Die inneren Werte von Tanjas BH

Aus der Kategorie »just read«

… so sprach ich, nachdem ich vorgestern die Empörung über das Poster zum Buch zum Anlass genommen hatte, um ein bisschen Ruhe zu bitten. Ich wollte das Buch gerne erst einmal lesen, bevor ich mich über ein – eventuell aus dem Zusammenhang gerissenes Poster aufrege. Ich wollte wissen, ob das Buch vielleicht zum Beispiel die Entwicklung eines Teenie-Jungen vom hirnlosen, hormongesteuerten Chauvi zum nicht ganz so hirnlosen, auch mal kopfgesteuerten Menschen zum Inhalt hat. Ob das Poster vielleicht Teil einer Reihe von Illustrationen wäre, die die Entwicklung aufzeigen. Ich hatte es vielleicht sogar etwas gehofft, wir haben doch schließlich 2015.

Nun habe ich das Buch gelesen. Und würde sich noch irgendjemand dafür interessieren – immerhin wurde der Verlag schon vor zwei Tagen durchs Dorf getrieben, das sind achtundvierzig Stunden oder zweitausenachthundertachtzig Minuten oder siebenhundertzwanzig durchschnittliche Tweet-Aufmerksamkeitsspannen – würde es also noch irgendjemanden interessieren, dann würde ich jetzt über das Buch schreiben.

Hat da jemand „Mach doch!” gerufen? Ok.

Nun denn: „Die inneren Werte von Tanjas BH” von Alex Haas.
Ich gehe mal wie in der Schule dran und erzähle erstmal, worum es geht: Beschrieben werden – aus der ich-Perspektive des 14-jährigen Benni – ca. zehn Wochen in irgendeinem Sommer. Da Handy und Internet selbstverständlich sind, spielt die Handlung vermutlich ziemlich nah am jetzt.
Genauer geht es um die letzten Schulwochen vor den Sommerferien, die Sommerferien in Dänemark und dann noch einmal kurz um die ersten Schulstunden nach den Ferien.

Benni lebt in der DHSF – also der deutschen Hetero-Standard-Familie – mit Papa, Mama und einem älteren Bruder und steckt mitten in der Pubertät. Er denkt an seine Mitschülerin Tanja, er denkt an ihre Brüste, er denkt an Sex mit ihr und er onaniert. Alles andere nervt ihn. Die Lehrer, die versuchen, Unterricht zu halten sind nervig, die Eltern, die ihm den Traumsommer mit der angebeteten Tanja am Baggersee mit einem gemeinsamen spontanen Urlaub versauen nerven, sein älterer Bruder, der schon Sex hatte (also nicht alleine) nervt. Nur sein bester Freund Felix, der ist ganz ok.
Und er selbst, er ist sehr ok, meist ziemlich cool sogar. Er ist Skater und ja quasi mit Tanja zusammen und mit der wird er bald Sex haben; spätestens, wenn sie zusammen am Baggersee liegen und sie nur einen Bikini trägt und er nur eine Badehose. Wesentlich mehr ist über Tanja eigentlich nicht bekannt, außer dass sie Brüste hat und dass er mit ihr zusammen sein will.

Tja, dann kommen ihm seine Eltern mit dem doofen Urlaub in die Quere, er vertraut Felix das Aufpassen auf Tanja an, im Urlaub gibts kein Internet, sein Vater will immer angeln und seine Mutter die Dünen und das Meer anseufzen, Felix schreibt ihm einen Brief, dass er mit Tanja im Kino war und sie gefummelt haben, er lernt Viola kennen und von der erfahren wir immerhin, dass sie surft und größere Brüste als Tanja hat und ihn mal anlächelt und sich für ihn zu interessieren scheint und dann …

Tja, das war’s in etwa. Es ist alles furchtbar belanglos und klischeehaft. Lehrer: Doof. Vater: Busy, kann ohne Karte den Weg finden und will im Urlaub nur angeln. Mutter: Findet das Meer toll, streitet, weil sie die Karte lesen will und sie sich verfahren und platzt mit Plätzchen ins Zimmer wenn er gerade onaniert. Tanja: Hat Brüste. Viola: Sieht super aus, spricht ihn mal an und hat größere Brüste. Sie fällt ihm aber erst auf, als sie den warmen Sweater und die Mütze auszieht und im engen Neopren-Anzug vor ihm steht.
Sagte ich schon: Belanglos und klischeehaft? Ach ja.

Jetzt habe ich mich natürlich gefragt: Warum dieses Buch?
Hinten auf dem Deckel steht: „Nur für Jungs” und glücklicherweise war ich ja mal einer.
Ich war auch mal ein Junge, der von der überraschenden Hormonwelle so überrannt wurde, dass er ganze Mathestunden damit verbracht hat cool an die Heizung gelehnt exakt so zu sitzen, dass sich in dem Moment wenn Petra aufzeigte einen kleinen Moment lang ein Blick durch den weiten T-Shirt-Ärmel bot. Wohin auch immer. Vermutlich also ein ganz normaler Teenie-Junge.

Und so gab es in dem Buch auch zwei oder drei Stellen, bei denen ich grinsen musste, weil all das im Rückblick so lächerlich und vertraut peinlich war. Ich hoffe, ich sage Euch jetzt nichts neues, aber es gibt Phasen im Leben der meisten Jungen, in denen es außer dem Gedanken an die Brüste irgendeiner Person – wahlweise an den Hintern einer Person – wenig anderes gibt.

Und bleibe ich auf dieser vordergründigen Ebene ist das sogar ein „wieso – ist doch lustig?”-Buch. Cock-Lit sozusagen.
Aber sorry, auch – oder sogar gerade – von einem Jugendbuch würde ich mir da ein bisschen mehr wünschen.
Vielleicht eine Viola, bei der Benni dann nicht nur überrascht ist, dass sich unter den Klamotten ein Körper versteckte, sondern von der er dann auch lernt, das es überhaupt mehr gibt als Brüste im Bikini.
Vielleicht etwas mehr als nur ein paar coole Buddy-Sprüche, als er Felix wiedertrifft – der ihm ja immerhin recht knallhart seinen Schwarm ausgespannt hat.
Vielleicht dass wenigstens Violas Eltern ein anderes Familienmodell leben als „Papa ist für den Job versetzt worden und wir ziehen halt alle hinterher”.
Was ich sagen will: Selbst ohne sich sehr viel Mühe zu geben, wären da bei gleichbleibender Geschichte eine Menge Möglichkeiten gewesen, die Geschichte ein bisschen bunter, ein bisschen vielfältiger zu machen.
Schade, setzen, glatte Fünf. Und ich verweise mal auf die Bücherliste die Ella zusammen gestellt hat – da gibt es wohl etwas mehr Abwechslung.

Ach ja: Das Poster: Es hat leider quasi überhaupt keinen Bezug zum Buch: Außer den einen, dass der schwer hormongeschwächte Benni die Welt im Moment so leer und traurig sieht. Wenn man sich ernsthaft vierzehnjährige Jungs anguckt, will man die Welt aber nicht so. Im Buch bleibt sie aber so und so ist das Poster das i-Tüpfelchen.
Machen wir eine Fünf Minus draus, immerhin ist’s ganz flott geschrieben.

Ach ja, nochwas: Liebe Lehrperson, die Sie das Poster an der Schule aufgehängt haben: Sagensemal – Gehts noch?


Ähnliche Artikel lesen?

Außerdem schrieb ich zum gleichen oder ähnlichen Themen auch noch …

Ich finde den Artikel super!

Das freut mich natürlich sehr.

Du kannst den Artikel weiter verbreiten
Du meinst, der Artikel könnte auch anderen gefallen? Dann findest Du etwas weiter oben auf dieser Seite, direkt rechts unten am Artikel ein paar Buttons. Damit kannst Du den Artikel per eMail, Twitter, facebook oder google+ weiter verteilen. Ich würde mich darüber freuen.

Mir ein Geschenk machen? Uiuiuiui.
Gefallen Dir meine Artikel immer wieder, schöder Mammon ist Dir aber zu doof? Dann mach mir doch eine Überraschung: Hier findet Du meine amazon-Wishlist mit ausgesuchten und garantiert Freude spendenden Präsenten zwischen fünf und zweitausenfünfhundert Euro – da ist bestimmt was passendes dabei.

Geld? Wow.
Ist Dir mein Artikel darüber hinaus sogar noch etwas wert, dann findest Du bei den Icons zum Verbreiten des Artikels einen flattr-Button. Jeder Euro, der darüber reinkommt geht direkt weiter an netzpolitik.org.

Wer? Was? Warum?

Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

19 Reaktionen

Auch kommentieren? Zum Formular

Am 10.04.2015 um 19:43 Uhr sagte Anke:

DANKE für diesen sehr reflektierten Beitrag, der ruhig und nachvollziehbar (leider) bestätigt, dass die Aufregung gerechtfertigt war.


Am 10.04.2015 um 20:16 Uhr sprach Dentaku:

Und was war jetzt auf dem zweiten Poster?


Am 11.04.2015 um 12:15 Uhr ergänzte Kiki:

Danke und danke.


Am 11.04.2015 um 12:38 Uhr antwortete Christian:

in meiner Ausgabe gibt es – ich habs genau gezählt – ein Poster, @dentaku.


Dein Kommentar:

Du möchtest auch so ein hübsches Bild am Kommentar haben? Die Bilder gibts bei gravatar.com
Die Bedingungen für das Buchen eines kommerziellen Kommentars findest Du hier.


Auch anderswo wird darüber gesprochen …

[…] um ein pubertäres Poster und einen ebenso wunderbar klischeehaften, belanglosen Jugendroman. „Die inneren Werte von Tanjas BH“ haben in den letzten Tagen für ordentlich Furor im Internet gesorgt. Ob das angebracht ist? […]
ampersand_5

RT @jawl: Für Euch gebloggt: Die inneren Werte von Tanjas BH
Ich habs gelesen. So bin ich zu Euch.
http://t.co/EEWTbXby7L

giardino

RT @jawl: Für Euch gebloggt: Die inneren Werte von Tanjas BH
Ich habs gelesen. So bin ich zu Euch.
http://t.co/EEWTbXby7L

Bei facebook gabs den „Daumen hoch” von: