ein Demokratiestöckchen.

Aus der Kategorie »just politics«

Isabella Donnerhall hat ein Demokratiestöckchen rumliegen lassen und da möchte ich doch glatt mal wieder was schreiben.

Was bedeutet der Begriff Demokratie für dich – unabhängig von seiner Definition?
In der Schule habe ich im einem ausnehmend guten Philosophieunterricht viel über verschiedene Gesellschaftsmodelle gelernt und ein Eckchen meines Herzchens möchte eigentlich, dass ich ein Anarchist bin (bakuninsche Schule und nein, das bedeutet nicht, dass es keine Regeln gibt).
Aber der Rest des Herzens und der Kopf dazu sind reinrassige Demokraten und unfassbar froh darüber.
Und wenn ich intensiv darüber nachdenke, wenn ich in diese Gedanken mit einbeziehe, was ich nachts so in den History-Dokus über die langen Wege zur Demokratie lerne, dann kann ich tatsächlich fühlen, was für einen Wert wir mit dieser Demokratie an der Hand haben. Das ist etwas richtig großes.

Gleichzeitig habe ich – auch durch etwas mehr Einblick – eine große Skepsis über den heutigen Zustand unserer Parteiendemokratie. „Zu viele Scheiß Bands, zu viel Hype“, wenn Ihr versteht, was ich meine.

In welcher Form bzw. unter welchen Umständen könntest du dir vorstellen dich außerhalb der Stimmabgabe politisch zu engagieren? Anders gefragt – was hält dich ab?
Ich bn Mitglied einer Partei und ich habe bereits hinter mir: Lokale Gruppe in der Asylarbeit; Deutschunterricht im Asylbewerberheim; Bürgerbegehren gegen eine Entscheidung des Rats dieser meiner kleinen Stadt; Mitglied eines Ausschusses in dieser kleinen Stadt; Mitarbeit in einer Ratsfraktion (nein, nicht Ratsmitglied); Mitglied einer Landesarbeitsgemeinschaft zum Thema Medien- und Netzpolitik.
Alles zusammen gute zwölf Jahre mit immer wieder neuen Anläufen, irgendwo dort eine Form der Mitarbeit zu finden, die ich aushalten konnte.

Um zu beschreiben, was mich abhält möchte ich eine kleine Anekdote erzählen, die damals auf dem ersten Politcamp geschah. Ich war dort mit einem Freund, damals Fraktionssprecher „meiner“ Partei hier im Ort und einer Freundin, wohnhaft woanders, nicht parteipolitisch gebunden, aber mit sehr viel Elan und Bock, etwas zu tun. Je jetzter, je größer, desto besser. Sie fragte ihn, wie sie denn bei sich im Ort denn am besten mal irgendwie was bewegen könne. Und er begann zu erklären: Am besten Du gehst mal zu den offenen Veranstaltungen der Parteien, die Dir nah sein könnten – die müssten da was anbieten; steht meist in der Zeitung. Wenn Du eine gefunden hast, dann geh vielleicht mal zur Mitgliederversammlung, vielleicht gibts da Arbeitsgruppen; manche Fraktionen haben auch offene Fraktionssitzungen. Auf Dauer kann man dann da auch mal kleine Aufgaben bei Aktionen übernehmen und sich, wenn das alles passt auch mal für irgendeinen Posten aufstellen lassen. Auch für einen Platz auf der Liste für die Ratsfraktion kann man sich aufstellen lassen, wenn alles passt und …
Ich erzähle nicht weiter, denn zu diesem Zeitpunkt war ihr Gesicht bereits zu Boden gefallen und ihr Hirn war im StandBy.

Und mir gehts ähnlich. Eine Fraktion in der Größe wie die in unserer Stadt arbeitet quasi nur reaktiv, wirklich etwas gestalten kann man quasi nicht. Außerdem ist auch so eine Partei sowas wie ein Verein und damit sind dann dort Menschen, die mit Vereinsmeierei etwas anfangen können. Es gibt Postenschieberei, wer sitzt, der bleibt und wer Hausfrau oder Lehrer ist, ist klar im Vorteil, weil: Zeit frisst das ganze auch noch. Ist man dann nicht Mitglied der zufällig gerade „regierenden“ Partei macht man auch mal Jahrelang nur Pressearbeit.

Ich bin dafür nicht geschaffen.

Kannst du dir vorstellen freiwillig in einer anderen Regierungsform als der Demokratie zu leben? Falls ja, in welcher?
Sprach ich schon über das theoretische Konstrukt einer Anarchie bakuninscher Prägung? Nein.

Hast du schon einmal „aus Protest“ gewählt? Wenn nein, kannst du es dir vorstellen? Oder wäre Nichtwählen deine Form des Protests?

Nein. Nein. Nein.

Ich beherrsche nicht einmal das gerade für kleinere Parteien oft nötige taktische Wählen (Erst- und Zweitstimme verteilen), weil ich wählen möchte, was ich wählen möchte.
Und nicht zu wählen ist nicht Protest, sondern Ignoranz und Geringschätzung dieser großartigen Gesellschaftsform, die uns unsere Gründerväter ins Grundgesetz geschrieben haben.

Zusammenarbeit und Kommunikation mit dem politischen Gegner – unter allen Umständen? Gibt es eine Alternative zur Diplomatie?
Das Wort „politischer Gegner“ und die Frage überhaupt berühren ein weiteres Problem, das ich mit der Mitarbeit habe: Ich bin gewohnt, rational und logisch zu denken und zu argumentieren. Gleichzeitig weiß ich, dass es immer eine Meinung oder Sichtweise mehr gibt, als man es sich in seinen kühnsten Träumen vorstellen mag.
Wenn man dann noch mit jemandem nicht spricht, weil er oder sie „politischer Gegner“ ist, dann verzweifle ich. Und wenn man nicht sachbezogen sprechen kann, weil ein politischer gegner im Raum ist, dann auch.

Es ist kompliziert.


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[…] Jawl hat sich das auch mal näher […]
[…] Fischer etwa geht es in Teilen so wie mir. Demokratie kann wirklich sehr zeitraubend, anstrengend und […]