Back To Front

Aus der Kategorie »just music«

Die geneigte Leserin – also eher: Die sehr treue Leserin mag sich erinnern, dass sie vor circa zehn Jahren davon genervt wurde, dass ich wochenlang nur Bilder von Peter Gabriel mit darunter-stehenden Lyrics postete. Vor Freude weil er – für mich vollkommen überraschend – endlich wieder auf Tour war.
Aber so ist das halt mit der Liebe; manchmal geht sie anderen eben auf den Sack.

Gestern Abend wieder, gestern Abend „Back To Front” – Herr Gabriel zelebriert nämlich seit einiger Zeit, dass seine kommerziell erfolgreichste Platte, die „So” vor 25 Jahren erschien. Dazu hat er die Band von damals noch einmal zusammen geholt und ist mit ihnen auf Tour gegangen. (Inzwischen sind es 27 Jahre, aber er feiert eben ausgiebig.)

Wir feierten zusammen in der Lanxess-Arena; er stand unten auf der Bühne, wir saßen recht sehr weit oben auf dem Rang. Guter Blick, große Leinwände rechts und links der Bühne: alles prima.

Peter Gabriels Back To Front-Bühne

Punkt acht betrat er die Bühne, um seinen Support-Act anzukündigen: Jennie Abrahamson & Linnea Olsson die im weiteren Verlauf des Abends auch die Backing-Vocals übernehmen sollten.
Im Vorprogramm bedienten sie ein Cello und ein Dings (Musiker-Fachbegriff für ein nicht-erkennbares Instrument, das wie ein E-Xylophon wirkte). Da ich ja – wie bekannt sein sollte – sehr auf skandinavische Pop-Musikerinnen stehe, hat mir das schon sehr gut gefallen.
Und: Ich liebe das ja, wenn Haupt-Acts ihre Supports ansagen, das zeigt so viel Respekt, das ist einfach toll.

Die beiden spielten vier Stücke, zwei von jeder und räumten dann die Bühne, so dass gegen viertel vor neun Herr Gabriel selbst wieder auftauchte und sich zuerst mal an den Flügel setzte. Er begrüßte uns in seinem typischen liebevoll schlechten, meist abgelesenen Deutsch und erklärte, es gäbe heute Abend drei Teile: Eine akustische Vorspeise, denn es wäre ja manchmal spannend zu sehen, wie Dinge so entständen. Manchmal ja sogar spannender als das eigentliche Ergebnis. Das Saallicht bliebe dabei übrigens noch an.
Dann eine elektrische Hauptspeise und wenn wir die alle gut überlebt hätten als Dessert alle Songs der „So”. Ja, exakt dafür waren wir gekommen.

Part I überraschte mich schon sehr. Ich verbinde Peter Gabriel so sehr mit „Sound-Tüftler”, dass es wirklich toll zu sehen war, wie gut die Songs auch akustisch, mit Kontrabass, Akkordeon und Westerngitarre funktionieren. Eigentlich doof, ich halte ihn seit Jahren für einen der größten Komponisten, da wäre alles andere doch seltsam gewesen. Nun denn, doof kann ich ja gut.
Ach, apropos „doof”: Ich glaube, ich habe noch nie so viele gealterte, fusselbärtige Sozialpädagogen auf einen Haufen gesehen wie gestern Abend im Publikum. Gealterte, fusselbärtige Sozialpädagogen bewegen sich übrigens nicht bei Musik. Sie singen auch nicht. Naja.

Er begann also mit einem neuen, noch unfertigen Song „But”, dann folgten „Come Talk To Me”, „Shock The Monkey” und „Family Snapshot” in dessen Verlauf das Licht ausging und die großartige Licht- und Videoshow das erste mal zum Einsatz kam. Er kommentierte das mit einem lapidaren „part two”.

Der elektrische Teil: „Digging In The Dirt”, „Secret World”, „The Family And The Fishing Net”, „No Self Control”, „Solsbury Hill”, „Why Don’t You Show Yourself?”
Na, das waren doch gleich noch mal vier meiner all-time-favourites, ein schon-ok und ein mir unbekannter Song. Mehr als zufriedenstellend also.
Vor allem „Digging in the Dirt” haut mich jedes Mal wieder um. Der Mann ist inzwischen Mitte sechzig, man sieht und merkt es ihm auch immer wieder an – aber das ist einer Songs, wo man wirklich in seine dunkle Seite sehen kann. Düster, wirklich böse und unfassbar laut. Melanie Gabriel, seine Tochter, die auch gerne mal mit ihm auf Tour war sagte einmal sinngemäß: „Bei dem Song bin ich immer sehr alleine auf der Bühne. Ich weiß nicht genau, wohin Dad und seine alten Freunde da geraten, aber es ist dunkel und ein bisschen arg »weird«. Und ich will nicht mit dahin”. Ich verstehe sie. Und ich liebe, dass er nicht einfach hübsche Versionen seiner alten Hits spielt, sondern auch diesem unfassbaren Krach seinen Platz gibt.

Schon damals auf der Tour zur „So” hatte Gabriel auf der Bühne mit beweglichen Lichtmasten gespielt, die ihm folgten, ihn teilweise auch verfolgten und ihm auch mal sehr, sehr nah kamen. Fast dreißig Jahre später hat die Technik ja den ein oder anderen Fortschritt gemacht und das Konzept fand sich bis zur Perfektion ausgereizt wieder auf der Bühne. Neben den Lichtmasten gab es dazu an jeder Ecke der Bühne Kameras und eine perfekte Bildregie, die dafür sorgte, das nicht einfach platt die Musiker auf den Leinwänden zu sehen waren, sondern dass rechts, links und hinter der Bühne ein eigenständiges Konzertvideo lief. Mit vielen Details und perfekten Schwenks und immer wieder mit Animationen und Videoschnipseln zu den Songs. Ganz groß.

Apropos „ganz groß”. Hatte ich erwähnt, dass dort auf der Bühne die alte Band der „So” stand? Die Band, die mir damals, Ende der Achtziger zeigte, was geniale Popmusik sein kann – nachdem ich als tapferer Metalhead jahrelang alles, was Tasteninstrumente bediente mit Verachtung gestraft hatte? Die Band, die immerhin meinen Lieblingsdrummer und meinen Lieblingsgitarristen in einer Band vereint – ganz zu schweigen von diesem Menschen am Bass, bei dem ich zwar nie begreife, was genau er da tut, der mich aber immer wieder voller Bewunderung und Faszination zusehen lässt, was man aus diesem, meinem Instrument so alles rausholen kann.
Wahrscheinlich hätte mich jeder einzelne von ihnen schon vollständig glücklich gemacht.

Dann also die Part III, die „So”. Was soll ich sagen? Wer es bis hier zu lesen geschafft hat, der hat begriffen, dass diese Platte für mich wichtig war. Ich breite das also nicht weiter aus. Es war perfekt.

Um dem Ganzen noch ein Sahnehäubchen aufzusetzen bestand die Zugabe aus „Ja, jetzt kommt die Flut”, „The Tower That Ate People” (erwähnte ich, wie ich es liebe, wenn er Krach macht?) und: „Biko”.
Call me cheesy, aber mir bedeutet der Song etwas. Ich bin aufgewachsen in einer Zeit, die manche rückblickend als „arg betroffen” bezeichnen. In der Rockstars auf die Bühnen gingen, um Geld für Afrika zu sammeln oder die Bühnen verließen, um ihren Einfluss zu nutzen. Ja, heute sind wir alle so supercool, dass wir das peinlich finden, Live Aid belächeln und Bono hassen – aber ich denke oft, dass es ein Teil unseres großen Problems ist, dass die Arschlöcher es geschafft haben, Mitgefühl als uncool zu brandmarken.

Biko also. Einer der Songs, die mich zu einem politischen Menschen gemacht haben, einer der kraftvollsten Rocksongs die je geschrieben wurden. Nach „San Jacinto” das zweite Mal einer dieser magischen Momente, dass mir nur weil ich es so viele Jahre später noch einmal live hören durfte, das Glück die Tränen in die Augen trieb. Yihla moja, yihla moja. The man is dead.

Wer eine ganz doll super-viel-sachlichere Konzert-Kritik lesen will, der kann hier zur Süddeutschen gehen. Sachlich kann ich bei dem Album nämlich nicht. Und pseudo-cooles „Da steh ich ja heute drüber” auch nicht. Ich stehe lieber zu meiner Liebe.

Nachtrag: So sah das Knonzert von der Bühne aus aus.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

5 Reaktionen

Am 04.05.2014 um 8:14 Uhr wusste Thomas:

„Digging in the dirt, stay with me I need support.
I’m digging in the dirt, find the places I got hurt, open up the places I got hurt.“

Und Manu Katché, ohne Worte, oder?


Am 04.05.2014 um 9:08 Uhr antwortete Christian:

Immer wieder ohne Worte, ja.


Am 07.05.2014 um 10:41 Uhr wusste gredl:

Ich habe Peter in Frankfurt am 29. April sehen und erleben und hören dürfen.
Ich kann alles bestätigen, außer den SozPäds, in Frankfurt haben die sogar gesungen.
:D


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