Was Schubladendenken mit Web 2.0 zu tun hat

Aus der Kategorie »just people«

Vor einiger Zeit entstanden ja während eines netten Chat – Abends die xBlogger.
Damals durchaus noch etwas humoristisch formuliert hatte das ganze durchaus den ernsten Hintergrund, dass ich – bzw. das wir, die Frau Pia und ich – während des Gesprächs merkten, dass uns die ganze Schubladen – Denke in der Blogosphäre ziemlich linksseitig am Hintern vorbeirauschte.

Nichtsdestotrotz (wer hört schon auf uns?) scheint es ja weiter ein großes Thema zu sein.

Weiterhin kamen die Frau Serotonic und ich letztens im Gespräch über eigentlich etwas anderes auf eine bestimmte Untergruppe der deutschen Blogosphäre zu sprechen.
Wir hatten beide den Eindruck, dass sich dort (nein, ich will nicht flamen, ich sage absichtlich nicht wo) eine in sich selbst im Kreis drehende Gruppe gefunden hat, die nichts anderes mehr tut, als sich gegenseitig zu besuchen, zu kommentieren und zu bauchpinseln. Dadurch, dass die Gruppe durchaus etwas größer ist, merkt man das als Außenstehender gar nicht mal so, wenn man auch mal vorbeischaut. Spätestens, wenn aber mal wer etwas gegen die allgemeine Meinung sagt, kann man schnell sehen, wer dazugehört.

Wahrscheinlich brauchen die Menschen Schubladen, denke ich mir dazu und drehe mich schulterzuckend ab. Vor 5 Jahren, als das jawl entstand, waren wir zu wenige, um solche Untergruppen zu bilden. Und zu verschieden, um uns in welchen zu finden.
Außerdem waren wir Blogger, das war ja schon Außenseiter early adaptor und hip genug.
Irgendwann war dann aber anscheinend die kritische Masse erreicht und es mussten sich Grüppchen bilden.
Ob das jawl so klein geblieben ist, weil wir nie Lust auf eine Clique hatten, das jawl und ich? Interessanter Gedanke. Aber darum soll es ja gar nicht gehen.

Kleiner Sprung (aber das fügt sich thematisch schon wieder zusammen):
Letztens saß ich in einer sehr angenehmen Runde von ziemlich netten und klugen Menschen, die sich ganz allgemein über Werbung und etwas spezieller über Marken, Markenaufbau, Außenwirkung und ähnliches unterhielten.
Gegen Ende des Abends gab es dann noch eine Folie an der Wand, auf der die heißdiskutiertesten Themen der letzten Woche zu sehen waren (ich habe leider vergessen, wo am heißesten diskutiert, aber es war außerhalb unserer kuscheligen online-Welt).
Auf Platz 2, gleich hinter "Krisenbewältigung" lagen die Blogs.
"Diese" Blogs, wie sie im Gespräch dann schnell hießen.

Schon vorher hatte man sich darüber unterhalten, ob es wirklich Menschen gäbe, die wirklich in "diesen Internetforen" nach Sachinformationen über Produkte suchen würden, und ob es wirklich nötig wäre, sich darum zu kümmern, oder ob eine reine Imagebildung auf emotionaler Ebene nicht ausreiche. da war man sich in die Kreis nicht einig, aber "diese Blogs" blieben dann auch "diese Blogs".

Die Menschen, die dort saßen, waren nicht dumm; ganz im Gegenteil: Dort saß eine illustre Runde aus nicht kleinen Agenturen und aus der Uni – Menschen, die sich jeden Tag mit Werbung, Marketing und allem drumherum professionell beschäftigen.
Menschen, die jeden Tag völlig selbstverständlich am Internet sitzen und damit arbeiten.
Menschen, die ich in manchen ihrer Ansichten fürchterlich hinter dem Mond fand, an diesem Abend.
Menschen, die mich – wenn es der Ort und die Zeit für diese Diskussion gewesen wäre, wahrscheinlich sehr abgedreht gefunden hätten, weil ich seit Jahren in eine Website schreibe, was ich denke. Two sides of the same coin.

Was sagt uns das, was sagt mir das jetzt?

Erstens: Ich mache sofort eine Web 2.0 & Social-Software – Agentur auf. Denn mein Wissensstand und meine Bereitschaft, mich mit diesen Themen wirklich bis in die Tiefe zu beschäftigen ist innerhalb der Blogosphäre höchstens unteres Mittelmaß, außerhalb aber jenseits aller Vorstellungskraft.

Zweitens: Wir nehmen uns noch viel zu ernst hier. Es sind nur Blogs. Es ist nur Internet. Vielleicht passiert damit noch was, auch was, was sich lohnt und Du oder Du oder ich entwickeln nach del.icio.us und flickr das nächste Killerding, aber noch ist es gar nicht so weit. Auch wenn es dauernd tolle Konferenzen gibt.

Drittens: Wir nehmen uns noch gar nicht ernst genug hier. Es ist das Internet. Genau morgen passiert damit etwas tierisch großes und ich habe nach del.icio.us und flickr das nächste große Ding entwickelt und Du warst nicht dabei. Und es ist schon längst soweit.

Viertens: Wir müssen das zusammenbringen. Wir müssen uns und die zusammenbringen, ganz dringend.
Die verpassen was und wir reiben uns in Kleinkriegen auf, wenn wir uns über den besseren Schwanzvergleich oder darüber, ob Navigationen jetzt <ol>s oder <ul>s sind streiten, während da draußen noch Tabellenlayouts aus den Dreamweavern fließen.

Ich glaube, ich mache mal eine Konferenz hier. Hier, im Real Life, hier in meiner kleinen Stadt. Und Euch lade ich nicht ein, Ihr wisst ja schon Bescheid.

(Kommentare bei „ganz lesen“)
Tobias sagte:
… hier schnell mein Link mit den Gedanken zum Thema, die ich mir heute mittag gemacht hatte.

Johannes sagte:

Gerade heute und morgen auf der General Online Research 2006 diskutieren Online-Marktforscher u.a. auch über Blogs und welche Bedeutung sie für die Marktforschung haben könnten. (Und das ohne mein Zutun. ;-))

Blogs sind also auf dem Radar Außenstehender, die auf der Höhe der Zeit sind. Die Killerapplikation sind Blogs aber natürlich noch lange nicht.

Manuel sagte:
Sehr, sehr netter Artikel, den du da schreibst. Sobald man anfängt Leute in
Kategorien einzuteilen, hat man verloren. Blogs, die überwiegend eben nicht
als journalistisches Medium einzuteilen sind, können nicht so ohne weiteres
„kategorisiert“ werden. Das fällt bei Tageszeitungen leichter, schließlich
handelt sich dort um – vermeintliche ;) – Fakten.

Den Zusammenhang zwischen Web 2.0 und Schubladendenken habe ich jedoch noch
nicht verstanden. :)

Roland sagte:
Da hat man den Leuten jahrelang versucht zu erklären, daß sie für eine eigene (kommerzielle) Homepage einen Provider brauchen. Und daß man (schon wieder) ein anderes Programm nutzen muss um ein neues Bild auf die Seite zu laden und daß man doch bitte erst mal HTML lernen soll. Änderungen sind aufwändig und wenn da ein neuer Link dazukommt muss ich alle Seiten ändern. Und überhaupt, das alles ist teuer!

Jetzt plötzlich ist Cross-Denken angesagt. Die Bilder liegen bei flickr, habe ich keine eigenen, nutze ich CreativeCommons-Werke. Die Links werden über del.icio.us verwaltet, Audio und Video haben auf my.space oder you.tube ihren Platz. Beschrieben und genutzt wird das dann alles in einem Blog. Und das alles ist auch noch kostenlos!

Den meisten Menschen ist es eben zu kompliziert, den Videorecorder zu programmieren. Die nutzen noch nicht mal Videotext. Und jetzt kommen wir hier mit Blogs.

Roland

P.S.: klasse Artikel, leseempfehlenswert.

Christian sagte:
Ich meine Web20 eher unter dem sozialen Aspekt, nicht unter dem technischen. Ich finde es spannend, dass wir uns hier in Schubladen-Kämpfen aufreiben, während am Grossteil der Welt Blogs sowie aller Web20-Kram vorbeigehen.
Egal ob A-List oder Gelegenheitsblogger.
Und wenn wir weiter grabenkämpfen wird es auch so bleiben, da leidet die Glaubwürdigkeit.


Ähnliche Artikel lesen?

Außerdem schrieb ich zum gleichen oder ähnlichen Themen auch noch …

Ich finde den Artikel super!

Das freut mich natürlich sehr.

Du kannst den Artikel weiter verbreiten
Du meinst, der Artikel könnte auch anderen gefallen? Dann findest Du etwas weiter oben auf dieser Seite, direkt rechts unten am Artikel ein paar Buttons. Damit kannst Du den Artikel per eMail, Twitter, facebook oder google+ weiter verteilen. Ich würde mich darüber freuen.

Mir ein Geschenk machen? Uiuiuiui.
Gefallen Dir meine Artikel immer wieder, schöder Mammon ist Dir aber zu doof? Dann mach mir doch eine Überraschung: Hier findet Du meine amazon-Wishlist mit ausgesuchten und garantiert Freude spendenden Präsenten zwischen fünf und zweitausenfünfhundert Euro – da ist bestimmt was passendes dabei.

Geld? Wow.
Ist Dir mein Artikel darüber hinaus sogar noch etwas wert, dann findest Du bei den Icons zum Verbreiten des Artikels einen flattr-Button. Jeder Euro, der darüber reinkommt geht direkt weiter an netzpolitik.org.

Wer? Was? Warum?

Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

Dein Kommentar:

Du möchtest auch so ein hübsches Bild am Kommentar haben? Die Bilder gibts bei gravatar.com
Die Bedingungen für das Buchen eines kommerziellen Kommentars findest Du hier.