Erst asynchron dann sprachlos?

Aus der Kategorie »just people«

„Telefonieren will ja sonst nur noch meine Mutter“, sagt er halb belustigt und halb empört als ich vorschlage, mal wieder ein paar Worte zu schnacken – weil wir uns ja schon ewig schon nur über facebook und twitter „gesehen“ haben.

„Da guck ich eine Woche auf meinen Homescreen und hab irgendwie das Gefühl, da fehlt ’ne App. Dann gemerkt: Es ist das Telefon“, twittert sie und sammelt Fav-Herzchen und Retweets.

„Warum ich kein Telefon mehr habe“, bloggt der Business-Blogger und erklärt, er nähme keine dieser unfassbar unhöflichen Kunden mehr an, die sich nicht mit Mail und Messenger begnügen.

Und ich? Ich finds schade. Schon Telefonieren ist für mich nur ein Ersatz fürs Gespräch von Angesicht zu Angesicht – aber immerhin eins, wo man die Stimme des anderen hört. Aber ein Ersatz. Und einer, der selbst immer mehr ersetzt wird.
Wir kommunizieren mit mehr als unseren Worten. Tonfall, Betonungen, Pausen und dann Mimik, Gestik und der ganze Körper sprechen mit – ich glaube kaum, dass das jemand anzweifelt.
Aber wenn ich mir meine Filterbubble anschaue, dann stehe ich auf verlorenem Posten. Synchrone Kommunikation abseits von echtem Aufeinandertreffen ist out, asynchron ist in. Wer das nicht findet, ist ein Anachronismus.

Warum ich da jetzt drüber schreibe? In den letzten Wochen und Monaten kam zum persönlichen Bedauern darüber noch eine weitere Überlegung:

Seit vielen Monaten, bald auch schon seit wenigen Jahren beobachten „wir“ Menschen auf facebook, bei twitter, aber auf der Straße und seit neustem auch in präsidialen Ehren, die nicht (mehr?) kommunizieren können. Also: Sie können zwar (meist) Buchstaben aneinander reihen und auch sprechen, benutzen das aber hauptsächlich, um lauthals in Textfelder, Mikrofone oder die frische Luft zu brüllen. Wirklich kommunizieren, sich austauschen, können sie nicht mehr.
Erst vor ein paar Tagen sah z.B. ich den Dresdner Bürgermeister vor einer wütenden Bürgerin stehen, die ihn anbrüllte, sie wolle diese Busse da nicht stehen haben, aber er höre ihr ja nicht zu. Und als er ihr zuhörte, drehte sie sich weg. Kam zurück, brüllte ihn an, er und die anderen „da oben“ machten ja eh, was sie wollten und hörten nicht zu und würden ohne Rücksicht auf Verluste einfach machen. Was der Scheiss den solle? Und als er da dann den Mund zur Antwort öffnete, brüllte sie, sie wolle jetzt gar nichts von ihm hören, er höre ihr ja eh nicht zu. Und ging endgültig.
Ja. Irgendwie vollkommen absurd.

Man könnte aber auch sagen: Einfach nur konsequent asynchron kommuniziert.

Jetzt war und ist diese asynchrone Kommunikation ja an einigen Stellen ein wahrer Segen. Bei der Arbeit wird man vom Klingeln des Telefons oder der Haustür nicht aus dem aktuellen Gedankengang gerissen. Man kann antworten, wenn man Zeit und Ruhe hat.
Man muss einem Streit oder einer Diskussion nicht dem spontanen, vielleicht verletzten Gefühl folgen, sondern kann eine Antwort auch mal eine Nacht liegen lassen. Und wenn es Konflikte geben sollte, kann man sogar mit STRG-F nachschauen, was der oder die andere gesagt hat.
Das bedeutet, negativ formuliert aber auch: Man man übt seine Impulskontrolle nicht mehr und verliert allmählich die Übung, sich auf jemand anderen einzulassen. Der Respekt gegenüber dem Gegenüber ist im Gespräch nicht mehr grundsätzlich vorhanden, sondern schleicht sich im besten Fall noch einmal ein, während das Geschriebene über Nacht „reift“, wie wir es so schön nennen.
Im Vordergrund steht dabei das Ich und das aktuelle Handeln. Mitmenschen werden zu (Stör?)-Faktoren und beliebig plan- und terminlich schiebbaren Ressourcen.

Hat man gerade keine Zeit zu antworten oder benötigt im Positiven oder Negativen die berühmte Nacht zum drüber-Schlafen, bricht die Kommunikation auch einfach mal mitten drin ab.
Und so wird leicht aus jedem Posting, aus jedem Tweet und aus jedem Chat-Fetzen ein geschlossener Beitrag, einer der für sich auch als letztes Wort stehen kann, einer, der so angelegt ist, dass er eben vielleicht keine Antwort bekommt. Eine Form zu formulieren, die man sonst nur aus Einbahnstraßen-Medien wie Zeitung oder Fernsehen; im persönlichen Aufeinandertreffen nur aus einer Rede oder einem Vortrag kannte.

Kaum etwas bringt das so schön auf den Punkt wie der in Marketingkreise so oft gehörte Satz „Wie kommunizieren wir das denn unseren Kunden?“

Man kann das natürlich benutzen und ich müsste lügen, wenn ich nicht schon eMails oder Kommentare geschrieben hätte, die so formuliert waren, dass sie nur den einzigen Grund gehabt hätten: Das Gespräch zu beenden – oder erst gar keins aufkommen zu lassen. Man kann das zum Beispiel durch die schiere Masse an Text tun; so viel Argumente präsentieren, dass der andere sich darin verheddert. (Funktioniert leider meist nicht mehr, weil wir ja alle noch die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs haben und uns dann an irgendeinem willkürlichen Nebensatz aufhängen und antworten.)

Den gleichen Zweck kann man aber auch erreichen, in dem man die Kommunikation institutionalisiert: Vorstandsvorsitzende und Politiker nutzen nicht ohne Grund so gerne Pressekonferenzen. Dort haben Sie die Kontrolle über das Geschehen und im Zweifelsfall springt ein Scherge ein und sagt: Herr X beantwortet jetzt keine Fragen mehr.
Für Methode zwei braucht man erst einmal einen Machtposten oder mindestens einen Statusunterschied, für die erste zumindest eine gewisse Übung in schriftlicher Kommunikation.

Die dritte Möglichkeit hingegen ist simpel: Lautstärke. Egal ob über Großbuchstaben mit vielen Satzzeichen oder wirkliches Gebrüll – auch so hindere ich den anderen an der Kommunikation. Vielleicht ein durchaus verständlicher Weg, wenn man vorher zu lange durch die anderen Methoden mundtot gemacht worden ist.

Und nun weiß ich auch nicht.


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15 Reaktionen

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Am 21.02.2017 um 19:40 Uhr ergänzte Nico, why not auf facebook:

empfinde ich genauso, bei schriftlicher Kommunikation entstehen so oft unnötige Missverständnisse…

via twitter.com


Am 22.02.2017 um 17:38 Uhr wusste Friederike von Criegern auf facebook:

Ich kann Deine Überlegungen gut nachvollziehen, gehöre selbst aber zu denen, für die schriftliche Kommunikation erfunden worden ist. Nicht mal als Teenie habe ich telefoniert. Früher habe ich Briefe geschrieben, heute schreibe ich elektronisch. Würde das alles wegfallen, hätte ich wahrscheinlich gar keinen Kontakt mehr zu alten Freunden oder Verwandten, die woanders wohnen.

via facebook.com


Am 22.02.2017 um 19:44 Uhr schriebChristian Fischer auf facebook:

Kerstin Hafermann wie Friederike oder wie mir? ;)

via facebook.com


Am 22.02.2017 um 19:42 Uhr schriebKerstin Hafermann auf facebook:

Geht mir auch so!

via facebook.com


Am 22.02.2017 um 19:48 Uhr sprach Friederike von Criegern auf facebook:

Christian Fischer stimmt, ja. Dem stimm ich zu. Für mich persönlich war Telefon nur selten die Lösung dafür. Mir fehlt aber auch viel Kneipengehocke, grundsätzlich. Liegt sicher auch an der Kleinkindphase, aber ja, das fehlt.

via facebook.com


Am 22.02.2017 um 19:40 Uhr schriebChristian Fischer auf facebook:

Briefe schreiben – das hättesolltekönnte ich vielleicht ergänzen ist für mich etwas ganz anderes. Wenn zwei Menschen sich schreiben, egal ob eMails oder Briefe, dann ist ja ein gegenseitiger Wille, Achtung und Aufmerksamkeit und Zeit dafür da.
Das ist insgesamt auch eine Entwicklung, die ich vor ein paar Jahren wahrscheinlich noch gut gefunden hätte. Da haben sich gelegentliche Status-Updates und ein Kommentar hier oder da noch wunderbar ergänzt mit den Gelegenheiten, wo man wirklich sich austauschen wollte. Egal ob Mail oder telefon oder Kneipe.
Aber ich habe das anekdotische Evidenzgefühl, dass sich – vielleicht weils so bequem ist, vielleicht weil wer weiß – das Bedürfnis zu oft schon mit dem Geplänkel befriedigt ist.
Und auf einmal krieg ich vom anderen zwar noch mit, was er für Serien schaut, aber habe keine Ahnung mehr, wie es ihm dabei geht.
Wirr, sorry.

via facebook.com


Am 22.02.2017 um 19:54 Uhr meinte Christian Fischer auf facebook:

Vielleicht ist es auch gar nicht wirklich das Telefon, was mich stört, sondern dass das Telefon von vielen so als Feindbild gefeiert wird. Und da wo ich sitze und da wo meine Freunde so verteilt sind, da ist es dann für mich halt das Telefon. Vor allem wenns zwischendurch Zeiten gibt, in denen es schwerer ist, das Haus nach weiter weg zu verlassen.

via facebook.com


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Katja

Der @jawl schreibt sehr lesens- und drüber-nachdenkenswert über Telefonieren und asynchrone Kommunikation. jawl.net/?p=13956

florian v.

„Telefonieren will ja sonst nur noch meine Mutter“
Nachdenkenswerter Text von @jawl jawl.net/erst-asynchron…

Zix

„Telefonieren will ja nur noch meine Mutter“: Hier spricht mir jemand aus dem Herzen. Lesenswert (@jawl via @fasnix) jawl.net/erst-asynchron…