Der Sauerländer

Aus der Kategorie »just people«

Einige von Euch haben es ja schon mitbekommen – ich komm’ vom Dorf. Und ich lebe in einer ziemlichen Kleinstadt und diese Kleinstadt liegt im Sauerland.
Und weil ja heute Karnevalssonntag ist fiel mir doch eine nette kleine Geschichte wieder ein, die sich hier vor circa zehn Jahren ereignet hat. Eine Geschichte, die schön zeigt, wie der gemeine Sauerländer so denkt und warum ich hier so super glücklich bin.

Wir – der Offliner und ich – waren damals in ein Bürgerbegehren reingeschliddert. „Reingeschliddert“ bedeutet in diesem Fall: Wir hatten eigentlich nur mit ein paar Jugendlichen gearbeitet und ihnen die Grundsätze politischer Arbeit zeigen wollen. Dann entstand im Rat in der damals mit absoluter Mehrheit regierenden schwarzen Fraktion der Plan, das dringend einzusparende Geld doch denen wegzunehmen, die eh kaum welches hatten. Den Jugendtreffs, der Drogenberatung und ein paar ähnlichen Einrichtungen. Dann konnte man nämlich erstens toll sparen. Und zweitens auch noch das Gutachten bezahlen – das Gutachten, ob man nicht Menden komplett untertunneln könnte, wenn die gewünschte Autobahn denn dann kommen würde.

Die von uns gecoachten Jugendlichen waren hellauf empört und wollten sofort(!) ein Bürgerbeghren dagegen starten. Was ein Bürgebegehren ist? Fragt Herrn Sauerland, der hat erstens jetzt gerade Zeit und zweitens gerade etwas sehr ähnliches in seiner Stadt erlebt.

Als Vertreter müssen unter einem Bürgerbeghren bis zu drei volljährige Ansprechpartner stehen. Richtig geraten: Der Offliner und ich. Hurra.

Wir brauchten irgendwie um die 6000 Unterschriften, standen also in der nächsten Zeit viel auf der Straße. Und am Karnevalssonntag natürlich auch – da waren ja zum Umzug besonders viele Menschen auf der Straße.

Ein paar Tage später fanden wir einen wütenden Leserbrief in der Zeitung.
Er kam von einem bekannten Mendener und örtlichen Politiker, der sich beschwerte: Er sei am Sonntag eine halbe Stunde vor dem Beginn des Umzuges von ein paar Jugendlichen angesprochen worden. Ob er nicht auch die Liste unterschreiben wolle.
Er habe das natürlich nicht gewollt, seine Fraktion wäre ja schließlich für die Kürzungen. Leider sei aber aber schon so betrunken gewesen, dass er das alles nicht mehr gewusst habe und sich deswegen jetzt seine Unterschrift auf dem Zettel finden würde.

Tja, und während es überall in der wirklichen Welt allen echten Menschen natürlich so peinlich gewesen wäre, dass sie Sonntags mittags um Zwei zu strulle waren, um sich noch an ihre eigene politische Überzeugung zu erinnern und einfach alles zu unterschreiben was ihnen vors Gesicht gehalten wurde, schrieb er es voller Empörung über diese unverschämte Jugend an die Zeitung.
Und während er in der wirklichen Welt natürlich von allen anderen auch rechtschaffen ausgelacht worden wäre, ist das hier im Sauerland alles anders. Nun ja.

Ja, so ist das hier im Sauerland.

(Nachtrag: Wir haben faktisch übrigens die ganzen Einrichtungen über ein paar Jahre gerettet, auch wenn wir rein rechtlich das Bürgebegehren „verloren“ haben.)


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2 Reaktionen

Am 22.02.2012 um 21:52 Uhr meinte ellebil:

Ach ja, das Sauerland, woll? Frühschoppen fällt da unter Volkssport, zumindest in der Generation meines Opas, jeden Sonntag wieder nacha Kiäche ;).

Ich wurde im sogenannten Hochsauerland geboren, wo alles noch ein bisschen mehr auf die Spitze getrieben wird. 19 Jahre dort haben mir aber erst mal für die kommenden 19 Jahre gereicht, aber diese Sauerländer sagen ja immer, dass irgendwann das ganz große Heimweh kommt, btw. zum Thema Karneval und seinem sauerländischen Pendant hab ich kürzlich auch gebloggt getan (sind die 550 Euro in Raten zahlbar?): http://ellebil.wordpress.com/2012/01/29/leeve-jecke/


Am 22.02.2012 um 22:52 Uhr wusste Christian:

Jaja, das Hochsauerland. Das fing an der Ortsgrenze des Kaffs an, in dem ich aufwuchs. Ich weiß also Bescheid ;)


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