Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Assoziatives Herumdenken nach dem Eingang einer Bewerbung

Im Moment hagelt es bei uns Bewerbungen für Schülerpraktika.
Die Schulen im Umkreis haben sich offensichtlich einigermassen abgesprochen, so dass die Termine nicht übereinander liegen.
Schlau das.

Schlau überhaupt, dass die Notwendigkeit eines oder mehrerer Praktika inzwischen anerkannt ist.
Als ich noch auf dem privaten katholischen Elitegymnasium* meine Zeit absass verweilen durfte, waren Praktika im Gegenteil verpönt.
Es war allen klar, dass wir ja studieren würden. Etwas besseres werden. Eine höhere Laufbahn einschlagen. Naja, auf jeden Fall nie in die Niederungen eines normalen Lebens oder sogar körperlicher Arbeit eintauchen.
Interessanterweise wurde das nie so direkt ausgeprochen, es war einfach so. Als bei uns aus der 10. Klasse heraus Mitschüler abgingen, da haben wir uns durchaus »besser als die« gefühlt – die waren dann ja wohl offensichtlich zu dumm. Auch wenn Du es vermutlich nie mitbekommen hast – sorry Alex, heute weiss ich es besser…
Und als meine Eltern in Anbetracht meiner bodenlos schlechten Leistungen in einer inzwischen schmerzlich vermissten Fremdsprache die Überlegung äußerten, ich könne ja wohl auch eine Lehre anfangen war ich völlig schockiert – Oh Gott, eine Lehre?! Das fand in meinem Leben nicht statt.

Ob mir die drei Jahre Schonraum dann noch gutgetan haben oder nicht weiss ich heute nicht.
Dass mich niemals wieder jemand nach meinem 100-Punkte-Abi fragen würde habe ich damals nicht geahnt – das hatte man mir anders beigebracht.
Dass mir mein Sommerferien-verkürzendes Praktikum bei den Nachbar in der Werbeagentur gutgetan hat glaube ich schon.
Und dass es nur peinlich ist, dass von den Elitekindern auf dem Berg dieses Jahr das erste Mal (!) Bewerbungen in der Stadt herumgeschickt werden, dass ist sicher.

Es hat Jahre gedauert, bis ich begriffen hatte, was uns da offen oder versteckt eingetrichtert worden ist. Und immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich einen kurzen Moment in diesem alten Wertesystem denke – wenn mir jemand erzählt, sein Kind komme jetzt auf die Realschule oder werde nach der 10 eine Lehre anfangen. Erschreckend. Echt erschreckend.
Besten Dank, liebe Schule. Da habt Ihr mir ja toll was beigebracht.

*) so jedenfalls bekamen wir es vermittelt

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