnte ich die unfassbar gute Moderation?)

Die Sendung ist beste Samstagsabend-Unterhaltung am Sonntag – und die letzten drei Minuten jedes Gerichtes wird es so hektisch, dass Familie Fischer danach vollkommen gegrillt im Bett liegt und hellwach an die Decke starrt.
Ja genau, von einer Kochshow. Im weitesten Sinne.

Außerdem kann ich zwei neue Wörter: Schlonzig. Und Röstaromen.


Woanders

Aus der Kategorie »just links«

Und wieder ist einer der Tage, wo man überlegt, ob man hier einfach so bloggen kann, ob man einfach hier Dinge ins Netz schreiben kann.

Viel war es eh nicht, diese Woche. Zum einen ging es um Empathie, ein nie falsches Thema. Wie sie entsteht, warum sie manchen fehlt. Das sind ja nicht unwichtige Fragen dieser Tage. Nein, nicht dieser Tage, das ist eigentlich immer interessant. Empathie können wir alle nie genug haben.

Und zum anderen fand ich einen netten kleinen Artikel, der auch für Anfänger erklärt, wie man auf dem Laternen- (oder: St. Martins-Umzug, wie er Säkularisierung-hin-oder-her mancherorts immer noch genannt wird) schöne Fotos hinbekommt. Jetzt ist der Umzug zwar schon rum, aber dunkel ists immer noch und Kinder bleiben ja auch meist noch ein paar Jahre länger. Also ruhig mal reingucken.

Aber je länger ich hier tippe: Ich mag nicht in Angst erstarren. Ich glaube, dass das stärkste, was man Terror entgegensetzen kann, keine-Angst ist. Also hinaus in die Welt, mit meinen kleinen Links hier.

Warum ich manches, was im Moment so auf mich einprasseln möchte nicht an mich heranlassen kann, hat Patricia in einem Satz perfekt zusammengefasst: Ich will aber nicht handlungsunfähig sein, ich will meinen Teil zu einer besseren Welt beitragen, egal wie verschwindend winzig und am Ende lächerlich er sein mag.

Und darüber hinaus sage ich nichts, ich weiß nichts zu sagen. Wenn überhaupt wüsste ich was zu fragen, aber alle Fragen hat Jan Böhmermann schon gestellt. Ich schließe mich da an.


#12 von ach

Aus der Kategorie »just pix«

Seit Monaten beobachte ich, wie Menschen, die ich gerne habe auf instagram am zwölften eines Monats #12von12 spielen. Das heißt, sie posten über den Tag hinweg 12 Bilder, die ihren Tagesablauf ein bisschen dokumentieren.

Und da ich ja alles mitmache, mache ich auch bei #12von12 mit. Schon seit Monaten. Also theoretisch. Ein paar Monate lang habe ich jeweils abends am 12. festgestellt, dass ichs wohl verpasst hatte. Am 13.10. bin ich dann auf die kluge Idee gekommen, mir einen Kalendereintrag anzulegen. Mit Erinnerung am Vorabend und einer Erinnerung am Morgen.

Heute Morgen also: Pieppiep.

Aber ich lag ja noch im Bett und mochte nicht wach werden, auch wenn Frau und Katz schon lustig rein und raus wechselten.

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Naja, einschlafen ging nicht mehr, also bin ich eine Treppe hochgestiegen und habe mich in den Codeflöz begeben. Ich kann das prima, coden bevor ich das erste Wort gesprochen habe. Mein Kopf läuft dann im Automatik-Modus und ich hab im Moment so furchtbar viel zu tun, da kann ein bisschen Automatik-Modus nicht schaden.

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Ein bisschen später kam die Sonne raus und ich saß immer noch im Codeflöz. Ob ich schon wieder meinen Bildschirm fotografiere?
Auch auf Twitter teilte man meine Bedenken.

Aber dann kam zum Glück die Sonne raus. Da konnte ich ja die Tageslichtlampe ausmachen. Wie gehaltvoll.

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Ich habe dann noch ein bisschen gecodet und dann Mittagspause gemacht. Zum Glück für mich gibts auf Netflix ja die Kinderecke und Tim und Struppi sind exakt mein Niveau wenn ich aus dem Codeflöz komme.

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Und dann fand ich meinen nicht-das-Haus-verlassenden Arbeitsalltag so unfassbar langweilig, dass mein Dünndarm mir signalisierte, dass er hochkommen und mich erwürgen würde, wenn ich mit diesem Scheiß weiter machen würde.

Sorry, schöne Aktion aber in Zukunft leider ohne mich.


Wer Dummes tut

Aus der Kategorie »just people«

Wisst Ihr, welchen Satz ich so richtig nicht mehr hören kann? „Dumm ist, wer Dummes tut“ – genau den.

So ein Totschlagargument. Jemand macht was blödes, also ist er blöd. Fertig. Muss ich mich nicht mehr drum kümmern, der ist ja blöd. Ist zu schnell Fahrad gefahren und liegt jetzt auf der Straße? Ach, selbst Schuld, war ja selbst blöd. Hat während der Arbeitszeit zu oft auf facebook rumgehangen und bangt jetzt um seine Stelle? Egal, selbst Schuld, ist ja blöd. Steht auf der Straße und schreit was von Lügenpresse? Muss ich mich nicht mit beschäftigen, ist ja dumm.

Man sagt: Der ist blöd, und praktischerweise gibt einem so eine ergriffene Deutungshoheit ja auch die Chance, schnell weitere Definitionen festzulegen. Man sagt also auch: Ich bins nicht (Ha, gerettet!) und fertig.
Es kotzt mich an. Es ist überheblich, es ist arrogant, es dient nur dazu, fix einen Status festzulegen und eine Diskussion zu beenden. Und es ist: Dumm. Tja.

Arm hoch, wer noch nie was dummes getan hat. Na? Noch nie mit einem Bierchen zuviel Auto gefahren? Noch nie außerhalb der Beziehung mal ein Mississippi zu lang geguckt? Noch nie kurz verunsichert gewesen, weil der Türke so düster guckte? Noch nie in der Kaffeeküche über den Chef gelästert? Noch nie die 500 Meter ohne Gurt oder Helm gefahren? Noch nie ohne Quellencheck einfach was bei facebook geteilt? Zu lange mit dem Arztbesuch gewartet? Das aber wirklich allerletzte Bier bestellt? Einfach kurz geschwindelt, um jetzt nicht länger bleiben zu müssen, obwohl es garantiert am nächsten Morgen auffliegt? Doch die Pizza bestellt, obwohl dann wieder die halbe Nacht Sodbrennen droht? Die Liste ist unendlich …
Also nochmal: Arme hoch – wer hat noch nie was dummes getan? Ach guck, das bleibt ja überschaubar.

Jede und jeder hat schon mal was Blödes getan und kann noch viel blöderes tun. Wenn wir behaupten, dass es nicht so ist, dann sind wir noch nie außerhalb des innersten Kerns unserer Komfort-Zone gewesen. Innerhalb dieses Bereichs mag es einfach sein, keine Fehler zu begehen. Aber wir Menschen schleppen ein Jahrtausende lang trainiertes Stammhirn mit uns rum und es gibt Dinge, die uns genau da kitzeln. Wenn Lust, Trieb, Furcht oder auch nur Bequemlichkeit getriggert werden, dann übernimmt manchmal ein Teil des Hirns die Kontrolle bevor wir auch nur den Mund aufgekriegt haben, um „ja aber“ zu sagen. Das ist menschlich.

Wir sollten uns das eingestehen. Kann jedem passieren.

Aber wir sind – wie gerade schon gesagt: Menschlich. Wir tragen auch ein paar immerhin schon viele Jahre, teils auch viele Jahrhunderte trainierte Errungenschaften mit uns herum, die das Zusammenleben einfacher machen. Zivilisation halt. Haben Regeln gelernt, die manches Verhalten bestrafen.
Pizza am Abend: Sodbrennen in der Nacht.
Flirten in der Beziehung: Schlafen auf der Couch.
Facebook auf der Arbeit: Gespräche mit dem Chef.
Und so weiter. Alles passiert trotzdem. Manchmal gehts gut, manchmal gibts kein Sodbrennen, keine Abmahnung und keinen schiefen Haussegen, manchmal nicht.

Worauf ich raus will: Fehler sind menschlich, die können passieren. Menschlich zu sein heiß auch: Tolerant zu sein, verzeihen zu können.
Ich will – bevor das hier jemand rauslesen möchte – keineswegs die gesellschaftlich anerkannten Strafmechanismen in Frage stellen. Fahren ohne Gurt: Dreißig Euro, Pizza nach acht: Sodbrennen: nicht unter drei Stunden, Totschlag: Freiheitsstrafe von mindestens fünf Jahren. Alles gut und richtig.

Aber: Fehler sind – ich sagte es schon ein paar mal – menschlich und wer einen Fehler macht, der ist immer noch ein Mensch. Und nicht nur noch über eine dumme Tat definiert. Oder in anderen Worten: Da hat jemand was dummes getan, aber: er. ist. nicht. dumm.
Ich weiß, das ist jetzt unbequem, jetzt muss man sich mit allen, die einem querkommen auf einmal mehr auseinandersetzen. Aber ich bleibe dabei. Wer dummes tut, der tut dummes.

Und nur wer dumm ist, ist dumm, aber das ist eine andere Geschichte.

Und im zweiten Teil der Geschichte sprechen wir dann über die anhängigen Themen: Resozialisation, Umgang mit Scheitern und gescheiterten, Aufarbeitung der Nazizeit und gerne auch noch mal Pizza nach acht.


Sagense mal, Du, äh … sag mal, Sie …

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Stoße ich doch gerade auf diese kleine Gewissensfrage in der SZ: Wenn aus den Kindern Erwachsene werden – muss aus dem »Du« ein »Sie« werden? Und wenn ja, wann – und warum? und erinnere mich an eine lustige Geschichte, die mir so mit knapp 20 passiert ist.

Damals – das war ja vor dem Internet – fuhr ich Botenfahrten für die Werbeagentur unserer Nachbarn. Ich hatte einen Kombi und recht flexibel Zeit und zahlte weder Steuern noch Versicherung – sie zahlten den üblichen Kilometersatz. Oder, in anderen Worten: das war eine ziemliche Win-Situation für mich. Meist fuhr ich Druckvorlagen, manchmal auch frisch gedruckte Prospekte – immer frühmorgens am zweiten Messetag von der Druckerei zur Messe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Da ich die beiden schon ewig kannte, duzten sie mich und ich siezte sie. War halt so.
Da ich mal ein Praktikum in der Agentur gemacht hatte, duzte ich mich mit den Mitarbeitern.

Nur einer, der, der auch auf einem eigenen Büro bestanden hatte, den kannte ich nicht von früher, mit dem hatte ich auch bisher nie mehr Kontakt gehabt, als ein freundliches „Guten Tag!“, wenn ich an der angelehnten Bürotür vorbeikam. Und dann rief der mich an, um eine weitere Tour zu irgendeiner Messe mit mir zu besprechen. Nennen wir ihn mal Max Muster.

Er: Hallo Christian, wir hätten mal wieder eine Fahrt für Dich. Könntest Du morgen was von Werl nach Köln fahren?

Ich: (gedanklich, ach guck, wir duzen uns, wie nett): Hallo Max! Ja, das ginge, wann solls de…

Er, mich ruppig unterbrechend: Entschuldigung, aber ich denke, es wäre angemessen, wenn wir beim Sie blieben.

Ich: (gedanklich: ??): Ups, sorry. Also, hallo Herr Muster, ja, das ginge, wann solls denn sein?

Er: Ziemlich früh, kannst Du um sechs bei der Druckerei sein und dann direkt nach Köln fahren?

Ich (gedanklich das Du sehr wohl registrierend): Ja klar, kein Ding. Sagst Du mir die Adresse der Druckerei und krieg ich dann von Dir einen Aussteller…

Er, mich ruppig unterbrechend: Entschuldigung, aber ich denke, es wäre angemessen, wenn wir beim Sie blieben.

Ich (gedanklich: ach guck, ein Arschloch): Aber gerne. Sagen Sie mir dann die Adresse der Druckerei und krieg ich von Ihnen einen Ausstellerausweis, damit ich aufs Messegelände komme?

Er: Ja sicher, den kannst Du Dir gleich noch abholen.

Ich (gedanklich mit viel Freude an dem Spiel): Das ist ja prima von Dir, dann komm…

Er, mich brüllend unterbrechend: Ich denke, es wäre angemessen, wenn wir beim Sie blieben.

Ich: Gerne, wenn dann auch wirklich wir beim Sie bleib …

Er, mich wieder unterbrechend: Das ist ja wohl was anderes!

Ich: Ach so, Herr Muster.

Er hat den süffisanten Tonfall, den ich jahrelang an meiner katholischen Privatschule perfektioniert hatte nicht gehört. Und wie steht es so schön bei der SZ: Wie sollte man sich dazu verhalten, wenn Erwachsene damit weitermachen? Am besten so, wie man sich allgemein verhält, wenn sich jemand unhöflich benimmt: Man denkt sich seinen Teil.

Das hab ich dann auch getan. Wenn ich nicht vollkommen falsch liege war das dann auch der Typ, der ein paar Jahre später versucht hat, mit allen Kunden abzuhauen. Hat mich nicht so überrascht.

Ich duze übrigens gerne. Menschen, die im Status über mir stehen, merken auch so, dass ich das weiß.


Charlotte Roche: Mädchen für alles

Aus der Kategorie »just read«

IMG_4719Ich muß vorweg schicken: Generell blicke ich mit großem Wohlwollen auf das, was Frau Roche so tut. Ich besitze einen Genesungswunsch von ihr und warte immer noch darauf, dass Herr Böhmermann gesteht, dass seine Show und Dendemann und Twitter und alles gar nicht wahr ist und Frau Roche mit einer neuen Show um die Ecke kommt – obwohl ich bei letzterem langsam ahne, dass es nicht mehr passieren wird.

Naja, das war dann also die Vorraussetzung, als die Liebste aus der Bücherei zurückkam und ein Buch von Frau Roche mitbrachte.
Außerdem, die treue Leserin könnte es wissen, bin ich grundsätzlich dafür, Tabus zu brechen. Der Satz „aber da spricht man doch nicht drüber“ hat vermutlich schon mehr Teenagern schlaflose Nächte bereitet als das Wissen darüber, dass Küsse schmatzen können und Sex riecht.

Manche Leserin mag ja vermuten, dass Frau Roche nur für diesen Tabubruch schreibt. Ich persönlich glaube das nicht; ich glaube, dass sie eben nur tabulos ihre Geschichten schreibt.

Was für eine Geschichte also?
Chrissi, die Hauptperson der Geschichte ist in der Vorstadthölle gefangen. Mann, Kind, Haus, kein Job mehr, keine Party mehr – sieht man von der Hochzeitsfeier des kleinen Bruders ihres Jörgs ab, die gerade durch ihr Haus tobt. Es muss sich also was ändern und damit sich was ändert, holt sie sich ein Mädchen für alles ins Haus. Also wirklich für alles.

Hab ichs gemocht?
Ich habs in einem Rutsch durchgelesen, ich wollte wissen, wie Chrissi damit umgeht, ob sie aus der Vorstadthölle raus kommt. So ab der Mitte merkt man, dass Chrissi ziemlich abdreht und das hat einen ganz hübschen Sog. Und das Ende fand ich erst doof und dann hab ich angefangen drüber nachzudenken und das war ganz lustig und ist noch nicht beendet.
Ich glaube also, ich fands ziemlich prima.

Ist es ein Skandalbuch?
Nö. Wenn man schon mal Sex hatte und weiß, dass feuchte Geschlechtsorgane Geräusche machen können, dann nicht. Wenn man das zwar weiß aber nicht wissen will, dann wird man allerdings auch irgendwie enttäuscht sein, dafür gibts nicht genug Sex um sich wirklich aufzuregen.

Das Buch kann man zB hier bei amazon kaufen. Ich krieg dann ein paar Cent ab.

Und während des Lesens dachte ich ständig an dieses kleine Lied von Frau Dico, in dem sie eine ganz ähnliche Situation erzählt: „The silence in your house and in your head and in your heart is so loud
Naja, vielleicht mit einer anderen Wendung.