Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Wie ich einmal Karneval feierte

Frau Pia will Karnevals-Geschichten
Ich hab eine.
Zuerst: ich bin ja auf dem Dorf grossgeworden.
Auf diesem speziellen Dorf gibt es zwar die im weiten Umkreis legendärsten Weiberfastnachtsfeiern – die aber vor allem deswegen legendär sind, weil auf ihnen jeder (!) den Raum aus Versehen (?) betretende Mann sofort (!) ausgezogen und dann auf einem Balken durch die Halle getragen wird.
Fazit: Ich kannte nicht allzuviel Karnevalskultur. Als Heranwachsennder kann man dieser Form und ihrem etwas derben Charme noch nicht allzuviel abgewinnen.
Mein einziger Versuch, in der Nachbarstadt zu feiern endete recht abrupt, als ich begriff, dass die Truppe, der ich mich angeschlossen hatte zum Feiern im nächsten Dorf hauptsächlich Schlagringe und ähnliches Zubehör einpackte. (Schade, dass ich die wunderbare Floskel "derber Charme" schon einen Absatz weiter oben leichtsinnig verprasst habe.)

Nach dem Abi landete ich dann zum Zivildienst in einem Jugendtreff in Aachen.
Ich kannte Aachen nicht, Aachen kannte mich nicht, den Januar verbrachte ich hauptsächlich auf dem Zivi-Lehrgang – wir hatten auch noch nicht viel Zeit gehabt, uns kennenzulernen.

Kleiner Exkurs: ich war damals… etwas … ähm, wie sag ichs … bunt. Die Haare waren endlich über-schulterlang, waren kurz vorher mit einer Dauerwelle und viel roter Farbe veredelt worden und ich hatte gerade entdeckt, dass man in Mamas weißem Waschbecken wunderbar weiße Halstücher batiken konnte – beide hatten hinterher so tolle Muster. Der Rest meiner ganz persönlichen Mode war entsprechend. Wer sich jetzt von meiner Anwsenheit auf der Bloglesung am Mittwoch in Düsseldorf einen optischen leckerbissen der anderen Art verspricht wird enttäuscht sein – das ist alles lange her. Die Dauerwelle tragen jetzt andere. Exkurs Ende.

Am ersten Sonnentag im Februar 1992 sah es warm genug für meine neue schwarzweiss gepunktete Leggins aus, die ich mit dem lila Hemd und einem irgendwie gebatikten Tuch kombinieren wollte. Dass dieser erste Sonnentag in Aachen den Beginn eines 6-tägigen Ausnahmzustandes einläutete hatte ich schlicht übersehen – Weiberfastnacht bedeutete mir nichts und tauchte in meinen Kalender nicht auf.

Als ich das Pfarrbüro betrat begrüßte mich die Sekretärin in breitestem Öscher Platt »Näh, ne, kaum is Karneval dreht dat Zivi ooch ab!«
Ach ja. Karneval. Aachen. Da war doch was?

Ich weiß gar nicht, ob meine Beteuerung, ich liefe aber immer so rum alles besser oder schlimmer machte.
Auf jeden Fall alles schlimmer machte mein Entschluss mich jetzt von diesem doofen Karneval nicht aufhalten zu lassen und meine Kleidung nicht zu wechseln. Mit 19 hat man schließlich noch Prinzipien.
Denn kaum hatten mich draußen ein paar "meiner" Jugendtreff-Jugendlichen – die natürlich von Staat, Kirche, Eltern und Schule abgesegnet die tollen Tage komplett blaumachten – entdeckt, wurde ich als »erster Zivi, der mal ordentlich mitmacht« gefeiert und spontan zu allen Feten eingeladen.
Ich konnte mich dem schlecht entziehen, weil die meisten dieser Feten in unserem Jugendtreff stattfanden – und ich habe gelitten wie ein Hund.
Dass sich im Alltag hauptsächlich coole, erzkonservativ bis leicht rechts angehauchte Jugendliche zwischen 11 und 21 Jahren 6 Tage lang in lustigen Bommelkostümen und reichlich Schminke im Gesicht zum Affen machen können passt auch heute noch nur schwer in meine Vorstellungskraft.
Dass sie bei meiner permanent schlechtgelaunten Hackfresse und meinen ständigen Versuchen »mal eben noch was im Büro« zu erledigen nicht begriffen, dass sie mich irgendwie falsch verstanden hatten, erst recht nicht.
Und dass meine Chefin nur »Selbst schuld« grinste, gar nicht.

Faszinierenderweise habe ich irgendwann am Dienstag Abend in einigen Gesichtern die Freude entdeckt, die mir zumindest ansatzweise klarmachte, dass der Spass echt und tief empfunden war.
Fürs Mitfeiern hat es trotzdem nicht mehr gereicht.

Kommentare sind geschlossen.

»