Eine starke Gemeinschaft

Aus der Kategorie »just people«

Kennt Ihr die aktuelle Fernsehwerbung der WWK? Wo die Klasse eine Karikatur der Lehrerin an die Tafel gemalt hat und auf die Frage „Wer war das?“ alle nacheinander aufstehen, weil so keiner bestraft werden kann?

Alles Lüge.

In der elften Klasse habe ich auf die harte Tour gelernt, dass nie! nie! niemals eine Klasse oder ein Kurs komplett das Gemeinschaftsinteresse vor den Eigennutz stellen wird. Nie.

Wir hatten eine Physik-Kurs, den wir wochenlang immer wieder nur laut lachend verließen, weil wir in der Doppelstunde vorher wieder absolut nichts verstanden hatten. Der neue Lehrer, den wir seit den Sommerferien hatten konnte einfach nicht erklären. Gar nicht.

Das ganze war natürlich nur lustig, bis die erste Klausur vor der Tür stand.
Ich stellte am Nachmittag vorher endgültig fest, dass mir weder Formeln noch irgendetwas anderes auch nur im Entferntesten etwas sagten und gab auf. Man muß auch mal die Eier haben, Null Punkte zu schreiben.

Morgens unterhielten wir uns und zuerst stellten wir im engereren Freundeskreis fest, dass es uns allen gleich gegangen war. Und einem Silberstreifen gleich erschien eine Idee am Horizont – und die ging so:

  • Wenn wir alle in unser Klausurheft statt der Lösung der Aufgaben einen Brief schreiben würden, dann würden wir alle Null Punkte bekommen, klar. In dem „Brief“ sollte stehen, dass wir uns nicht genügend vorbereitet gefühlt hätten.
  • Wenn wir alle Null Punkte bekommen würden, dann müsste die Klausur von der Schulleitung abgezeichnet werden. Dann würde die unsere Briefe lesen.
  • Und da rechneten wir uns dann eine gute Chance aus, dass erstens die Klausur nicht gewertet und zweitens nachgeschrieben werden müsste. Mit besserer Vorbereitung.

Der Kenner bemerkt schon den Haken: Alle, also der gesamte Kurs, nicht nur wir 5 langhaarigen Outsider mussten mitziehen.

Wir marschierten also zu den anderen. Erstmal nachfragen, wie die Klausurvorbereitungen gelaufen waren. Schlecht, sehr schlecht sogar – das fanden wir prima.
Wir rückten mit unserem Plan heraus.

Und tatsächlich – sogar die ängstlichsten Punktesammler verstanden, dass der Plan funktionierte, wenn sie mitmachten und erklärten sich bereit, keine Formeln, sondern einen freundlichen Brief an Lehrer und Schulleitung im Heft zu hinterlassen:

Leider habe ich mich auf Grund mangelnder Vorbereitung im Unterricht nicht in der Lage gesehen, die Klausur zu schreiben und gebe deswegen mein Heft leer ab.

Und dann wollten wir die erarbeiteten Freistunden zusammen abfeiern.

Es fühlte sich großartig an. Wir hielten zusammen, wir hatten zusammen Stärke gegen die Schule entwickelt, es war toll. Adrenalin pur. Außerdem hatte ich mir Null Punkte gespart, das war ja auch nicht schlecht.

Wir verteilten uns im Raum. Wir packten Etuis und Klausurhefte aus. Wir bekamen die Aufgabenzettel – ein kurzer Blick bewies mir, dass der Plan immer noch richtig war.
Ich sah mich siegesgewiss im Raum um – und sah 10 Hinterköpfe. Und noch 4 Augenpaare, die ebenfalls verwirrt suchend im Raum umherblickten. Jedenfalls bis von vorne eine Ermahnung kam, wir sollten bitte mit unseren Blicken bei uns bleiben.

Ich war zwar verwirrt, schrieb aber los. Den vereinbarten Text. Klappte mein Heft zu, und stand auf. Verwirrt kam der Lehrer angelaufen, ich könne doch nicht jetzt… „Ja genau, und weil ich nicht kann, gehe ich jetzt“ konterte ich.

Er nötigte mich, mir doch wenigstens hier noch diese Teilaufgabe anzusehen und musste zum nächsten flitzen, der gehen wollte. Auch da erzwang er noch eine kurze Beschäftigung, aber nach 20 Minuten standen wir zu viert vor dem Schultor.
Sehr hin- und hergerissen zwischen dem Herzklopfen über unseren Mut, über den Bammel, dass der Plan aber jetzt für die Tonne und die Null Punkte sicher waren und voller Wut auf die anderen, die beim Rausgehen unseren Blicken ausgewichen waren.

Aber fürs Leben hatten wir was gelernt.

(Wen es interessiert: Auch die, die es versucht hatten mussten abbrechen und kamen nicht über eine solide Vier minus. Und die Streber-Sau die verzweifelt als einziger bis zum Ende der Zeit geblieben war hatte die fünftschlechteste Arbeit. Wenn sie denn gewertet worden wäre. Wurde sie nicht, der Lehrer stellte den Unterricht um und wir lernten was. Die Nachschreibklausur schrieb ich mit 13 Punkten)

Ach und ich glaube nächste Woche erzähle ich Euch, wie der Herr Nachbar und ich unter dem Tisch mit den Hosen in den Kniekehlen (Nein, nicht so wie Ihr jetzt denkt) im selben Physikraum über die Entstehung des Universums philosophierten. Herr Nachbar, das ist doch inzwischen verjährt, oder?


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

8 Reaktionen

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Am 29.04.2008 um 21:30 Uhr schriebPia:

.

damals©. hach.


Am 29.04.2008 um 23:08 Uhr wusste Sonnenanne:

hm.. zumindest der positive Zusammenhalt kann klappen. Bei der Zeugnisvergabe meines Bruders stand doch glatt der gesamte Jahrgang (ca. 90 Schülerchens) unabgesprochen und aus Mögensbekundungsgefühlen heraus auf, als er sein Ding bekam (’n ziemlich gutes Ding). Aber wenns ans Eingemachte geht: nö, niemals nie.


Am 30.04.2008 um 7:21 Uhr sagte Christian:

Ja klar, alle mal aufstehen und sich im Schein von denen sonnen, die gut sind – kein Problem. Aber ich sagte ja, dass
: niemals eine Klasse oder ein Kurs komplett
: das Gemeinschaftsinteresse vor den Eigennutz
: stellen wird

Traurig, aber ich habs noch nie anders erlebt.


Am 30.04.2008 um 14:10 Uhr antwortete TheMM:

tjaja, im rückblick finde ich uns ganz niedlich. worum ging es eigentlich? das ganze war ein riesengrosses experimentierfeld für soziales verhalten. manche haben was gelernt, manche eben nicht. der unterrichtsstoff war im nachhinein betrachtet doch eher sekundär. eher unfreiwillig hat mir diese schule sozialkompetenz, eigenverantwortung und „arsch in der hose“ beigebracht, und die kann man auch im „echten leben“â„¢ ziemlich gut gebrauchen.
und zum thema „arsch in der hose“ freue ich mich schon auf nächste woche und die geschichte den getauschten hosen. ich glaube ich hatte noch nie eine so enge jeans an wie deine…


Am 01.05.2008 um 14:48 Uhr meinte paleica:

wow, das find ich wirklich toll dass das funktioniert hat. ich hatte solche aktionen auch das ein oder andere mal geplant, aber es war nie möglich dass alle mitgezogen hätten. fand ich selbst immer desillusionierend…
beste grüße, paleica


Am 01.05.2008 um 16:51 Uhr meinte Christian:

@TheMM:
Ja rückblickend ist das einerseits niedlich, klar – so im großen ganzen betrachtet ging es um so wenig.
Aber das war ja einigen nicht so klar, die mussten ja ihre Punkte ins Trockene bekommen.
Und @unfreiwillig soziales Verhalten beigebracht bekommen: d’accord. Aber sowas von…

@paleica: Hast Du den Text gelesen? Es hat NICHT geklappt..?


Am 01.05.2008 um 17:44 Uhr meinte TheMM:

@paleica: aber SOWAS von NICHT geklappt!


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Auch anderswo wird darüber gesprochen …

.damals©. hach.
hm.. zumindest der positive Zusammenhalt kann klappen. Bei der Zeugnisvergabe meines Bruders stand doch glatt der gesamte Jahrgang (ca. 90 Schülerchens) unabgesprochen und aus Mögensbekundungsgefühlen heraus auf, als er sein Ding bekam ('n ziemlich gutes Ding). Aber wenns ans Eingemachte geht: nö, niemals nie.
Ja klar, alle mal aufstehen und sich im Schein von denen sonnen, die gut sind - kein Problem. Aber ich sagte ja, dass : niemals eine Klasse oder ein Kurs komplett : das Gemeinschaftsinteresse vor den Eigennutz : stellen wirdTraurig, aber ich habs noch nie anders erlebt.
tjaja, im rückblick finde ich uns ganz niedlich. worum ging es eigentlich? das ganze war ein riesengrosses experimentierfeld für soziales verhalten. manche haben was gelernt, manche eben nicht. der unterrichtsstoff war im nachhinein betrachtet doch eher sekundär. eher unfreiwillig hat mir diese schule sozialkompetenz, eigenverantwortung und "arsch in der hose" beigebracht, und die kann man auch im "echten leben"â„¢ ziemlich gut gebrauchen.und zum thema "arsch in der hose" freue ich mich schon auf nächste woche und die geschichte den getauschten hosen. ich glaube ich hatte noch nie eine so enge jeans an wie deine...
wow, das find ich wirklich toll dass das funktioniert hat. ich hatte solche aktionen auch das ein oder andere mal geplant, aber es war nie möglich dass alle mitgezogen hätten. fand ich selbst immer desillusionierend...beste grüße, paleica
@TheMM:Ja rückblickend ist das einerseits niedlich, klar - so im großen ganzen betrachtet ging es um so wenig.Aber das war ja einigen nicht so klar, die mussten ja ihre Punkte ins Trockene bekommen.Und @unfreiwillig soziales Verhalten beigebracht bekommen: d'accord. Aber sowas von...@paleica: Hast Du den Text gelesen? Es hat NICHT geklappt..?
@paleica: aber SOWAS von NICHT geklappt!