Es brummt

Aus der Kategorie »just people«

Zieht man in eine Stadt, so lernt man ja erst langsam ihre Eigenarten kennen. Gut – zieht man nach Köln, sollte man vielleicht besser schon vorher etwas von der schäl Sick und vom Karneval gehört haben … aber nicht jede Stadt lebt ihre Eigenarten so weltberühmt aus.

Menden zum Beispiel pflegt – nebem dem tiefen Misstrauen gegenüber allen Lebewesen nördlich der Ruhr – eine tiefe christliche Tradition. Als einzige katholische Enklave im heidni…äh…evangelischen Umfeld muss man vielleicht auch misstrauisch sein. Und schon 1684 trugen das erste Mal Männer ein Kreuz auf beziehungsweise über den Berg. Und seitdem – soweit ich weiß – jedes Jahr.

Heutzutage tun sie in das den Karfreitag über jede volle Stunde und die Stadt wird schon sehr davon bestimmt. Zu den großen Prozessionen folgen hunderte Christen den Kreuzträgern aber auch nachts um vier soll dem Hörensagen nach noch jemand dabei sein.

Besonders schmerzhaft erfuhr eine Bekannte von dieser alten Tradition: Sie war Anfang April neunzehnhundertirgendwas ins Städtchen gezogen. Die ersten Tage waren natürlich hektisch gewesen, hier noch eine Kiste, da noch etwas aufzuhängen und „Hast Du eine Ahnung, in welche Kiste wir die Fernbedienung gesteckt haben??”
Am Osterwochenende erst mal ein bisschen Luft, erst mal ausschlafen.

Pünktlich morgens um fünf vor sieben brummte es im Garten los. Es brummte laut. Sehr laut. Dann knackte es ein paar Mal und als die beiden die hektische Runde durchs neue Haus auf der Suche nach Einbrechern und Sturmschäden gerade hinter sich hatten, tönte der erste christliche Singsang in straßenbeschallender Lautstärke ins Haus.
Zwei eher unchristliche Neumendener guckten sich verwirrt an.

Und lernten: Egal wie viele Jahrhunderte Vorlauf man hat – eine ganze Stadt mit Lautsprechern und Funk-Mikros zu bestücken, damit hunderte Gläubige die Gebete und Gesänge von vorne hören können, ist eine technisch anspruchsvolle Aufgabe. Sagen wir: Es ist unwahrscheinlich, dass es nicht brummt.
Egal, brummt es eben in der ganzen Stadt.

Hat man keine Rockstarprofis am Mikro, sondern tief im Gebet versunkene Priester, dann knackt es eben hin und wieder mal übelst.
Egal, knackt es eben durch die ganze Stadt.

Die Menschen, die am Prozessionsweg wohnen und die Lautsprecher direkt vor dem Haus stehen haben – die kennen das ja. Oder nicht?
Egal kernen sie es eben kennen.

Ich habe den leiden Verdacht, dass dieses Willkommen im Städtchen das Verhältnis der beiden zur katholischen Kirche nicht verbessert hat.

In diesem Sinne: Frohe Ostern!

Und das nächste Mal erzähle ich Euch, wie wir mal sehr frühmorgens auf einer Party subversive Ideen rund um die Prozessionen spannen. Ganz vorne die Idee, sich ein eigenes Kreuz zu zimmern und die Strecke falsch herum zu gehen. Mit etwas Alkohol im Kopf war die Vorstellung, wie sich oben auf dem Berg zwei Jesusse treffen unfassbar lustig.


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Christian Fischer ist Webworker und schreibt bereits seit 2001 dieses Blog. Es geht um dies und das, Musik, Filme, Konzerte, das Leben allgemein und alles, was mir sonst noch so schreibenswert vorkommt. Hier findest Du eine Übersicht über alle Themen.

6 Reaktionen

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Am 05.04.2015 um 10:33 Uhr kommentierte stadtnarr:

Ich fand es ja schöner, als Neuhaus damals die Anlage aufbaute und, um zu prüfen, ob alle Lautsprecher funktionierten, einen Wecker vor ein Mikrofon stellte und ein schicksalhaftes Tick-Tack die Stadt über mehr als acht Stunden beschallte.


Am 05.04.2015 um 10:34 Uhr meinte Christian:

Die Geschichte kannte ich nicht.
*geht kopfschüttlend ab*


Am 05.04.2015 um 11:12 Uhr sagte Peter P. Neuhaus:

Statt des Weckers läuft heutzutage im Vorfeld (+24 Stunden) der Prozessionen eine CD in Dauerschleife. In diesem Jahr war das bunkenrockige „I need a hero!“ dabei, was wohl als inhaltlich aufwärmender Teaser für alle wahrhaft Gläubigen gedacht war. Im vergangenen Jahr hörte die Stadt italienische Pop-Schlager – because we all know, Jesus wore Italian Shoes. So geht das.


Am 05.04.2015 um 15:55 Uhr antwortete Christian:

Oh.


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  • • Ich fand es ja schöner, als Neuhaus damals die Anlage aufbaute und, um zu prüfen, ob alle Lautsprecher funktionierten, einen Wecker vor ein Mikrofon stellte und ein schicksalhaftes Tick-Tack die Stadt über mehr als acht Stunden beschallte.
  • • Die Geschichte kannte ich nicht. *geht kopfschüttlend ab*
  • • Statt des Weckers läuft heutzutage im Vorfeld (+24 Stunden) der Prozessionen eine CD in Dauerschleife. In diesem Jahr war das bunkenrockige "I need a hero!" dabei, was wohl als inhaltlich aufwärmender Teaser für alle wahrhaft Gläubigen gedacht war. Im vergangenen Jahr hörte die Stadt italienische Pop-Schlager – because we all know, Jesus wore Italian Shoes. So geht das.
  • • Oh.