About feminists

Aus der Kategorie »just people«

»Wieso Dienst tauschen? So’n Quatsch, natürlich bleibst Du hier, die Mädchen finden das auch alle. Du bist schließlich Feminist« sagte sie zu mir.
»Wer sagte warum was zu mir?«, wird sich die geneigte Leserin fragen. Drehen wir die Zeit also ein bisschen zurück.

Ich war Anfang der 90er als Zivi im Jugendtreff Regenbogen (Website leider im Moment kaputt) in Aachen gelandet und meine Chefin plante einen Mädchentag im Treff.
Der lag nämlich in einem – euphemistisch gesagt – eher konservativ geprägten Stadtteil und Mädchen kamen eigentlich immer nur zu Besuch wenn sie gerade mit einem der Stammbesucher gingen (so nannte man das damals noch).
Also sollte es einen Mädchentag geben an dem die Mädchen ohne ihre Freunde den Treff einmal für sich haben sollten, an dem sie ohne blöde Kommentare Kicker und Billard ausprobieren und ihre eigene Musik hören konnten. Die Jungs und der Hausmeister wurden informiert und gleichzeitig stellte ich fest, dass ich an dem geplanten Datum Bürodienst haben würde. Und wollte also von dem Tag wegtauschen.
Nö, müsste ich nicht, meinte meine Chefin also und sprach die oben zitierte Sätze.

Ich empfand es als Kompliment, von einer in der Freiburger Studentenbewegung sozialisierten Sozialpädagogin als Feminist bezeichnet zu werden.
Ich hatte ja schon einmal erwähnt, dass ich irgendwann als Teenie versucht hatte zum guten Menschen zu werden – was auch immer ich mir damals darunter vorstellte – aber die Benachteiligung von Frauen nicht gut zu finden gehörte definitiv dazu. Und bei der Chefin und auch den Besucherinnen des Treffs als Feminist oder mädchenfreundlich bezeichnet zu werden fand ich richtig gut.

Wie ich drauf komme?

Vor ein paar Wochen las ich bei der Mädchenmannschaft, dass die Fotografin Saja Seus Feministen in ganz Deutschland portraitieren wollte. Ziemlich spontan schreib ich Saja an, deutete die oben erzählte Geschichte an und fragte sie, ob sie Lust habe, auch nach Menden zu kommen.

Sie hatte und Ende November saßen wir beide hier am Frühstückstisch und unterhielten uns über Alice Schwarzer, Binnen-I und Gender-Gap, über Kristina Schröder, Mario Barth aber auch die große Welle, die es damals hier im Jugendamt machte, als ein Freund und ich ein Seminar-Protokoll komplett in der weiblichen Form abgaben.
Damals kam gerade die Mode auf, offizielle Texte mit dem berühmten »In diesem Text wird durchgängig die männliche Form verwendet. Dies dient der Lesbarkeit und soll nicht diskriminieren.« – Blubb zu versehen. Wir dachten uns also, wir könnten ja auch mal ein Protokoll in der weiblichen Form verfassen und den gleichen Blubb mit »weiblicher Form« druntersetzen.
Die Welle ging durchs halbe Jugendamt und wir durften freiwildmäßig quasi von jedem angeranzt werden, was wir uns denn bitte dabei gedacht hätten. Alles natürlich so gutmenschige Sozialfuzzis. Die von denen man’s am wenigstens gedacht hätte. Eine sehr interessante Erfahrung.

(Exakt daher kommt übrigens auch die Angewohnheit, Euch hier alle mit »geneigte Leserin« anzusprechen, aber das nur nebenbei.)

Saja hatte zu diesem Zeitpunkt schon diverse Männer und Frauen in ganz Deutschland interviewt – und auch bloggend begleitet – und wir verbrachten ein paar sehr interessante Stunden, bevor wir hoch in mein Büro marschierten. Sie wollte mich in meinem natürlichen Lebensumfeld fotografieren.

Juppie. Hab ich auch mal – sogar von beiden Seiten – durch eine Hasselblad geguckt.

Und vor einer Woche hab ich dann die Bilder gesehen. Wow.
Ende Januar ist irgendwo tief im Süden die Ausstellung der Abschlußarbeiten und nicht nur, weil ich wahrscheinlich auf einem der Fotos bin möchte ich wirklich gerne hinfahren. Sondern auch und gerade, weil ich das alles für ein hochspannendes und interessantes Projekt halte, bei dem ich ein bisschen stolz bin, dabei zu sein. Und das mich auch einmal wieder richtig zum Nachdenken gebracht hat. Was ja immer gut ist.

Ach ja: Der Mädchentag damals in Aachen ging ziemlich in die Hose. Die Jungs hingen vor der Treff-Tür rum und drohten mit »Ich küss’ Dich nich’ mehr, wenn Du da reingehst« und die armen Mädchen rannten zwischen eigenen Interesse und versuchter Schadensbegrenzung zwei Stunden lang rein und raus. Fanden zwar ihre Freunde irgendwie doof, aber geküsst werden wollten sie ja irgendwie auch noch.
Einen zweiten Mädchentag gab’s während meiner Zeit dort nicht.

Die Zeit war wohl noch nicht reif, damals Anfang der 90er.
How to prove the importance of feminism the hard way.


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5 Reaktionen

Am 02.01.2011 um 20:54 Uhr antwortete form:

Yeah, holla!
So von Gutmensch zu Gutmensch :).
Ich wusste gar nicht, dass Saja dazu bloggt, aber momentan gehen die Links eh nicht mehr.
Naja, jedenfalls beste Grüße und Dankeschön für die Gutmenschlichkeit, kann man (alle Menschen sowieso) immer brauchen.


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Yeah, holla!So von Gutmensch zu Gutmensch :). Ich wusste gar nicht, dass Saja dazu bloggt, aber momentan gehen die Links eh nicht mehr. Naja, jedenfalls beste Grüße und Dankeschön für die Gutmenschlichkeit, kann man (alle Menschen sowieso) immer brauchen.