Wem gehört das Internet?

Aus der Kategorie »just people«

Angeregt durch eine Tasse Kaffee mit Frau Pia und eine lange Autofahrt mit Zeit zum Nachdenken schwirrt mir diese wunderbare Frage im Kopf herum.

Ok, wir wissen alle dass den Amerikanern quasi die Root-Name-Server gehören, dass die Anwälte es gerne in ihren Besitz bringen würden und alle Provider gerne so tun, als ob es ohne sie nicht ginge, aber ich meine etwas anders.

Stellen Sie sich einmal vor, da gibt es ein Forum. Ein kleines, schnuckeliges Forum mit ein paar tausend einigermaßen regen Mitgliedern, die nahezu täglich vorbeischauen und das Leben dieses Forums, dieser Website ausmachen.
Wem gehört denn nun so ein Forum?

Erster Gedanke: schauen wir doch ins Impressum, wer es betreibt. Da finden wir nun also eine Person oder eine kleine oder größere Internetfirma, die – vielleicht erst aus Spass, später auch aus kommerziellem Interesse – dieses Forum betreibt. Den Server und die Adresse bezahlt, die Software gekauft / installiert / geschrieben hat, ein Layout und eine Struktur gebaut oder beauftragt hat und ganz nebenbei auch der oder diejenige ist, an die sich jeder zuerst wendet, wenn im Forum irgendetwas schief läuft.
Eigentlich ja ganz einfach.

Aber..: Was ist mit der Gruppe der User, die das Ding mit Leben füllen? Natürlich sind sie erst einmal als User, als Gäste, als Nutzniesser dieses Forums angekommen. Sie haben entdeckt, dass es dort – irgendwo im Internet – ein Forum gibt, dass sich genau mit ihrem Lieblingsthema beschäftigt. Sie haben gleichgesinnte gefunden und sie besuchen fleissig jeden Abend eine halbe Stunde alle aktuellen Beiträge und den Community-Chat. Und ganz nebenbei produzieren sie dabei sowohl Kosten als auch Einnahmen – nämlich Traffic und Views.

Und? Wem gehört das Ding?

Das ist einfach, sagt der Betreiber. Es war meine Idee. Ich bezahle das Ding, ich muss mich hier jeden Tag durchwühlen, muss mich monatlich um den Traffic und die Werbepartner kümmern, ausserdem war es meine Idee und meine Zeit: Das Ding ist meins.
Und wenn ich Links statt gelb jetzt grün, statt eines Osterhasen einen Weihnachtsmann in den Header und den Chat erst einmal zu machen will, dann ist das meine Entscheidung – alle anderen sind ja nur Gäste.

Halt Stop! sagen die Besucher, das ist aber unsere Seite. Wir kommen schließlich jeden Tag vorbei, wir gucken uns deine doofe Werbung automatisch mit an, wir schreiben hier fachlich und menschlich tolle Beiträge die so langsam Google fluten und Dein Forum immer bekannter machen – das Ding ist unsers. Und die Links bleiben gelb und Weihnachtsmänner stinken.
Und wenn Du die Links jetzt wirklich grün machst, dann gehen wir und Du bist doof und wir machen unser eigenes Forum und das wird viel schöner und gelber und überhaupt. Du bist ein kapitalistisches Miststück, weil es dir nur um die Werbung und nicht ums Thema geht.
So.

Wer jetzt meint, das das übertrieben ist, der hat sich noch nicht länger in einer sogenannten Community aufgehalten. Ich kenne das als langjähriger Moderator bei wer-weiss-was, wo bei jedem Layoutwechsel monatelange Diskussionen geführt wurden, wie man so unverschämt sein könnte. Und die Comment-Kriege bei heise sind ja nun legendär.
Natürlich nicht von alle Usern, aber es fallen ja nun mal die auf, die sich melden.

Aber: wer hat Recht?
Ich denke das Thema ist ein schwieriges – und wird in Zeiten der vielbeschworenen Rückeroberung des Netzes als sozialem, von den Usern bestimmten Raum noch wichtiger werden.

Meiner persönlichen Meinung nach ist die Sache zwar ziemlich klar: wenn ich ein Forum betreibe – was im Moment zum Glück nicht der Fall ist – ist es meins; wenn ich irgendwo zu Gast bin, bin ich zu Gast.

Aber ob das allen weltweiten Internetusern so klar ist? Und ob alle unter "Gast" das gleiche verstehen wie ich?

Die Abstimmung darüber, ob ein Forum, ein Dienst oder eine Community-Website gut ist, wird immer mit der Maus getroffen – wenn der Betreiber sein Besitzrecht überstrapaziert, bleiben die User weg.
Wenn der User sein Gastrecht überstrapaziert fliegt er raus.

Das zu lenken und den Grat zu finden, auf dem man sich bewegen darf – ob als Betreiber oder als Besucher – wird die Kunst sein.

Oder? Wie seht Ihr das?


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