Die Zeit, wo geht sie hin?

Aus der Kategorie »just people«

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Ratgeber die uns erzählen, wie man sein Leben besser führen kann soll boomen immer noch.

Damals, im Studium, das ich bekanntermaßen weder besonders energisch noch besonders erfolgreich geführt habe hatte ich trotzdem Stress. Immer etwas zu tun, oft auch mehr, als in die 24 Stunden Zeit so hinein passte. Das war aber auch wichtig, wollte man ernst genommen werden.

In jeder BrigitteGlamourMensHealthAmicaCosmopolitan findet sich ein Kapitel darüber, dass und wie man sich selbst mal so richtig was gutes tun soll. Wissen wir das nicht mehr? Offensichtlich nicht.

Und wenn ich mich umsehe, dann sehe ich Menschen, denen die Zeit davonläuft. Die tägliche und die Lebenszeit, die früher doch so viel länger schien. Die sich in ToDo-Listen und Getting Things Done – Ordnern verlieren.

Dann sehe ich eine Freundin und mich, die wir uns in einer lustigen 60 Stunden Woche ein gemeinsames Frühstück freischaufeln, in dem wir einfach alles auf das Wochenende legen (Und Gott der Herr sprach: „Am Sonntag auch mal den Rechner auslassen!“) und dabei immerhin so viel schlechtes Gewissen haben, dass wir das trotzdem thematisieren müssen.

Ich sehe 30-jährige mit Herzproblemen und welche, die ihren schlechten Gesundheitszustand mit drei weiteren festen Terminen die Woche ausgleichen: denen im Fitness-Studio.

Die Downer – welcher Art auch immer – jeden Abend gehören dazu – genauso wie der selbstversändliche „Ohne zwei Kaffee am Morgen“ bin ich gar kein Mensch – Spruch.

Und ein gemeinsames Abendessen mit vier Freunden muss sorgfältiger geplant und öfter verschoben werden, als das Meeting mit dem Bürgermeister. Jede Deadline ist wichtiger als eine Freundschaft, als ein Kinobesuch oder ein gutes Konzert. Wir nennen es Anspruch und sind auch noch stolz darauf.

Wenn meine Mutter mich fragt, wie es mir geht gibt es genau zwei Varianten, wie das weitere Gespräch abläuft:

  1. Sie: Na, was machst Du?
    Ich: Ja, ich arbeite gerade an …
    Sie: Achte aber auf Dich, dass Du nicht nur am Schreibtisch sitzt!
     
  2. Sie: Na, was machst Du?
    Ich: Ich gehe gerade eine halbe Stunde spazieren.
    Sie: Hast Du nichts zu tun? Läuft Dein Geschäft nicht?

Nein, eigentlich ist das nicht lustig. Eigentlich zeigt das genau das Dilemma auf, in dem wir alle leben.
Denn ich kann es ja offensichtlich gar nicht richtig machen. Kann aber kaum einer. Wie beruhigend.

Irgendwo, in einer kleinen Ecke unserers Kopfes wissen wir alle sehr wohl, worauf es ankommt. In der gleichen Ecke, in der die Neujahrsvorsätze gebunkert werden und in der sich die „Rauchen fügt Ihnen und den Menschen in ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu„-Aufkleber und die verkaterten Vormittage sammeln.

Wir haben nur genau dort einen jahrelang trainierten blinden Fleck. Haben gelernt, dass wir komisch angeschaut werden, wenn wir erzählen, dass wir eine gute Zeit hatte, dass wir den ganzen Nachmittag ein gutes Buch gelesen und in den Himmel geguckt haben. Ist es nicht eigentlich der Neid, der diese Blicke macht? Ich fürchte es.

Die Gesellschaft hat sich daran gewöhnt. Personalchefs erklären selbstverständlich, dass unbezahlte Überstunden verlangt werden, man muß flexibel und willig sein. Wer sich Zeit für sich nimmt muß gleich den extremen Weg gehen, muß am besten alles verweigern und sich nachmittags bei Britt beschimpfen lassen. Der gesunde Mittelweg ist verloren gegangen.

Ganz schön bekloppt.
Ich geh jetzt in den Wald. Ich will keine 30-jährigen mit Herzproblemen mehr sehen.
Zumindest nicht im Spiegel.

Brich das Eis,
mit dem Schritt,
Der jedes Atmen zum Wagnis macht.
Halt mich fest,
mit Gefühl.
Es ist so schön wenn du lachst.

(Mia: Tanz der Moleküle)


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

3 Reaktionen

Am 21.10.2006 um 13:04 Uhr ergänzte Observer:

Sehr schön geschrieben!


Am 21.10.2006 um 13:26 Uhr ergänzte Tobias K.:

„Der Christian Fischer hat einen sehr lesenswerten Artikel dazu verfasst, wie wir mit unserer Zeit umgehen und umgehen sollten.
Die Pia beschreibt in ihrem Artikel genau die Gefühle, die ich auch so gut kenne.
Und ich habe da meinen eigenen sehr speziellen Weg gefunden, auf viel zu vielen Baustellen durchs Leben zu stolpern […]“


Am 24.10.2006 um 10:37 Uhr kommentierte serotonic:

Hach, Christian, ich danke dir. Das ist so ein wundervoller Artikel, dass ich ihn gleich mehrfach lesen musste. Weil er mir so aus dem nuschelnden Herzen spricht. Weil es so fantastisch geschrieben ist.
Ich glaube, ich mache gleich mal etwas ganz merkwürdiges: Den druck ich mir aus. Und pack ihn in meine Handtasche. Als Talisman, Erinnerungs- und Mahnmal in einem.


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