Das Telefon und wir. Ein Nachtrag

Aus der Kategorie »just people«

Ich hatte ja letztens etwas ausführlicher übers Telefonieren und Kommunizieren allgemein gesprochen. Heute stiess ich zufällig auf einen Tweet und er machte mich sehr, sehr traurig. Und ist leider der perfekte Nachtrag zu dem Artikel.

Ja wirklich, kaum zu glauben: Was sagt es über die zwischenmenschiche Kommunikation im Großen und Ganzen aus, dass wir uns nicht mehr freuen, wenn jemand Kontakt zu uns aufnimmt.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

8 Reaktionen

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Am 15.03.2017 um 9:40 Uhr kommentierte Dentaku:

Das sagt eigentlich etwas anderes aus: mit fast allen Menschen, bei denen mir an zwischenmenschlicher Kommunikation mit ihnen etwas liegt, habe ich durch modernere Techniken als „überraschend anrufen“ ständigeren und engeren Kontakt als früher.

Im überraschend klingelnden Telefon bleiben etwa drei Leute, über die ich mich freue und 95% Werbe- und Meinungsforschungsanrufe.


Am 15.03.2017 um 10:04 Uhr wusste Kiki:

Es geht nicht darum, dass jemand Kontakt zu uns aufnimmt, sondern wie, bzw. durch welches Medium. Und ein Telefonklingeln ist eben deutlich fordernder und mitunter störender als eine Mail oder ein Brief, die bzw. den ich finde, wenn ich den (elektronischen) Briefkasten öffne. Ich bin sehr dankbar, dass ich heutzutage mein Telefon einfach ausmachen bzw. stumm schalten kann, wenn ich nicht gestört werden möchte. Früher ging das nicht, man konnte es nicht einmal „aus der Wand ziehen“, weil es die Version mit Steckverbindung erst in den späten 80ern gab.

Es ist im Geschäftsleben durchaus sinnvoll, miteinander zu telefonieren, dafür kann man Telefontermine vereinbaren und sich entsprechend vorbereiten. Ich will nicht wissen, wie viel Zeit meines Lebens ich in Telefonkonferenzen verplempert habe, in denen die Hälfte der TeilnehmerInnen verspätet kam oder nicht vorbereitet war.

Auch diese Nostalgie in dem Tweet kommt mir doch sehr überdreht vor. Worüber ich mich immer freue: Über handgeschriebene Post im Briefkasten. Ich habe mich höchstens als kleines Kind grundsätzlich über _jedes_ Telefonklingeln gefreut, weil dieser Apparat mit den Löchern da noch so spannend war.
Heute habe ich ein Festnetztelefon, dessen Nummer nur die engsten Familienmitglieder und besten Freunde kennen. Da freue ich mich wirklich über jedes Klingeln und zu jeder Tages- und Nachtzeit, weil ich weiß: Es ist ein geliebter Mensch dran. Die Nummer hat auch keinen Anrufbeantworter, denn da spricht eh niemand gerne drauf und wenn ich nicht da bin, bin ich halt nicht da (oder vielleicht mobil zu erreichen). Meine Handynummer kann hingegen jeder haben, die führt allerdings direkt auf die Mailbox, denn mein Handy ist zu 90% im „nicht stören“-Modus.

Kommunikation steht unter keinem guten Stern, wenn sie einem aufgenötigt wird, finde ich. Ein Telefonklingeln ist für mich so nervig wie ein Flyerverteiler auf dem Wochenmarkt, der vor mir herumspringt und mit seinen Flyern wedelt, während ich meine Einkäufe erledigen will. Es zu ignorieren ist schier unmöglich, Leute einfach wegzudrücken (sowohl besagten Flyerverteiler als auch die Anrufer) ist unhöflich, das ganze, verdammte Ding macht einem höflichen Menschen nichts als Unbehagen.

https://twitter.com/soverybritish/status/520681849275043840?lang=de


Am 15.03.2017 um 10:08 Uhr ergänzte Christian:

I get ur point, dentaku.

Meine Therorie aber – bis jetzt gestützt nur durch viel eigene und anderer Menschen anekdotische Evidenz – ist: Durch die ständigen Statusmeldungen eines Teils unseres Bekanntenkreises übersehen wir a) zum einen, wenn jemand einzelnes mal nicht mehr da ist und haben uns b) vollkommen das aktive Intersse abgewöhnt. Braucht ja keiner mehr, man bekommt ja was vom anderen mit und kann jeweils thematisch einsteigen.

Jemanden anzurufen war (*seufz*) aber vom Impuls her ein Interesse, mit dem anderen Kontakt aufzunehmen (aka: „Ich möchte wissen, wie’s Dir geht“).
Heute erlebe ich eher, dass der Impuls vom anderen kommt, wenns thematisch passt (aka: „ach spannend, darüber würd ich gen mit Dir mal sprechen“)

Das es so ist (auch bei mir rufen ja hauptsächlich unerwünschte Menschen/Firmen/… an), zweifle ich ja nicht an. Ich finde es nur sehr, sehr traurig, weil ich ein Gespräche mit Stimme immer bereichernder finde als getippte Zeilen.


Am 15.03.2017 um 10:19 Uhr sprach Christian:

… und auch Deinen, Kiki.

Ich sehe ja durchaus, dass es so IST. Ich finde es nur schade, was Menschen und vor allem Firmen aus dem Medium gemacht haben, wenn wir davor Angst haben.

Und zum Aspekt des Störens: Wenn unser aller Alltag nicht so gnadenlos auf Effizienz getaktet wäre, dass ein Gespräch mit jemand anderem stört, dann würde es vielleicht gar nicht mehr stören. Dass wir es als Störung empfinden ist doch eine Folge von etwas ganz anderem und nicht eine gottgebene Grundbedingung. (Ganz nebenbei bleibe ich dabei, dass eine Gesellschaft, die direkte Unterhaltung aus Effizienzgründen immer ansynchroner macht, sich nicht wundern muss, wenn dabei Anne Will-„Diskutanten“ oder Pegida-Brüller herauskommen, aber das fast nur am Rande)

Ich sah letztens eine Doku über einen Auswanderer nach Irland (nein, nichts seltsam exotisches am anderen Rand der Erde). Da wo er wohnt, besucht man sich. Unangemeldet. Und dann trinkt man einen Kaffee und dann abeitet man halt danach weiter.

Ja, meist würde mich das ebenso gruseln, wie wenn das Telefon klingelt (das ist ja bei mir alles nicht anders), aber ob das schön und gut ist, darüber möchte ich gern mal nachdenken.


Am 15.03.2017 um 12:16 Uhr kommentierte Dentaku:

Ja, vielleicht entstand der Horror vor dem Klingeln eben auch dadurch, dass da nur noch nervige Leute anrufen.

Aber Ihr ruft ja auch nicht an. ;-)


Am 15.03.2017 um 12:22 Uhr schriebKiki:

Wir sind also bei persönlichen Präferenzen. Denn wenn Du schreibst „Ich finde es nur sehr, sehr traurig, weil ich ein Gespräche mit Stimme immer bereichernder finde als getippte Zeilen.“ ist das nichts anderes, oder?

Mein Alltag ist überhaupt nicht auf Effizienz getaktet, schon gar nicht gnadenlos. Ich prokrastiniere professionell. :D Ich verplempere nur halt ungern meine Zeit mit doofen Sachen oder Leuten. Und ich bin definitiv nicht (mehr) multitaskingfähig in meinem Job, ich kann dabei auch nicht Musik hören. Wenn ich konzentriert zeichne, dann bin ich „in the zone“. Mich wieder in die richtige Stimung zu versenken dauert meist länger als das Telefonat, das nervt einfach, nicht, weil ich effizienter arbeiten möchte, sondern weil ich meine Arbeit liebe und so gut wie möglich machen möchte. Das ist mein Anspruch an mich.

Dein Nebenargument „Ganz nebenbei bleibe ich dabei, dass eine Gesellschaft, die direkte Unterhaltung aus Effizienzgründen immer ansynchroner macht, sich nicht wundern muss, wenn dabei Anne Will-„Diskutanten“ oder Pegida-Brüller herauskommen“ würde ich auch nicht so unterschreiben wollen. Ich glaube, asynchrone Kommunikation bietet einerseits die Möglichkeit zu genauerem Hinhören bzw. -lesen und andererseits zwingt sie die Teilnehmer zu präziseren Formulierungen. Talkshows sind hingegen weder typisch für eine gepflegte Konversation unter zivilisierten Leuten, noch ist entsprechendes Verhalten dort erwünscht. Talshowhosts wollen Quote, den Skandal, die Unterhaltung über die Unterhaltung, möglichst am nächsten Tag die Nachberichterstattung auf SpOn oder in der BILD. Die Gäste sind Staffage, die Themen gewollt provokant formuliert. Talkshows sind das 4chan der alten Welt.


Am 15.03.2017 um 14:19 Uhr sprach Christian:

Klar sind wir bei persönlichen Präferenzen, wo denn sonst, Kiki? Und wie immer wenn ich merke, dass meine persönlichen Präferenzen bei auffallend vielen Menschen, mit denen ich spreche auch zur Sprache komme, dann suche ich, ob es ein System gibt. das hilft mir dann die Welt zu versehen … – manchmal ;)
Glückwunsch, wenn Dein Alltag diesen Zwängen nicht unterworfen ist – klingt erstrebenswert.

Meine Erfahrungen sind andere. dazu gehört zB, dass ich nicht mehr mit Menschen (fremd, nah, Freunde – egal) spreche, wenn ich – aus welchen Gründen auch immer aufhöre, aktiv ins sog. Social Wen hineinzuschreiben. Und bevor jetzt der lapidare Satz kommt „Dann haste halt die falschen Freunde“: Das glaube ich nicht. Und auch, dass ich weiß, dass es vielen anderen auch so geht lässt mich vrmuten, dass wir nicht alle zufällig die falschen Freunde haben, sondern dass da eine systemische Veränderung geschehen ist. (Mir passiert das ja genau so)
Ob es jetzt heißt, dass wir alle nicht befreundet wären, wenn das SW nicht gäbde … oder ob im SW andere Freundschaften geknüpft werden … oder ob the times einfach a-changing are … man weiß es nicht und ich denke darüber nach. Und nehme dabei wahr, dass die gefühlte Nähe via SW auch an echter Entfernung nichts ändert, aber andere Medien, die imho besser geignet waren, Distanzen zu überbrücken verdrängen.
Mir ist es ja auch egal, ob es das Gerät Telefon oder das virtuelle Gerät skype ist. Auch verabredet oder überraschend ist mir halbwegs wumpe, auch wenn ich es schön finde zu merken, wenn jemand an mich denkt. Ebenso wie ich gern jemand zeige, dass ich an sie oder ihn denke – auch wenn mir das zu selten gelingt. (Insert Zeichen immer noch großer Freude über einen kleinen Bären)

Zum Nebenargument: ich sehe das anders. Ich glaube, dass die Vorreiter im Web, die die schon seit Jahren asynchron kommunizieren, die berühmten early adaptors (also: „wir“) asynchrone Kommunikation nutzen, um präziser zu kommunizieren. Wie ich letztens schon schrieb gibt sie aber denen (also: „die“;) ), die eigentlich gar nicht reden, sondern zB selbstdarstellen wollen die Tools, das noch effektiver zu tun.

Letztendlich ist es doch die Absicht, die die Nutzung des Tools gut oder schlecht macht. 4chan ist auch asynchron und digital und alles, was wir so gerne feiern, aber dabei im höchsten Grade etwas, was ich nicht feiern möchte.


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Ari Plikat

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