Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Der Xaver, die Reichsbürger, schlechte Musik und wir

Gerade lese ich, dass Radio Bremen eine Kooperation mit Xavier Naidoo zurückzieht. Und schon vorher tauchten in meiner Timeline immer wieder Artikel über den Mannheimer Sänger und seine neuen Lieder auf.
Ich möchte an dieser Stelle nicht über das Lied oder über den Sänger sprechen, das wird an anderer Stelle mal gut, mal nicht so gut getan.

Worüber ich kurz sprechen möchte: Geschätzte 90% der Postings, die ich las folgten diesem simplen Muster:
Dieses Gejaule/diese Stimme fand ich schon immer unerträglich. Und dann folgte schon der Link zu irgendeinem Artikel.

Oder in anderen Worten: Persönlicher Geschmack und eine gesellschaftliche/politische Stellungnahme wurden verknüpft:
– ich mag seine Stimme nicht, …
– ich mag seine Lieder nicht, …
– der hat schon immer komische Texte geschrieben …
… da wundert mich nicht, wenn der politisch fragwürdig ist.

Diese beiden Dinge dürfen aber nichts miteinander zu tun haben. Musikgeschmack und Ablehnung reichsbürgerischer oder anderer verfassungsfeindlicher Äußerungen haben nichts in einem Topf zu tun. Nicht einmal auf einem Herd oder in einer Küche.
Das eine ist vollkommene Geschmacksache, das andere politische und gesellschaftliche Haltung.

Warum mich das so stört?
Einfach: Wenn ich mich einmal darauf einlasse, Musikgeschmack und Politik so in einem Topf zuzulassen, dann ergeben sich schnell eine Menge gefährlicher Umkehrschlüsse:
– Xy singt so schöne Lieder, der kann kein schlechter Mensch sein
– Du magst die Musik von Xavier – bist Du auch einer dieser Reichsbürger?
– Du magst keine Musik von (beliebiger, korrekter Künstler) – bist Du dann Reichsbürger?

Glaubt Ihr nicht?
Stenne wir uns doch mal vor, es gäbe einen erfolgreichen und anerkannten Filmregiesseur der uns ein paar echter Klassiker gebracht hat. Nehmen wir weiter an, der würde des Missbrauchs einer Minderjährigen beschuldigt – glaubt ihr, die öffentliche Meinung wäre ganz klar: „Anzeige und Gericht“ oder eher „ach, da kann man ja auch mal das Gras drüber lassen“?

8 Antworten zu “Der Xaver, die Reichsbürger, schlechte Musik und wir”

  1. Kiki sagt:

    Jo. Ich hab‘ dss damals mal so formuliert: dasalte.e13.de/2010/07/12/ich…

  2. Jan sagt:

    Ich stimme teilweise zu, aber nicht ganz. Für mich gibt es einen Unterschied, ob die fragwürdige (gesellschafts-)politische Haltung im Werk selber vorkommt oder nicht.

    Wenn ein Regisseur witzige, geistreiche oder mitreißende Filme macht und er dann als Person einer Straftat beschuldigt wird/politischen Dünnpfiff labert, lässt sich unter Umständen das Werk von der Person trennen.
    Wenn aber, wie bei Naidoo, seine Ansichten direkt in seinem Werk auftauchen, ist diese Trennung meiner Meinung nach nicht mehr aufrechtzuerhalten. (Wo man hier die Grenze zieht, ist natürlich wiederum diskutierbar.)

    Dass man die Ablehnung Naidoos wegen seiner kruden gesellschaftlichen Aussagen nicht zusätzlich mit dem persönlichen Geschmack rechtfertigen sollte, sehe ich auch so. Aber wenn er in seinen Songs seine Ansichten unmittelbar verwurstet, konsumiert man beim Hören seine Kunst im direkten Zusammenhang mit seinen Ansichten. Und dann finde ich es legitim, seine Fans zu fragen, wie sie zu diesen Aussagen stehen (und sie ggf. dafür auch schief anzugucken).

  3. Christian sagt:

    Ja, wenn Inhalte im Werk auftauchen gebe ich Dir Recht. Ich bezog mich aber nur auf die „ich mochte seine Jaul-Stimme noch nie“-Sprüche.

    Aber es ist natürlich schon etwas , über das man mal nachdenken kann. Ist der „letzte Tango in Paris“ anschaubar oder nicht? Kann man „Sie sieht mich einfach nicht“ anhören oder nicht? Den dazugehörigen Asterix-Film ansehen oder nicht?

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