Drei Akkorde für den Rock’n’Roll

Aus der Kategorie »just people«

Wir wohnen ja hier in einer richtig netten Wohngebietsidylle. Kein auf dem Reissbrett entstandenes Viertel im Einheitslook, sondern schön gewachsen und anständig bewohnt. (Und von unseren direkten Nachbarn, intern gerne »die Blockwarts« genannt, erzähl‘ ich ein anderes mal, ok?)

Als wir – ich glaube – den zweiten Sommer hier wohnten hatte die Tochter eines anderen Nachbarn Geburtstag. 17, wenn ich mich recht erinnere. Es war heißester Hochsommer, alle Fenster standen auf und waren mit nassen Laken verhängt, nur wenige Vögel trauten sich vorsichtig zwitschernd aus dem Schatten, nur ein paar Bienchen summten.
Es war heiß und friedlich.
Ein perfekter Hochsommertag.

Dann hörte ich direkt hinter meiner Stirn das mir aus aktiven Musiker-Zeiten sehr vertraute Geräusch einer Snaredrum, die über eine 1500-Watt-Anlage verstärkt zwecks Soundcheck in die Umgebung geknallt wird. Und nochmal. Und nochmal, mit etwas mehr Hall. Und nochmal mit etwas mehr Tiefmitten. Und nochmal mit einem gaaanzkleinwenig weniger Hall … Und so weiter.
Dann einen Bass-Check, dann eine Gitarren-Check. Ich hätte gerne jemanden getötet, wenn ich nur wieder auf die Beine gekommen wäre.

Joschka war derweil als schwarzer Blitz an mir vorbei unter die Badewanne geflüchtet, die Spuren kann man heute noch sehen.

Dann hörte ich den vetrauten Satz »Spielt doch mal ein ganzes Stück«.

Was ich in deutlich mehr als Zimmerlautstärke hörte war:

Nur ohne Gesang. Was das Stück nicht unbedingt interessanter macht.

Eine vorsichtige Recherche durch die eilig heruntergelassenen Rolladen ergab folgendes Bild: Im Nachbargarten saßen drei gibbelnde 17-jährige Mädchen und ein paar Jungs wuselten geschäftig um ihre Instrumente herum. Wir vermuteten, dass sie zu Ehren der Geburtstagsfeier ihre Instrumente und ihre recht beeindruckende P.A. den Berg hochgekarrt hatten, damit einer von ihnen später die Nachbarstochter flachlegen durfte.
Was ja ein sehr legitimer Plan war, deswegen fängt man ja schließlich an mit der Musik.

Was unsere Recherche nicht ergab, was aber der weitere Nachmittag dann zeigte: Die Jungs konnten bislang exakt ein Lied. Seven nation army nämlich. Nur eben ohne Gesang.
Machte ihnen aber wenig, sie haben das dann trotzdem gezählte dreiundzwanzig mal gespielt. Immer die vollen drei Minuten neunundfünfzig. Ohne Gesang.

Ihr versteht betimmt, dass ich schon vor dem Fußballstadion-Gegröhle, was sich bald darauf ins Massenbewustsein eingrub den White Stripes erst einmal eher kritisch gegenüber stand.

Ich habe sie trotzdem später noch schätzen gelernt und bin traurig:

The White Stripes would like to announce that today, February 2nd, 2011, their band has officially ended and will make no further new recordings or perform live.
www.whitestripes.com

Drehen wir also zum Abschied die Boxen noch mal auf.


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1 Reaktion

Am 03.02.2011 um 16:08 Uhr sagte Kiki:

Wunderbar! :-)


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