Abgestumpft?

Aus der Kategorie »just people«

Am 27. August 1990 saß ich abends in Menden in einem Theater, als ein Freund hereinkam und sich durch die Reihen drängte. Bei mir blieb er kurz stehen und fragte „Kennst Du Stevie Ray Vaughan?“ – „Ja, warum?“ – „Der ist nämlich mit dem Hubschrauber vor einen Berg gefolgen.“ Und ging weiter.
Ich hatte keine Lust mehr auf das Stück und bin ein paar Stunden sinn- und kopflos in der Stadt herumgelaufen.

Warum? Ich weiss es nicht.
Natürlich kannte ich Stevie Ray Vaughan nicht. Ich kannte seine Musik, ich hatte ein paar seiner Platten und ich mochte seine Musik.
Ich hatte kurz zuvor „den Blues“ für mich entdeckt und hatte – wie befanden uns immer hin am Ende der 80er Jahre – gerade mal wieder das Gefühl, dass es noch ehrliche Musik gab. Musik, die mehr mit Gefühl zu tun hatte, als mit Synthie – Programmierung und Kommerz.
Ich war traurig. Und als ich am nächsten Tag sogar auf WDR2 einen Nachruf hörte, bei dem „Voodoo Chile“ gespielt wurde hab ich geheult. Weil mir klar wurde, dass diese Töne nie mehr so gespielt werden würden.

Fast genau ein Jahr später starb Miles Davis, der mir – die geneigte Leserin wird es wissen – mehr als wichtig ist.
Ich reagierte mit einem betrübten „War ja klar“ und ging zur Tagesordnung weiter.

Warum der Unterschied? Ich weiß es nicht.

In der Zeit, in der ich hier diesen Artikel schreibe sterben mehrere Kinder vor Hunger, werden diverse Frauen vergewaltigt, Gefangene gefoltert. Und vieles mehr.

Manchmal treffen die Umstände so aufeinander, dass zum gleichen Zeitpunkt ein Chefredakteur gerade Interesse daran hat, ein Redakteur etwas recherchiert hat, ich Zeit habe die Zeitung zu lesen und ich ein emotionales Fenster offen stehen habe, dass es mir erlaubt, einen kleinen Moment zu fühlen, was das bedeutet.
Dann versaut mir das hilflose Mitgefühl, die Wut, nichts tun zu können und die Fassungslosigkeit darüber, was Menschen so alles tun den Tag.

Manchmal setzt ganz fix ein Selbstschutzmechanismus ein, der mich davor bewahrt, jeden Tag über alles Elend der Welt nachzudenken.

Manchmal denke ich achselzuckend resigniert „nichts neues in der Welt“.

Vielleicht hat Pia recht, wenn sie sagt „Wir sind so satt“. Vielleicht geht es nicht anders. Vielleicht müsste es dringend anders gehen.

Manchmal stirbt jemand, der mich lange im Fernsehen oder im Radio begleitet hat. jemand, der mich berührt hat – warum auch immer. Vielleicht hat er polarisiert. Vielleicht hat er die richtigen Töne getroffen. Vielleicht hat er mir immer wieder Spaß gemacht, auch in dunkleren Stunden.
Dann bemerke ich das und bin ein bisschen traurig. Und manchmal steht das hier im jawl. Manchmal nicht.

Natürlich ist das alles furchtbar ungerecht, natürlich haben die Kinder, die in den letzten Minuten verhungern mussten, natürlich haben die gefolterten Gefangenen und alle anderen mehr Aufmerksamkeit verdient.

Warum bekommen sie sie nicht?
Ich fürchte, es liegt daran: I’m only human.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

2 Reaktionen

Am 14.09.2006 um 20:27 Uhr kommentierte serotonic:

[Geistloser, aber doch von ganzem Herzen kommender Me-Too-Kommentar]


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