Dann wird er halt Skinhead.

Aus der Kategorie »just people«

So mit 21 oder 22 da war ich über meine damalige Freundin oft und gern zu Gast in ihrer Familie. Beide Eltern: Lehrer. Bruder und Schwägerin, Tante und Onkel ebenso. Fast alle mit langen Haaren und gern zu Besuch in Second-Hand-Shops sowie in alternativen Theaterstücken, Ausstellungen oder auch mal auf ’ner Demo. Im Lehrerrat engagiert und immer mit vorbildlich getrenntem Müll.

Eine ganz wunderbare, leicht grüne, links-liberale Famile.

Eines Tages saßen wir alle und ein paar weitere Freunde zusammen und sprachen darüber, wie die Freunde und ich unsere links-liberale Einstellung sowie unser alternatives Äußeres gegen unsere Eltern erkämpfen mussten. Wie viel Glück Freundin und Bruder doch mit ihren alt-68er Eltern hatten, die sich durch so etwas nicht provoziert fühlten.
In Ansätzen aber auch darüber, dass in vielen Familien zum Erwachsenwerden der Kinder auch eine Provokations-Phase gehört.

Und dann grinste ich und meinte: „Naja, wenn S. (der kleine Sohn des Bruders meiner Freundin) Euch dann später provozieren will, dann wird er halt Skinhead. Das ist Euch doch klar, oder?.“

Es war niemand klar, noch konnte irgendjemand diese Vorstellung überhaupt auch nur vollkommen theoretisch nachvollziehen. Denn sie fanden:

  • Sie hatten doch nur gegen die konservative Elterngeneration protestiert, um die Welt besser zu machen.
  • Denn: Links-liberal war doch besser als konservativ.
  • Und überhaupt hatten nur die jeweiligen Eltern das in ihrem Unverständnis als Provokation ausgelegt, sie hatten doch gar nicht provoziert. Sie machten es doch nur besser und im besten Fall würden ihre Eltern das auch noch begreifen.
  • Und wie sollten ihre Kinder denn gegen sie sein, denn sie waren doch schon selbst die, die „dagegen“ waren?

Dass es manchmal überhaupt keine Rolle spielt, ob das eigene Handeln Sinn macht, so lange sich davon nur jemand provoziert fühlt, dass Begriffe wie „besser“ und „schlechter“ oder andere Werte dann auch überhaupt keine Rolle spielen müssen, das ging ihnen nicht in den Kopf.
Dass „dagegen“ keine feste Richtung nach ökig-links-liberal ist, auch nicht.

Ich versuchte zu erklären, dass in ihrem kleinen Bezugsrahmen sie diejenigen waren, die Regeln und Werte repräsentierten. Dass sie damit, wenn sie auf die Einhaltung dieser Werte pochten für ihre Kinder quasi konservativ waren.
Und so den Kindern, so die denn etwas suchten um zu provozieren halt in die andere Richtung wechseln mussten.

Sie waren so in ihrem Richtigsein verhaftet, dass sie es nicht verstanden. In ihrem Selbstbild waren sie doch die protestierenden, die alternativen, die guten gegen das alte System.

Sie bekamen den Perspektivwechsel nicht hin, der nötig gewesen wäre um anzuerkennen, dass sie mit ihrem eigenen Leben ein neues System, einen neuen Bezugsrahmen erschaffen hatten, gegen den man sich bei Provokationsdrang wieder prima auflehnen konnte.

 

Ich denke oft an diese Unterhaltung dieser Tage, wenn links-liberale Menschen nach Gründen suchen, warum Trump, warum Brexit, warum AFD.


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3 Reaktionen

Am 22.11.2016 um 8:23 Uhr antwortete Magnus aka mjkw:

Das frag ich mich in diversen Kontexten… Wie viel an Reaktionen passieren rein aus unbewältigtem Teenagerrebellentum? Wie oft geht es bei der Gleichberechtigungsdebatte eigentlich um Stellvertreterkriege der unaufgeräumten Beziehung zu Mama und Papa? Wie viel „ich lass mir nix sagen, ich bin schon gross“ Impetus in der Verweigerung der Einsicht in objektiv notwendiges Handeln, vom Klimaschutz bis seinen Hund nicht auf die Strasse kacken lassen?


Am 22.11.2016 um 12:23 Uhr antwortete Kyra:

Habe vor ein paar Wochen eine quasi identische Diskussion mit einer Freundin geführt, die den beschriebenen Eltern gut entspricht und zu Haus am Esstisch einen pubertierenden AfD-Sympathisanten sitzen hat… ihr gelingt der Perspektivwechsel, aber beim Essen vergeht ihr grad regelmäßig der Appetit. Rebellion gegen die eigenen Werte ist einfach nie leichte Kost…


Am 22.11.2016 um 18:26 Uhr meinte Christian:

@Kyra: Ich glaube – neben vielem anderen – ist es keine leichte Kost, weil uns vollkommen die Argumentationsmuster, die Methoden für die Gesprächsführung fehlen. Wir alle können vermutlich prima für Umweltschutz, gegen den Klimawandel, für sparsamere Autos und Mindestlohn diskutieren aber das baut alles auf einem bestimmten Wertegerüst auf.
Und dann sind wir plötzlich hilflos.

Ich hab gerade bei facebook in einer Unterhaltung schon geschrieben: Vermutlich hat niemand in Deutschland so viel Ahnung, wie man mit rechts-ideologischem Gedankengut umgeht wie die Nazi-Aussteiger-Angebote. Vielleicht sollte man sich dort mal umsehen …


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