25 Jahre Mauerfall. 4 Tage Mauerbau.

Aus der Kategorie »just people«

Der Mauerfall
1989 war ich 17 Jahre alt. Über das Jahr hin hatte ich natürlich mitbekommen, dass und was sich in der DDR tat. Aber zum einen unterhielt man sich in meiner streng CDU-wählenden Familie nicht weiter über politische oder gesellschaftliche Themen. Und zum anderen hatten meine Eltern meine Schule danach ausgesucht, dass sie mir ihr Weltbild möglichst nahtlos weiter in den Kopf pressen sollte – und so gab es wenig Raum für eine Beschäftigung mit den Ereignissen.

Ich erinnere mich dunkel, zwar schon ein Gefühl dafür gehabt zu haben, dass gerade etwas Großes passierte, aber vermutlich machte mir das hauptsächlich diffuse Angst. Ich glaubte zwar schon länger meinem Vater nicht mehr jedes Wort – aber wenn man von frühster Kindheit damit aufgewachsen ist, dass „der Osten” das Böse an sich ist und Papa morges das Haus verlässt, um in Uniform unser armes kleines Land und die ganze freie Welt zu schützen, dann sitzen manche dieser Gefühle tiefer als man das ahnen kann.
Außerdem schlug mein Herz damals – zwar noch wesentlich unfundierter aber vermutlich dafür emotionaler als heute – schon eher links als rechts und ich befürchtete, dass haarlose Idioten gleich mal auf den „Wir sind das Volk”-Zug aufspringen würden. War ja jetzt auch nicht sooo unbegründet, diese Angst.

Und so nahm ich dann auch den Tag der Maueröffnung zwar wahr, aber irgendwie … tja.

Das freudigste Ereignis für mich war ehrlich gesagt wohl am nächsten Tag: Die Nonnen, die meine Schule leiteten, wuselten wie frisch aufgezogene Duracell-Häschen durchs Gebäude – vor Freude darüber, dass sie jetzt wieder in das Mutterhaus ihres Klosters in der (noch-)DDR reisen konnten.
In nahezu ekstatischer Begeisterung stellten sie in allen Treppenhäusern Fernseher auf (mit dem Brandschutz hatte man es damals noch nicht so) und verdonnerten alle Schüler zum gemeinsamen Erleben deutscher Geschichte. Jaja, auf einmal.
Ein paar Freunden und mir war klar, dass niemand in dem Gewusel kontrollieren konnte, ob man ihm bewohnte und wir verbrachten den Vormittag deutlich entspannter im örtlichen Cafe. Und vier Stunden Unterrichtsfrei sind vier Stunden Unterrichtsfrei.

Die Wiedervereinigung
Am Samstag, dem 29.9.1990 fuhren ein, also genauer: mein Englisch-LK und ein Geschichts-LK zusammen auf die obligatorische Kursfahrt: Vierzig knapp 18-jährige für eine Woche nach England. (Wer die armen Geschichtler, die ja garantiert nicht aus tiefer Liebe zu Fremdspachen heraus Geschichte als LK gewählt hatten in diese Verlegenheit brachte, habe ich bis heute nicht begriffen – aber die Wege dieser Nonnen waren halt unergründlich)

Wir waren zuerst drei Tage in Oxford, dann vier Tage in London. Und um so richtig in die Kultur des Landes eintauchen zu können, hatte man uns in Gastfamilien untergebracht (arme Geschichts-LKler) und das war aus vielen Gründen sehr spannend.
Einer – und damit der in diesem Zusammenhang interessante – war, dass wir an Zeitungskiosken und überhaupt in einem anderen Land das erste Mal mitbekamen, wie man von außen auf die deutsche Wiedervereinigung schaute. Deutschland allgemein war ja größtenteils eher im Freudentaumel und wie gesagt: Mein kleines Umfeld war an politschenm Diskurs eher wenig interessiert.
Ich erinnere mich nicht konkret an Schlagzeilen oder Artikel, aber die Engländer sparen ja eh selten mit Nazi-Sprüchen und die in vielen Formen rübergebrachte allgemeine Bersorgnis machte mich sehr nachdenklich.

Zum anderen waren mein Freund und ich zumindest in der ersten Familie in Oxford bei Menschen gelandet, die nicht nur ein bisschen Taschengeld nebenbei brauchten, sondern die auch richtig Bock hatten, sich mit ihren Gästen mal zu unterhalten.
Sie selbst waren aus Nordafrika nach England gekommen und kannten jede Form von Fremdenfeindlichkeit aus Ausländerhass aus erster Hand. Es war interessant, sich mit ihnen zu unterhalten und ich hoffe, wir konnten zumindest diesen beiden Menschen vermitteln, dass Deutschland im Vereinungsfreudentaumel jetzt nicht gleich wieder von Maas bis Memel wollte.

In der Nacht zum dritten Oktober hingegen lernte ich das erste Mal in meinem Leben schmerzhaft, was eine Filterbubble ist. Auch offline wähnt man sich ja immer irgendwie in der Gewißheit, dass alle Menschen um einen herum irgendwie so ticken wie man selber und der engere Kreis um einen selbst.
Und da wir uns ja schließlich – ausgelöst durch Schlagzeilen und Gasteltern-Gespräche – auch all die Tage immer wieder durchaus auch besorgt über die möglichen Folgen dieser Hauruck-Vereinigung unterhalten hatten, gingen „wir” auch davon aus, dass der ganze Bus so tickte wie wir.

Tat er nicht.

Ich muss noch kurz erzählen: Wir trafen uns nachts, nach dem Schließen der Pubs, immer noch am Bus. Unser Busfahrer war wohl sehr England-Reisen-erfahren und hatte jeden verfügbaren Freiraum seines Busses mit Dosenbier vollgestopft. So konnten die Sperrstunden-ungewohnten Deutschen noch nachfeiern und ich vermute, er verdoppelte damit in etwa seinen Lohn.
In der Nacht zum dritten Oktober standen wir also wieder auf dem Parkplatz und mussten feststellen, dass um Punkt zwölf die andere Filterbuble, die sich zufällig im gleichen Bus befunden hatte, diesen historischen Moment mit dem Absingen der deutschen Hymne begehen wollte. Ach und weils so schön war: Da gabs doch auch noch ’ne erste Strophe. Und wenn man schon so schön zusammen steht, dann kann man ja auch in der Menge versteckt mal eine Hand in den Himmel strecken.

Außerdem lernte ich damals die Kraft kennen, die ein „Ach Du bist doch ’ne Spaßbremse!” haben kann, wenn man Menschen anspricht, die gerade finden: „da wird man doch wohl mal singen dürfen”.

Nachdem ich meinen Freund, der das Ganze dann mit den Fäusten klären wollte, zurückgehalten hatte gingen wir traurig in unsere Familien. Nein, nicht nur traurig. Hilflos, wütend, traurig, beschämt, verwirrt. Alles auf einmal.

Morgens am dritten Oktober 1990 war die Teilung Deutschlands beendet und die Teilung eines LKs eines Mendener Gymnasiums besiegelt.


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