Das Sternsinger-Dilemma

Aus der Kategorie »just people«

Heute Morgen hörte ich – noch im Aufwachen – die frohe Nachricht, dass die Sternsinger wieder ihre Runden ziehen um die Haustüren zu beschriften und Geld für was weiß ich zu sammeln.
Und bekam mein jährliches Sternsingerproblem. Denn: Ich entscheide lieber selber, wem ich Geld spende und ich möchte keine christlichen Segens-Symbole an meiner Haustür haben.
Andererseits weiß ich aber auch, dass die drei Kinder, die vermutlich am Wochenende mit angefrorenen Füßen ihre Runden drehen und auch bei mir klingeln werden das nicht verstehen werden.

Ich hab da wenig Möglichkeiten: Entweder ich kann sie einfach wegschicken, dann bekomme ich einfach den Stempel „unfreundlich“ und wenn ich Pech habe klebt dann auch schon der praktische Aufkleber (früher hatten die kleinen da ja wenigstens noch Kreide in der Hand) an der Tür.
Oder, ich versuche ihnen meine Probleme mit Religionen allgemein und der christlichen im speziellen zu erklären, dann werden sie es nicht verstehen. Können sie gar nicht, denn wenn sie einen Zweifel an ihrer Religion zuließen, dann würden sie vermutlich zu allererst mal nicht bei minus 10 Grad durch die Straßen stapfen.
Ich werde also vermutlich einfach nicht öffnen. (Wer mich am Wochenende besuchen will sollte also vorher anrufen).

Womit meine Gedanken dann abglitten – wie gesagt, ich war noch im Aufwachen begriffen.
Und ich fragte mich: Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, Kinder zu einem selbstbestimmten, offenen Umgang mit Religionen zu erziehen? Einem Umgang, der die Wahl lässt zwischen Glaube oder nicht, zwischen Allah, Gott, Shiva, Zeus oder großem grünen Arkelanfall? Meiner Meinung nach haben wir da ein Paradoxon.
Jede Religion hat nun mal den Anspruch, die allein richtige zu sein. Sie muß also um glaubhaft zu bleiben vermitteln, dass man sich mit den anderen nicht beschäftigen muß, da die anderen ja eh falsch sind.
Wenn ich mich also entschließe ein Kind im Glauben an einen Gott zu erziehen, dann habe ich mich automatisch dazu entschieden, es auch in dem Glauben an meinen Gott zu erziehen. Gibt ja keine anderen für mich.

Was das ganze für mich schon wieder unsympathischer macht.

Und das alles vor dem ersten Kaffee. Manchmal mach ich mir Angst.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

6 Reaktionen

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Am 07.01.2009 um 10:36 Uhr ergänzteSiri :

Ich würde, glaub ich, dahin tendieren, den Kindern für ihren guten Zweck (Kinder sammeln für Kinder, so wurde es bei uns in der Presse jedenfalls angekündigt) etwas in die Hand zu drücken und zu sagen: bitte nicht singen und bitte keine Markierung am Haus.
Aber ich habe dieses Dilemma nicht, da wir hier oben die Sternensinger nur dann bekommen, wenn wir sie „bestellen“. Sind halt fast alle evangelisch hier.


Am 07.01.2009 um 11:01 Uhr sprachserotonic :

Ich weiß nicht, ob ich konkret und willentlich so erzogen wurde, aber ich habe meine – zugewiesene – Religion nie als alleingültig erfahren und wurde auch nie dazu angehalten, andere Religionen als per se falsch zu erachten.

Vielmehr habe ich, evangelisch getauft und konfirmiert, immer Inhalte anderer Religionen kennenlernen dürfen und wurde sogar motiviert, mir Anregungen, Gedanken, Glaubenselemente daraus zu entnehmen und an meinen Gott zu glauben, wie ich es möchte.

Ich durfte – Taufe ausgenommen – auch immer entscheiden, ob ich meine Religion überhaupt auslebe, ob ich überhaupt an das „Modell Gott“ glauben wollte. Ich habe das abendliche Vaterunser zum Beispiel immer mehr als liebevolles Beisammensein denn als christlichen Akt empfunden.

Somit bin ich mit einem durchaus selbstbestimmten, offenen und sehr zwanglosen Umgang mit Religionen aufgewachsen und habe Menschlichkeit als einzig wirklich wichtigen Maßstab erfahren.

Heute bin ich freien Willens vollkommen religionslos, aber nicht frei von Glaube.


Am 07.01.2009 um 11:09 Uhr meinteChristian :

Hm. Da scheint es dann also durchaus Unterschiede zwischen der restlichen Welt und einem stockkonservativ katholischen Dorf mit anscheinend recht konservativ-katholischen Eltern zu geben.
Wie schön.

In unserer Abizeitung gab es einen Comic, in dem der neue Schüler nach seiner Religion, Verzeihung, Konfession gefragt wird. Er setzt an, „E…“ zu sagen, sieht den kritischen Blick der Nonne, die die Einschulung übernimmt und biegt zu „…erzkatholisch“ ab. War aber eigentlich gar nicht lustig, der Comic.

Danke Euch für die Einblicke.


Am 07.01.2009 um 13:50 Uhr antworteteFlummi :

Bei mir war/ist es ziemlich genau so wie bei Serotonic.
Meine Eltern haben uns taufen lassen, ich war vier Jahre alt, und wenn ich es im Nachhinein richtig verstanden habe, ging es meiner Mutter dabei weniger um die Religionszugehörigkeit ihrer Kinder als vielmehr darum, Paten, innerfamiliäre bzw. familiennahe Seelsorger für ihre Kinder zu haben.
Zu Beginn der Grundschulzeit hat meine Mama mich gefragt, ob ich in die Christenlehre gehen möchte, mir das anschauen mag. Gezwungen hätte sie mich nie. So bin ich also hingegangen, habe mich konformieren lassen, gehörte der Jungen Gemeinde noch zwei Jahre freiwillig an, bis eines Tages die Leute rar und meine Interessen andere wurden.
Ich glaube, auch in meinem Fall ist es das Zwischenmenschliche, was mich in die Kirche zog. Der Begriff „Gemeinde“ war bei uns immer sehr treffend – man war zusammen, hat gute Zeiten miteinander verbracht. Und das sogar äußerst zwanglos. Es hat keiner wirklich gefragt, ob man an ebendiesen Gott glaubt oder nicht. Vielmehr wurde der Gedanke allgemein anerkannt, daß der Glaube etwas sehr Persönliches sei und jedem zu überlassen ist, wie er/sie den Glauben ausleben möchte.

Meinen Glauben kann ich noch heute nicht konkret definieren. Gott ist nicht greifbar, Religionskritiker und Philosophie haben für mich das Problem noch komplexer gemacht. Aber ich glaube an etwas und genieße es auch heute noch, in meiner Heimat den Gottesdienst zu besuchen.


Am 07.01.2009 um 16:25 Uhr ergänzteChristian :

Hm. Die „Gemeinde“ auf dem Dorf war der Bund der katholischen Landfrauen (oder so ähnlich) für die einen und der Schützenverein auf der anderen Seite. Der Pfarrer war gut in die 70 und dementsprechend modern aufgelegt.
Und die Schule dann war absolut konservativ und monotheistisch. Ich glaube kaum, dass ich während der Schulzeit je etwas über eine andere Religion als das Christentum – im engeren Sinne das katholische Christentum natürlich – gehört habe. Wir durften auch Religion als Fach nicht abwählen.
Und einen der größeren Streits meiner Kindheit hatte ich, als irgendwann nicht mehr automatisch jeden Sonntag in die Messe gehen wollte.
Andere Voraussetzungen, wie’s aussieht :)


Am 07.01.2009 um 18:45 Uhr ergänztejoerg :

Ich sehe auch den grundsätzlichen Widerspruch nicht, Kinder im (nicht zum) Glauben an Gott auf Basis der Werte eine Religionsgemeinschaft usw. und gleichzeitig zu Tolerenz zu erziehen. Hat ja bei mir auch irgendwie hingehauen. Vermutlich weil ich auch nie den eindruck hatte, dass jemand von erwartet hat evangelischer Christ zu werden, bloß weil meine Eltern das sind. Es sah eher nach dem aus, was es tatsächlich auch ist: ein Angebot. Dass ich mich übrigens dann irgendwann im Teenageralter entschieden habe anzunehmen. (Allerdings verzichte ich bis heute auf die kostenpflichtige Premium-Mitgliedschaft, u.a. weil der öffentlichrechtliche Steuereinzug nicht mit meiner Idee von Trennung Kirche/Staat zusammengeht.)
Und so würde ich auch meinen Kindern versuchen mitzugeben, als Angebot eben. Von dem man eine Menge haben kann, wenn mans annimmt, dass einen aber in keinster Weise über Atheisten oder Andersgläubige erhebt. Toleranz eben.


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