Defences down with the trust of a child

Aus der Kategorie »just people«

Es muss 1988 gewesen sein.
Peter Gabriel kannte ich dem Namen nach, wusste, dass er der Sänger der Langweilertruppe Genesis gewesen und ausgestiegen war, bevor die langweilig geworden waren. Und dass wahre Fans nur die »echten« Genesis vor dem Ausstieg mochten.
Ich selber hatte kurz vorher Iron Maiden, Anthrax und Metallica entdeckt, hörte mich gerade in die Suicidal Tendencies rein, hatte die Haare endlich etwas länger und mit Popmusik echt wenig am Hut.

Dann fuhren der Ex-Nachbar und ich zusammen auf die 10er-Abschlussfahrt und er schob dem Busfahrer beim Einsteigen eine Cassette hin, die der – und das habe ich bei Busfahrern vorher und hinterher noch nie erlebt – auch anstandslos im Kreis spielte. Eine Woche lang.

Der Ex-Nachbar kiekste mich dann ständig in die Rippen und quickte dazu grinsend »Shock the monkey!« Wohl weil der Typ auf der Cassette das gerade sang.
Ich war am Ende des Liedes zwar einigermassen genervt, aber durchaus an der Musik interessiert.
Das war definitiv anders als das, was ich unter Popmusik bis dahin kannte. Zur Erinnerung – 1988 hatte Dieter Bohlen gerade das erste Mal einen Schlusstrich unter das Kapitel Modern Talking gezogen – die Tucken die Popper in der Klasse trauerten entsprechend lautstark auf jeder Party – und kümmerte sich um so innovative Projekte wie Chris Norman oder C.C.Catch.
»Shock the monkey« also. Hm. Klang gar nicht übel. Trotz der Synthesizer – die waren bei echten Kuttenträgern wie ich einer werden wollte ja verpönt.

Als wir in Würzburg ankamen kannte ich ausserdem noch »D.I.Y.«, »Biko«, »On the air« und natürlich »Solsburry Hill«. Und ein paar andere. Klang alles gar nicht übel.
Und, ganz wichtig: Man nervte die Tucken Popper damit genauso wie mit Metallica. Waren wohl ein paar Akkorde zuviel.

Am Ende der einwöchigen Fahrt kannte ich alle Titel der Plays live und konnte eine Menge mitsingen. Also, irgendwie zumindest.
Der Ex-Nachbar bekam den Auftrag, möglichst schnell eine Cassette aufzunehmen und der Typ in der Parallelklasse, der die Tische in der Teestube immer mit fast 1m hohen »peter gabriel« – Buchstaben verzierte erschien in einem neuen Licht.

Die prompt gelieferte Cassette verließ dann für ziemlich genau ein Jahr nicht mehr das Fach meines Watson-Ghettoblasters, der in Ermanglung einer echten Stereoanlage mein Zimmer beschallen musste; sie lief in dieser Zeit so ca. drei mal am Nachmittag.
Dann war sie ziemlich durch, ich konnte jeden Ton mitsingen und kümmerte mich um Substitionsmittelchen wie die So oder um die skurilleren Dinge wie die deutschen Alben. Und ich saß nächtelang hemlich vor dem Fernseher, um den Zusammenschnitt der Amnesty-International-Tour auf Cassette zusammenzubekommen. Um dort das erste mal zu sehen, wie Herr Gabriel aussah, tanzte oder sich rückwärts ins Publikum fallen und bis ans Ende einer Halle tragen ließ.
Freak. Dabei sah der so harmlos aus. Kein Wunder, dass der nicht mehr mit Phil »Schwiegersohn« Collins gekonnt hatte.

Ich begann, echten Respekt zu bekommen. Meine Heavy-Metal-Zeit hatte mir eine Menge mehr Verständnis für Musikalität gelehrt, als es Dieter B. oder Sandra je hätten tun können und ich begriff, dass hier ein echter Künstler am Werk war.

Trotzdem war Peter Gabriel für mich immer noch eine Art Geheimtip. Die »So« hielt sich zwar beharrlich jahrelang in den Lesercharts der Musikexpress / Sounds, aber ich befand mich in einer kleinen Welt mit zwei, drei anderen Fans.
Da ich ja auf dem Dorf lebte und wir uns dort noch länger in der Ära der drei Fernsehsender befanden gingen zum Beispiel sämtliche Videos an mir vorbei. Auf Tour kam der Mann auch nicht – so blieb der Gabriel-Kosmos recht überschaubar.

Anfang der 90er kam dann eine neue Platte. Us. Seltsame Geschichten wurden zum Erscheinen kolportiert, die komische Frau oConnor sollte ein Verhältnis mit ihm gehabt haben, zum Therapeuten soll er gegangen sein und die Platte wirkte seltsam uninspiriert auf mich.
Außerdem hatten Nirvana und Pearl Jam mich wieder mal an die Energie laut gespielter Gitarren erinnert.

Ich verpasste also völlig die Secret World-Tour und Herr Gabriel verschwand für einige Jahre aus meinem Blickfeld. Die Live-Platte hab ich mir noch gekauft, fand sie aber im Vergleich zur »Plays Live«, die immer noch – wen wunderts – für mich das Maß aller Dinge darstellte, recht flach.

Gelegentlich las ich mal hier und mal da ein paar Worte: Herr Gabriel baute sich ein neues Studio, Herr Gabriel lotete immer mal wieder die Möglichkeiten der ersten CD-Roms – wie sie damals noch hiessen – aus, Herr Gabriel initierte irgendwelchen Weltmusikkram.

Und in der Disko hopsten alle unbeholfen auf den 7er-Beat von »Solsburry Hill« und beförderten das Lied langsam auf die »abgenudelt«-Liste.

Fast 10 Jahre später stand auf einmal eine neue CD im Laden. Up. eMail-Verteiler angeschmissen, alle infomiert, kurze aufgeregte »habs auch schon gelesen« – Mails zurückbekommen. Bestellt, gewartet. Sehr, sehr gespannt gewesen. Amazon-Päckchen. Eingelegt, Play!, nichts gehört. Laut gedreht, seltsames, irgendwie vertraut klingendes Geblubber. Au! Krach. Laut. Voll auf den Spass am Anfang von »Darkness« reingefallen.
Hm, interessantes Stück nicht soo eingängig, ja, mal weiterhören.
»Growing Up«. Wow. Alles war wieder da. Die gesamte Magie war wieder da, als wäre sie, als wäre er nie weggewesen. Ich glaube, ich habe damals versucht, das ein wenig herüberzubringen.

Anfang 2003 kam er dann nach Deutschland auf »Growing up«-Tour. Der Ex-Nachbar und ich telefonierten aufgeregte Blitzanrufe hin und her und nervten unsere Leser mit tagelangen Ankündigungen.

In der vollen Oberhausener Arena habe ich glaube ich das erste mal begriffen, mit wie vielen Menschen ich dieses Glück teilte. Ja, manchmal brauche ich etwas länger.
Das ist jetzt auch schon wieder fast 3 Jahre her, dazwischen gab es noch ein Konzert und drei DVDs.
Und jedesmal, wenn ich daran denke, wenn ich die Musik höre oder diese wunderbaren Menschen im Fernseher auf der Bühne sehe, wenn ich sehe, wie sie zusammen Spass haben und gleichzeitig auf höchstem Niveau Musik machen, die Millionen Menschen direkt in die Seele klingt – jedesmal dann werden DSDS, die Klingeltoncharts und alle anderen dieser Auswüchse genau das, was sie sind: Dumpfer Mist, der mir immer wieder ins Hirn gepumpt werden soll, um wichtig zu scheinen.

Insofern erreicht Herr Gabriel mit seiner Musik inzwischen noch mehr, als er vermutlich je gedacht hat: er rückt immer mal wieder ein vom Medienbombardement angeschlagenes Weltbild gerade.


Ähnliche Artikel lesen?

Außerdem schrieb ich zum gleichen oder ähnlichen Themen auch noch …

Ich finde den Artikel super!

Das freut mich natürlich sehr.

Du kannst den Artikel weiter verbreiten
Du meinst, der Artikel könnte auch anderen gefallen? Dann findest Du etwas weiter oben auf dieser Seite, direkt rechts unten am Artikel ein paar Buttons. Damit kannst Du den Artikel per eMail, Twitter, facebook oder google+ weiter verteilen. Ich würde mich darüber freuen.

Mir ein Geschenk machen? Uiuiuiui.
Gefallen Dir meine Artikel immer wieder, schöder Mammon ist Dir aber zu doof? Dann mach mir doch eine Überraschung: Hier findet Du meine amazon-Wishlist mit ausgesuchten und garantiert Freude spendenden Präsenten zwischen fünf und zweitausenfünfhundert Euro – da ist bestimmt was passendes dabei.

Geld? Wow.
Ist Dir mein Artikel darüber hinaus sogar noch etwas wert, dann findest Du bei den Icons zum Verbreiten des Artikels einen flattr-Button. Jeder Euro, der darüber reinkommt geht direkt weiter an netzpolitik.org.

Wer? Was? Warum?

Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

Dein Kommentar:

Du möchtest auch so ein hübsches Bild am Kommentar haben? Die Bilder gibts bei gravatar.com
Die Bedingungen für das Buchen eines kommerziellen Kommentars findest Du hier.