Digital Gap: Der Aufwand ist zu hoch.

Aus der Kategorie »just people«

Johnny hat sich bei Spreeblick Gedanken darüber gemacht, ob der Schritt in die digitale Welt etwas mit Glauben zu tun hat, mit dem Glauben an das Digitale, an die Vorteile oder aber eben auch dem Glauben, das alles wäre nicht gut für uns (Stark vereinfacht, geht einfach rüber und lest selbst).
Das regt mich natürlich auch mal wieder zum Denken an.

Am Anfang schufen die Militärs das Arpa-Net. Dann schuf der Lee den Webserver und das Html und es war gut.
Es war gut? Denkste. Es war Nerdkram. Um die ersten Websites zu erstellen, musste man mindestens Konstrukte wie

<html><head><title>Hallo Welt</title></head<body><p>Hallo Welt</p></body></html>
lernen, um eine simples „Hallo Welt“ in schwarzer Times New Roman auf einen dreckig-grauen Hintergrund zu zaubern. Nerdkram eben.
Klar, alle, die schon einmal programmiert haben erkennen die Logik. Alle echten Programmierer wissen, dass man viel mehr Anstrengung für so eine simple erste Ausgabe betreiben kann, wenn man sich nur die richtige Programmiersprache aussucht. Und wir alle wissen, dass Html eh keine Programmier-, sondern eine Auszeichnungssprache ist.
Was aber bleibt: Es ist viel zu kompliziert für den Normaluser.
(Von dem Abenteuer, Anfang der 90er auf einem Windows 3.1-PC eine DFÜ-Verbindung einzurichten, wollen wir mal gar nicht reden.)

Jetzt höre ich schon die Einwände, das alles sei aber doch viel benutzerfreundlicher geworden. Und es müsse ja niemand Websites erstellen. Und für die, die das wollten gäbe es ja Blog-Software, die mit dem berühmten „One-Click-Publishing“ von Blogger überhaupt diese ganze Mitmach-Web-Welle erst ins Rollen gebracht hätte.

Ja. Schon. Aber wir sind ja nicht bei den Möglichkeiten von damals stehen geblieben.

Nehmen wir ein schönes Beispiel. Eine mir nahestehende Person hat seit neustem ein iPad im Besitz. Jenes Gerät also, das mit seiner Einfachheit, Bedienerfreundlichkeit und auch seiner Schönheit alle jubeln lässt.

Die Person wollte jetzt gerne die Dinge, die sie im Web so liest auch „in schön“ auf dem iPad lesen.
Versuch eins: Im App-Store nach Apps suchen.
Enttäuschung eins: Die gängigen Zeitungen/Zeitschriften hatten eher selten eine eigene App.
Enttäuschung eins Punkt eins: Manchmal gab es iPhone-Apps die man dann hochskalieren konnte. Schönheit ade.

An dieser Stelle ließ ich das Wort „RSS-Reader“ fallen.
Nein, ein RSS-Reader sollte es nicht sein. Die Anzeige ungelesener Artikel mache Druck – ein Argument das ich vollkommen nachvollziehen kann. Und schön sei das ja nun auch nicht; ok, die Schönheit des Reeders erschließt sich vielleicht auch nicht jedem.

Ich dachte kurz nach und ließ das Wort „Flipboard“ fallen.
Uneingeschränkte Begeisterung.

Jetzt ist die uns allen bekannte Person durch das Zusammenleben mit mir ja auch schon etwas nerdifizieret, daher besitzt sie einen Evernote-Account, in dem sie bzw. wir Rezepte sammeln. Aus dem Browser heraus kann man prima Notizen in Richtung Evernote schieben: Man klickt das Bookmarklet an (von dem sie wahrnimmt, dass es ein „Button“ ist) und voila.
Ist der Unterschied zwischen einen „Bookmarklet“ und einen „Button“ wichtig? Wir werden sehen.

„Wo ist denn hier der Evernote-Button?“, fragte sie also, als sie beim flipboarden von Ankes Blog auf das erste merkenswerte Rezept stieß.
„Äh, das ist ein Button, das ist kein Bookmarklet …“ – „Ein was?“ – „… und das gibts in Flipboard nicht.“ – „Wie doof“
*Überleg*
„Du kannst jetzt auf ‚Im Safari öffnen‘ klicken, dann da den Artikel und den URL markieren/kopieren und jeweils per Doppelklick auf den Homebutton in die Multitaskingleiste des iPad wechseln und so zwischen des Tasks hin- und herschalten und den Artikel als Notiz in Evernote einfü…“ Ihr könnt Euch vorstellen, wie sie – zu Recht! – guckte.

Ich dachte also weiter nach und kam auf die Lösung: IFTTT kann starred items aus dem GoogleReader erkennen und kann ebenso in Evernote Notizen einfügen. Und in Flipboard kann man Artikel mit Sternchen versehen – ich hatte also eine Ein-Klick-Lösung im Kopf. Eine Lösung die nur noch eingerichtet werden musste.
Zum Glück konnte ich sie dann überzeugen, dass die Lösung im Anlegen zwar recht umständlich wirke, aber in der Benutzung hinterher super simpel sein würde.

Aber: Wer kommt denn schon darauf? Wir alle (unterstelle ich mal) lieben an diesem Web die Verzahnung. Die Möglichkeit eben schnell und bequem etwas hier gelesenes hier zu teilen, dort zu merken, nach irgendwo zu schicken. Weil das eben alle tun entstehen erst die wunderbaren facebook-Timelines, die tollen twitter-Streams, die interessanten Links des Tages-Blogpostings, die unsere Welt so viel größer und gleichzeitig fassbarer gemacht haben.
Erst durch das Teilen und Verteilen entsteht der Mehrwert.
Wie aber soll ich einem Offliner das alles erklären, wenn es so kompliziert ist?

Es ist zwar jetzt nicht mehr kompliziert ins Web zu kommen – unsere Geräte sind ja meist schon online, bevor wir es wissen – aber kurz danach wird es dann doch wieder kompliziert. Das, was wir als Nutzen aus dem Social Web ziehen, das lässt sich seltenst mit zwei drei Mausklicks machen. Man mus es mindestens einrichten, gerne braucht man auch noch das Wissen um die richtigen Wege und Möglichkeiten. Warum schreiben Menschen denn lange Blogartikel darüber, wie sie mittels solcher Dienste wie IFTTT oder Pinboard Informationen von hier nach da weiter geben, ohne dabei Stunden zu brauchen? Eben, weil es nicht so einfach ist.
(Und habt Ihr mal darüber nachgedacht, wie gerade diese beiden Seiten auf Offliner wirken? Nicht bunt, nicht voll, also gar nicht so, wie sie das alles kennen. Und unbekanntes erzeugt gerne erst einmal Misstrauen.)

Hohe Hürden also, auch wenn alles angeblich so einfach geworden ist. Sie haben sich nur verschoben.


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4 Reaktionen

Am 23.01.2012 um 10:52 Uhr meinte Dentaku:

Wahrscheinlich ist das auch eine vorrückende Grenze. Immer sind gerade Dinge einfach geworden, die vor ein paar Jahren (achwas, vor ein paar Monaten) noch uns Bastlern vorbehalten waren, während andere Dinge sich knapp auf der anderen Seite befinden.
Automatisches Linksharing mit einem Klick ist gerade auf der Grenze: erklärbar in einem langen Blogpost, aber man muss schon nichts mehr selbst programmieren. Guck einfach nächstes Jahr nochmal nach.

(Ja, das klingt absichtlich so fortschrittsgläubig. Dies hier ist die Zukunft.)


Am 23.01.2012 um 10:56 Uhr meinte Christian:

full ack :)


Am 23.01.2012 um 14:20 Uhr ergänzte Kiki:

Danke! Darf ich den Eintrag heute schon als „Blogartikel des Monats Januar“ einreichen?

Was mich ja gruselt ist, wie schnell man vergisst wie das „früher” alles ging. Und wie sehr die Abstände zwischen jetzt und diesem „früher“ schrumpfen.


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[...] Digital Gap: Der Aufwand ist zu hoch. | JAWL „Wo ist denn hier der Evernote-Button?”, fragte sie also, als sie beim flipboarden von Ankes Blog auf das erste merkenswerte Rezept stieß. „Äh, das ist ein Button, das ist kein Bookmarklet …” – „Ein was?” – „… und das gibts in Flipboard nicht.” – „Wie doof” *Überleg* Veröffentlicht am: 23. Jan. 2012 Archiviert unter: Blog Tags: gebookmarked kommentieren Name: (wird benötigt) [...]