Wohngeschichten II – Wie ich in einem guten Haus gelebt habe

Aus der Kategorie »just people«

Wenn ich Menschen spreche, die – wenn sie zum ersten mal mit jemand zusammenziehen – auch gleichzeitig das erste mal umziehen, bin ich immer etwas neidisch.
Ich bin inzwischen zehn mal umgezogen. Das bedeutet: ich besitze nichts mehr von früher, weil alles zig mal durch verschiedenste Hände und LKWs ging.
Aber ich schweife ab – eigentlich wollte ich von meiner zeit in einem „guten Haus“ erzählen.
Nachdem ich meine WG ja sehr schnell wieder verlassen hatte ergab sich durch Zufall eine kleine Wohnung nah der Uni. Nicht so aktuell renoviert, dafür – Dortmund-Kenner werden mir zustimmen – in einer besseren Lage als direkt hinter dem Bahnhof und vor allem: ohne Freaks im Haus.
Oder zumindest ohne Freaks in der Wohnung.

Denn im Haus lebten durchaus einige Freaks, wie ich Laufe der Zeit feststellte.
Meine Mitbewohner waren weder laut noch führten sie ein ausschweifendes Sexualleben mit wechselnden Partnern – dafür glichen sie die Langeweile in ihrem Leben durch eine rege Anteilnahme an meinem aus.
So waren sie immer sehr besorgt, dass ich zu wenig Schlaf bekam, wenn ich mal nach 11 nach Hause kam. Am nächsten Morgen begrüßten sie mich dann gerne im Treppenhaus mit „war aber wieder spät, Herr Fischer?“ und es dauerte auch lange, bis sie begriffen, dass ich wirklich erst um vierzehn Uhr zur Arbeit musste, weil Jugendtreffs erst nachmittags öffnen.
Heute bin ich auch davon überzeugt, dass ihre sorgenvolle Mine bei manchen Morgenbegegnungen im Flur von meinem Telefon-Streit mit meiner Freundin herrührten, aber das war mir damals noch recht egal.
Neue Kleidung, Dellen am Auto, Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf oder meine Einkäufe wurden auch gerne kommentiert – und da gab es viel zu kommentieren, immerhin war ich unlustiger Student und jobbte herum.
Nicht kommentiert wurde, dass ich irgendwann völlig selbstverständlich vor jedem Türspion fruendlich grüßte, wenn ich die Treppen hochstieg. Wahrscheinlich fanden sie mich einfach nur sehr höflich.

Aber den größten Spaß servierte mir eh mein Vermieter.

Eines Tages – es war Anfang Dezember – schneite er unangemeldet in meine Wohnung und schaute sich den riesigen Nachtspeicherofen an, der dort seit Anbeginn der Welten stand.
Der solle doch bestimmt mal raus, fragte er mit väterlichem Tonfall.
Ich fand das natürlich prima, immerhin klaute das Ding mir drei Quadratmeter Wohnfläche.

Ja, dann müsse man sich ja nur noch über das „wie“ einig werden, er schlüge ja vor, morgen kämen dann die Handwerker und würden das Ding auseinandernehmen.

Auseinandernehmen??

Ja, klar, ob ich schon mal versucht hätte, die Kiste zu bewegen?

Nein (das war natürlich gelogen), aber ob er denn nicht davon ausginge, dass ein Nachtspeicherofen aus den frühen Fünfzigern bis an den Rand voll mit Asbest stecke?

Ja und? Das mit der Krebsgefahr sei doch alles Gerede und würde maßlos überbewertet. Morgen kämmen dann also die Handwerker, man könne mein Bett neben dem Ofen mit Folie abdecken, wenn ich unbedingt wolle. Ob ich dann die nächsten drei Tage eine andere Schlafmöglichkeit hätte?

Hallo? Als ich ihm dann erklärte, dass ich das alles so nicht wolle meinte er, dann müsste ich halt ausziehen, er würde auf jeden Fall noch dieses Jahr modernisieren. (Ob da wohl der Steuerberater hintersteckte?) Und am nächsten Tag hatte ich das Kündigungsschreiben im Briefkasten.

Ebenfalls am nächsten Tag war ich Mitglied im Mieterschutzbund, der sich bei der Geschichte deutlich mehr amüsierte als ich und meinen Verbleib in der Wohnung dann regelte.

Als ich ein Jahr später dann ausziehen wollte und eigentlich gerne die Kündigungsfrist verkürzen wollte war das natürlich etwa schwierig.
Aber na ja, man kann nicht alles haben.

Ich zog dann tatsächlich noch einmal in eine WG, aber das erzähle ich Euch im dritten Teil.


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