Always on

Aus der Kategorie »just people«

Erinnert sich noch jemand daran, wie t-online vor ein paar Jahren Promis den Slogan »Ich leb’ online« in den Mund legte, um damit für ihre Internetzugänge zu werben?
Das klang damals irgendwie sehr zukunftsträchtig – aber nicht mehr so albern science-fiction-angehaucht wie »Cyberspace« oder gar »Datenautobahn« – nein, das klang eigentlich sehr abgeklärt und schon reichlich selbstverständlich.
Eigentlich wäre es eine ganz schöne Kampagne gewesen, wenn nicht … ja, wenn ich ihnen nicht unterstellen würde, dass sie damals keinen Schimmer davon hatten, was es bedeutet, online zu leben. Oder »always on« zu sein, wie es heute meiner Meinung nach noch etwas passender heißt.

Denn es bedeutet, dass ich keine Zeitung mehr lese, weil nichts drinsteht, was ich nicht schon weiß und von dem ich bei Interesse nicht auch schon Hintergrundinfos oder eine zweite Sichtweise bekommen habe.
Es bedeutet, dass ich immer weiß, dass ich »es« nachschlagen kann. Jetzt, auf der Stelle, nicht, wenn ich zu Hause bin. Was auch immer »es« ist.
Es bedeutet, dass ich nicht mehr nachvollziehen kann, wenn jemand seine Meinung daraus bildet, dass jemand anders ihm abends eine Viertelstunde lang eine Auswahl der Tagesereignisse vorsetzt.
Es bedeutet, dass ich zu jedem Problem jemanden finde, der darüber schon etwas geschrieben hat; und wahrscheinlich auch jemand zweites, der eine andere Meinung dazu hat.

Es bedeutet auch, dass ich nicht mehr verstehe, wie jemand seine Unterhaltung danach richtet, wann ein Fernsehsender geruht, etwas anzubieten.
Es bedeutet, das ich tausendmal mehr Musik hören kann, als im streng definierten Formatradio morgens zwischen zehn und zwölf für meine Altersgruppe vorgesehen ist.
Und es bedeutet, dass ich über die Musiker, die Songs und Alben etwas erfahren kann, wenn ich es möchte und nicht nur abends um elf im Nischenprogramm.
Und dass ich die Lieder, die mir gefallen, ein paar Minuten später mit mir herumtrage.

Auf der anderen Seite befürchte ich dass es bedeutet, dass die Menschen, die die fünfzehn Minuten Nachrichten, die eine Sichtweise, die eine Bedeutung und die eine Antwort bisher serviert haben – aber auch die, die den einen Musikstil und die hippe Serie früher für mich ausgewählt haben, dass diese Menschen eine wahnsinnige Angst davor haben, es könnten sich mehr Menschen daran gewöhnen, always on zu sein. Denn dann würde allen auffallen, wie lieb- und respektlos sie seit Jahren ihren Job gemacht haben. Dann wüsten alle, wie gnadenlos sie ausgenutzt haben, dass sie niemand kontrollieren konnte und dass wir alle ihnen ausgeliefert waren. Und sie wären arbeits- und bedeutungslos.

 

Always on bedeutet aber auch, dass ich großartige Menschen um mich herum habe, die mir mit ihrem Wissen, ihrem Humor, ihrer Anteilnahme oder ihrer Hilfsbereitschaft den Tag bereichern – und die dankbar, aber nie unkritisch annehmen, was ich zu sagen habe.
Es bedeutet dass ich wunderbare Menschen kennengelernt habe – Menschen, von denen ich oft nicht weiß, wie sie aussehen und denen es egal ist, wie ich aussehe.
Überhaupt habe ich Menschen kennen gelernt, die ich offline nie getroffen hätte, sei es weil uns räumliche Entfernungen oder vermeintliche Statusunterschiede nie hätten aufeinander treffen lassen.
Und es bedeutet, dass mich diese Menschen vermissen, wenn ich einmal nicht »on« bin und dass wir uns freuen, wenn wir »offline« aufeinandertreffen.

Und ich weiß: Es bedeutet, das wir Angst vor denen haben, die bisher für uns ausgesucht, vor-gedacht und mit angeblicher Bedeutung gefüllt haben. Weil wir ihren Todeskampf beobachten, ihre hilf- aber leider nicht kraftlosen Versuche den Status Quo zu bewahren sehen – und weil wir nie, nie, nie wieder dahin zurückwollen.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

4 Reaktionen

Am 29.05.2011 um 11:41 Uhr sagte Jott:

Ja, ganz meine Gedanken…
Wobei natürlich ein nicht kleiner Teil der Bevölkerung diese Umwälzungen nicht mitbekommt oder sich zumindest nicht damit auseinandersetzen will.. oder wie es meine 80-jährige Mutter vor ca. 5 Jahren ausdrückte: „Muss ich mich damit ( => das gesamte online-web-dingsbums) eigentlich noch beschäftigen?“ Sie hatte Angst, dass sie bald keine Briefe mehr versenden könnte und ihren Lokalteil nicht mehr lesen könnte. Ich hab ihr damals gesagt, sie solle sich keine Sorgen machen, sooo schnell ändere das nun auch nicht…

Heute würde ich das so nicht formulieren…


Am 29.05.2011 um 11:44 Uhr ergänzte Konstantin Klein:

Einspruch, Euer Ehren!

OK, aus einem Einzelbeispiel einen Einspruch zu konstruieren, mag vielleicht etwas vermessen sein; aber ich weiß, dass ich so einzeln gar nicht bin.

Was ist die Lage? Ich zähle mich trotz fortgeschrittenen Alters zur Generation „Always on“, wie ich mir selbst heute nacht beim Bloggen im Bett wieder bewiesen habe. Ich ziehe mir meine Informationen aus dem Netz, nahezu rund um die Uhr (und aus einem Redaktionssystem während der Dienstzeiten, das die Welle der Agenturmeldungen in Echtzeit darstellt).

Und trotzdem gucke ich fast jeden Abend die 15 Minuten der Kollegen aus Hamburg – als lineare Zusammenfassung der Nachrichten, die für die Mehrheit der Weniger-Online-Seienden dochj noch relevanter sein könnte als meine technik- und netzzentrierte Nachrichtenauswahl aus Feedreader, Twitter & Co.

Und den Job, den die Kollegen aus Hamburg (und – für eine andere Zielgruppe – wir in Berlin) als „lieblos“ und wenig zukunftsträchtig zu qualifizieren, möchte ich auch ungern so stehen lassen.

Zumindest wir, eine kleine Gruppe unerschrockener Fernseh-Nachrichtenjournalisten in Berlin – aber auch die Kollegen in Hamburg – sehen die Nachrichtensendung nur noch als eine von verschiedenen möglichen Formen, video-basierte (also mit bunten Zappelbildern arbeitende) Nachrichten zu produzíeren und zu verbreiten. Gerade die Kollegen der Tagesschau bedienen auch fleißig die medialen Verbreitungswege des Fernsehens, und wir bei der Deutschen Welle tun das auch (zum Teil sogar stärker, weil wir nicht durch irgendwelche Medienstaatsverträge gehemmt sind, sondern im Gegenteil die Netzdienste zu unserem Grundauftrag gehören).

Was ich damit sagen will: 15 min. Tagesschau oder 27 min. DWTV-Journal sind nur noch eine von vielen journalistischen Darstellungsformen, und die letzte lineare und zeitgebundene.


Am 29.05.2011 um 12:32 Uhr sprach Christian:

@Jott:
Stimmt, DAS würde ich auch nicht mehr so unterschreiben.
Wobei auch das ins Thema passt – so lange ein digital-Muggel (you know what I mean?) von „seinen“ Medien „das Internet“ als etwas befremdliches, feindliches vorgesetzt bekommt wird seine persönliche Hemmschwelle nicht kleiner werden.
Es gibt da ja den schönen Begriff der killer-application, die es imho nicht nur in groß für Technologien gibt.
Ich glaube, dass jeder einzeln seine individuelle killer-applications erlebt, ich habe als Beispiel da immer den Vater eines Freundes (ca. 70 Jahre alt) vor Augen, der „nie einen Computer brauchte“. Alles „neumodischer Scheiss. Brauchte niemand“, so wetterte er recht regelmäßig.
Ca. eine Woche, nachdem seine 400km entfernt lebende Tochter ein Kind bekommen hatte hab ich ihm geholfen Skype und die Webcam einzurichten. Jetzt „ist das ja schon eine tolle Sache, und die Aktien hat er ja auch viel besser im Blick als in der Lokalzeitung“


Am 29.05.2011 um 13:13 Uhr meinte Christian:

@Konstantin:
Du sagst eigentlich selber, dass „Ihr“ und die (auch von mir sehr geschätzten) „Kollegen aus Hamburg“ von mir gar nicht gemeint sind. Weder mit „lieblos“ – noch finde ich beide nicht sogar sehr zukunftsträchtig.
Denn – wie Du sagst:

: Zumindest wir, […] aber auch die Kollegen in Hamburg – sehen die Nachrichtensendung
: nur noch als eine von verschiedenen möglichen Formen, […]

… und das sehe ich als das Gegenteil von »am Status Quo kleben« an.
Am Status Quo kleben imho die, die sich eben nicht bewegen, und lieber wie bewährt lieblos ein paar dpa- und ein paar Gossip-Meldungen mit „Quelle: YouTube“-Filmen hinterlegen, X-Promotion für die Senderfamilie dranhängen und das dann „News“ nennen.
Und die dann die der tagesschau z.B. vorwerfen, dass sie besser arbeitet.

Und aus dem was Du bloggst und was zwischen den Zeilen über Deinen Job rüberkommt bin ich mir übrigens ziemlich sicher, dass gerade Du nicht gemeint bist ;)

Ich persönlich schätze sehr, was die „Kollegen aus Hamburg“ und auch das was Ihr tut; ich sehe nach Möglichkeit die 15 Minuten abends auch und die tagesschau- und die DW-App sind auf meinem iPhone die beiden Quellen für aktuelles, wenn ich unterwegs bin.
Aber warum? Eben weil die 15/27 Minuten nur noch ein Teil sind.


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