Amsterdam

Aus der Kategorie »just people«

Wir mussten mal hier raus. »Hier raus« bedeutet ja normalerweise für uns, ans Meer zu fahren und so fuhren wir gestern morgen in dem festen Glauben los, wir würden am späten Vormittag in Zandvoort am Strand stehen.

Kurz vor dem Amsterdamer Ring fingen wir aber an zu überlegen, wie lange wir eigentlich nicht mehr in Amsterdam gewesen waren, ein Wort gab das andere und kurz danach bekam Uschi – so nennt der Offliner immer mein Navi und dummerweise hab ich das irgendwie übernommen – ein neues Ziel mitgeteilt: Parking Waterlooplein, Amsterdam. Mittendrin also.

Das Ziel war etwas ironisch gewählt, denn mit dem Waterlooplein verbinden uns beide, unabhängig voneinander viele Erinnerungen. Erinnerungen an eine Zeit, als die Haare noch lang und die Hosen noch bunt waren.

Damals – so ab achtzehn – saßen wir nämlich beide hier in der Kleinstadt und bewunderten die Kleinstadthippies mit ihren außergewöhnlichen Klamotten. Die trugen Sachen, die es hier bei C&A oder auch in der nächsten Stadt bei H&M nicht gab – bunte, gebatikte, aus Flicken zusammengeschneiderte Hosen, Oberteile, die mit ihren Stickereien und Spiegelpailetten an Indien erinnerten, grob gestrickte Kapuzenoberteile und unglaublich an Herrn Morrison erinnernde Lederjacken. Wir waren etwas neidisch damals.

Aber dann hatte irgendwer von irgendwem gehört, dass der jemanden kannte, der immer nach Amsterdam zu Flohmarkt fuhr und dort einkaufte. Dort sollte es alle diese Dinge geben – und sogar in großer Auswahl. Außerdem total gute gebrauchte 501 und total lustige T-Shirts.
Es musste also der Himmel sein und irgendwann trauten wir uns auch, setzten uns zu fünft in den Golf des Offliners (ja, den kannte ich damals schon) und fuhren auch los.

Amsterdam ist echt groß und war außerdem gerade hier in der Kleinstadt nicht unbedingt für Mode bekannt. Eher dafür, das es dort nichts anderes als Coffeshops gab in den man kiffen musste, dass es dort Frauen gab, die in den Schaufenstern sitzend den Vorbeigehenden ihre Liebesdienste aufdrängten und dass man eh an jeder Straßenecke überfallen und ausgeraubt wenn nicht sogar bestohlen wurde.

Wir waren also entsprechend aufgeregt, damals.

Trotzdem war der Flohmarkt, den wir nach längerer Irrfahrt mit Auto und Ubahn durch den Großstadtmoloch dann fanden, tatsächlich der Himmel. Die Stände waren aufregend bunt, es roch fremd (später lernten wir den Geruch als Mischung aus Patchouli, Räucherstäbchen und Moder zu identifizieren) und wir verstanden quasi keine einzige der vielen verschiedenen Sprachen, die die Menschen um uns herum so sprachen.

Wir brauchten den gesamten Tag, um jeden der Stände ausführlich kennen zu lernen, um jedes bunte Shirt anzuprobieren, um über die Vorteile von verschiedeen Flickenanordnungen zu diskutieren und irgendwann müde aber glücklich Besitzer von ein paar neuen muffigen Kleidungsstücken zu sein.
Wir fuhren von da an öfter, wir lernten in englischer Sprache zu handeln, wir konnten die guten ( also die Klamotten-) von den doofen (also den Trödel)-Ständen zu unterscheiden. Ich verliebte mich in eine Lederhose auf die ich dann eineinhalb Jahre sparte, wir campten irgendwann auch mal in der Stadt (gruselig, nur betrunkene Kiffer) und vor der Stadt (ganz ok), wir verließen auch mal den Trödel und wanderten irgendwann sogar 500m weiter bis in die Fußgängerzone – denn da gab es wirklich gute gebrqauchte 501!

Ich wurde nie beklaut, ich hatte nie Sex hinter einer zugezogenen Gardine in einem Schaufenster und gekifft habe ich eh nie.

Aber als ich irgendwann mit einem neuen Bekannten losfuhr und 500m vor der Grenze nach Holland seine Hasch-Voräte aus dem Handschuhfach heraus in den Grünstreifen befördern musste weil Reinschmuggeln ja wirklich doof wäre wo er doch was einkaufen und rausschuggeln wollte – da beschloß ich, dass diese Zeit wohl vorbei war.

Kaum 15 Jahre später war die Wahl des Ziels also recht ironisch angehaucht, ich sagte es ja schon.

Wir landeten ohne großen Stau im Parkhaus und standen nach wenigen Schritten auf einem bezaubernden kleinen Flohmarkt. Es gab allerlei lustigen Trödel, Möbel, Deko-Kram, allerlei Zeugs was wahrscheinlich mal irgendwo vom Laster gefallen war oder dem indonesiche Kinder mit ihren flinken Fingern die Logos aufgestickt hatten – und dazwischen ein paar Klamottenstände. Bei denen gab es dann eine bunte Mischung aus Hippie-Zeugs und dem Kram den in den Frauenzeitschriften die sogenannten Stilikonen tragen und dann auf Nachfrage sagen „das hab ich auf einem ganz bezaubernden kleinen Trödel in Paris/New York/Amsterdam gefunden“.

Ich glaube, wir hatten damals einen arg selektiven Blick.

Wir liefen durch die Stadt, sahen in den paar Stunden die wir hatten, den Dam, den Bahnhof, die laute Tour-Fußgängerzone und die ruhigere andere, wir sahen Grachten, Grachten, Grachten, ein lustiges Horrido vor dem Dam und eins auf irgendeinem anderen Platz, Frikandel aus dem Automaten, viele Menschen auf den großen Straßen und keine in den kleinen Gassen, die an die Winkelgasse erinnerten – und Grachten, Grachten, Grachten.

Und obwohl wir vermutlich nur den innersten Innenstadtkern gestreift haben, obwohl wir insgesamt fast nur in den Touri-Straßen waren und wir für zwei lustig chemisch-bunte Berliner mit Cremefüllung 7 Euro bezahlten war es ganz, ganz wunderbar. Viele Menschen, viele Sprachen, viele Eindrücke. Und vor allem viel positive Stimmung. Irgendwann erinnerten wir uns daran, dass wir ebenfalls samstags nachmittags mal in der Hohen Straße in Köln gestrandet waren. Einem Ort also, den man eigentlich durchaus vergleichen könnte, wenn – ja wenn nicht der eine, der in Köln nämlich, die Vorhölle auf Erden wäre. (Und wir mögen Köln wirklich gern.)

Ich glaube, wir hatten damals einen arg selektiven Blick.
Scheiße ist diese Stadt schön.

Ach ja: Unter waterloopleinmarkt.nl gibt es eine – ganz bezaubernd schlecht auch ins deutsche übersetzte Seite – über den Flohmarkt. Ich hab nach Lesen des deutschen Texte quasi keinerlei Ahnung, was sie mir sagen wollen – es ist toll!

Da ich selbst keine Bilder gemacht habe danke ich m.agullo für sein CC-Bild, Shira Golding für ihr CC-Bild, janwillemsen für sein CC-Bild, sfreimark für sein CC-Bild und noch einmal sfreimark für noch ein CC-Bild!


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2 Reaktionen

Am 21.08.2011 um 20:01 Uhr schriebIsaBerlin_:

Amsterdam? Campingplatz? Offliner? Zandvoort? DANKE! Jetzt hab‘ ich einen Ohrwurm… *hmpf*


Am 21.08.2011 um 22:38 Uhr ergänzte Christian:

heißt „Raiders on se stoam“ jetzt eigentlich auch „Twixe on se stoam?


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