Das Bloggen an sich

Aus der Kategorie »just links«

Cem fragt, ob sich mein Sozialverhalten durchs Bloggen verändert hat.

Ich denke schon, aber ich hol mal ein bisschen aus.

Als ich damals, als das Bloggen gerade aus den finnischen Clubs herüberschwappte (2001 sagte man das so), begann auch täglich ins Internet zu schreiben, geschah das aus einem sehr undiffenzierten „Das will ich auch!“-Gefühl heraus. Ich war schon ein paar Jahre im Internet unterwegs und hatte auch schon vorher eine „Homepage“ gehabt, hatte aber immer versucht damit anders zu sein als die typische „Homepage“. Ohne genau sagen zu können, was denn anderes sein sollte. Und dann hatte ich die ersten Blogs entdeckt und es schien: Bloggen war die Lösung.

Als man mich sehr schnell auf das allerschärfste oder einfach nur so begrüßte und mir Kommentare hinterließ, sobald ich die Möglichkeit dazu bot, da merkte ich auch, was anders war. Denn da waren Menschen, die anscheinend irgendwie mit mir kommunizieren wollten.
Mein diffuses Gefühl bewies sich dann das erste mal so richtig, als jemand da draußen den Namen „jawl“ entern wollte und offensichtlich von vielen Seiten soviel unangenehmes Feedback bekam, dass er nach ein paar Stunden Kommentare-Löschen entnervt aufgab – das war ein sehr überwältigendes Gefühl.

Spätestens da war das jawl nicht mehr nur noch ein Ventil, um zu schreiben und meine kleinen Alltags-Betrachtungen loszuschicken sondern mehr: Es kam etwas zurück.

Kurze Zeit später bekam ich die Gelegenheit, das erste mal andere Blogger kennen zu lernen. Neben zwei netten Menschen lernte ich auch das Gefühl kennen, dass man offensichtlich seinem Bauch ganz gut vertrauen kann – und Menschen anhand ihrer Blogs einschätzen kann.
Bis heute habe ich nie daneben gelegen – wenn ich jemandes Blog mochte, dann mochte ich auch ihn.

Was ich so mag am Bloggen, das ist der Weg des Kennenlernens. Über meine tägliche Blogrunde nehme ich in der einen oder anderen Art und Weise am Leben einiger Menschen teil, die ich so nie kennen gelernt hätte. Zum einen, weil sie an den verschiedensten Stellen des Landes oder der Welt sitzen, zum anderen aber auch, weil ich auf angenehmst anonyme Art und Weise etwas von ihnen kennen lerne, bevor ich überhaupt erst checken muss, ob mir – im wörtlichen Sinne – ihre Nase passt. Von den meisten weiß ich zuerst ja gar nicht wie sie aussehen, aber ich erlebe einen Teil ihrer Gedanken. Ihre Meinung zu Dingen, ein paar Gefühle oder Stimmungen. Allen ist gemeinsam, dass sie den Mut und die Lust daran haben, sich im übertragenen Sinne einfach mal hinzustellen und zu sagen „Hier bin ich, habt Ihr nicht Lust vorbei zu kommen!?“ Sie bieten mir etwas an, geben mir manchmal Wissen oder haben Lust, mit mir Musik-, Lese- oder Linktipps auszutauschen oder machen sich einfach ihre Gedanken, die auch mir hier oder da helfen. Und da sie mich als Leser ja auch erst einmal gar nicht kennen können auch sie ja nicht wissen, wie ich wohl bin.
Und genau das – was ja auf den ersten Blick nach einer völlig sinnlosen Pseudo-Kommunikation zwischen Unbekannten aussieht – macht meiner Meinung nach viel vom Zauber aus: Wenn ich blogge, macht es keinen Sinn mich zu verstellen. Da ich überhaupt nicht erst in die Versuchung kommen kann, mir anhand von Nase, Frisur, Kleidung, Stimme, oder sonst was ein Urteil über mein Gegenüber zu erlauben, macht es einfach keinen Sinn, mich schon vor dem ersten Wort darauf einzustellen. Was wir bei den Real-Life-Begegnungen ganz natürlich tun.

Natürlich – und das wissen wir alle – ist das Blog nicht unser Leben, sondern nur das Blog, nur ein Ausschnitt und auch nur ein Bild. Aber wenn ich schreibe, dann weiß ich nicht, ob ich gerade den Punk oder den Banker anspreche. Weiß nicht, ob Junge oder Mädchen, groß oder klein, schön oder hässlich. Ich sehe kein Gesicht, bevor ich anfange zu sprechen und ich kann nicht vorher entscheiden, wie ichs denn sagen will. Ich kann – als Blogger – mich einfach nur hinstellen und es tun.
Und als Leser kann ich schauen, ob ich etwas damit anfangen kann. Ob es da Dinge gibt, die mich ansprechen, die mich anregen, die mir vielleicht etwas hinter einem Tellerrand zeigen oder auch an denen ich mich reiben kann. (Wer von Euch noch nie ein Blog gelesen hat, gerade weil er den Schreiber und jedes seiner Worte gehasst hat, der trete vor!)

Und so finde ich jeden Tag aufs neue da draußen eine Menge Menschen, die mit Lust und Mut und ohne Vorurteile einfach auf mich zukommen. Das ist eine ganz, ganz wunderbare Sache, die mich immer wieder sehr froh macht. Vor allem, weil sich hier und da immer mal wieder Gelegenheiten ergeben, das anonyme Vehikel „Blog“ zu verlassen und mehr daraus zu machen. Kommentare oder eMails zu schreiben, oder welche von den Menschen dahinter kennen zu lernen und mich zu freuen, wenn mein Bauch mich wieder nicht getäuscht hat.

Und so hat – um im großen Bogen endlich darauf zurückzukommen – das Bloggen mein Sozialverhalten sehr wohl geändert. Ich habe nämlich zu einen gelernt, meinem Bauch zu vertrauen. Und das kommt mir natürlich auch außerhalb des kuscheligen Internets sehr zu gute.
Zum anderen habe ich Menschen kennen gelernt die meinen Horizont erweitert haben. Manche davon habe ich getroffen, habe sie mögen oder lieben gelernt und sie sind Freunde oder sogar Familie geworden.
Und – last but not least – habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sich durchaus lohnt sich erst einmal mit nichts als sich selbst auf die Kiste zu stellen und zu sagen „Hier bin ich.“ Es kommt bestimmt jemand vorbei, dem man gefällt. Beruflich nennt man diese ganze Prinzip ja gerne „Netzwerken“ und da lohnt es sich auch, und zwar noch einmal ganz anders.
(via Don)


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