Das Internet ist nicht da. Es ist hier.

Aus der Kategorie »just people«

Gerade beim morgendlichen Scannen des RSS-Readers eine Headline »Tatort Internet« wahrgenommen. Erst mit den Augen weitergeglitten, dann ins Nachdenken gekommen.
Überlegt, dass die Bezeichnung »Ort« als Bild für das Web ja irgendwie oft sehr richtig ist – ich spreche in Workshops gerne von einem »sozialen Raum« – aber eben auch völlig falsch.

Der Begriff »Ort« suggeriert, dass es eben einen Ort »Internet« gibt und daneben – woanders – einen oder mehrere andere. Orte, wo man sich aufhalten kann, ohne mit diesem Internet in Berührung zu kommen – wenn man eben einfach nur nicht hingeht.
Aus diesem Bild heraus erklärt sich dann auch leichter das absolute Miss-Verstehen des Webs, das viele Menschen haben.
Diese Menschen sind »hier« und nicht im Web. Sie wollen »da« vielleicht auch gar nicht hin, manchmal betrachten sie diesen fremden Ort mit Argwohn oder auch Angst. Über die Gründe kann und sollte an anderer Stelle nachgedacht werden.

Problematisch an dieser Haltung: Es ist längst nicht mehr so, dass das Web ein anderer Ort ist, oder dass man einfach so sagen kann, man käme gut ohne das Internet aus. Denn das Internet ist ja mehr als nur das WorldWideWeb, in das man sich ja nun wirklich bewusst begeben muß.
Es ist ja viel mehr ein sehr, sehr praktisch angelegtes Computernetzwerk, das sich für alles mögliche nutzen lässt. Und vor allem ein Netzwerk, das auch für alles mögliche benutzt wird.

Ok, das ist natürlich eine völlig abstrakte Erklärung, die mit Leben gefüllt werden muß.

Fangen wir mit etwas simplem an: So möchte ich nicht wissen, wie viele der Menschen, die »ohne eMail auskommen« und denen »das Telefon reicht« längst über VoiceOverIP telefonieren und so ohne das Internet ziemlich aufgeschmissen wären.
Oder ob Politiker, die das Web fürchten, die sich aber freuen, wenn ich in der Stadtbücherei nicht nur auf offene Ausleihgebühren sondern auch auf offene Knöllchen oder Gewerbesteuer angesprochen werden kann, ob die wissen, dass sie dafür einen Teil des Internets nutzen?
Dass es viele, viele praktische Home-Office-Arbeitsplätze in großen Firmen nicht gäbe?

Ich musste an gestern Nachmittag denken, als ein Freund hier zu Kaffee und Ankes Birnenkuchen saß. Er arbeitet für eine dieser Firmen im (Internet-)Hintergrund, eine dieser Firmen, die quasi Netzwerklogistik bereitstellen (steinige micht nicht, wenn ichs jetzt prompt falsch zusammengefasst habe!).

Er erzählte von einem Kollegen, der von einer anderen Firma herübergekommen war und lustig berichtete, wie dort irgendwann einmal auf irgendeiner Betriebsfeier auf einmal alle Handies piepten. Der Großalarm hatte den Grund, dass sich irgendwo in einem Rechenzentrum eine der Kisten von denen Normalsterbliche nicht wissen, dass es sie gibt (geschweige was sie tun) verabschiedet hatte und dadurch ein paar andere Kisten über die Grenze der erlaubten Last trieb. Die gingen dann auch aus und der Schaden breitete sich exponential aus.
Am Ende waren sehr viele Computer aus, keiner konnte auf die Schnelle feststellen, wo der Schaden angefangen hatte und die Bahn kam nicht mehr, die Bahn stand – die benutzte dieses Rechenzentrum nämlich.
Und genau hier ist der Punkt wo klar ist, dass das Internet (und die Technologie die es benutzt) nicht irgendwo »da« sondern hier. ist. Hier überall in unserem Alltag.

Dass ein Computer nicht mehr tut, was er soll kennen wir alle; oft bestimmt es sogar unser Bild vom Computer. Viele lehnen Computer deswegen auch »eigentlich« ab.
Dass wir uns alle aber trotzdem von alle von diesen Maschinen abhängig machen ist in diesem Zuammenhang eigentlich nur als pervers zu bezeichnen.

Wir haben gar nicht mehr die Möglichkeit, hier zu bleiben. Wir sind längst da.


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1 Reaktion

Am 08.03.2011 um 0:35 Uhr sprach Joaquin:

Zu was das Internet mittlerweile alles fähig bzw. nützlich ist, dass kann man ja deutlich in Nordafrika verfolgen. Wer sich jedoch auch privat davon abhängig macht, hat natürlich gelitten. Auf der anderen Seite, wer kann schon ohne?


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