Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Der Blues und das social Web

Die ein oder andere Leserin wird sich vielleicht erinnern, dass ich früher einmal ein paar Bands hatte. Den meisten dieser Bands war es gemeinsam, dass sie irgendeine Form von improvisierter Musik spielten – oder ihre Musik durch gemeinsames Improvisieren, also „Jammen“ entstand.

Und auch später, als ich eher mit dem Theater als mit dem Rock’n’Roll zu tun hatte erlebte ich, dass man auch dort gemeinsam imrovisieren kann – wem sich die Gelegenheit bietet, eine Improtheater-Veranstaltung zu besuchen, sollte dies auf jeden Fall einmal tun.

Wer jetzt keine Lust hat, die verlinkten Wikipedia-Artikel zu lesen, dem sei kurz gesagt: Improvisation in der Musik ist eben nicht ein völlig willkürliches Drauflosspielen.
Ganz im Gegenteil gibt es eine Menge Regeln, die einen Rahmen vorgeben. Im Unterschied zur in Noten festgeschriebenen Komposition entstehen diese Regeln aber eben teilweise erst im Moment des Spielens.

Es gibt zum Beispiel ein Tempo, das natürlich derjenige der beginnt vorgibt.
Dazu kommt in dem Moment, wo jemand eine erste Melodie-Idee spielt auch eine Tonart und auch ein Grundrhythmus.
Und so beginnt sich ein Rahmen zu bilden, dem jeder etwas passendes hinzufügt und in den alle einsteigen können so entsteht dann aus dem nichts gemeinsame Musik. (Jeder jammende Musiker weiß natürlich, dass das auch fürchterlich in die Hose gehen kann und garantiert nicht immer brauchbare Musik, geschweige denn wirkliche Songs dabei herauskommen, aber darum soll es jetzt hier nicht gehen)

Wichtig dabei ist, dass alle sich gegenseitig zuhören. Selbst wenn ich als Bassist bevorzugt Trash-Metal-Basslinien in E-Dur spiele werde ich schnell merken, dass ich das nicht immer tun kann, wenn Drummer und Gitarrist gerne Balladen in C-Moll spielen.
Also: Zuhören.
(S. – die mich ja dem Theaterleben vorgestellt hat – formulierte einmal die entsprechende Regel fürs Improtheater: „Es gibt kein ‚Nein‘ auf der Bühne“)

Wenn im ersten Zusammenspiel von Drums, Bass, Gitarre und anderen das erste kleine bisschen Musik entstanden ist, dann kann der einzelne auch wieder beginnen, damit zu spielen. Also die Melodie oder das Muster, das er spielt zu variieren. Und manmchmal kann dann aus der Ballade doch noch die Trash-Metal-Schlacht werden.
Das ist dann zwar vielleicht nicht das ursprünglich gewünschte Ergebnis für den Gitarristen, der ja balladesk anfing, aber es ist Musik, die wirklich zusammen enstand. Musik, die den alten Spruch vom Ganzen, das mehr ist als die Summe seiner Teile beweist.

Neben der Fähigkeit zuzuhören ist es also wichtig, loslassen zu können. Wenn ich mich darauf einlasse, mit anderen zu jammen, dann weiss ich, das vielleicht anderes entsteht, als ich es mir ursprünglich vorstellen konnte.

Die Chance aber, dass viel mehr entsteht, wenn andere ihre Ideen mit meiner zusammenbringen, dass ihre Ideen dann wieder neue bei mir hervorrufen und sich so alles gegenseitig beeinflusst und befruchtet ist natürlich viel größer, als wenn ich mir zu Hause etwas ausdenke und auf Notenblättern fixiert den anderen zu Beginn der Probe vorlege.

Bei klassisch ausgebildeten Musikern, die jahrelang nur eine Sonate nach der anderen vom Blatt üben mussten erlebe ich oft eine große Angst vor so einem offenen Zusammenspiel. Trotzdem sie ja nun hören, was die anderen spielen, trotzdem sie hören, was für einem Rhythmus das gerade gespielte folgt und man ja für Menschen ohne gutes Gehör auch gerne mal in den Raum ruft, dass alle gerade C-G-D-D im Kreis spielen wissen sie oft nichts damit anzufangen.

Und die, die – wie ich – so begonnen haben Musik zu machen verstehen nicht, wie man ohne den Zauber, so aus dem Nichts heraus etwas entstehen zu lassen arbeiten kann.

Muss ich jetzt noch erklären, wo ich einen Zusammenhang zum Social-Media-Gedöns sehe? Nein, oder?

2 Antworten zu “Der Blues und das social Web”

  1. Martin sagt:

    Zugehört, verstanden, für gut befunden; spiele mit.

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