Über die Durchschnittlichkeit

Aus der Kategorie »just people«

Ein Thema, was mich dieser Tage sehr umtreibt: Der Hang zur Durchschnittlichkeit.
Wahrscheinlich schreien jetzt alle auf, nein, durchschnittlich sein möchte doch niemand, der Begriff ist ja nun auch reichlich negativ belegt.
Schaut man aber mal so auf den Alltag, so ist das nur haarscharf wahr – denn es möchte zwar niemand durchschnittlich sein, aber alle auch nur ganz geringfügig besser als der Durchschnitt. Was dann quasi auf das gleiche rauskommt.

Gucke ich doch gestern Abend die wunderbare Sendung »Roche & Böhmermann« und da erzählen Bela B. und Rocko Schamoni von einem Auftritt bei der Anti-Castor-Demo und wie peinlich es gewesen wäre: Mitten in der Menge wäre so ein roter Punkt auf- und abgehüpft – das wäre die wie immer leicht überengagierte Claudia Roth gewesen. Haha.
Claudia Roth, die übrigens gestern hier in Menden war und wo S. tatsächlich mit anhören musste, wie zwei Grüne überlegten, warum die Claudia das denn wohl täte. Auf die Idee »Engagement« sind sie nicht gekommen auf Nachfrage schüttelten sie den Kopf – das wäre doch Quatsch.

Aber what the fuck ist denn an Engagement schlimm?

Was anderes, aber irgendwie was ähnliches: Die S. zum Beispiel, die hat ein Diplom in der Förderung hochbegabter Schüler. Das hat sie vor knapp zwei Jahren berufsbegleitend gemacht und wenn sie irgendwem davon erzählt, dann herrscht bei den meisten blankes Unverständnis bis hin zu einer undifferenzierten Ablehnung. Meist kann man die Undifferenziertheit am Ende in einem Satz zusammenfassen: »Warum brauchen die denn Förderung – die haben’s doch eh in die Wiege gelegt bekommen« (Aha, wer es gut hat, der darf es nicht zu leicht haben, oder wie?)

Und auch die Kinder, die sie kennenlernt, die sie testet und dann vielleicht unterrichtet, die (und ihre Eltern) reagieren seltenst so richtig glücklich. Sollte man doch denken, dass ein hochbegabtes Kind erst einmal ein herzhaftes »Hey geil, mein Kind hat gutes Potential, mal richtig was zu erreichen« hervorruft – denkste.

Die kleine Polemik am Rande:
Hochbegabungsdiagnostik für Anfänger: Schreien Eltern, ihr Kind sei aber bestimmt besonders hochbegabt ist es das mit nahezu 100%iger Wahrscheinlichkeit nicht. Macht ihnen der Gedanke aber Angst, stehen die Chancen für eine Hochbegabung des Kindes schon deutlich besser.

Aber auch in anderen Bereichen beobachte ich oft ähnliches. Warum sollen denn bitte Stars »mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben«? Warum ist es so, dass der höchste Adelsschlag, den ein Sänger, Schauspieler, Politiker, Unternehmer bekommen kann so lautet: »Er ist einer von uns«?

Bedeutet das also, es gibt ein kollektives »wir«, in dem sich bitte alle einzuordnen haben? Vermutlich.

Interessanterweise möchte jeder von uns dann aber etwas über diesem »wir« liegen. Die meisten von uns denken, sie seien etwas besser als der Durchschnitt, sie führen besser Auto, sie seien etwas klüger, sie machten ihren Job etwas besser. (Und wenn ich den Link nicht verbaselt hätte, dann stände hier ein Link zu einer recht aktuellen Studie darüber. Mist. Doch wieder nur ein unterdurchschnittlicher Blogartikel.)

Liegt das Geheimnis in dem Wörtchen »etwas«? Vielleicht. Solange ich mich etwas besser finde als die anderen muss mir jemand, der – auch noch nachweisbar – schneller, klüger, schöner, reicher ist Angst machen. Denn der ist dann ja deutlich besser – besser als der Durchschnitt und dummerweise auch besser als ich.
Also bleiben wir doch besser alle was wir sind: Ganz knapp über dem Durchschnitt. Wir strecken uns bis an den Punkt, an dem wir uns selber sagen können, dass wir aber jetzt die anderen etwas übertreffen.
Und da kann jetzt jeder, der in Mathe auch nur ein klein wenig aufgepast hat einwenden, dass dann einfach der Durchschnitt etwas höher liegt und alle wieder Durchschnitt sind. So wie ich es zu Beginn sagte.

Aber warum? Warum unterhält sich zum Beispiel DER AMERIKANER völlig selbstverständlich über sein Gehalt und bei DEM DEUTSCHEN fällt das Reden über Geld unter das Genfer SmallTalk-Verbot von 1956? Warum haben wir Angst davor, jemand anders könnte uns irgendwo übertreffen? Warum wachen wir so ängstlich darüber, dass bloss niemand außer uns selbst das Mittelmaß verlässt? Und wenn es jemand tut: Warum erfreuen wir uns so daran, wenn Heidi Cellulite hat, Boris ein Beziehungsproblem und warum muss auf jeden Fall selbst jemand wie der deutscheste aller Herberte immer einer von uns bleiben?

Ich fürchte ja: Weil wir es bewerten. Weil wir nicht trennen können, was gar nicht unbedingt zusammenhängt. Weil wir seit Jahren lernen, dass schneller = besser, schöner = besser, teurer = besser ist und wir so aus einem Menschen mit einem höheren IQ einen besseren Menschen machen, weil wir so aus einem guten Sänger einen besseren Menschen machen?
Ist doch Quatsch. Ein guter Sänger ist ein guter Sänger und kann sowohl ein toller Typ als auch ein totales Arschloch sein. Und eine Menge dazwischen. Und ein besonders kluges Kind mit einem hohen gemessenen IQ kann (neben nett/un-nett) sowohl sehr erfolgreich als auch sehr unerfolgreich sein.

Ich weiß, Differenzierung ist schwer, aber ich glaube, wenn man mal sehen könnte, dass nicht eine – wenn auch herausstechende – Eigenschaft für den ganzen Menschen steht, sondern eben nur eine Eigenschaft ist, dann wäre einiges leichter. Klappt übrigens sowohl in die positiv heraussragende Richtung als auch, wenn jemand irgendwo etwas nicht so dolle gut kann.

Einfach mal die Menschen als ganzes sehen. Jeder kann was und jeder kann was gut. Wenn wir aufhören würden, darauf neidisch zu sein und dann fix den ganzen Menschen abzulehnen und stattdessen mal toll fänden, wenn wer was kann oder macht, da würde eine ganze Menge Energie frei, glaube ich.
Und ich fürchte: Ich habe gar keinen Artikel über den Durchschnitt geschrieben, sondern einen über den Neid.

Missionarischer Gutmensch-Artikel Ende. Und aus lauter Angst, das ich ohne den allgegenwärtigen ironischen Abstand jetzt ausgelacht werde, hätte ich fast eine kleine ironische Schlußnote hierhin gepappt. Was ein Mist.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

17 Reaktionen

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Am 16.04.2012 um 10:52 Uhr sagte maggie in the moon:

Nein, einen über Narzißmus. :)
Sehr schön, vielen Dank.


Am 16.04.2012 um 11:01 Uhr sprach Johannes:

Guter Artikel. Bis auf den hüpfenden roten Punkt mit Claudia Roth, aber ansonsten volle Zustimmung (unter uns Nerds: FULL ACK). Dass wir alle nur Durchschnittlichkeit akzeptieren bedeutet ja in die andere Richtung, dass wir uns auch fürchterlich schwer damit tun, Unterdurchschnittliches zu akzeptieren. Was in die eine Richtung Neid ist, ist in die andere Häme. Beides ist nicht gut fürs Zusammenleben.


Am 16.04.2012 um 11:04 Uhr ergänzte Christian:

@maggie: Auch ein Begriff, den die meisten als Negativ bewerten würden. Und dann lesen wir nach der ersten gescheiterten Ehe in den schönen Lebensratgebern, dass wir uns selbst lieben müssen, um andere zu lieben und gucken erstaunt.


Am 16.04.2012 um 11:07 Uhr antwortete Christian:

@Johannes: Meine persönliche Meinung zu Claudia stand da ja gar nicht bei :)
(Ich finde sie toll, aber manchmal anstrengend, kann das aber gut beides nebeneinander haben)

Und: genau – auch die Ablehnung nach ‘unten’ tut dem Zusammenleben nicht gut. ich hatte ja auch ersucht, das anzudeuten, aber das war eh alles schon so lang geworden, daher: Merci für die ausdrückliche Ergänzung!


Am 16.04.2012 um 11:17 Uhr meinte Ute:

Elite ist seit 1945 in Deutschland eben bäh. Und wenn man wirtschaftlich noch so sehr auf sie angwiesen ist. Da hat gefälligst keiner klüger oder reicher oder schöner zu sein als andere. Und schon erst recht darf sich niemand an Überdurchschnittlichkeit Einzelner erfreuen. Am wenigsten er selbst. Das ist erst recht bäh.

Daß man durch das Niedertreten der Klügeren die eigenen, dringendst benötigten Ressourcen vernichtet, ist dabei Nebensache.

Begabtenförderung in Deutschland tendiert gegen Null, ist im Gegensatz zur Förderung schwacher Schüler nirgendwo rechtlich verankert, vom Wohlwollen einzelner Lehrer abhängig und wird mit den neuen Einheitsbreischulen wohl eher noch in den Minusbereich rutschen. Da scheint dann sogar Unterdurchschnittlichkeit erstrebenswerter zu sein, als das Hervorstechen Einzelner zu akzeptieren oder gar zu fördern.


Am 16.04.2012 um 12:09 Uhr sagte Mann²:

Ich glaube es liegt daran, dass die meisten Menschen nicht wissen wofür sie die Durschnittlichkeit denn aufgeben sollten. Es träumen zwar alle vom Erfolg, Geld und dem großen Glück, aber tief drinnen wissen auch alle, dass das einen Haufen Arbeit macht. Und dann gibt man sich halt doch mit Mittelmaß zufrieden.


Am 16.04.2012 um 12:34 Uhr wusste Christian:

@Ute: Ja, das Verhältnis zu und der Begriff “Elite” ist in Deutschland schwierig. Die deutsche Elite gab es ja nebenbei auch nach 45 nicht mehr.

Und Begabtenförderung: ja, schwer, das bekomme ich nahezu täglich mit. Wobei ich gerade nicht weiß, wie es mit der gesetzlichen Grundlage ist …


Am 16.04.2012 um 12:35 Uhr ergänzte Christian:

@Mann2: Interessanter Gedanke, muss ich mal sacken lassen.


Am 16.04.2012 um 14:20 Uhr sagte Dentaku:

Zumindest bei der Seltsamkeit mit dem Gehalt kann ich einen Datenpunkt beisteuern: mein Arbeitsvertrag verpflichtet mich zur Verschwiegenheit in solchen Punkten (wahrscheinlich dürfte ich auch das eigentlich nicht erzählen).

On Topic: insgesamt bin ich eigentlich ganz gern durchschnittlich, ist wahrscheinlich wirklich zu anstrengend sonst. Da ich aber von vornherein weiß, dass ich in manchen Gebieten eher nicht mit Talent gesegnet bin, muss ich natürlich auf anderen glänzen. So wird es vermutlich eigentlich jedem gehen.

(passenderweise bin ich mit diesem Kommentar auch nicht ganz zufrieden, aber was soll’s)


Am 16.04.2012 um 14:29 Uhr schrieb Christian:

Völlig ohne Zusammenhang zu irgendwem der bisherigen Kommentare werfe ich hier nochmal einen Gedanken rein: Wenn ich das Gleichnis von den anvertrauten Talenten richtig verstehe, dann war es doch irgendwann einmal gar nicht unpopulär, mit dem, was einem Natur (oder Gott, wenn man möchte) mitgegeben hat möglichst das beste zu erreichen, oder?
Stellt sich natürlich trotzdem noch die Frage, wie die Kollegen der drei Knechte das fanden, als die ersten beiden Knechte Erfolg mit ihren Talenten hatten.


Am 16.04.2012 um 16:16 Uhr kommentierte Katarina:

Ich finde den ganzen Gedankengang sehr schwierig und mühselig weiter zu denken. Was wohl bedeutet, dass Du einen Nerv getroffen hast. Besonders wenn ich bedenke wie sehr mich Dummheit ärgert. Wobei es für gewöhnlich selbst gewählte Dummheit ist und keine vom IQ vorgegebene. Der Gedanke dass ich Leute, die (nur ein Beispiel von diversen) ständig die Meinungen aus der Bild runterbeten ohne eigene zu entwickeln, einfach mal so sein lassen kann anstatt mich a) schrecklich zu ärgern b) darüber zu diskutieren und mich c) überlegen zu fühlen, fühlt sich sehr fremd und unbequem an. Ich werd’s mal im Auge behalten und sehen was dabei raus kommt ;)


Am 16.04.2012 um 19:14 Uhr wusste Kiki:

Schöner Eintrag, der erinnert mich an das Interview mit diesem TV-Schauspieler, der sich gegen #s21 engagiert hat und seither teils persona non grata ist und von konservativ-pseudoliberalen Politikern diskreditiert wird. Irgendwie darf er wohl keine eigene Meinung mehr haben oder gar vertreten, nur weil er prominent ist. Leider habe ich seinen Namen vergessen, was auch daran liegen könnte, daß ich kein TV gucke, aber ich fand diese unsägliche Neiddebatte völlig abartig.


Am 16.04.2012 um 19:19 Uhr sagte Dentaku:

@Kiki: Walter Sittler?


Am 16.04.2012 um 20:19 Uhr meinte Christian:

@Katharina:
ich finde den Begriff “selbst gewählte Dummheit” sehr schön :)
Passt aber doch auch auch ins Bild – das ist ja irgendwie auch eine Form von Verbleiben im Durchschnitt.


Am 16.04.2012 um 20:37 Uhr kommentierte Ute:

@Christian: In der Philosophie heißt diese Art von Dummheit “Selbstverschuldete Unmündigkeit”. Kant läßt grüßen. Den hat das wohl auch schon genervt. ;-)


Am 16.04.2012 um 20:39 Uhr antwortete Christian:

So ganz dumm war der ja auch nicht … (wenn ich meine alten Philo-Grundkurs-Erinnerungen da mal kurz aktiviere :)


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