Embrace

Aus der Kategorie »just movies«

Gestern Abend waren wir im Kino.

Und obwohl ich offensichtlich in einer ganz ok-en Filterbubble unterwegs bin und für mich weder die Fakten noch die getätigten Aussagen neu waren: Das war schon ein intensiver Film. Eineinhalb Stunden noch einmal die gesamte Macht vorgeführt zu bekommen, mit der Euch Frauen ein Idealbild vorgegaukelt wird, das nicht erreichbar ist – das war schwere Kost. Und auch: Mit der uns Männern dieses Idealbild vorgegaukelt wird. Eines, das dann den dummen unter uns ihrer eigenen Meinung nach den Freibrief dafür gibt, Frauen nach Aussehen und Gewicht zu beurteilen. Egal ob abschätzig auf der Straße oder bei der Auswahl von Jobs bis hin zu Filmrolle oder Magazincover.

Ein kurzer Rückblick darein, wie ich aufgewachsen bin: Männer waren eben dick. Das war zwar jeweils bei dem einen gesellschaftlichen Event des Jahres – wenn der Anzug vom Vorjahr nicht mehr passte – mal Thema aber sonst voll egal. Männer mit Bauch und nacktem Oberkörper, die im Garten gruben waren ein absolut normaler Anblick.
Und als die Mens Health auf den Markt kam und mir damit das erste Mal an der Supermarktkasse die Notwendigkeit eines Waschbrettbauchs dargelegt wurde war ich Mitte zwanzig und hatte vor allem die gefährlich beeinflussbaren Pubertätsjahre hinter mir.
Trotzdem gab und gibt es Zeiten, in denen ich mein Aussehen und vor allem meinen Bauch hasse.

Und ich weiss, wie sehr im Vorteil ich da im Vergleich zu vielen, vielen, vielen Mädchen und Frauen bin, die über die Formulierung „es gab Zeiten“ nur höhnisch lachen können, weil diese Gedanken bei ihnen der Alltag sind. Und das ist unendlich traurig. Der Versuch, mir vorzustellen, dass meine schlchten Tage Alltag sein könnten ist traurig und macht mich wütend.

Im Film fiel der Satz: Oft benötigen Menschen eine der vier großen Krisen (Krankheit, Kündigung, Trennung, Tod eines nahen Menschen), um zu bemerken, dass es andere Werte im Leben gibt, als die bisher von außen übernommenen äußerlichen. Und der Film soll diese Erkenntnis ermöglichen, ohne dafür eine dieser Krisen zu benötigen. Und deswegen ist das ein guter Film.

Schaut ihn Euch an, wenn ihr ihm begegnet. Kauft oder streamt ihn bei der Plattform Eurer Wahl, wenn er da ankommt. Kommt heute Abend in den Facebook-Live-Chat.

Und dann noch ein persönlicher kleiner Tipp fürs sich-selbst-mögen, gespeist rein aus meiner persönlichen Erfahrung: Ich habe irgendwann begonnen, jeden Tag ein Foto von mir zu machen. Das erste habe ich gehasst, so wie ich bis dahin jedes Foto von mir gehasst habe. Auf allen Bilder war ich immer Chandler. Das zweite habe ich genauso gehasst, das dritte und vierte und fünfte … naja und so weiter. Das war nicht schön, aber ich bin dran geblieben.
Und irgendwann gings. Und irgendwann gefiel mir eins. Und irgendwann fand ich eins gut und konnte das sogar andere Menschen zeigen (was ich vorher natürlich! nie getan hatte). Und irgendwann sogar mehrere und irgendwann konnte ich in einen Spiegel schauen und fands gut und irgendwann konnte ich sogar auf Fotos, die andere gemacht hatten ok ausehen.
Denn: Unser Gehirn ist gar nicht so klug, wie wir gerne denken. Wir können uns selbst neu programmieren. Und so kann man auch den Speicherplatz, der mit der Info „ich bin nicht so schön wie die Magazincovermädchen“ beschrieben ist überschreiben. Dazu muss man sich nur wenigstens halbwegs so oft selbst sehen, wie die Mädels auf der Cosmo.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

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