Der Baader Meinhof Komplex

Aus der Kategorie »just movies«

Die Twitter-Verfolger sind wieder mal im Vorteil – die wissen, dass wir gestern Abend im Kino waren: Der Baader Meinhof Komplex

Das war erst einmal ganz unterhaltsam, weil:
Wir waren zwei Minuten vor acht im Kino, um acht sollte es los gehen. Gegen viertel nach begann die Werbung und als die Trailer begannen hatte ich schon ein seltsames Gefühl – wir sahen die Trailer zu Ice Age 3 und Madagaskar 2.
Und dann den zum Baader Meinhof Komplex.
Und dann kam ein lustiges Cinestar-Männchen, entschuldigte sich vielmals, erklärte, dass die Vorführer da wohl die Rollen vertauscht und dass es jetzt am praktischsten für alle wäre, wenn statt der schweren Filmrollen wir das Kino wechseln würden.
Dann haben wir noch einmal zwanzig Minuten gewartet noch ein paar (thematisch passendere) Trailer geguckt und dann ging der Film los.

Und das wars dann auch mit lustig.

Schon wieder ist das Twittervolk im Vorteil, denn meinen ersten zynischen Kommentar hab ich als braver Web 2.0-Bürger ziemlich direkt nach dem Kino abgesetzt. Ich schrub:

ok, dann hat uns eichinger nach den letzten stunden im führerbunker nun auch die raf erklärt. was kommt danach? sed, kohl und die wende?

Und habe damit – auch nach einer Nacht drüber-schlafen – ziemlich genau auf den Punkt gebracht, was ich dachte: Was soll das?

Ich muss dazu sagen, dass ich sowohl das Buch von Stefan Aust als auch sonst eine lange Zeit lang vermutlich die meisten Artikel rund um die RAF gelesen habe. Meine erste bewusste Begegnung mit dem deutschen Staat war eine, die sich am falschen Ende einer Maschinenpistole abspielte und auch wenn das eine Geschichte ist, über die ich heute launige Artikel schreiben kann war das damals schon sehr verschreckend.
Später, als die Haare länger wurden und mir die Unterhaltungen über Anarchie im Philosophiekurs neue Ideen in den Kopf pflanzten tauchte natürlich auch die RAF wieder auf dem Horizont auf und ich musste abgleichen, was die Unterschiede zwischen ihrem Systemhass und den frisch gelernten Utopien waren.

Langer Rede, kurzer Sinn: Ich bin da durchaus vorgebildet.

Und: Ich fands langweilig. Eine abgefilmte Geschichte, die ich kenne ist langweilig.
Also, nicht, dass wir uns falsch verstehen: Der Film ist filmisch natürlich spannend gemacht. Das ganze ist solide erzählt, die Schauspieler fand ich allesamt phantastisch, es ist spannend und mitreissend und sowohl die leere Tiefgarage als auch der Polizeiwagen auf der Autobahn hinterher machten kurz ein ungutes Gefühl.

Andererseits war es eben nur die Geschichte, die ich schon so gut kannte. An entscheidenden Stellen ging mir trotzdem alles zu schnell: Schahbesuch, Dutschke, eine Reihe Überfälle, das olypische Dorf, Stammheim, Mogadishu – das alles flitzte quasi im Zeitraffer vorbei. Und gerade an solchen Stellen hätte ich mir etwas mehr Interpretation gewünscht. Da hätte ich mir gerne mehr Gedanken darüber machen dürfen, wie denn die Stimmung in der Gruppe war. Nach den ersten Banküberfällen. Nach den ersten Anschlägen. Mit dem ständigen Zwang, sich verstecken zu müssen. Nach den ersten Festnahmen. Ob sie noch reflektierten oder sich einfach nur auf der Suche nach extremstmöglichen Protest total verrannten.
Da aber blieb der Film flach und filmte Ereignisse ab, die überall nachzulesen sind.

Und hier beginnt dann auch mein wirkliches Problem: Trotz des definitiv vorhandenen Action- und Unterhaltungselementes wirkt der Film dadurch zu dokumentarisch auf mich. Ich fürchte, dass Zuschauer, die weniger gelesen haben als ich jetzt mit dem befriedigten Gefühl aus dem Kino kommen, jetzt zu wissen, wie das denn damals mit der RAF war. So wie sie nach dem Untergang schon gelernt hatten, wie das denn damals im Führebunker war.
Und so fürchte ich auch, dass wir von Herrn Eichinger als nächstes sehen, was in Bonn und Berlin so passierte, bevor Herr Kohl und Herr Hasselhof uns damals die Mauer aufschlossen.

Was mir gefehlt hat: Eine Beschäftigung damit, warum damals Menschen beschlossen, gegen den bestehenden Staat kämpfen zu müssen und wie der Staat reagierte. Und wie sich die Demokratie so schlug, als sie so richtig auf die Probe gestellt wurde. Da blieb der Film aber leider flach und leer.

Dabei könnte uns so ein Blick auf unseren und andere Staaten in vergangenen Krisensituationen eigentlich auch mal wieder ganz gut tun – um dann auch mal zu sehen wie er heute so auf reale oder vermeintliche Bedrohungen reagiert. Aber für ein waches Auge gibts ja leider keine Payback-Punkte.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

4 Reaktionen

Am 25.09.2008 um 8:12 Uhr ergänzte Ebola:

Du hast also eine Glorie auf die RAF erwartet und bist mit der abgefilmten Realität unzufrieden?

RAF hat die Demokratie nie auf die Probe gestellt – sondern wahllos gemordet.

Aber ich mir den Streifen in den nächsten Tagen selbst ansehen…


Am 25.09.2008 um 8:12 Uhr schriebEbola:

Reiche ein «werde» im letzten Satz nach…


Am 25.09.2008 um 9:47 Uhr wusste Christian:

: Du hast also eine Glorie auf die RAF erwartet und bist
: mit der abgefilmten Realität unzufrieden?

…äh: Nein. Ich hatte eine Auseinandersetzung erwartet und nicht eine platte Abfilmung. Von Glorie war nicht die Rede.

Eher im Gegenteil: Einige Szenen, die bei der RAF spielen sind eher sehr cool. Das Adrenalin fließt in Strömen, manche Attentate kann man durchaus als cool und heroisch empfinden – also wenn etwas unreflektierte Glorifizierung hervorruft, dann das.

Ich hätte gerne etwas mehr Inhalt. Also so mal ganz platt: Warum beschimpfen die Terroristen den Staat als faschistisch? Wie reagiert der Staat und auf was für Werte bezieht er sich? Warum ist auch wertvoll, wenn der Richter – so albern es wirkt – nüchtern feststellt „Sie haben mich also Arschloch geheissen?“ Was machen Che und die Palästinenser da auf einmal?


Am 25.09.2008 um 22:14 Uhr ergänzte Ebola:

Ich hoffe ich komme nächste Woche dazu es zu sehen. Leider schaffe ich es vorher nicht.

Bin gespannt.


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