Die Sehnsucht. Nach dem Landleben. Nach früher.

Aus der Kategorie »just people«

Schon zum zweiten mal in wenigen Wochen spült mir das Internet einen Artikel über das Leben auf dem Land unter die Augen. Petra erzählt auf »Nachbars Garten« davon, wie es war, in den 60ern ein Schlüsselkind gewesen zu sein.
Und auch der Sonderbayer hat einen Text über Freundshaft auf dem Dorf geschrieben, der mir irgendwo mit reichlich früher=besser-Tonfall serviert wurde.

Liebe Leute – und: liebe Petra, lieber Sonderbayer, Ihr seid natürlich und vollkommen ernsthaft ausgenommen, ich kenne Euch nicht und ich weiß weder wo und wie Ihr gelebt habt und wie Ihr es meint … Aber liebe andere Leute: Bedenkt bei Eurem Hachzen nach der vermeintlich einfachen Kindheit auf dem Dorf, bei Eurem kleinem Stich im Seelchen wenn Ihr Texte über echte Freundshaft lest, bei Eurem Nicken, wenn es um Bäume, Wälder Wiesen und Eisenbanhbrücken geht bitte eins:

So ein Leben auf dem Dorf ist nur hach, ist nur romantisch, ist nur echte, wahre Freundschaft, wenn Ihr nach den Regeln des Dorfes spielt. Ich verstehe, dass das Leben hektisch ist und auch ich habe manchmal, wenn ich amerkikanische Filme sehe ein tiefes Verlangen nach Bäumen, Vorgärten und weiß gestrichenen Veranden.
Aber die Regeln auf dem Dorf sind einfach. Aber unbarmherzig. Es gibt nur dabei oder dagegen, schwarz oder weiß; Toleranz oder Grautöne sucht man da vergebens.
In einem mir bekannten Dorf lauteten die Regeln: Wer neu ist, der ist doof. Wer nicht mit den anderen verwandt ist, wer keinen Fuball spielen mag, wer schon lesen kann oder Spaß an der Schule hat und dann auch noch gute Noten hat, wessen Eltern nicht in den Schützenverein eintreten mögen, wessen Vater nicht regelmäßig aus der Kneipe getragen werden muss, der ist doof.
Noch in der Zeit als ich dort wohnte hat man einem jungen Paar den Rohbau wieder abgerissen, weil er eine sie aus dem falschen Dorf geheiratet hatte.

Erwachsene sagen es mit einem Lächeln, wenn sie sagen, wie grausam Kinder sein können. Als Kind lächelt man nicht darüber, dass man im Bus Freiwild ist, dass man sich mit dem neuen Fahrrad nicht raustraut weil man weiß, es wird kaputtgetreten. Man lächelt nicht darüber, wenn man acht Jahre außerhalb der Schule mit keinem Gleichaltrigen spricht.

Ich weiß, ich klinge jetzt verbittert und übertrieben – lest einfach hier nach, wie das Leben im Dorf noch heute ist. Ach ja, eine Anmerkung noch zu dem dort in der taz beschriebenen Dorf: Dieses Dorf ist nicht das Dorf, auf dem ich aufwuchs. Das dort beschriebene Dorf ist die Stadt, zu der meine Dorf gehörte. Die Stadt, in die man fuhr, wenn man mal raus wollte.

Und deswegen – Ihr seht es mir sicher nach – gibt es keine Sternchen oder Herzchen unter diese Linktipps.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

11 Reaktionen

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Am 16.01.2013 um 22:42 Uhr schriebKiki:

Ich habe den Schlüsselkindereintrag auf quote.fm empfohlen, weil ich weniger die Kindheit auf dem Dorf als die Zeit spannend fand, in der das stattfand. Nur etwa zehn Jahre vor meiner Kindheit, die zwar nicht auf dem Dorf, aber in einer sehr kleinen Stadt (damals ca. 80.000 Einwohner) stattfand.

Aber was die dörfliche Einstellung betrifft, so ist die in der grossen Stadt hier kein bisschen anders, denn man lebt im Stadtteil. Und der ist mitunter verdammt dörflich. Und ja, es ist übel, jahrelang „die Neue“ zu sein, zugezogen. Die mit alleinerziehender Mutter. Die, die nicht segelt, die keine Freunde hat, die gemobbt werden darf, die Lehrer gucken weg, die Noten gehen in den Keller („Ihre Tochter ist im Schriftlichen gut oder sehr gut, aber sie meldet sich überhaupt nicht und macht im Unterricht nicht mit“). Die jahrelang zu keinem einzigen Geburtstag eingeladen wird; die, der man am Fahrrad die Bremszüge ansäbelt und sowieso jeden Tag die Luft aus dem Reifen lässt. Die, … ich höre lieber auf.

Dorf ist Einstellungssache, ist im Kopf. Überall.


Am 16.01.2013 um 22:57 Uhr meinte Anne:

Ich hab da schon mal drüber nach gedacht, als ich im Sommer durch den Essener Stadtgarten lief und da wirklich gefühlt halb Essen in kleinen Gruppen im Park saß und stand und gegrillt hat.

Da dachte ich irgendwie, klar, hier in der Stadt ist das alles etwas anonymer und manchmal kennt man die eigenen Nachbarn nicht, aber irgendwie ist es auch wieder sozialer, weil man sich dauernd mit fremden Leuten arrangieren muss und das dann auch tut und dann finde ich das irgendwie nett und romantisch.

Ich bin ja letztlich Stadtkind, auch wenn es bei uns in der Siedlung auch etwas dörflich zuging. Aber letztlich gab es einen Bus, der in einer Viertelstunde mitten in Mülheim war und das war dann schon Stadt mit all dem Positiven und Negativen, das man so in der Stadt hat.


Am 16.01.2013 um 22:58 Uhr sagte Christian:

Die Zeit ist interessant, der Beitrag ist total schön geschrieben. ich beobachte nur mit Erschrecken, wie sich menschen auf einmal in die Gemütlichkeit auf dem Land flüchten, das ist vielleicht auch eine gesellschaftliche, vielleicht eine politische Entscheidung, nicht mehr denken zu müssen.

Die große Stadt hat Busse. Kinos. Läden. Ein Café und noch ein Café. Eine Pommesbude, die es albern fände, Dich nicht zu bedienen.
Einen Verein und noch einen anderen, der den ersten nicht leiden kann.
Ein wirkliches Dorf hat von all dem nichts.

In einer 60000er Stadt lebe ich jetzt auch, hier gibts schwarz, rot, grün, gelb-blau das andere rot und orange. Hier gibts dörfliches Schwank-Theater und die, die den Telök einladen.
Das ist alles immer noch nicht Großstadt, aber es gibt ein paar Möglichkeiten.
Im Dorf gibt es höchstens eine, meist keine.

Als ich mit 16 meine erste Freundin einen Nachmittag zu Besuch hatte, da haben wir einen viertelstündigen Spaziergang durch zwei Straßen des Neubauviertels gemacht; wir haben niemanden getroffen. Am nächsten Morgen sprach mich im Bus jemand aus dem alten Dorfkern darauf an.

Erzählt mir bitte nix von ‚in der Kleinstadt/im Kiez/im … ist es auch nicht einfach‘, ich kann es toppen. Immer.


Am 17.01.2013 um 10:06 Uhr schriebDenis:

Ich kann wirklich jedes Detail im Text genauso bestätigen. Eine Ausnahme mache ich mal mit der Schule: Ich bin nicht gern zur Schule gegangen und war nur so mittelgut, aber gemocht haben sie mich trotzdem nicht.

Du kannst dem Dorf nicht entkommen. Als Kind schon gar nicht.


Am 21.01.2013 um 19:31 Uhr wusste Petra:

Lieber Christian,
Danke schön für die Emfehlung und Danke, dass ich so meine Blogliste mal wieder verlängern durfte.
Tatsächlich ist der Blogeintrag entstanden nach einer Diskussion auf GooglePlus. Und es wird ein paar weitere Teile geben. Nach etlichen Umzügen bin ich wegen der Kinder wieder auf einem Dorf hängen geblieben. Hier beschrieben: http://nachbarsgarten.blogspot.de/2012/11/der-rest-von-hamburg-die-metropolregion.html
Hast Du sicherlich auch schon gelesen über die Herzdamengeschichten.
Weggelassen habe ich, dass ich mit den meisten Leuten eigentlich kein Gesprächsthema mehr habe, nachdem die Kinder erwachsen sind. Aber ich bin da sowieso eher der Einzelgänger.


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[...] Inspiriert von Patschbella und dem jawl. [...]
[...] Sie sich noch an den Text vom Sonderbayern in der letzten Woche, über die Jugend auf dem Land? Hier eine Antwort von Christian Fischer. Seine Sichtweise des Dorflebens fällt etwas anders aus. Milde [...]
[...] entfalten. Das Kindheit auf dem Land auch ganz anderes empfunden werden kann erzählt der jawl drüben auf seinem [...]
jaegerstueble

RT @jawl: Frisch gebloggt: Die Sehnsucht. Nach dem Landleben. Nach früher und wie ich drauf scheiße. … http://t.co/Qr2mA8xQ

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