Dies ist das archivierte jawl.


jawl bedeutet „just another Weblog“ und war vom 6.4.2001 bis zum 4.1.2018 das Blog von Christian Fischer. Das Blog wird nicht mehr weiter geschrieben, bleibt aber als Archiv online. ’cause: Don’t change a running URL ;)

Die Welt wird kleiner

Gerade bin ich – und ein großer Dank geht dafür an meine hervorragenden Facebook-Freunde, die mir dererlei Dinge immer wieder in meine Aufmerksamkeit schubsen – auf einen wunderschönen Artikel von Frau Sibylle Berg gestoßen. Sie spricht irgendwie über Drogen, über den Kampf gegen die Drogen, aber irgendwie auch über uns alle und sagt zum Beispiel die wunderschönen Sätze:

Die Sehnsucht nach einfachen Strukturen und einer Unterteilbarkeit der Welt in Gut und Böse ist so niedlich, dass man selbst für militante Religiöse eine milde Liebe empfinden kann. Die sich allerdings schnell wieder in Wut wandelt, denn hinter jedem Beharren auf den Besitz einer allgemeingültigen Wahrheit lauert eine immense Blödheit.
Spiegel Online: Dein Joint ist mir egal. Von Sibylle Berg

So true.

Durch sie bin ich auf einen etwas längeren Text in der FAZ bestoßen, der sehr schlüssig erläutert, dass der einzige Weg, den Krieg gegen die Drogen zu gewinnen darin besteht, dass man ihn aufgibt und alle Drogen legalisiert und fett besteuert. Ja genau, surprise, surprise: Die konservative FAZ.

Und ich lese:

Eine Tonne Kokain zu produzieren kostet zurzeit um die 3000 Dollar. Eine Tonne Kokain, an den Endverbraucher gebracht, bringt, je nach Marktlage, dreißig bis fünfzig Millionen Dollar ein.
[…]
Wenn also die Nachrichten mal wieder melden, dass der Polizei ein schwerer Schlag gegen die Drogenmafia gelungen sei, zweihundert Kilo Kokain seien beschlagnahmt worden: Dann ist das einfach Quatsch.
[…]
Wenn zum Beispiel im Krieg gegen die Drogen tatsächlich mal ein Etappensieg errungen wird, wenn die Produktion gestört wird, die Nachschubwege blockiert sind, dann hat das, weil Süchtige nicht auf ihr Gift verzichten wollen, vor allem zwei Effekte: Der Preis steigt, die Gewinnspanne der Händler wird größer. Und die Verbrechensrate in Europa und Nordamerika steigt auch.
FAZ: Legalität als letzter Ausweg – Machen wir Frieden mit den Drogen

Wenn man so etwas liest, dann kann man doch nur den Kopf schütteln, das ist so ein Wahnsinn, das ist nicht fassbar. Und wenn dann schön aufgerollt wird, dass dieser Krieg gegen die Drogen seit 40 Jahren geführt wird, dass inzwischen die dritte Generation in den Armutsvierteln aufwächst, die vollkommen selbstverständlich in einer Drogen-bestimmten Welt lebt, dass irgendwo das Militär geputscht hat, weil der neue Präsident etwas gegen Drogen tun wollte – dann wird das nicht beser mit dem Kopfschütteln und mit dem nicht-fassen-können.
Aber, nachdem mir das Internet diese ganze Unsicherheit in mein Leben gespült hat, könnte ich mehr erfahren. Ich könnte jetzt suchen, ob ich zum Beispiel ein Blog finde. Vielleicht eins von einem Sozialarbeiter in Baltimore, Atlanta oder Oakland. Um mehr zu lesen, mehr zu erfahren, um dieses große, sorgsam formulierte Dings aus der FAZ in einen Zusammenhang zu ordnen; das ist wohl das, was wir gemeinhin »verstehen« nennen.

»Das Internet macht unsere Welt kleiner«, so haben sie immer gesagt. Und wir haben vielleicht an Globalisierung gedacht, oder daran, dass Omas und Opas im Allgäu dank Skype ihre Enkel in Flensburg heute viel besser aufwachsen sehen können. Vielleicht an das Bild vom Flieger im Hudson River oder an twitternde Astronauten.

Aber vielleicht ist das gar nicht wahr – vielleicht macht das Internet unsere Welt größer. Denn wo vor zweihundert Jahren die Welt an der Dorfgrenze aufhörte, wo sie vor hundert Jahren von den Rufen der Zeitungsjungen begrenzt wurde, wo wir vor zwanzig Jahren noch darauf angewiesen waren, dass die Macher der Tagesschau aus allem, was ihnen ihre Filter durchließen die richtigen 15 Minuten zusammenstellten – da können wir heute in jeden Winkel der Welt schauen. Und das ist wirklich groß.

Und dann merke ich, wie groß das ist, wie großartig. Und wie froh und dankbar ich bin, hier in diesem kleinen Winkelchen der Welt zu leben. In diesem Winkel, in dem die größte Entscheidung mit zehn darin bestand, sich das richtige Gymnsium auszusuchen und nicht die richtige Gang.
Und wie dankbar ich bin, dass ich das trotzdem alles mitbekommen und wissen und fühlen kann und dass Nachrichten aus aller Welt mehr geworden sind, als der wohlige Grusel um fünf nach acht, so wie früher die Frau mit dem Bart auf dem Rummel.
Dass ich nicht mehr denken muss, meine kleine Welt wäre das wahre Leben und der Löwenzahn, der in Nachbars Vorgarten ragt irgendwie wichtig.

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