Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Die Rückzug der Intelligenz ins Private

Wir wollten gerade einen Kaffee trinken. Uns in ein hübsches Cafe setzen, irgendetwas koffeinhaltiges – egal ob aufgeschäumt oder nicht – zu uns nehmen, ein bisschen in die Gegend gucken und wieder nach Hause fahren.

Auf dem Weg sprachen wir darüber, dass wir ja früher mehr Lametta draußen waren. Im Kino zum Beispiel.
Aber Kino ist ja unerträglich geworden. Nur Bunken unterwegs, vor dem Film wird man unskipable als Raubkopierer unter Generalverdacht gestellt, dann mit Nachtsichtgeräten bespannt und bei fehlender Bereitwilligkeit, sein Handys abzustellen des Raums verwiesen. Unerträglich.
Und man kann ja viel netter DVD gucken. Serien zum Beispiel. Und hoffentlich gibts es bald auch halbwegs aktuelle Filme bei iTunes. Oder einen Mac-Client für Maxdome. Oder ein VoD-Paket bei Unitymedia. Oder so.

Wir waren auch früher »mal durch die Stadt bummeln«. Läden gucken.
Aber Läden sind ja unerträglich gworden. Nur Bunken unterwegs, im Laden wummert Kirmestechno aus den Boxen und man steht mit 27 Justin-Bieber-Clonen in der Schlange vor der Umkleide und wird schräg angeguckt, wenn man älter als 21 ist. Unerträglich.
Und man kann ja viel netter von zu Hause aus im Internet bestellen. Inzwischen klappt das fast bei allen Shops mit den Retouren sehr gut und hoffentlich kann man auch baldhier in dieser Stadt Pakete direkt an der Haustür dem DHL-Mänchen in die Hand drücken und muss nicht mehr zur Post. Oder so.

Wenn wir zu Hause waren, dann haben wir früher gerne Fernsehen geguckt. Man konnte sich dann mit anderen Menschen über das Fernsehen unterhalten.
Aber Fernsehen ist ja unerträglich geworden. Nur noch lieblos quer durch alle Staffeln zusammengewürfelte Serien, Casting-Schrott und Unterschichten-Mist. Und wenn man sich an eine Serie gewöhnt hat wird sie kommentarlos abgesetzt und mittendrin schreit einen Jürgen an, man solle ihm in 3-2-1 Sekunden einen Männernamen mit »A« sagen. Unerträglich.
Da kann man doch viel netter noch mehr Serien auf DVD gucken und abwarten, ob nicht irgendwann Maxdome oder Unitymedia oder iTunes … siehe oben.

Und dann haben uns gefragt, was das mit unseren Städten macht. Wenn die Menschen mit genug Geld und genug Intelligenz alle nur noch zu Hause sitzen, was passiert dann?
Was passiert mit dem Fernsehprogramm, wenn nur noch Bunken fernsehen? Wird dann nur noch Bunkenscheiss gesendet?
Ups, das ist ja schon passiert.
Sterben dann unsere Innenstädte? Machen dann die Cafes und die guten Läden zu und es gibt nur noch KIK und Takko und Kirmes-Techno-Shops?
Ups. Das ist ja schon passiert.

Und dann waren wir da und stiegen aus und suchten ein Cafe und alle Cafes in der Stadt waren geschlossen an einem Sonntagmittag um zwei und Menschen waren auch nicht unterwegs.
Und als wir zum Auto zurückkamen, da begegnete uns ein Pärchen, die sahen so aus wie die, die sonst bei Britt klären lassen, wer jetzt der Vater von Chantalle ist und er sagte zu ihr: »Mussu aufpassen, Alda bei Arge. Sperren sofort Geld für drei Montae, isch schwör.«

Diese Geschichte hat keine echte Pointe, dafür ist sie zu wahr.

Eine Antwort zu “Die Rückzug der Intelligenz ins Private”

  1. rebhuhn sagt:

    wüärgs. also, ich war heute draußen. in der innenstadt. weil ein fußballspiel auf dem berg war, waren nur nette leute unterwegs *g .. [und schon renne ich weg, vor allen fußballfans dieser welt ;) :P]

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