92 Tage

Aus der Kategorie »just people«

Seit 92 Tagen wohnt Joschka bei uns.
Da 92 ja nun eine genau so willkürliche Zahl ist wie 100 oder 1000 oder 4762 ist das genau der Moment, um eine kleine Zwischenbilanz zu ziehen.
Ich dachte ja immer, ich wäre ein Hundetyp.
Immerhin hatte ich – nein: immerhin hatten wir jahrelang einen Hund, einen bezaubernden, lieben, total überzüchteten leicht hysterischen wunderschönen Irish Setter.
Und mir war immer klar, dass ich – wenn ich einmal erwachsen sein würde – wieder einen Hund würde haben wollen.
Auf einmal war ich dann – zumindest was die äußerlichen Zeichen anging – so was von erwachsen, wie ich es mir wohl nie zu erträumen gewagt hätte und so mussten wir dann ja auch die Geschichte mit dem Haustier mal in Angriff nehmen.
Dummerweise hatte ich inzwischen die Freiheiten, die man mit dem erwachsen – werden so bekommt zu schätzen gelernt und wollte zum Beispiel nie wieder einen Urlaub davon abhängig machen, ob der Hund die Fahrt denn wohl überstehen würde. Wobei es eigentlich heißen müsste: ob derjenige, der hinten beruhigend beim sabbernden Hund sitzen musste die Strecke ohne nennenswerte Schäden schaffte. Immerhin: bis zur Nordsee kommt man so ohne dass der beständig speichelfördernde Hund austrocknet und ohne, dass der Hintensitzer vor Übelkeit den ganzen Urlaub nichts mehr essen mag.
Außerdem hatte ich inzwischen auch den Unterschied zwischen blindem Devotismus und wahrer Anhänglichkeit begriffen.

Anfang August kam dann also Joschka zu uns.

Zuerst einmal: Joschka ist ein Katzenmädchen.
»Ja, aber Joschka ist doch ein Jungenname..!!?«
Ach.
Erstens: warum soll ein Mädchen nicht Joschka heißen?
Zweitens: Lieber cool als tot. Und der Spruch: »Sie heißt Joschka. Joschka Fischer« ist es wert.
Wo war ich? Ach ja, Joschka kam zu uns.
Machen wir doch einmal einen Vergleich – so aus der Sicht eines ehemaligen Hundebesitzers.

G. (wie wir den Hund gnädigerweise einmal vereinfacht nennen wollen) kam mit 12 Wochen zu uns, Joschka mit 14, das lässt sich also ganz gut vergleichen.

G. kam als winselndes, ängstliches Fellbündel, Joschka als miauende Neugierde, die nach einer halben Stunde das ganze Haus kannte und laut Einlass in den Keller forderte, weil sie die Tür noch nicht kannte.
Eins zu Null, würde ich sagen.

G. bewies ihren Hang zur Inkontinenz noch Jahre später gelegentlich in versteckten Ecken der Wohnung und vor allem vor Freude immer dann, wenn jemand kam, den sie lange nicht gesehen hatte. (»Ja, sie freut sich, Dich zu sehen, deswegen pinkelt sie Dich an…«)
Joschka haben wir beim ersten Reinkommen kurz in das Katzenklo gesetzt und dann war die Sache klar. So klar, dass sie sogar mit einknickenden Beinen im nach – Narkose – Schlaf nach der Kastration zum Kotzen (»Scheiss Narkose!« dahin ging.
So ein kluges Tier.

G. konnte Sitz! und Platz! und Bleib! und LassAus! und Fuß! und Komm! und mit KommWirGehenMilchHochholen! rannte sie wie eine blöde in den Vorratskeller, nur um dann da festzustellen, dass da immer noch genau so wenig los war wie beim letzten Mal.
Joschka tut genau das, was sie will.
So ein kluges Tier.

G. musste man dauernd bürsten, gelegentlich waschen und sie war trotzdem ständig dreckig.
Joschka kann sich selber sauber halten und tut das auch.
So ein kluges Tier.

G. fiel gerne mal beim Spazieren vom Bordstein und traf auch mit bewundernswerter Genauigkeit immer wieder mal die große Truhe im Flur meiner Eltern, wenn sie geifernd dem vollen Fressnapf hinterher rannte. Die Truhe stand da übrigens seit sie den ersten Schritt in unserem Haus getan hatte.
Joschka ist zwar ehrlich gesagt letztens – was ich nie gedacht hätte – in den Teich gefallen, kann aber auf Stuhllehnen, glatten Badewannenrändern, Dächern und Bäumen balancieren. Und kommt mit einem absolut lautlosen Sprung exakt bis in die Wurstdose hinten auf der Arbeitsplatte. Obwohl sie weiß, dass die Küche tabu ist.
So ein kluges Tier.

Joschka kann aus einem großen Topf Wiskas super extra saftig lecker eine zerkleinerte Tablette heraussortieren und im blankgeleckten Topf liegen lassen. Sie steht auf Geflügel und Rind, Ente geht gar nicht und Thunfisch ist super.
G. frass alles. Gerne auch mal Pferdeäpfel – besonders im Winter, da hatte sie dann was zum Lutschen.

Versteht mich nicht falsch: Ich habe unseren Hund wirklich, wirklich gemocht.
Aber ich glaube jetzt nicht mehr, dass ich ein Hundetyp bin.

Edit: Weil sie gerade so faul vor meine Kamera lag:


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