Das Konzerthaus und ich

Aus der Kategorie »just music«

In Dortmund gibt es „die Brückstraße”. Die Brückstraße ist eigentlich auch eher ein kleines Stadtviertel, ein paar Straßen also; sehr zentral gelegen, man muss nur 50m aus der normalen Fußgängerzone heraus und taucht mit ein paar Schritten in einen anderen Subkosmos ein: Geschätzte 1876 Dönerläden und Kneipen, SecondHandShops, alles, was der Punk, der Hippie, der Waver so tagtäglich brauchen. Viele Menschen auf der Straße, meist Musik, die aus den Läden dringt und die sich weit abseits des Norm-ItzeItzes der Jeans-Ketten-Shops 100m weiter bewegt.
Ich mag es schon sehr lange sehr.
Dortmunds Stadtplaner mochten es vermutlich nicht ganz so, aber sie taten etwas, was meiner Meinung nach sehr klug war: Sie bauten mittenrein ein hochmodernes Konzerthaus.
Jetzt bin ich nicht mehr so oft in der Brückstraße wie damals als ich noch gebatikte Hosen suchte und in Dortmund wohnte, aber immer wenn ich da bin, sieht es so aus, als ob das Konzept aufgegangen wäre.
(Bis jetzt hat das nicht viel mit meiner Geschichte zu tun, aber ich wollte es gerne erwähnt haben, dass ich das Konzerthaus sehr schätze. Außerdem mag ich die Architektur und – und glaubt mir, ich habe ein Ohr für so etwas: Der Konzertsaal ist einer der best-klingendsten, die ich bis jetzt so gehört habe.

Das Konzerthaus also. Sieht man sich das Programm an, merkt man: Die geben sich dort Mühe. Hat man so ein Konzerthaus, kann man es sich ja leicht machen. Quer durch Mozart und Beethoven, hier ein bisschen Kammermusik einstreuen, da mal einen Chor, einmal im Jahr was modernes.
Aber nö: Es gibt immer wieder Jazz und – wie ich glaube für ein solches Konzerthaus einmalig – eine Pop-Reihe. Blumfeld oder Kinderzimmer-Productions spielten hier ihre letzten Konzerte, Kettcar, die Mighty Oaks oder Polarkreis 18 waren zu Gast.

Ich selbst war hier, um Joy Denalane, Til Brönner, mehrfach Tina Dico und gestern Abend Branford Marsalis mit der hr-Bigband zu sehen.
Und jetzt beginnt mein Problem: Til Brönner war für meinen Geschmack oberflächlich und lahm, aber den fanden alle super.
Joy Denalane war super, aber da ging das Publikum. Also nicht ab, sondern raus. Reihenweise. Mitten in den Stücken.
Als ich dort das erste mal Tina sah, verliebte ich mich bekanntermaßen auf der Stelle, aber trotzdem hielt ich den Abend nur durch, wenn ich alle Menschen um mich herum komplett ausblendete. Bei der einen Hälfte des Publikums war das nicht schwer, die schliefen nämlich mit offenen Augen, die andere hingegen langweilte sich deutlich hörbar.
Ich habe mich damals an ihrer facebook-Pinnwand bei Tina für das Publikum entschuldigt.
Bei Kinderzimmer-Productions waren zum Glück nur die Hardcore-Fans gekommen, da gings.

Letztes Jahr war Tina wieder da. Ich hatte schon zwei Abend vorher ihr Konzert in Köln gesehen und schämte mich wieder in Grund und Boden; vor allem im Vergleich. Backstage hinterher meinte sie zum Glück, sie habe das ganz anders mitgekriegt, sie sei sehr gerne im Konzerthaus.
Aber: An dem Abend begriff ich ein bisschen mein Problem. Denn wir trafen vor dem Konzert im Foyer ein paar Bekannte hier aus Menden. Wie es so ist, sagt man so etwas wie „Ach, Ihr auch hier?” und wenn man nicht gerade bei U2 ist als nächstes ja auch: „Und woher kennt Ihr Tina?”
Sie kannten sie nicht. Sie hatten das „Pop-Abo” gebucht und hatten keinerlei Ahnung, zu was für Konzerten sie gingen.

Gestern Abend genauso. Man sah gefühlt 70% der Leute an, dass sie halt da waren, weil sie am dritten Freitag im Monat immer im Konzerthaus sind. Dass sie dort Bekannte treffen, ein Sektchen trinken, vielleicht den ein oder anderen Deal einstielen und Mutti die neue Perlenkette zeigen darf.
Und natürlich ist so ein Publikum ein vollkommen anderes als eines, was aus Fans besteht, die mit dem festen Vorsatz gekommen sind, den besten Abend des Jahres zu haben.

Ich habe mich gestern übrigens gestern während der ersten beiden Stücke so gelangweilt, dass wir dann gegangen sind. Ja, shame on me: mitten im Stück. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass Hessen keinen Jazz spielen können, dass Herr Marsalis auch alt geworden ist oder vielleicht daran, dass ein Ort ja auch die Musik beeinflusst, die passiert. Oder an allem gemeinsam?

Ich vermute, dass das Konzerthaus dicke subventioniert ist und um jeden Euro kämpfen muss. Und bin mir sicher, dass so etwas wie die Abo-Reihen es viel leichter machen zu kalkulieren. Vermute, dass so so etwas wie festes Geld in der Kasse ist und dadurch die Freiheit im Programm mal was zu wagen erst entstehen kann.
Ich liebe den Raum, der klingt so. So. Geil.
Bestimmt hört der ein oder andere Abo-Hörer auch mal zu und kauft dann hinterher mal ne CD – mir egal, ob vom New Orleanser Saxophonisten oder von der dänischen Sängerin, Hauptsache Künstler verdienen was.

Aber für mich geht das Konzept nicht auf. Ich fürchte, ich mag nicht mit der Dortmunder Hautevolee in einem Raum sitzen und ihre desinteressierten Blicke durch den Raum schweifen sehen, wenn ich die Musik dort vorne lieben möchte.
Und ich glaube, ich musste das alles jetzt mal aufschreiben, um es zu merken. Um es auch mir zu merken.
Liebes Konzerthaus, Ihr seid geil. Aber ich fürchte, ich komme nicht wieder. Es liegt nicht an Dir, wir haben uns auseinander gelebt. Lass uns Freude bleiben.


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